Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Kultur

Dimension der Gleichzeitigkeit

Aus dem vorhergehenden Kapitel ging unter anderem hervor, daß in der moralischen Ordnung nicht etwa die Gesamtordnung des Lebens zum Ausdruck kommt, sondern daß jene vielmehr Bestandteil einer allgemeineren ist. Diese meinten Chinesen und Griechen in Wahrheit, wenn sie von Moral sprachen. Lehrte Plato, der vollendetste Vertreter von Athens Kultur, der radikalst ästhetischen aller Zeiten, daß die Idee des Guten der Welt letztendlich zugrunde liege; bestimmten die so großzügigen und künstlerischen alten Chinesen Moral als kultivierte Natur, so meinten beide offenbar ein weit Umfassenderes als das, was die Puritaner unter Moral verstanden. Sie meinten in Wahrheit das, was wir heute Kultur im Gegensatz zum Rohmaterial einerseits und bloßer technischer Ausbildung andererseits heißen. Verkörpert nun der Kulturbegriff wirklich das Endziel kollektiv-menschlichen Vollendungsstrebens? Allerdings. Freilich: die höchstgeistigen Ideale thronen jenseits des Bereiches möglicher irdischer Erfüllung, und ungelöste irdische Spannungen sind ihre Verwirklichungsmittel.1 Dennoch ist es nicht unmöglich, spirituelle Werte dem historischen Leben dauernd einzubilden. Dies kann gelingen, wenn jene allgemein als letztlich bestimmend und vorbildliche Verkörperung ihrer allgemein als solche anerkannt werden. In diesem Falle werden alle materiellen Erscheinungen des Lebens zu Teilen einer geistigen Ordnung, während alles ideale Streben des Einzelnen zugleich seinem tatsächlichen Seelenzustand gemäße vorgebildete Kanäle vorfindet. In der Neuentstehenden Welt schrieb ich von der Kultur, in ihr erscheine alle Lebensform als unmittelbarer Geistesausdruck; eben das ist es, was die vorhergehenden Sätze besagen. Hiermit, wäre denn Kultur als eine über der Natur stehende Ebene grundsätzlich und dem Sinn nach erschöpfend bestimmt. Diese Definition als solche besagt implizite, daß alle Ordnungen des Lebens, nicht nur die moralische, sondern auch die religiöse, von der ästhetischen und intellektuellen zu schweigen, integrierende Bestandteile der allgemeineren Ordnung der Kultur sind. Allein kurze Zusammenfassung genügt hier nicht; wir müssen einen vollständigen und klaren Überblick über den Sachverhalt gewinnen. Dies ist im Zusammenhang dieses Buches unumgänglich, weil es in Amerika zwar hohen Idealismus, aber noch gar kein nationales Streben nach Kultur gibt.

Die Aufgabe, die uns dieses Kapitel stellt, zu erfüllen, ist nicht schwer, denn die Bestimmung von Sinn, Reichweite und Höchstziel der Moral hat uns implizite bereits ein konkretes Bild (im Gegensatz zu einer bloß abstrakten Formel) von der wahren Bedeutung des Kulturbegriffs gegeben. Der kultivierte Mensch ist der, welcher von innen her alle Vielfältigkeit seiner Natur zu harmonischem Ganzen organisiert und dieses beherrscht, so wie ein Meister der Musik Orchester dirigiert. Der moralische Mensch nicht nur im höchsten, sondern auch im einzig wahren Sinn ist der, welcher alle seine Kräfte in den Dienst des Guten stellt, seien diese an sich nun gut oder böse. Ästhetisch vollendet ist, wer seine sämtlichen Impulse in so harmonischem Zusammenhang auslebt, daß sogar das an und für sich Häßliche als integrierender Teil eines an sich schönen Ganzen schön wird. Wessen Lebenszentrum im Verstehen liegt, der hat alsdann Vollendung erreicht, wenn er den Eigen-Sinn aller Dinge im rechten Verhältnis zum integralen Sinn der Welt erfaßt hat. Ebenso nutzt der gefühlsmäßig Vollendete, der große Liebende, seine natürlichen Instinkte und Impulse analog zur Art, wie ein Chopin sich der Tonwellen bediente. Und so fort.

Nun sind offenbar alle diese Werte samt ihren empirischen Verwirklichungsmitteln des Menschen Erbe und Eigentum; wahre Vollendung kann es für ihn nicht geben, wo es an irgendeinem fehlt. Dies gilt unabhängig von jeder besonderen metaphysischen und religiösen Doktrin; der Mensch ist in erster Linie und wesentlich ganz, deswegen muß Ganzheit sein vornehmstes Ziel sein, wenn er sich selbst verwirklichen will. Der Teil seiner selbst, der insofern nicht zu ihm gehört, als er ihn auf sein innerstes Geisteszentrum nicht zurückbezogen hat, entwickelt sich über kurz oder lang zu einer Art Fremdgeist, von dem er besessen ist. Dieser eine Gedankengang genügt zur Erledigung des Märchens vom unbedingten Wert jeder einseitigen Zivilisation. Verkörpert eine noch so vollkommen eine noch so hohe Moralität und nicht zugleich Schönheit, Liebe und Wahrheit, so ist ihr Zustand ein verkrüppelter oder kranker. Die beste Illustration dessen bietet das puritanische Amerika. In seiner rauhen Frühzeit galt ihm Schönheit bestenfalls als Oberflächliches, schlimmstenfalls als unmittelbares Übel. Heute wird der Wert der Schönheit meistens überbetont, soweit bewußte Absicht geht. Da aber das Unbewußte noch von den Grundkräften des Puritanismus regiert wird, so begegnet man drüben echtem, primär und unwillkürlich wirkendem Schönheitssinn fast nie. Der bloße Gedanke der Möglichkeit, das Schöne zu standardisieren, beweist dies. Schönheit steht und fällt überall mit dem rechten Verhältnis alles Einzelnen zu einem herrschenden Mittelpunkt. Kein Salon ist schön, so wertvoll die ihn zierenden Gegenstände seien, ohne Abgestimmtheit auf die einzige Persönlichkeit der ihn bewohnenden Frau. Amerikaner verstehen das nicht. Sie sehen nicht den Unterschied zwischen schön und hübsch — dementsprechend die Frauen, die sie selber schön finden, selten mehr als hübsch sind — wo das Hübsche doch zum Schönen im gleichen Verhältnis steht, wie Beliebtheit im Kindergartensinn zu geistigem Wert. In diesem Zusammenhang verlohnt es sich, den historischen Voraussetzungen des Puritanismus nachzugehen. Seine Wurzeln liegen im Judentum und Frühchristentum. Nun ist das Alte Testament ausschließlich auf der erkannten Spannung zwischen dem Willen Gottes und der Unzulänglichkeit des Menschen gegründet: daher brachten die Juden nie eine eigene Kultur hervor, noch erreichten sie je im großen harmonisch Anpassung an die Außenwelt; daher ihre Häßlichkeit. Andererseits bedingt das geistige Prinzip, das sie allein unter Ausschluß aller anderen, anerkannten — das Prinzip des Ethos — ständige Bewegung und Erdentwurzeltheit. Hier liegen die geistigen Wurzeln der einseitigen Dynamik des Amerikaners. Was nun das Frühchristentum betrifft, so ist dessen spezifische Schönheitsverachtung der spirituelle Urgrund der amerikanischen Idealisierung des Mannes auf der Straße. Aber andererseits illustriert gerade das Frühchristentum die Wahrheit, daß einseitige Kultur vor der Erkenntnis nicht bestehen kann, am besten. Bei reichbegabten Völkern konnte das Christentum das, was es ursprünglich war, nur solange bleiben, als es in Opposition stand zu einer herrschenden Kultur, die auf Schönheit gegründet war. Kaum hatte es gesiegt, da ward den tiefsten Vertretern, die es je besaß, den frühesten griechischen Kirchenvätern, klar, daß christliche Liebe nicht im Gegensatz zu Schönheit und Weisheit steht; ihre Lösung des Dilemmas war, daß Schönheit, Weisheit und Liebe Sonderausdrücke des gleichen Urgeistes seien und zusammen eine Dreieinigkeit bildeten. Der dieser Theorie zugrunde liegenden Grundwahrheit hatten die alten Chinesen lange vorher einen vollkommeneren und zugleich wissenschaftlicheren Ausdruck gegeben: ihre Weisheit lehrte, daß Tiefe nicht tief sei, falls sie sich nicht als Schönheit und Anmut, der Oberfläche ausdrückt; das heißt, intellektuelle und moralische Vollkommenheit müsse, wie sie tatsächlich besteht, auch ästhetisch zum Ausdruck gelangen. So besaß der altchinesische Moralismus nicht nur eine Koordinate, wie der amerikanische, sondern drei; daher die Allseitigkeit, die Substantialität (im Sinn der mittelalterlichen Philosophie) und die Großzügigkeit des altchinesischen Menschen. Uns nun ermöglicht die Philosophie der Sinneserfassung, die in früheren Zeiten mehr oder weniger unklar erfaßte Wahrheit vollkommen zu verstehen. Überall im Leben gilt das Gesetz der Korrelation von Sinn und Ausdruck.2 Vollkommener Ausdruck nun bedeutet auch immer schönen Ausdruck. Und den Höchstausdruck der Vollkommenheit verkörpert offenbar die zur Anmut sublimierte Schönheit. Warum? Weil Leichtigkeit das eine echte Symptom des Endsieges über die Schwerfälligkeit ist. Wo letztere vorliegt, beweist sie allemal, daß die Materie durch den Geist nicht besiegt ist. So ist nicht der gewaltig lastende Hochbau das Sinnbild besiegter Schwerkraft, sondern des Vogels Flug. Dies erklärt, warum die sublimiertesten Formen moralischer Vollkommenheit von jeher unwillkürlich als Ausdruck moralischer Schönheit bezeichnet worden, selbst seitens jener härtesten Christenvarietät, der alles nicht Gestrenge ein Greuel war.

Auf der Ebene des Ausdrucks gibt es in der Tat nichts jenseits der Schönheit. Dem kann gar nicht anders sein, da Schönheit allein vollkommene Proportion und Harmonie bedeutet, und diese umgekehrt unvermeidlich als Schönheit in die Erscheinung treten. Da nun selbst das moralische Ideal von dem verkörpert wird, der das ganze Orchester seiner vollkommen aufeinander abgestimmten Kräfte vollkommen leitet, so ist schon aus dieser einen Erwägung heraus darüber kein Zweifel möglich, daß Kultur und nichts anderes das Höchstideal eines guten Lebens auf Erden darstellt. Doch der tiefste Grund, warum dem so ist und sein muß, ist der folgende: vollendete Kultur bedeutet nicht allein Harmonisierung und Integrierung der vielfältigen und widerstreitenden Tendenzen im Menschen selbst und in bezug auf seine Mitmenschen nach ästhetischen Gesetzen: ihr Begriff bezeichnet den höchstmöglichen Einklang von Materie und Geist überhaupt in all ihren wechselnden Aspekten in der Dimension der Gleichzeitigkeit einerseits, und andererseits zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft in der Dimension der Folge.

Beschäftigen wir uns zunächst mit der Dimension der Gleichzeitigkeit. Das Geheimnis der Inkarnation läßt sich nicht erklären. Jedoch unterliegt keinem Zweifel, daß der Mensch einerseits ein spirituelles Wesen ist, das nie vollkommen und glücklich sein kann, wenn es dem Gesetz des Geistes nicht treu ist; und daß er andererseits ebenso tief mit der Materie verwoben ist, wie ein Gedanke mit den ihn ausdrückenden Worten. Demzufolge bedeutet die Harmonisierung von Materie und Geist — oder Sinn und Ausdruck — erste und oberste Notwendigkeit. Den letzten Sinn dessen, was das Wort Geist symbolisiert, kann erst das letzte Kapitel bestimmen. Aber an dieser Stelle bedarf es gar keiner letztgültigen Bestimmung, weil jeder sich in erster Linie als geistiges Wesen unmittelbar erlebt. Das Bewußtsein der eigenen Identität spiegelt eine Einheit des Geists (im weitesten Verstand) und nicht eine solche der Materie. Alle Bestandteile seiner niederen Seele — die Gefühle, Leidenschaften, Neigungen, Instinkte und Impulse —, die ein Mensch nicht von seiner wesentlichen geistigen Einheit her durchdrang und beseelte und damit zu Ausdrucksmitteln umschuf, verblieben recht eigentlich Teile der Außenwelt für ihn. Nicht-Durchdringung ist im Fall des Körpers und seiner Funktionen über einen gewissen Punkt hinaus nicht zu vermeiden; Schönheit und Anmut lassen sich nicht erzwingen. Wohl aber ist sie im Fall der Seele zu vermeiden, daher das du sollst aller religiösen und kulturellen Systeme hinsichtlich allem das Seelenleben unmittelbar Berührenden. Als psychologisches Wesen kann der Mensch ganz, das heißt vollkommen integriert werden; der im tiefsten Innern wohnende Geist vermag tatsächlich alles zu durchdringen und sich zu unterwerfen. Und wiederum soll dies gelingen; denn da der Mensch nur als fleischgewordener Geist Mensch im Unterschied vom Tier ist, so ist er sich selber untreu, wenn er sich die niederen Ordnungen nicht unterwirft. Nun ist wohl klar, warum nur der Kulturzustand, kein noch so vollkommener Naturzustand dem Menschen im echten Sinn natürlich ist: er ist im Kosmos nicht richtig eingestellt, so wie jedes Tier dies ist, bevor er alle Materie zum Geistesausdruck geprägt hat. Nur der Kulturmensch, der seine sämtlichen Lebenskräfte im richtigen gegenseitigen Gleichgewichtsverhältnis beherrscht, so wie ein Meister der Musik sein Orchester leitet, ist dem Tier an Vollkommenheit gleich. Und nur er kann wahrhaft glücklich sein. Das Menschenleben ist immer Tragödie; keinem blieben je äußere Schicksalsschläge und Enttäuschungen erspart. Doch der vergeistigte Mensch ist freudig inmitten seines Leids. Während dauernde, unheilbare und heillose Glücklosigkeit unvermeidliches Los aller derer ist, die nach äußeren Heilmitteln für inneren Gleichgewichtsmangel suchen. Ihnen ist nicht zu helfen; denn da der Mensch mit freiem Willen und Verstehen begabt ist, welche die Wirklichkeit zu wandeln vermögen, so bedeutet Unseligkeit in Wahrheit und letztendlich — Sünde. — Soviel über die Dimension der Gleichzeitigkeit. Die der Folge werden wir später ausführlich behandeln. Doch soviel erkennen wir schon jetzt auf den ersten Blick: da das Leben wesentlich Melodie, und deren Ganzheit vor dem Einzeltakt vorhanden ist, so bedeutet jede Lebensform, deren Gegenwartsdasein nicht in rechter Weise auf die Zukunft und die Vergangenheit abgestimmt ist, notwendig einen Fehler, den lebendige Erfahrung über kurz oder lang als solchen erweisen muß. Deshalb fußt jeder echte Kulturzustand einerseits bewußt auf Tradition, fühlt er sich andererseits für die Zukunft als einem integrierenden Bestandteil seiner Gegenwart verantwortlich.

1Vgl. die ausführliche Erörterung dieser Probleme in den Kapiteln Geschichte als Tragödie, Tod und Ewigkeit, Das ethische Problem und Der natürliche Wirkungskreis von Wiedergeburt.
2Diesen Zentralgedanken meiner Philosophie erläutert ausführlich meine Schöpferische Erkenntnis.
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
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