Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Kultur

Das Leben ist eine Melodie

Jetzt sind wir in der Lage, den letzten Sinn der amerikanischen Fortschrittlichkeit zu erfassen und zu bestimmen. Das Universum ist das konservativste Ding der Welt; nichts scheint es mehr zu ergötzen, als sich Trillionen und aber Trillionen von Jahren entlang zu wiederholen. Dies gilt insofern auch vom Lebendigen, als dieses sich, um zu dauern, der Routine der toten Materie anpassen muß. Ebendeshalb sind die niedersten Geschöpfe dem Weltprozeß am besten angepaßt, vom Bazillus bis zum routinierten Beamten. Nichtsdestoweniger ist Leben wesentlich nicht Routine. In Gegenstellung zur toten Materie verkörpert es die Prinzipien der Schöpfung, Freiheit, Initiative, Verwandlung und Neuerung, und zwar desto mehr, je höher sein Niveau und seine Qualität. Eben dank dem hat der Mensch zum Herrn der Schöpfung werden können. Da die Natur als solche kein Prinzip des Wandels verkörpert, konnte der geringste von Menschen verursachte Wandel Wirkungen zeitigen, deren Gewaltigkeit außer allem Verhältnis zur aufgewandten Mühe war. Allein der Fortschritt, wie die Vereinigten Staaten ihn verstehen, wird der ganzen Wahrheit des Lebens nicht gerecht. Der Mensch ist nicht nur ein intellektuelles und moralisches Wesen; deswegen kann es wahren Fortschritt für ihn nicht geben, wenn nicht der ganze Mensch fortschreitet, nicht nur sein Intellekt und dessen Gemächte. Vor allem aber ist die amerikanische Fortschrittsidee nicht lebensgerecht, weil sie von der Tatsache und dem Wert der Tradition absieht.

Hier wären wir denn beim zweiten Teil unserer These, die Kultur betreffend, angelangt, der gemäß Kultur rechte Proportion nicht nur in der Dimension der Simultaneität, sondern auch in der der Sukzession bedeutet. Das Leben ist eine Melodie. Das Ganze besteht vor jedem Einzeltakt. Demzufolge ist jeder Gegenwartszustand innerlich eins mit der ganzen Vergangenheit und mit der ganzen Zukunft. Dies aber bedeutet: fühlt sich die Gegenwart nicht ebensosehr verantwortlich für die Vergangenheit wie für die Zukunft, so ist ihre Einstellung verzerrt, was auf der Ebene der Tatsachen unabwendbar Verderblichstes zeitigen muß. Der Adel hat sich in Europa als durchaus langlebiger erwiesen als die Bourgeoisie, weil jede neue Generation sich immer erneut mit der ganzen Familiengeschichte, der vergangenen wie der künftigen, eins und damit beiden gegenüber verantwortlich fühlte. Eben dies und nicht etwa Vergangenheitskult ist die Seele adeligen Traditionalismus, wie es denn aufs gleiche herauskommt, ob der Nachfahr durch seine Ahnen geadelt wird, oder, wie in China, der Vorfahr mit seinen Nachkommen auf der sozialen Stufenleiter auf- oder absteigt — worauf es ankommt, ist der unzerreißbare Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Davon nun haben die heutigen Amerikaner keinerlei Begriff. Oft tun sie sich etwas darauf zugute, ohne Vergangenheit zu sein (oder sie geben vielmehr vor, es zu tun: in Wahrheit ist kein Volk der Welt so stolz auf jede Familiengeschichte, deren es sich rühmen kann). Um so mehr sind sie überzeugt, daß die Zukunft ihnen gehört. Nun war zu Beginn der Geschichte der Vereinigten Staaten gegen solche Einstellung wenig einzuwenden; wohl jedes junge Volk hat so empfunden, das von älteren, vergangenheitsstolzen Völkern bewohntes Gebiet eroberte. Jetzt aber ist die Zeit gekommen, da das amerikanische Volk begreifen muß, was jede zur Reife gelangte Nation hat anerkennen müssen, nämlich daß das Leben eine Melodie ist. Und dieses Besserverstehen ist im Fall der Vereinigten Staaten besonders erforderlich, weil eine ausschließlich auf die Zukunft gerichtete Einstellung viel gefährlicher ist als ein maßvoller Ahnenkult. Die Vergangenheit umfaßt unter allen Umständen eine lange Zeitspanne, während es die Zukunft noch gar nicht gibt; daher bedeutet eine ausschließlich auf diese bedachte Lebensauffassung letztlich nichts Besseres als das carpe diem des Libertins. Hier liegt der Urgrund jener Erscheinungen, die den denkenden Beobachter Amerikas mit größter Sorge um seine Zukunftsaussichten erfüllen. Ich denke an erster Stelle an seinen Mangel an Verantwortungsgefühl. Nur sehr wenige Amerikaner denken wirklich an die Zukunft in irgendeinem Sinn, soviel sie von ihr reden. Die Männer wollen nicht sparen, die Frauen nicht gebären. Welchen Wert soll denn jene über alles gepriesene Kinderliebe verkörpern, wenn jedes Verständnis für das Mysterium der Fortpflanzung fehlt? Die meisten jungen Leute heiraten auf Grund oberflächlichster Verliebtheit; die Frauen verlassen ihre Männer beim ersten Anzeichen neuen Angezogenseins und meinen, für die Kinder sei alles in Ordnung, wenn nur für sie gesorgt wird, wenn sie eine gute Erziehung erhalten und zum Gegenstand jener exhibierten sentimentalen Liebe gemacht werden, welche Amerikas öffentliche Meinung so selbstverständlich fordert, daß ich mir manchmal überlegt habe, ob das Gewissen der Eltern gegenüber ihren Kindern nicht einfach der typischen Reaktion auf gute Reklame entspricht.

Was bedeutet nun letztlich jener mangelnde Sinn für die Bedeutung des Familienzusammenhangs? Wieder nichts anderes als mangelnde Kultur. Das Familienleben gehört zur Ebene der Kultur, weil es bewußten Sinn für Tradition im Unterschied zum natürlichen Instinkt voraussetzt; es stellt einen geistigen Zusammenhang dar. Hier sei denn einiges mehr über die amerikanische Ehe gesagt. Was ich seit meinem Ehebuche letztlich meinte, und was die Amerikaner vorerst ganz verkennen, ist nichts anderes, als daß die Ehe ganz und ausschließlich der Kultur-Ebene angehört. Der ganze Sinn jener besonderen Beziehung zwischen den Geschlechtern, die den Naiven Ehe führt, steht und fällt mit der Erkenntnis, daß sie ein den verschiedenen von ihr umfaßten Beziehungen Übergeordnetes ist. Es handelt sich nicht nur um geschlechtliche Anziehung und Kinder, sondern auch um gemeinsam erlebte Freuden und Leiden, und vor allem um die Erhaltung der kulturellen Tradition. Sehen die Amerikaner dies nicht baldigst ein, dann steht es um ihre nationalen Zukunftsaussichten schlecht. Vererbung bedeutet im Fall des Menschen nicht nur Vererbung des Bluts, sondern die Synthese dieser mit der Tradition. Hier nun erbringt gerade Amerika, trotz der Kürze seiner Geschichte, den schlagendsten Beweis dafür, daß die biologische Daseinsebene des Menschen die der Kultur und nicht der rohen Natur ist. Im mangelnden Sinn für die geistige Bedeutung der Familie und in nichts anderem liegt letztlich der Grund der Tatsache, daß amerikanische Familien so erstaunlich kurzlebig sind, nicht nur als soziale, sondern auch als biologische Einheiten — gleichviel, ob Konzeptionsverhinderung mitspielt oder nicht. Fehlt der Sinn für Kontinuität auf geistigem Gebiet, dann gibt es keinen wahren Willen zur Fortdauer. Ja, leider ist es nicht anders: die heutige Form und Ordnung des amerikanischen Lebens ist auf allen Ebenen sinnwidrig. Dies gilt auch von der rein geistigen. Da der Mensch Kind der Erde ist, so sind seine Vorstellungen vom Ewigen physiologisch unabwendbar mit solchen von großen Zeitspannen verknüpft; ebendeshalb umschloß alle frühe Religion den Vorfahrenkult in irgendeiner Form. Andererseits scheint es dem Menschen unmöglich, die Wirklichkeit des Geistes anders zu realisieren, als indem er in Jahrhunderten und Jahrtausenden denkt. So ist der amerikanische Materialismus zweifelsohne in hohem Grade Folge der im Denken vom Begriff der Gegenwart allein her implizierten Oberflächlichkeit; denn daß Amerika auf die Zukunft hin lebe, ist nichts als Fiktion.

Stellen wir aber nun die Frage um. Warum gab es noch nie eine Kultur, die nicht traditionell gewesen wäre? Weil die wahre Form und Ordnung des Lebens verlangt, daß Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft im richtigen Verhältnis zueinander stehen. Dies nun impliziert das Postulat eines ganz bestimmten Verhältnisses zwischen den Prinzipien der Tradition und des Fortschritts. Individuelles Leben ist immer einzig, und geistbestimmtes Leben ist seinem Wesen nach Einzigkeit, Initiative und Verwandlung. Allein genau wie sogar der originellste Mensch psychologisch wie physisch irgendeinem organischen Typus angehört, genau so muß jede besondere Variation einen traditionellen Zustand gewissermaßen zum Rückgrat haben — selbst wo es sich um Mutation handelt. Und voll richtiger Einstellung im Gesamtkosmos kann dann allein die Rede sein, wenn die Prinzipien der Typusgerechtheit und der Variation im richtigen Verhältnis zueinander stehen. Überblickt man nun das Leben in seinen großen Umrissen, so muß man zugeben, daß das Typische wichtiger ist als das Individuelle. Das Quantum Variation und Neuheit, das selbst das größte Genie dem Leben schenkt, ist ein gar Geringfügiges verglichen mit dem, was spätere Nachwelt als Fortsetzung der Tradition beurteilt. Von genügend hoher Warte aus betrachtet bedeuten sogar ganze Perioden der Variation und des Fortschritts nur kurze Intervalle innerhalb des geregelten Ablaufs der Tradition. In der Tat führte noch keine Neuerung je zu einem Dauerzustand, die nicht mit der Vergangenheit verknüpft ward.

Revolutionszeiten sind nie von langer Dauer; extrem Radikale haben nie historische Zukunft. Was aber jene vollständige solution de continuité betrifft, deren Ergebnisse sich als dauerhaft erwiesen, so bedeuten sie in allen Fällen, wo ein ganzes Volk seine historische Bedeutung nicht verlor, genau Gleiches wie Mutation auf biologischem Gebiet; das heißt, die Tradition setzte sich tatsächlich fort, nur mittels eines Gestaltwandels. Das Christentum brach mit dem Judentum; hätte aber Paulus es nicht mit der griechischen Tradition verschmolzen, so hätte es sich kaum über ein Jahrhundert hinaus erhalten und wäre keinesfalls zu einer lebendigen Kraft geworden. Außerdem brach es nie wirklich mit dem Judentum: das Alte Testament gilt der Christenheit heute noch als ebenso heilig wie das Neue, trotz wachsendem Antisemitismus. Gleichsinnig vermochte die Demokratie, die dank der amerikanischen und französischen Revolution zur sichtbaren historischen Macht ward, sich nur deshalb als dauerhaft erweisen, weil sie vertrat, was schon seit dem 13. Jahrhundert in langsamer Vorbereitung begriffen war. Amerikaner sollten Tocqueville recht häufig wieder lesen: er zeigt in seinem Buch über die amerikanische Demokratie mit unerreichter Deutlichkeit, wie lange und wie gründlich der moderne Staat vorbereitet worden ist. Und wie langsam ist Entwicklung seither fortgeschritten! Das meiste dessen, was Tocqueville von der Demokratie gesagt hat, gilt heute noch, und vieles, was er voraussagte, ist noch nicht eingetroffen … Daß der Fortschritt selbst auf dem Sinn für Tradition beruht, beweist, endgültig der Typus des großen Neuerers. Bewußt vertritt dieser nicht die Tradition; bewußt ist er, in noch so gemäßigter Form, Revolutionär. Tatsächlich aber verkörpert er in seinen unbewußten Tiefen die Tradition in höherem Maß als irgendein bewußter Traditionalist. Selbstverständlich: keiner vermag Repräsentant der neuen Bedürfnisse eines ganzen Volkes oder Zeitalters zu sein, wenn die historischen Grundlagen des erforderlichen Wandels nicht in seiner eigenen Seele lebendig sind. Denn historische Wandlungen sind Lebenserscheinungen in keinem anderen Sinn, wie der Übergang vom Kindeszustand zur Reife.

Diese wenigen Bemerkungen sollten genügen, um klarzumachen, warum ein Kulturzustand notwendig traditionell sein muß. Der folgende Gedankengang wird das geistige Bild vollenden. Das Leben ist nicht allein ein rationaler Prozeß, der erschöpfend mittels intellektueller Begriffe zu verstehen ist: damit Fortschritt von Dauer sei, muß das Wort Fleisch werden; das heißt, die Veränderung muß sich der präexistenten Lebensordnung einbilden, um organischer Teil von ihr zu werden. Dies nun erledigt recht eigentlich die amerikanischen Ideale von Normalcy, Likemindedness und Standardisation, denn sie berücksichtigen nur das dem Intellekt Erfaßbare, und das Mittel, durch das sie auf das Leben einwirken, ist einzig der mechanische Kunstgriff der Suggestion. Und es gibt zugleich den genauen Grund an, warum Standardisierung nie zu Kultur führen kann, obgleich auch Einheitlichkeit der Tradition Gleichgesinntheit impliziert. Bewirkt Standardisierung mehr als bloße Gleichartigkeit auf der Ebene des äußeren Lebens — gegen die grundsätzlich nichts einzuwenden ist, denn die meisten der gleichen Lebensordnung im selben Lande angehörenden Menschen haben zu allen Zeiten ungefähr gleich gelebt — so kann dies nur eine Veräußerlichung und demzufolge Veroberflächlichung bedingen. Verliert nun ein Leben den Kontakt mit seinen lebendigen Tiefen, dann verliert es zugleich den größten Teil seiner lebendigen Kraft. Hieraus erklärt sich, warum traditionelle Kultur, solang keine physiologische Entartung eintrat, sich immer als stärker erwiesen hat, als jeder auf einseitiger Entwicklung beruhender Fortschritt. Dies gilt auch von den Vereinigten Staaten. Deren wahre Kraft beruht durchaus nicht auf ihrer Fortschrittlichkeit, sondern auf ihrem Traditionalismus. Hätten sie nur ihren Wohlstand, ihre Erziehung und Technik für sich anzuführen, so würden sie sich auf die Dauer nicht einmal Mexiko gewachsen erweisen. Und wer weiß denn, ob sie dies für die Dauer sein werden? … Der amerikanische Glaube, das Leben müsse vorwärtsschreiten, der Wohlstand müsse zunehmen, jedes Jahr müsse besser sein als das vorhergehende, es dürfe auf Erden nichts Böses geben usf., steht im Widerspruch zum Weltsinn; er macht den Körper der Vereinigten Staaten außerordentlich verletzbar. Kommen einmal Jahre der Schwierigkeiten und des Unglücks in beliebigem Sinn, dann mag sich der reiche und fortschrittliche Amerikaner dem armen und rückständigen Mexikaner, der seit Jahrhunderten allen Schwierigkeiten zum Trotz das ihm gemäße Leben weiterführt, nicht gewachsen erweisen.

Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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