Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Kultur

Ewig-labiles Gleichgewicht

Wir sind nunmehr gerüstet, unsere Aufmerksamkeit dem tiefsten Aspekt des Kulturproblemes zuzuwenden, hierzu muß ich meine Leser bitten, sich ins Gedächtnis zurückzurufen, was in der Vorherrschaft der Frau und Demokratie über Seinsunterschiede gegenüber solchen des Könnens und über die entscheidende und grundlegende Wichtigkeit des Seins gesagt ward. Besteht Kultiviertsein darin, daß ein Mensch die mannigfaltigen sich widerstreitenden Tendenzen seiner Natur zu harmonisieren und von überlegenem inneren Zentrum aus zu beherrschen fähig sei, so bedeutet dies nichts anders, als daß ein höherer Seinszustand, nicht fortschrittliches Können, das eine ist, was nottut. Wenn ich Sein sage, so meine ich damit nichts Geheimnisvolles oder Transzendentes und gewiß nichts, dessen Wirklichkeit im mindesten fraglich wäre: ich meine einfach den konkreten Menschen gegenüber dem imaginären abstrakten, der letzten Voraussetzung der Fortschrittsphilosophie; ich meine das, was das Mittelalter so lebendig die Seele hieß. Darunter verstand dieses wirklichkeitsgemäß, daß der konkrete Mensch sowohl geistig wie materiell, sowohl zeitloser Geist wie vergängliche Erscheinung ist; mit einem Wort, daß er der ganze Mensch gegenüber dem bloßen Fragment ist, das der Idee des immer sich selber gleichen abstrakten Menschen entspricht. Sein bedeutet letztlich fleischgewordenes Wort, welcher Ebene ein Mensch auch angehöre. Sein ist jene Einheit des Geistes und des Fleisches, die Ideal aller Zeiten und Glaubenslehren war und ist — ein Ideal, weil diese Einheit von Natur aus nie erreicht wird, sondern allein dank bewußter Kraftanspannung. Ich darf hier noch einmal auf geschlechtliche Dinge zurückkommen, weil das Mysterium der Fortpflanzung das verständlichste Symbol bietet für alle gleichsinnigen Geschehnisse. Warum galt den alten Indern, den spirituellsten aller Menschen, körperliche Liebe als Heiliges? Warum bedeutet der körperliche Besitz der tiefgeliebten Frau gerade dem geistigen Mann, und gerade der geistigen Frau die körperliche Hingabe an den tiefgeliebten Mann so viel — während beide auf niederen Ebenen innerer Erfahrung die Manifestationen der Liebe ganz anders auffassen mögen, so daß sie sich z. B., ohne sich viel dabei zu denken, auf gelegentliche Abenteuer einlassen? Weil der physische Akt, tief erfaßt, unmittelbar die Verkörperung des Geists auf Erden bedeutet; dies beweist ja die eine Tatsache, daß er zur Geburt einer unsterblichen Seele führen kann. Gerade in diesem Sinne nun ist Sein allemal eine Synthese von Materie und Geist, ist es allemal fleischgewordenes Wort. Es ist die äußerste Instanz, zu der des Menschen Denken gelangt in seinem Bestreben, des Lebens Geheimnis zu ergründen. Von hier aus wird endgültig klar, was Kultur von bloßer Zivilisation unterscheidet. Kultur bedeutet das allgemeine Dasein eines höheren Seinszustandes. Dieses allgemeine Dasein ist Möglichkeit trotz der wesentlichen Einzigkeit jedes Geists im gleichen Ursachenzusammenhang, in dem Gedanken und Empfindungen in Gedichten, Philosophien oder religiösen Ritualen dauerhaft materialisiert werden können. Für einen bestimmten Sinn mag ein dermaßen vollendeter Ausdruck geschaffen werden, daß dieser gemäß dem Gesetz der Korrelation von Sinn und Ausdruck schier unvermeidlich die Erfassung oder das Erleben jenes auslöst. Im Fall der Kultur bedeutet dies nun folgendes. Was wir als niedere Seele bezeichnen mögen, kann von Hause aus so organisiert erscheinen, daß sie für spezifische geistige Werte transparent ist. Deshalb sind spezifische Formen des Edelsinns, der Ehre und des Ethos vererbbar; hier handelt es sich nie um physische, sondern um psychische Vererbung. Von hier aus springt der Wesensunterschied zwischen Kultur und intellekt-geborener Zivilisation in die Augen. Der Kultur eignet die ganze Lebendigkeit und deshalb Wandelbarkeit, Weichheit und Biegsamkeit des Lebens, während Zivilisation die Trockenheit des Toten hat. Eben dies erklärt das Holz- oder Eisenhafte der amerikanischen Zivilisation. Der moderne Amerikaner identifiziert, sich ganz und gar mit den differenzierten und fertigen und mechanisch gewordenen Funktionen von Verstand und Seele und sieht vollkommen ab vom lebendigen Geist. Und da der den Tatsachen zuerkannte Sinn auf diese zurückwirkt, so führt dies unvermeidlich zum Verlust der Seele, zu Rückfall in Primitivität und einem allgemeinen Leeregefühl, das, wenn nicht tatsächliches Fehlen spiritueller Substanz, so doch jedenfalls Zusammenhangsmangel zwischen Bewußtsein und Sein getreulich widerspiegelt. Dies erklärt letztlich das Instrumentale des amerikanischen Lebens und vollendet das Bild der fortschreitenden Konvergenz Amerikas mit dem bolschewistischen Rußland.

Hiermit hielten wir denn die Endlösung eines der in Demokratie behandelten Probleme. Die amerikanische Demokratie ist die eine soziale Struktur der Geschichte, die ausschließlich auf Können begründet ist und gänzlich davon absieht, daß es überhaupt Seinsunterschiede gibt. Warum nun sind Seinsunterschiede von letztentscheidender Bedeutung? Warum gab es noch kein einziges großes Zeitalter in dem der Nachdruck nicht auf dem Sein ruhte? Weil nur das Sein persönliches Leben verkörpert. Jede Art bloßen Könnens gehört jenen allgemeinen Naturkräften an, die zum Ausdruck des Lebens das Material hergeben, genau wie das immer identische, allen zugängliche Alphabet in bezug auf persönliche Gedanken. Jedes Sein nun ist wesentlich einzig. Dies schließt aber trotzdem die Möglichkeit der Gemeinschaft nicht aus. Sein wirkt und reagiert auf Sein, wie jede Naturkraft auf jede andere der gleichen Ebene angehörende. Als Wesen sind die Menschen wohl einzig, aber ebensowenig isoliert wie irgendein anderes Element des Weltalls. Eben deshalb ist jener Allgemeinzustand möglich, den man Kultur heißt.

Wie kommuniziert nun wesentlich einziges Sein mit anderem Sein? Es geschieht mittels des Schemas der Polarisation. Das Urbild der Polarisation ist das Mann-Weib-Verhältnis. Mann und Frau können sich niemals wirklich verstehen, aber kraft des sie verknüpfenden geheimnisvollen Bandes beeinflussen und inspirieren sie einander gerade deshalb — und das Ergebnis ist, auf allen Ebenen, eine neue Lebensform. Ebenso schaffen alle anerkannten Unterschiede polare Wechselbeziehungen und wirken deshalb auf alle Beteiligten schöpferisch ein und zurück. Deswegen erscheint ein Kulturzustand immer original, genau wie jedes neugeborene Kind ein vollkommen Neues ist, so ähnlich es seinen Eltern scheine, denn hier entscheidet allein die lebendige Eigenart, nicht die Beschaffenheit der Elemente, mittels derer sie sich manifestiert. Wird nun das Schema der Polarisation der Unterschiede als solches bejaht und betont, und in distanzierenden Formen objektiviert, dann führt es von sich aus zu dauernder Originalität, Überraschung und Neuheit. Demzufolge ist das vornehmste Postulat des Kulturmenschen nicht das des modernen Amerikaners: Ich bin so gut wie du, sondern: Da ich bin, wie ich bin, sollst und mußt du anders sein. Kultur steht und fällt, in der Tat mit erkannten und anerkannten Unterschieden.

Und nun zum letzten Wort, das der Zusammenhang dieses Kapitels über das Kulturproblem zu sagen gestattet. Wir sahen bereits, daß die amerikanische Auffassung vom Menschen als Tier unter anderen rein zoologisch falsch ist. Aber das Letztentscheidende bemerkten wir noch nicht. Besteht man einmal darauf, den Menschen als Sondergattung des Tiers zu definieren, dann gilt vor allem das Folgende: es liegt in der Natur dieses Tiers im Unterschied von allen anderen, daß es immerdar strebt, über alle erreichten Grenzen hinaus fortschreitet, niemals befriedigt ist und sich dergestalt in einem ewig-labilen Gleichgewicht befindet findet. Ein vollkommen zufriedener Mensch ist eine contradictio in adjecto. Ich will hier nicht wiederholen, was ich in den Kapiteln Werden und Vergehen und Mensch und Erde von Wiedergeburt darüber geschrieben habe.1 Soviel aber sei auch hier gesagt: jedes System der Moral oder Zivilisation oder der Werte oder der Erziehung ist vom Standpunkt der Menschennatur verfehlt, das nicht in erster Linie dem ewig Strebenden des Menschen Rechnung trägt. Auch das beste System, das sein inneres Wachstum und sein inneres Weitwerden nicht fördert, ist wesentlich falsch. Ist diese Wahrheit einmal erkannt, dann erledigen sich auf einmal und ein für allemal sämtliche fertig-fixierten Gesetze und Dogmata. Ist dem nun aber so, dann muß die Erziehung des Menschen zum Menschentum ein wesentlich anderes sein als jedes Training der Tiere; dann verkörpert eine Zivilisation, die nicht in jeder Hinsicht inneres Wachstum ermutigt und fördert, unter keinen Umständen Kultur. Nur solche Kultur ist ihres Namens würdig, deren herrschendes Prinzip perpetuelles Wachstum ist. Dies war ganz unwillkürlich und ohne bewußtes Tatsachen-Verstehen bei allen früheren echten Kulturen der Fall. Da der Nachdruck bei allen auf dem Sein ruhte, prägte sich dessen immerdar aktive und dynamische Eigenart notwendig der ganzen Ordnung des Lebens auf, wie starr sie bei oberflächlicher Betrachtung auch manchmal erscheinen mochte. Da die Unterschiede des Seins, nicht das allen Gemeinsame, an erster Stelle erfaßt und betont wurden, so konnte das Polarisationsgesetz einsetzen und jeden Augenblick neue lebendige Gestaltungen statt standardisierter Fabrikware schaffen. Kehren wir noch einmal zum Gleichnis der Musik zurück. Die Melodie des Lebens fließt von einem labilen Gleichgewichtszustand anderen zu. Dies gilt auf allen Ebenen. Das Christentum tat den ersten großen Schritt über das Heidentum hinaus, da es erkannte, daß Krankheit und Sünde keine Schmach noch Hinderung bedeuten, sondern Begleiterscheinungen des Wachstums, die zu Mitteln des Wachstums gemacht werden können. Ist nun endgültig klar, in welchem Sinn die heutige Richtung der amerikanischen Zivilisation der Kultur diametral entgegenläuft? Daß ein Zustand ewiger Glückseligkeit je erreicht werde, davon kann keine Rede sein; noch wäre ein im mindesten idealer Zustand dadurch erzielt, daß jedermann zufrieden und wohlhabend wäre. Das einzige Ideal, das dem Sinn des Lebens wahrhaft gemäß ist, verkörperte eine Ordnung des Lebens, die dem ewig strebenden Wesen des Menschen gerecht würde, und sich in der rechten Koordinierung und Korrelation all seiner Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Verlangen und unwillkürlichen Impulse lebendig ausdrückte.

Hiermit hätte ich wohl genug gesagt. So will ich denn mit der Erklärung schließen, daß eine amerikanische Kultur trotz allem Gesagten durchaus möglich ist. Ich mußte nur gerade in diesem Kapitel das Negative besonders energisch betonen, weil in den Vereinigten Staaten bisher alles Verständnis für das, worauf es letztlich ankommt, fehlt. Ich wüßte nicht einen repräsentativen lebenden Amerikaner, der hier nicht vollkommen blind wäre. Doch da Kultur nichts anderes voraussetzt, als Durchdringung des Äußerlichen durch das Innerliche, der materiellen Erscheinung durch den Geist, so kann Kultur in Amerika, grundsätzlich gesprochen, jeden Augenblick entstehen. Freilich würde es unter allen Umständen eine spezifisch amerikanische Kultur sein. Jedes Volk wie jeder Einzelmensch ist einseitig. Nie gab es auf Erden allseitige Vollendung, und eine Art Vollendung schließt meist alle anderen aus. Soweit sich voraussehen läßt, wird Amerika immerdar ein einseitig praktisches, sozialgesinntes, nüchternes und moralistisches Volk bleiben. Gleiches gilt von der Demokratie als seiner schicksalsmäßigen Lebensform. Aber Demokratie als solche steht der Entwicklung einzigartiger Individuen nicht grundsätzlich im Wege, so wenig wie Sozialismus. Es läßt sich ein Zustand denken, in dem die einzige Seele als letzte soziale Einheit anerkannt würde, wobei denn Einzigkeit und Qualität im sozialen Aufbau dasselbe bedeuten würden, wie heute Tüchtigkeit und Service und Amt. Gleichsinnig kann sich die heutige blinde Leidenschaft für Wissen und Erziehung als ausgezeichnete Vorstufe erweisen, wenn nur fortan aller Nachdruck auf Verstehen gelegt wird. Ein hoher Lebensstandard ist freilich wünschenswert — nur dürfte er nicht mehr als Ideal gelten. Freilich sollten alle an allem Guten und Schönen, was das Leben bietet, teilhaben, nur sollte der Nachdruck auf dem Höchsten, nicht, wie bisher, auf dem Niedrigsten liegen. Denken wir noch einmal an das chinesische Kulturideal zurück. Auch Alt-China war demokratisch; auch dort lag der Nachdruck auf dem Normalmenschen. Allein das chinesische Ideal war nicht der Mann auf der Straße, sondern der Edle, das heißt der normal begabte Mensch, der jedoch eine solche Stufe innerer Harmonisierung erreicht hatte, daß das an sich Gewöhnliche zum Organ des Göttlichen dienen konnte, und daß alle denkbare Tiefe in Schönheit und Anmut der Oberfläche zum Ausdruck kam. Und das allgemeine Lebensgesetz jener großen Zeit befahl dem Menschen nicht, sich der Art der anderen oder dem, was das Volk will, anzupassen, von rein äußerlichen Dingen zu schweigen — sondern dem Tao, das ist dem Großen Sinn. Diese große Kultur hat sich wie keine andere bewährt. Unter ihrer Herrschaft war das Leben sowohl reich als tief. Die wahrhaft Großen gaben den Ton an. Die Prinzipien des Geistes und der Erde standen in Korrelation und arbeiteten harmonisch zusammen. Und das Ergebnis war beispiellose Langlebigkeit, beispiellose Friedfertigkeit, beispiellose Schönheit und beispielloses Glück.

1Wer ihn noch nicht kennt, der lese in diesem Zusammenhang auch Max Schelers großartigen Vortrag Die Stellung des Menschen im Kosmos (Darmstadt, Otto Reichl), den er auf der VII. Tagung der Schule der Weisheit hielt.
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
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