Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Spiritualität

Dimension inneren Wachstums

Von der jetzt erreichten Warte aus sollte es gelingen, mit so viel Klarheit, als dies der Gegenstand erlaubt, zu bestimmen, welche Wirklichkeit das Wort Geist vertritt. Es vertritt in erster Linie das Leben überhaupt, im Gegensatz zur toten Materie. Zweitens vertritt es menschliches im Gegensatz zu tierischem Leben. Doch der Mensch ist mit dem größten Teil seiner irdischen Kräfte und Instinkte nicht mehr als ein Tier unter anderen; dies gilt sogar vom Intellekt, den zum mindesten die sogenannten höheren Tiere sicher besitzen. Daher eine dritte einschränkende Bestimmung. Das Wort Geist vertritt jenen schöpferischen Sinn, der die lebendige Wurzel alles sogenannten höheren Lebens ist. Ihm eignen also besondere positive Eigenschaften. Hier liegt der lebendige Seinsgrund aller Ideale und Werte. Diese sind nichts anderes als die Exponenten des besagten bestimmten Positiven auf der Ebene der Erscheinung. Mögen Intellektuelle ihre Wirklichkeit noch so sehr bezweifeln — nie noch gab es einen Menschen, den jedermann als selbstverständlich höherstehend anerkannte, der nicht gut, schön, liebend und wahrhaftig sein wollte, und nicht dementsprechend der Schönheit, Güte, Liebe und Wahrheit absoluten Wert beilegte. Diese Tatsache ist so wenig anzuzweifeln wie das gewisseste physikalische Faktum. Aber allerdings erschien die faktische Seite des Problems bisher durch seine Verquickung mit religiösen und anderen Geboten verdunkelt, denen zufolge die Menschen der Güte, Wahrheit usw. um ihrer selbst willen nachstreben sollten, ohne an Lohn zu denken. Warum sollen sie das? Sehr natürlicherweise stellte der Intellekt, da er erwachte und irrationale Autorität immer widerwilliger ertrug, das Rationale der Gebote in Frage, um so mehr, als diese — trotz aller Bemühungen sämtlicher großer Seher und Weisen, diese Verquickung zu verhindern — mit Verheißungen verknüpft wurden, die selten oder nie auf Erden in Erfüllung gingen. Aber in Wahrheit ist es ganz leicht zu erklären, warum der Mensch fühlt, daß er streben soll. Des Lebens Wesen ist schöpferischer Sinn. Dieser sucht sich auf allen Ebenen auszudrücken und zu manifestieren, indem er alle Materie zu lebendigem Fleische assimiliert; dies gilt im genau gleichen Sinn vom Dichter, der jedermanns Worte seinen persönlichen Rhythmus wiedergeben und seinen persönlichen Sinn verkörpern läßt, wie vom physischen Körper oder von echter Kultur, die alle Mannigfaltigkeit auf eine spezifische Seele zurückbezieht. Nun gibt es augenscheinlich einen spirituellen Sinn, der einer anderen Ordnung angehört als der, welcher das Wachstum des Körpers, des Verstandes und der niederen Seele lenkt; man gedenke des Großen Friedens, den eine Seele trotz aller Qualen ausstrahlen mag, im Gegensatz zu bloßer Gesundheit, oder an die Liebe der Beatrice im Gegensatz zu der, welche Paolo und Francesca hoffnungslos aneinander fesselte; oder an den persönlichen Sinn eines bestimmten Lebens gegenüber beliebiger logischer Theorie. Dieser spirituelle Sinn verleiht dem Menschenleben seinen letzten Sinn. Was einer auch tue und leiste — fühlt er nicht, daß seine Leistungen spirituelle Ideale zum Ausdruck bringen, so ist er unbefriedigt, glücklos; aus innerstem Verstehen heraus fühlt er, daß seinem Leben der letzte Sinn fehlt; und da Sinnlosigkeit unmittelbar Hölle bedeutet, so gibt es für ihn keinen Ausweg aus der Unseligkeit. Da bleibt nichts anderes übrig als anzuerkennen, daß die spirituellen Ideale Ausdrücke des innersten und letzten Wesens des Menschen sind. Und dieses Letzte muß zugleich des Menschen wahres Wesen umschließen, sonst ginge Religion (im weitesten, völlig undogmatischen Verstand) die Menschen nicht letztlich an. Andererseits aber handelt es sich hier zweifelsohne um menschliche Natur im weitesten Verstand, nicht um etwas, das dieser entgegengesetzt wäre, wie der Idealismus wähnt. Dies wird abschließend dadurch allein bewiesen, daß es innerhalb des Rahmens der gleichen Ordnung, der alle anderen Lebenserscheinungen angehören, in abstracto zu behandeln und zu verstehen ist. Unbefriedigung ist Unbefriedigung, welches immer ihr Gegenstand sei; gleiches gilt vom Sinn.

Gedenken wir nun des Verpflichtungscharakters, der allen spirituellen Idealen eignet, welches Verpflichtende doch nicht als Äußerliches, sondern als paradoxaler Ausdruck eines innersten und intimsten persönlichen Drangs empfunden wird, so finden wir die Bestimmung, um die es uns zu tun ist. Jene innerst subjektive Wesenheit, die der Begriff des Geistes intendiert, besitzt eigene konkrete Attribute. Aber diese können sich entfalten — oder auch nicht. Was die erdhaften Eigenschaften des Menschen betrifft, die materiellen wie die psychologischen, so hat die Natur für ihre Entwicklung gesorgt. Nicht aber im Fall der spirituellen. Hier gilt das gleiche wie im Fall der Moral: das heißt die Form und Ordnung des Lebens muß durch den freien Willen des Menschen verwirklicht werden. Dieser Teil des Menschen ist nicht nur so nebenbei und in geringfügigem Maß, sondern wesentlich und unbedingt frei; man erinnere sich des zweiten Schächers am Kreuz, dem selbst der Heiland die Pforten des Paradieses nicht öffnen konnte, weil jener ihm sein Herz nicht aufschließen wollte. Hier vermögen nur freie Wahl oder Initiative oder freie Zustimmung das zu erreichen, was Notwendigkeit auf der Ebene der Natur erzielt. Hier umschreibt sonach die Form oder Kategorie der Freiheit den natürlichen Entwicklungsgang. Diese Freiheit und nichts anderes ist es denn, die das Soll aller religiösen Gebote meint. Nur der Ausdruck Soll ist ungeschickt — doch war ein besserer schwer zu finden, solang eine höhere Erkenntnisstufe als die, auf der sämtliche historische Religionen entstanden, nicht erreicht war; galt es doch auf einmal, in eindeutiger Formel auszudrücken, daß gewisse Handlungen gut im allgemeinen und dennoch sinngemäß nur mittels streng persönlicher Initiative auszuführen sind. Buddha ist meines Wissens der einzige, der den Irrtum, auf dem Gebiet möglicher Freiheit gebieten zu wollen, vermied, indem er einfach sagte: tust du dies, so wird das geschehen; tust du jenes andere, so wird notwendig jenes erfolgen. Aber Buddha war eben unter allen Religionsstiftern der weitaus größte Geist.

Es kann hier von Geboten allerdings keine Rede sein. Hätte Gott der Allmächtige tatsächlich geboten, daß Bestimmtes geschehen solle, so würde es allgemein geschehen; beruht andererseits Wesen wie Wert einer Handlung auf Wahlfreiheit, dann fehlt dem Worte Gebot jeder Sinn. Das Ausgeführte bietet in der Tat die einzige denkbare Auflösung der Antinomie, welche die Idee der Allmacht Gottes in Verknüpfung mit den dauernden Verfehlungen des Menschen in sich trägt. Und was vertreten nun unter diesen Umständen die ewigen spirituellen Werte? — Wir sagten, das innerste spirituelle Wesen des Menschen besitze eigene bestimmte Eigenschaften, welche wachsen und sich entfalten könnten, oder auch nicht. Unter diesen Umständen können die ewigen spirituellen Werte nichts anderes sein und bedeuten als die Exponenten der Gesetze dieses Wachstums. Der Mensch möchte gut, liebend, wahrhaftig usw. sein, weil er nur dann seine eigene spirituelle Natur zum Ausdruck bringt. Dieses Wachstum ist letztes Ziel, das Ziel an sich. Dies ist ganz unabhängig davon der Fall, ob nun der einzelne persönlich den Tod überdauere oder nicht: erlebt er sein Dasein nur dann als sinngemäß, wenn er auf ewige Ideale hin lebt, dann gilt unsere Erklärung in jedem Fall. Denn die Ewigkeit ist in jedem Einzelaugenblick enthalten; ihre Dimension verläuft im rechten Winkel zur Horizontale der Zeit.

Von hier aus wird denn vielerlei klar. Beginnen wir mit dem wichtigsten: daß materieller Erfolg oder Mißerfolg die Gültigkeit der ewigen spirituellen Werte oder Ideale beweisen oder widerlegen könnten — davon kann überhaupt keine Rede sein: denn beide gehören völlig verschiedenen Dimensionen an. Und noch weniger sind die Ideale und Werte Illusionen: sie sind die lebendigsten aller Wirklichkeiten. Der Mensch tut das Gute, um besser zu werden; er strebt nach Schönheit, um sich selbst vollkommen auszudrücken; nach Wahrheit, um sein Tiefstwirkliches von aller Unwirklichkeit zu befreien und ihr dergestalt volle Entfaltung zu ermöglichen. Dies führt uns denn zu einer richtigen Abgrenzung der spirituellen Wirklichkeit — so unvollkommen sie als solche auch sei. Wir werden zu ihr am schnellsten gelangen, wenn wir ihre spezifische Realität derjenigen der materiellen Ebene gegenüberstellen. Regieren auf dieser die Gesetze von Wirkung und Gegenwirkung, der Entsprechung von Grund und Folge, von Geben und Nehmen, so liegen die Dinge auf spirituellem Gebiete vollkommen anders. Der Geist ist wesentlich ausstrahlend, ausströmend; er gibt allein, nimmt nimmer. Und solches Geben macht reicher, nicht ärmer. Alle sonst bewährten Maßstäbe erscheinen hier verkehrt. Hier hat der Mensch desto mehr, je mehr er ausgibt. Das meinte Christus, da Er sagte:

Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es gewinnen.

Aus seiner persönlichen Liebeserfahrung mag dies jeder wissen: je mehr einer gibt, ohne daran zu denken, was er dafür empfängt, desto mehr wächst er und weitet er sich.

Nicht immer ist das Geben so leidlos wie im Fall der Liebe. Allein der Gewinn ist immer unendlich viel größer als jeder Verlust. Wer sein Ich hingibt, gewinnt dadurch sein Selbst.1 Dies ist der Grund, warum Leben aus dem Geist immer uneigennützig erscheint. Vom Standpunkt des äußeren Erfolges kann es nicht anders sein, weil dieser hier, par définition, überhaupt nicht in Frage kommt und in keinem Sinne ein Problem darstellt. Aber im Grunde ist der Ausdruck Uneigennützigkeit nicht zutreffend; man sollte lieber von geistigem Eigennutze reden. Hier ist die indische Weisheit der Wahrheit am nächsten gekommen. Wenn sie lehrt, daß der Gatte oder die Gattin nicht um des Gatten oder der Gattin, sondern um des Selbstes willen lieb ist, so bestimmt sie richtig das Gesetz jenes Tiefsten im Menschen, das wir Geist heißen. Dies erklärt auch, warum spirituelle Naturen fast ausnahmslos als selbstsüchtig gegolten haben. Tatsächlich waren sie weder egoistisch noch unegoistisch im üblichen Wortverstand; sie strahlten nur, der Sonne gleich, ihr eigenstes Wesen aus. Bis zu einem gewissen Grad darf man sie selbstlos heißen, weil sie tatsächlich nie an sich selber denken. Eben so ward Gottes Liebe immer verstanden; nicht anders verstand Liebe jeder tiefe Mensch. Goethe sang:

Wenn ich dich liebe, was geht’s dich an?

Da es jedoch, noch einmal, des Geistes Wesen ist, sonnengleich auszustrahlen, so ist, sein Sein und Wirken von der Voraussetzung irdischer Interessiertheit her überhaupt nicht zu verstehen. Dies erklärt denn das wesentlich Paradoxale aller echt spirituellen Religionen. Sie alle waren ausschließlich auf inneres Wachstum bedacht, aber sie versuchten ihr Streben zugleich irgendwie mittels irdisches Wohlergehen betreffenden Begriffen auszudrücken, was unabwendbar zu intellektuellem Widersinn führen mußte; man gedenke der Lehre Christi, daß man sein Leben verlieren müsse, um es zu gewinnen, oder an das Gebot der Entsagung überhaupt. Aber das gleiche erklärt auch, warum die Menschheit immer gefühlt hat, daß die Religion die Wahrheit lehrt, so irrational ihre Lehren jeweils scheinen mögen. Die Religion hat es eben keineswegs primär mit dem Jenseits zu tun, sondern mit einem Teil des Menschen, der ebenso wirklich ist wie der Körper. Dies erklärt denn endgültig auch, warum der Mensch von jeher instinktiv gewußt hat, daß ein religiöses Leben sich pragmatisch doch bewährt. Im banalen Erfolgsinn bewährt es sich zweifelsohne nicht. War je eine Religion weltlich erfolgreich, so lag dies an ihren nichtreligiösen Vorzügen; diese waren im Fall der römisch-katholischen Kirche politischer und in dem des Calvinismus wirtschaftlicher Natur. Das Urchristentum, wie es in seinem russischen Ausdruck noch heute weiterlebt, irrte, insofern es weltliche Macht überhaupt verurteilte, doch es hatte unbedingt recht, wenn es jede Verquickung von geistlicher und weltlicher Macht verdammte, dank welcher Zwangsmöglichkeit als integrierender Bestandteil der Spiritualität erschiene. Da des Geistes Wesen Freiheit ist, so findet der Begriff der Gewalt in seinem gesamten Bereich keine Anwendung. Diese Wahrheit ist die lebendige Wurzel der gleichermaßen christlichen wie buddhistischen und taoistischen Lehre, daß schwach oder gering oder arm sein besser sei, als zu den Großen dieser Welt zu gehören. Zu Erfolg, in welchem irdischen Sinn auch immer, kann Religion also unmöglich führen. Desto mehr aber bewährt sie sich in ihrer eigenen Dimension, der Dimension inneren Wachstums. Es ist eine Tatsache der Biologie, daß der Mensch dann allein innerlich wächst, wenn er auf ewige Werte hin lebt, welche Werte die Exponenten der Gesetze des Geistes sind und zugleich den Weg weisen zur Förderung dieses Wachstums. Nun ist wohl klar, warum Religion zu allen verstehenden Zeiten das letzte Wort hatte. Es handelt sich durchaus nicht um das mögliche Schicksal nach dem Tode; auch nicht um die Wahrheit irgendeiner bestimmten religiösen Lehre. Das Entscheidende umschließt das Wort religio selbst, so wie die Lateiner es verstanden. Religio bedeutet die Bindung oder Verknüpfung des Menschen mit seiner spirituellen Wurzel zwecks vollendeter Selbstverwirklichung. Solange seine spirituelle Substanz nicht alle Teile seines Wesens durchdrungen, assimiliert und verklärt hat — solange ist er nicht wahrhaft er selbst.

1Vgl. die Ausführung dieser These im Kapitel Tod und Ewigkeit der Wiedergeburt.
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
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