Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Die amerikanische Landschaft

Erdverbundenheit

Ehe wir weitergehen, müssen wir eine etwas klarere Vorstellung von dem, was das Wort Umgebung selbst in wissenschaftlichen Kreisen bezeichnet, zu gewinnen suchen. Alle Welt spricht vom Einfluß des Klimas. Doch es ist durchaus nicht klar, in welchem Sinn das Klima auf den Menschen einwirken kann, außer daß es gesundheitlich mehr oder weniger zuträglich ist oder eine größere oder geringere physische Vitalität begünstigt. Obwohl ich auf diesem Gebiet nicht eigentlich Sachkenner bin, wage ich zu behaupten, daß die Umgebung in einer — und nur in dieser — Hinsicht schöpferisch wirkt: indem sie auf die Dauer das Wechselverhältnis der Blutdrüsen und ähnlicher Organe ändert. Es bestehen auffallende Parallelen zwischen pathologischen Fällen und einigen der ausgesprochensten Nationaltypen; Parallelen in dem Verstand, daß jene Karikaturen der letzteren darstellen. Ein Beispiel für viele, das Beispiel eines übermäßigen Plus oder Minus der Hypophysensekretion: im einen Fall haben wir eine Karikatur des angelsächsischen Typs mit dem mageren, geschmeidigen Körper, schmalen Kopf und vorstehenden Kinn; im anderen die Karikatur des Russen mit seiner seehundartigen Fettverteilung über den ganzen Körper. Noch wissen wir nicht genügend, um Endgültiges behaupten zu dürfen. Doch schon auf Grund der geringen Kenntnisse, über die wir heute verfügen, steht mir persönlich fest, daß aller Völkerpsychologie eine richtige Völker Physiologie zugrunde liegt; daß der jeweilige Volkstypus vor allem vom Wechselverhältnis der Endokrinen abhängt, und daß dieses seinerseits in hohem Maße durch die materielle Umwelt bedingt ist — in höherem Maße als durch Vererbung. Gewiß sind nicht alle Landschaften gleich schöpferisch; hieraus erklärt sich, warum Vererbung in manchen Ländern mehr zu bedeuten scheint als Umgebung. Handelt es sich um die Endokrinen, dann versteht sich die Möglichkeit solcher Verschiedenheiten von selbst. Aber die Umgebung hat immer einen deutlich spürbaren Einfluß. In manchen Ländern scheint sie zu dominieren. Zu diesen gehört die Schweiz — daß es sich hier um Drüsen handelt, scheint durch das häufige Vorkommen des Kropfes und der Idiotie in den Alpenländern hinlänglich erwiesen. Gleiches nun gilt vom Gebiet der Vereinigten Staaten von Nordamerika.

Ich halte dies, in der Tat, für eine der wichtigsten Intuitionen, mit denen ich beschenkt ward, als ich meine Seele der amerikanischen Atmosphäre öffnete. Der echte eingeborene Amerikaner ist nicht der von Mutter Erde am wenigsten abhängige Mensch, als der er von allen angesehen wird; im Gegenteil, seine Haupteigenschaften verdankt er ihr. Im Verlauf dieses Buches werde ich alle mir bekannt gewordenen Illustrationen und Beweise dafür anführen. Aber da es äußerst wichtig ist, gerade in diesem dunklen Zusammenhang so exakt und klar als nur irgend möglich zu sein, möchte ich ein wenig näher auf eine andere Seite des gleichen Problems eingehen, ehe ich mich endgültig dem besonderen Thema des amerikanischen Typus zuwende. Wir sagten, daß der sogenannte Schmelztiegel, sofern ihm die Gelegenheit geboten wird, ohne Zweifel einen einheitlichen Typus hervorbringt, fügten aber gleich hinzu, daß der Ausdruck Gelegenheit so zu verstehen sei, daß die Erdkräfte nicht auf zu viele Widerstände von anderen Ebenen angehörenden Kräften stoßen dürften. Dieser Widerstand wiederum nimmt ab im Verhältnis zur Erdverbundenheit, in der ein Menschenstamm seit Generationen gelebt hat. Was ist es nun mit dieser Erdverbundenheit? Hier kann es sich doch kaum um körperliche Nähe oder Ferne handeln; in diesem Sinne gibt es vor der Erde kein Entrinnen. Es handelt sich um psychologische Verbundenheit. Der Stadtbewohner ist der Natur psychologisch fern in dem besonderen Sinn, daß er sie nicht unmittelbar beachtet; das gleiche gilt vom Intellektuellen, wo und wie er auch leben mag. Hat Oswald Spengler irgendwo recht, dann gilt dies von seiner Behauptung, daß diese Typen, soweit wir die Geschichte zurückverfolgen können, vom biologischen Standpunkt nie eine dauernde Rolle gespielt haben. Städtische und intellektuelle Kulturen gab es lange vor Babylon, aber deren Erhaltung ist immer vom dauernden Zustrom ländlicher Bevölkerung abhängig gewesen; im Falle aller Hochkulturen waren die Städte nie mehr als das Gehirn des Volkskörpers; und je vitaler dieses, desto mehr verdankte es dies der reichen Entwicklung der niederen Organe — worunter hier ein reiches, entwickeltes und naturverbundenes Provinzleben zu verstehen ist. Im modernen Europa scheint Frankreich am stärksten von seiner Hauptstadt abhängig; intellektuell und kulturell spielt die Provinz kaum eine Rolle. Aber der weitaus größte Teil der bedeutenden Pariser stammt aus dieser, und es gibt auf Erden wenige erdgebundenere Typen als den französischen Provinzler. So war es auch kein Zufall, daß die erste Großstadt im amerikanischen Sinn, von der wir wissen, nämlich Babylon, im fruchtbaren Zweistromland gegründet ward, und Gleiches gilt von den Metropolen Ägyptens; hier hat sich der Bauer seit mindestens fünftausend Jahren nicht verändert, und immer war er es, der die Kontinuität der Geschichte durch alle Wechselfälle hindurch wahrte. Die Rassen unverfälschter Städter und Intellektueller sind stets im Lauf von drei oder vier Generationen entartet oder ausgestorben. Was nun von der Vergangenheit gilt, wird sicher für alle Zukunft gelten, denn hier handelt es sich um elementare Gewalten. Es ist lächerlich, anzunehmen, der Amerikanertyp, der seit Generationen in Boston oder New York oder gar Chicago gelebt hat, werde das Vorbild der künftigen Zivilisation Amerikas abgeben. Eine städtische Tradition kann freilich den Rahmen nationaler Tradition bieten, aber ihre Lebenskraft muß sie von außen her beziehen, durch einen andauernden Stoffwechselprozeß, wie er am besten in Paris zu beobachten ist. Daß der Mensch, der den Zusammenhang mit den vitalisierenden Kräften der Erde verliert, damit zugleich seine Vitalität überhaupt verliert — das hat, trotz ihrer Kürze, gerade die Geschichte der Vereinigten Staaten schon bewiesen. Die Nachkommen jener Typen, die, seit sie auf amerikanischer Erde leben, den Boden nur ausbeuteten — sei es als nomadenhafte Pioniere oder industrielle Spekulanten —, sind sämtlich auffallend vitalitätslos. Nach meiner Abfahrt von Amerika ging ich zuerst nach England. Biologisch beurteilt, ist das Hauptmerkmal des englischen Volks seine Liebe für die Heimat im umfassenden Sinn von Englands Natur. Der Engländer beutet sein Land nicht aus; lieber läßt er es in seinem wilden Zustand und freut sich seiner Schönheit; selbst der arbeitsamste Engländer pflegt seine Seele dem Geist seines Landes zu öffnen. Was mir zuerst auffiel, als ich aus den Vereinigten Staaten nach England kam, war dies, daß jeder Engländer eine viel vitalere Persönlichkeit ist als der scheinbar vitalste Vertreter der heutigen amerikanischen Stadtkultur.

In diesem Zusammenhang brauchen wir daher den Städter überhaupt nicht zu berücksichtigen; in ihm leben keine Kräfte, die dem Naturprozeß entgegenwirken könnten. Dennoch erschöpft das bisher Gesagte das Problem noch nicht. Wohl gedeiht der Mensch ohne engen inneren Zusammenhang mit der Erde nicht für die Dauer. Doch er braucht andererseits nicht deren ausschließliches Gestaltungsprodukt zu sein. Erscheint ein Menschentypus rein und ausschließlich erdgebunden, so liegt das immer daran, daß er in sich selbst nichts hat, was ihn dem naturnahen Menschen-Tier überlegen machte. Der Mensch ist ja nicht nur ein Kind der Natur, sondern auch des Geistes. Der Mensch ist sogar mehr Geist als Natur1 — und auch der Geist vermag zu vitalisieren. Nur handelt es sich hier eben um lebendigen Geist, nicht um bloßen Intellekt, den oberflächlichsten Ausdruck des Geistes; es muß der Geist sein, dessen bekanntester Ausdruck ein starker religiöser Glaube ist. Sind geistige Kräfte vorhanden und im Spiel, die in diesen tiefen Regionen wurzeln, dann können sie den Naturkräften entgegenwirken oder die Waage halten. Diese Tatsache beobachten wir durch alle Geschichte hindurch auf dem Gebiet, des Geschlechtslebens, der Moral und Religion. Aber sie tritt uns gelegentlich auch im Sinn einer Erhaltung des ursprünglichen Charakters einer in fremdes Land ausgewanderten Rasse entgegen. Das großartigste Beispiel dessen bieten die Juden. Seit Jahrtausenden schon sind sie ohne echte Heimat; über die ganze Erde haben sie sich verbreitet, in fast allen Ländern haben sie Fuß gefaßt; durch die Verhältnisse zu parasitärem Dasein gezwungen, haben sie in engerer Berührung mit der Umwelt gelebt als die meisten autochthonen Nationen. Und doch sind sie sogar in ihrer körperlichen Beschaffenheit die geblieben, die sie ursprünglich waren. Dies hat zwei Ursachen. Erstens das unvergleichliche Verständnis der Juden für die Gesetze des Bluts; doch wenn das allein in Frage stände, dann hätte eine Typuswandlung in jedem Land, in dem sie sich niederließen, stattfinden müssen. Die Erhaltung des ursprünglichen jüdischen Menschentyps ist letztlich auf die zweite Ursache zurückzuführen: seine Spiritualität. Dem Juden bedeutet das Gesetz seiner Religion immerdar seine nächste Umwelt; dieses hat er immerdar mit der äußersten Genauigkeit, Konsequenz und Strenge befolgen müssen; sein ganzes Leben war durchaus durch spirituelle Bindungen bestimmt. Dank dem hat er sich als stärker als die Natur erwiesen; trotz ihrer wechselnden Einflüsse hat er sich, wie er ursprünglich war, erhalten. Andererseits: wird der Jude je seinem Gesetze untreu, dann sind die Folgen wahrhaft katastrophal; nur dort wurden sie je vermieden, wo es den Juden gelang, unverzüglich zum Teil eines neuen Volkskörpers zu werden, wie in Spanien und bis zu einem gewissen Grad auch in Italien. Aber ein Teil eines neuen Volks zu werden, fällt einer derart konsolidierten Gestalt nicht leicht. Und da der Judentypus wesentlich geistgeboren ist und von den Kräften der Erde nicht gestützt wird, führt die Entnationalisierung beim Juden nur zu oft zu nichts Geringerem als moralischer Fäulnis.

Soviel über den Juden. Aber was von der Entstehung und Erhaltung seines Typus gilt, gilt ebenso von allen Völkern, die ein Kastensystem herausgestellt haben. Deren Urbild lebt in Indien. Nichts konnte der Physiologie der frühen arischen Eroberer (sie waren zwar keine nordischen Menschen, wohl aber hatten sie sich im heutigen Persien und Afghanistan diejenigen Grundzüge der nordischen Rasse erhalten, die in heißeren Gegenden lebensfähig blieben) fremder und weniger zusagend sein als Indiens brütende Hitze. Überdies sind die auf der indischen Halbinsel wirksamen Naturkräfte von geradezu unheimlicher Macht. Instinktiv stellten da die Eroberer ein System geistiger Regeln auf, welches diesen Einflüssen entgegenwirken konnte. Und es hat ihnen tatsächlich entgegengewirkt. Trotz dieses Systems drang der Geist der indischen Erde bald bis in die Tiefen der arischen Seele; sonst wären die wesentlich nichtmystischen Eroberer (selbst der Rigveda enthält sehr wenig Mystik) nicht so bald zu den größten aller mystischen Philosophen geworden; sonst stellte sich Indien, rassisch heute weit mehr drawidisch als arisch, nicht immer noch als das Volk der Denker und Seher dar, das es von jeher war. Aber der Geist Indiens bemächtigte sich der Tiefen der arischen Seele innerhalb eines präexistierenden geistigen Rahmens, und dieser ist der europäischen Geistigkeit verwandter als dem irrationalen Wirrsal drawidischer Intuitionen und Gefühle. Diesem Umstande ist es zu danken, daß selbst der ursprüngliche physische Typus sich in den oberen Kasten in außerordentlichem Maß erhalten hat. Gleiches gilt grundsätzlich von allen Kastensystemen, die es je gab. Es gilt von allen europäischen Aristokratien. Sie alle sind die Nachkommen ursprünglicher Eroberer, und viele Jahrhunderte entlang fühlten sich die Ritter den Angehörigen ihres Standes, die in anderen Ländern wohnten und andere Sprachen sprachen, verwandter als den Mitbewohnern ihres eigenen Landes. Sie besaßen ihren eigenen Ehren- und Sittenkodex, der ihnen genau das gleiche bedeutete wie den Juden das Gesetz und den Hindus die Kastentradition; daher waren sie sich untereinander viel ähnlicher als den niederen Ständen ihres eigenen Landes. Das gleiche aber gilt auch vom amerikanischen Puritanismus.

Es ist gewiß richtig, daß der Puritanismus in Europa erfunden und daß Amerika nicht ausschließlich von Puritanern kolonisiert ward; von vornherein bestimmten, unabhängig von ihnen, der Pionier und der Geschäftsmann mit im kolonialen Bild; überdies haben viele andere religiöse Typen, deren Summe die Gesamtzahl der Puritaner zahlenmäßig wahrscheinlich überschritt, lange genug in Amerika gelebt, um es geistig zu erobern. Warum aber hat der Puritanismus in Europa nicht entfernt die Rolle gespielt, wie jenseits des Atlantik, und warum braucht jeder das Wort Puritanismus und kein anderes, wenn er von den spirituellen Einflüssen spricht, welche die Neue Welt gestaltet haben? Warum ist auch heute an der Tatsache nicht zu rütteln, daß alles, was es in den Vereinigten Staaten an Zivilisation gibt, puritanischen Ursprungs ist? — Die außerordentliche Rolle, die der Puritanismus drüben gespielt hat und noch spielt, ist tatsächlich keine Glaubenssache, sie war und ist eine Kastenfrage. Die ausschlaggebende Macht der Puritanerkaste erklärt sich jedoch daraus, daß sie allein genügend spirituelle Kräfte bannte, um dem Einfluß der amerikanischen Erde entgegenzuwirken und so den angestammten Typus zu perpetuieren. Wohl kämpfte der Kavalier lange Zeit mit dem Puritaner um die Hegemonie. Aber dieser trug über jenen einen vollständigen Sieg davon. Dies lag in erster Linie daran, daß der Puritaner ein viel geistigerer Typus war; man vergesse nie, daß der Puritanismus die Wiedergeburt des Geists des Alten Testaments (im Gegensatz zum Neuen) darstellt, und daß der Geist des ersteren, als des einseitigsten Ethos welches die Welt je sah, sich von Anfang an als der mächtigste Einfluß auf Erden bewährt hat; die ganze Eroberung der materiellen Welt ist letztlich das Werk des alttestamentarischen Geists. Überdies aber kam dem Puritanismus im Gegensatz zum Kavaliertum die Konjunktur zugute, daß sich Amerika zu einer industriellen Demokratie entwickelte. Harvey O’Higgins und Edward H. Reed schreiben in ihrem Buch The American Mind in Action (New York, Harper & Brothers)

Unablässige Arbeit und scharfes Vorgehen und unermüdliche Anstrengung führten den Puritaner zu den Stellungen sichtbaren Erfolges, wo selbst seine weniger bewunderungswürdigen Eigenschaften den Nachahmungstrieb in anderen weckten. Die puritanischen Ideale der gottgefälligen Arbeit und des gesegneten Wohlstands wurden die herrschenden Ideale des Landes. Und kein Leben war je gleich geeignet zur Bildung eines Nationalideals. Kein Kastensystem spaltete die soziale Masse in verschiedenartige Standesbestrebungen. Der Schiffsjunge wurde Präsident, der Laufbursche Bankier, der Schreiber der Vorsitzende der Handelsgesellschaft, der Arbeiter Industriekapitän. Das Ideal der obersten Klasse konnte dem Ehrgeiz der untersten zum Leitstern dienen, und ein besonderes Standesziel konnte so allgemein und populär werden, wie sonst die Kleidermode eines bestimmten Standes. War nun ein solches Ideal erst einmal gestaltet, so konnte es von allen Eltern allen Kindern vorgehalten, der Jugend von Erziehern gelehrt, dem Volk in vielgelesenen Büchern eingetrichtert und von der ehrgeizigen Jugend eifrig und mit so viel Erfolg in die Tat umgesetzt werden, daß es zu einem Bestandteil der Gewohnheiten und Bräuche und Traditionen der ganzen Nation wurde.

So ist der Geist der Vereinigten Staaten, soweit er die Traditionen der ersten drei Jahrhunderte seiner Geschichte fortführt, wesentlich puritanisch.

Die puritanische Gesinnung hat in ähnlicher Weise dominiert wie die brahmanische es von je in Indien getan hat, obgleich die Brahmanenkaste nur eine geringe Minderheit darstellte: durch das Prestige, das dank dem überlegenen Typus, den sie immer erneut aus sich heraus gebar, immer neu belebt wurde. Dies erklärt denn auch, warum das puritanische Gesetz von je her so sehr streng war. Ein Kastengesetz, das einen Schutz gegen den Geist fremder Erde bedeutet, ist einem Militärgesetz immer am nächsten verwandt, insbesondere dem Gesetz einer Okkupationsarmee. Das brahmanische Gesetz war und ist in diesem Verstand streng genug; doch schließlich betraf es nur das religiöse und soziale Leben. Die Besiedler Amerikas waren wie alle Europäer wesentlich weltzugekehrt und überdies von Natur aus aggressiv. Dies führte denn zu einer viel größeren Strenge und Ausschließlichkeit des Kastengesetzes, als solche je in Indien bestanden hat. Zu Beginn der Kolonisation trat dies nicht so auffallend in die Erscheinung, weil Amerika als das Land der Freiheit und Asyl für alle galt; daher wirkte das Prinzip der Toleranz dem wahren Geist des Puritanismus lange Zeit hindurch leidlich erfolgreich entgegen. Doch der Geist der Duldsamkeit ist dem der Aggression, gleichviel welcher Art, nimmer gewachsen. Überdies: je demokratischer ein Land, desto strenger müssen die geltenden Gesetze sein, und mit desto größerer Schärfe müssen sie durchgesetzt werden. Eine organisierte Masse ist erstens nur durch strengste Gesetze zu bändigen (jede Armee bietet dafür ein Beispiel), und zweitens verleiht die Anerkennung durch jene allen Gesetzen ungeheure Autorität. Dementsprechend sehen wir, daß die Vereinigten Staaten im Lauf der Zeit fortschreitend intoleranteren Geists geworden sind. Ich wüßte nichts Unduldsameres als den Geist nicht nur des Ku-Klux-Klan und des Fundamentalismus, sondern sogar des Moralismus der mittelwestlichen Kleinstadt. Zum Beweis genügt ein Hinweis auf die Prohibition, sowie darauf, daß Gedankenfreiheit gerade im Lande der Freiheit so erstaunlich wenig Freunde hat. Ein lebendiger Geist manifestiert eben seinen wahren Charakter im Fortschritt der Zeit immer klarer und zwingender, und erweist sich oft am stärksten dann, wenn das betreffende Volk sich nicht mehr bewußt zu ihm bekennt; denn handelt es sich um wahrhaft lebendigen Geist, dann liegt sein Schwerpunkt im Unbewußten.

Solcher Kraftzuwachs eines ursprünglichen Geists ist in den Vereinigten Staaten in ungewöhnlichem Maß und Grade zu beobachten, weil die Geister der zwei starken Männertypen, die das Land gemacht haben — des Puritaners und des Pioniers — bald zu einem verschmolzen. Ganz abgesehen von aller Religion, erwuchs der Puritanergeist bald zum eigentlichen Rückgrat des amerikanischen Geschäftsmanns. Hieraus erklärt sich, wieso sich die Arbeitsnotwendigkeit, die in den Tagen der Pioniere bestand, zur heutigen Religion der Arbeit und des Unternehmertums entwickeln konnte. Eines Tages mag sich die Tatsache, daß der Puritanismus seinem Wesen nach die Kastenherrschaft eines Eroberervolkes auf fremden Boden bedeutet, gar im traditionellen militärischen und politischen Verstande geltend machen. Was Amerika unbewußt erstrebt, ist die geistige Amerikanisierung der Welt. Und bestehen die Kugeln seiner Söhne, wenn sie in neues Land eindringen, aus Silber und nicht aus Blei, so ist eben diese Art Eroberung für das industrielle Zeitalter charakteristisch. An dieser Stelle können wir einen weiteren merkwürdigen Zusammenhang zwischen dem Geist des Puritaners und dem des Pioniers feststellen. Es gehörte zu den Glaubensartikeln der ersten Kolonisten, daß der äußere Erfolg unmittelbarer Beweis göttlicher Gnadenwahl sei; die amerikanische Aggressivität wurzelt sonach in einem religiösen Impuls. Aber seit der eigentlich puritanischen Ära sind Jahrhunderte verflossen. Heute besteht die Mehrzahl der Bevölkerung aus Menschen, die nach der indischen Ordnung den unteren Kasten angehören würden. Noch herrscht der Geist des Eroberervolks, aber das Volk selber hat sich gewandelt. Den Optimismus des modernen Amerikaners kannten die Pilgerväter nicht; Gefühle und Schwärmereien waren nicht ihre Sache; eine wohlhabende und komfortable Welt galt ihnen nicht als Selbstzweck. Nichtsdestoweniger beeindruckt alles in Amerika, was die alten Traditionen überhaupt fortsetzt, den Europäer als womöglich noch puritanischer als das amerikanische Leben anfänglich erschien, weil eben der Puritanergeist sich seither aus einer ausschließlich religiösen Erscheinung zum Rückgrat alles traditionellen Lebens entwickelt hat.

1Der Leser findet eine erschöpfende Darstellung des Problems der geistigen Wirklichkeit im letzten Kapitel dieses Buchs.
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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