Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Spiritualität

Zeitalter des Verstehens

Von hier aus ersehen wir denn, inwiefern eine Spiritualisierung Amerikas möglich erscheint: sie ist möglich eben dank der Übertriebenheit und Einseitigkeit aller bisher vorhandenen Spiritualität. Denn hier ist ein Verwechseln des bloß Intellektuellen mit dem Spirituellen ausgeschlossen, und ebenso jede Leugnung der Wirklichkeit des letzteren. Dementsprechend wunderte mich die anläßlich meiner Vorträge gemachte Erfahrung nicht, daß spirituelle (im Gegensatz zu intellektueller) Wahrheit in den Vereinigten Staaten von einer größeren Anzahl Menschen leichter und vollkommener erfaßt wird als irgendwo in Europa. Das ganze moderne Europa steht heute unter dem Fluch des buchstäblichen Geistes, wie Rabindranath Tagore ihn so treffend bestimmt hat. Es lebt auf der Zwischenebene, welche reine Materie von reinem Geist scheidet, und die Namen und Formen jener Ebene sind so vollständig verhärtet, ausdifferenziert und erstarrt, daß es dem Franzosen z. B. — dem intellektualisiertesten Europäer — nahezu unmöglich ist, zu verstehen, was spirituelle gegenüber intellektueller Wahrheit bedeutet. Andererseits aber ist die amerikanische Spiritualität als Typus ebenso unmöglich primitiv wie der amerikanische Materialismus. Will ein Volk eine fortschrittliche Rolle in der Geschichte spielen, dann darf es hinter dem objektiven Geist der Zeit nicht zurückbleiben. Heute fehlt selbst in den Ländern ältester und tiefster Kultur den traditionellen Fassungen spiritueller Wahrheit die Überzeugungskraft im Falle derer, die zur Vorhut der Menschheit gehören. Alle historischen Religionen wurden in Zeiten des Glaubens gestiftet, während wir heute im Zeitalter des Verstehens leben. Deshalb sind die Probleme spirituellen Fortschritts neu zu fassen und zu stellen. Hier liegt denn unsere nächste Aufgabe. Um diese jedoch verständlich zu erfüllen, muß ich zunächst die allgemeine Richtung des Geistesprozesses an dieser Wende kurz bestimmen — dieser Wende, die zweifelsohne die wichtigste seit dem Erscheinen Christi ist.

In der Epoche, welche der unseren vorausging, da die westliche Menschheit sich dessen bewußt war, daß das Geistige ebenso wirklich ist wie das Natürliche — ich meine den Beginn der christlichen Ära — glaubten die Christen selber nicht, daß das Zeitalter des Sohnes das letzte auf Erden sein werde: ihm sollte das Zeitalter des Heiligen Geistes folgen. Zwar war dies nicht die offizielle Lehre der christlichen Kirche, und nur die besten Philosophen unter den Vätern der anatolischen Kirche mit ihrer großen geistigen Tradition bekannten sie je offen. Nichtsdestoweniger war dies die früheste Tradition. Und dies war nur natürlich: die Frühchristen hielten Christi Wiederkehr für nahe bevorstehend — diese aber mußte offenbar das Ende der eigentlich christlichen Ära bedeuten. Was meinten sie nun mit ihrem Glauben an das Zeitalter des Heiligen Geistes? Die Antwort ist mit der Ausgießung des Heiligen Geistes am Pfingstfest gegeben. Der Tag werde kommen, da nicht allein der Gott-Mensch, sondern jedermann zum Sprachrohr Gottes dienen werde. Christus selber hatte vorausgesagt, daß in kommenden Zeiten andere ebensoviel und mehr als Er vollbringen würden. Auf die Zeit, da nur Glaube an den Heiland erlösen konnte, würde ein anderes, reiferes Zeitalter folgen, da jeder Mensch, der das erforderliche Niveau erreicht hätte, sein Heil von sich aus würde erarbeiten können.

Betrachten wir von hier aus die Zersetzungsperiode, die wir eben jetzt durchleben. Auf dem ganzen Erdball stirbt der Glaube an die Tradition — der religiösen wie jeder anderen. Und alle Traditionen — die christliche, indische, konfuzianische, mohammedanische — beruhten auf Glauben, soweit die Mehrheit in Frage kam. Und es erscheint unmöglich, den Leichnam zu neuem Leben zu galvanisieren. Gelingt solche Galvanisierung dennoch, so ist es nur bei einzelnen und Sonderklassen der Fall — doch da diese fertig kristallisiert sind und eigene exklusive geschlossene Systeme bilden, so zählen sie für den Fortschritt über den gegenwärtigen Zustand hinaus nicht mit. Wo aber andererseits der Sinn der Religion vom Einzelnen erfaßt wird — der Sinn dessen, was frühere Zeiten naiv-blind hinnahmen — erfolgt eine Wiedergeburt des Alten auf höherer Ebene. Da beginnt der Einzelne, Herr seiner selbst und der Fesseln der Tradition entledigt, die alten Wahrheiten, soweit sie Wahrheiten sind, die frühere Menschen auf Autorität hin akzeptierten, persönlich zu erfassen und zu verstehen. So beginnen gerade zu der Zeit, da die alten Formen zerfallen, vorgeschrittene Minoritäten ihren wesentlichen Sinn, ihre lebendige und unsterbliche Substanz, tiefer zu erleben, als dies je seit den goldenen Tagen des Christentums, da griechische Denker an seiner Weltanschauung schufen, geschah.

Dies bedeutet nichts Geringeres, als daß das Zeitalter des Heiligen Geistes nunmehr heranbricht. Die scheinbar irrationalsten mythischen Bilder reden die Wahrheit, wenn man sie nur psychologisch richtig zu deuten weiß, das heißt als Projektionen innerer Zustände. So gesehen, sind erfüllte Prophezeiungen das natürlichste Ding der Welt. Die Vorhut des Christentums nahm in ihrer Seele vorweg, was als Allgemeinzustand erst zweitausend Jahre später Wirklichkeit werden sollte. Selbstverständlich stammt der Ausdruck heiliger Geist wie auch der des Zeitalters des Heiligen Geistes aus einer Zeit, welcher mythische Bilder evidenter waren als wissenschaftliche Formeln. Aber das Wort tut nichts zur Sache. Ich bediente mich seiner, weil er durch jahrhundertealte Tradition geheiligt ist; und auf jeden Fall entsprach der dem alten Ausdruck zugrunde liegende Sinn dem Tatbestand. Doch in diesem Fall entsprechen sich mythisches Bild und psychologische Wahrheit in noch höherem Maß. Die gleiche christliche Lehre verkündete nämlich, daß dem Sieg der neuen, das Zeitalter des Heiligen Geistes kennzeichnenden Spiritualität lange und furchtbare Kämpfe vorangehen würden. Diese echten Seher glaubten in keiner Weise an ununterbrochenen Fortschritt, sie sahen vielmehr voraus, daß vor der Wiederkehr Christi ein antichristlicher Geist zeitweilig die Erde beherrschen würde. Und weiter glaubten sie, daß der Antichrist durchaus nicht als teuflisches Wesen auftreten werde: er werde im Gegenteil das Sinnbild alles dessen sein, nach dem der Mensch sich sehnt, nicht nur auf materiellem, sondern auch auf intellektuellem und moralischem Gebiet. Nun, ist es nicht tatsächlich so gekommen? Ist nicht gerade Wohlstand — nicht allein im Sinn des Reichtums, sondern auch des Wissens — das Haupthindernis auf dem Weg zu spirituellem Fortschritt? Zweifelsohne ist der ursprüngliche unmittelbare Sinn für ewige Wahrheit und ewige Werte vorerst verloren gegangen. Über die ganze Erde hin sind die erwachenden Massen in einem in der Geschichte unerhörten Grad entweder irreligiös oder antireligiös. Der größere Teil der Christen, Inder, Buddhisten und Konfuzianer glaubt nicht mehr wirklich an das, wozu er sich aus Nützlichkeitsgründen noch bekennt. Die wahre Religion der Massen dieser Zeit ist die der Maschine. Das bolschewistische Rußland hat die Maschine tatsächlich zu einer Art Gott erhoben. Es gibt Bilder bolschewistischer Maler — Kunstwerke von offenbarer Aufrichtigkeit und daher Überzeugungskraft —, in denen Maschinen mit allen Attributen der Göttlichkeit dargestellt erscheinen; dort nehmen sie die Stelle der Ikonen in der sonst unveränderten byzantinischen Kirche ein. Auch ist nicht daran zu zweifeln, daß Millionen von Arbeitern und Bauern solche Bilder tatsächlich entsprechender Ausdruck ihres Glaubens sind. Das eine Ideal dieses unglücklichen hungernden Volkes ist, ernährt und besser ernährt zu werden. Vor der Revolution erhofften sie die Erfüllung dieses Ideals von Gott; nun schauen sie zur Maschine auf. — Der offizielle und ausgesprochene Glaube der meisten Amerikaner ist ein anderer. Allein die psychologische Bedeutung des amerikanischen Maschinen- und Tüchtigkeitskults ist genau die gleiche. Vergleicht der Psychologe Verteilung und Eigenart des Glaubens an die Maschine mit Verteilung und Eigenart des Glaubens an die traditionelle Religion, so muß er zum Ergebnis kommen, daß heute das wahre religiöse Empfinden als Universalerscheinung der Maschine gilt.

Wir treten somit ohne Zweifel in ein ausgesprochen antireligiöses Zeitalter ein. Echtes Christentum, wie jede echte Religion, ist wieder Glaube einer Minderheit geworden, wie es in den Tagen vor Konstantin der Fall war. Es wird sogar wieder verfolgt, und zwar nicht allein in Rußland, sondern auch in Europa, von Mexiko ganz zu schweigen; solche Verfolgung kann überall vorkommen, wo Radikale oder Sozialisten zur Macht gelangen. Die Massen werden mit jedem Jahre unreligiöser. Und dies muß so fortgehen aus einem psychologischen Grund, angesichts dessen jeder Einwand versagt. Wie ich in der Neuentstehenden Welt gezeigt habe, ist das Gravitationszentrum im psychischen Organismus des Menschen vom Emotionalen auf das Intellektuelle übergegangen. Wo das Emotionale keine dominierende Rolle spielt, kann es kein dominierendes religiöses Gefühl geben; andererseits erfordert geistiges Verstehen der Wahrheit der traditionellen Religionslehren eine sehr hohe Stufe der Einsicht, und es ist für den Chauffeurtyp bezeichnend, daß er alles weiß, und so gut wie nichts versteht. So müssen sich die Massen der ganzen Welt immer irreligiöser darstellen, je unterrichteter sie werden. Diese Entwicklung kann dann erst zum Stehen kommen, wenn die Massen einen neuen Zustand innerer Kultur erreicht haben.

Andererseits aber sind die spirituell gesinnten Minderheiten in der ganzen Welt heute spiritueller, und dies in einem tieferen Sinn, als je vorher. Eine merkwürdige Umkehrung dessen, was vom 18. Jahrhundert galt, ist heute eingetreten. Im 18. Jahrhundert glaubten die Massen an alles, die Eliten an nichts; heute erkennen selbst die unter den letzten, die vor zwanzig Jahren spirituellen Problemen völlig gleichgültig gegenüberstanden, die Wirklichkeit des Geistes, oder aber sie kämpfen doch um diese Erkenntnis. Und vom Standpunkt der Zukunft bedeuten diese spirituell gesinnten Minderheiten mehr, als Minderheiten je bedeutet haben. Was kennzeichnet diese nun im Vergleich zu spirituell gesinnten Gruppen früherer Zeiten? Was ist ihr Ziel? Sind sie Träger einer neuen Religion? Mitnichten. Notwendig sind sie den irreligiösen Massen verwandt, denn der lebendige Geist einer Zeit ist immer einheitlich. In der psychologischen Struktur der Massen ist Denken an die Stelle des Glaubens getreten. Korrelativ hierzu spielt in der psychologischen Struktur der Minderheiten Verstehen die ausschlaggebende Rolle. Religion im christlichen Verstande steht und fällt mit der Haltung der Demut, des Pathos (im wahren griechischen Wortverstand) angesichts der höheren Kräfte außerhalb der Menschenseele. Sobald der herrschende Mittelpunkt nicht im Pathos liegt, sondern im Ethos des Einzelnen — dem Geist im Menschen als dem Träger aller Verantwortung —, kann von echt religiöser Einstellung füglich nicht die Rede sein; eben deshalb weigerten sich die Frühchristen, den Heiden irgendwelche Religiosität zuzuerkennen, denn auch bei den Heiden herrschte das Ethos über dem Pathos vor. Dennoch bedeutet der neue Geist, der eben jetzt geboren wird, keinen Rückfall ins Heidentum: er bedeutet eben das, was die Frühchristen als unvermeidlich erkannten — den Anbruch des Zeitalters des Heiligen Geistes. Hier handelt es sich um keine im traditionellen Sinn religiöse Haltung, aber andrerseits um ein nicht minder tief im Geist Verwurzeltes. Es handelt sich um keinen vorchristlichen, sondern den nachchristlichen Zustand. Dieser widerlegt die christliche Wahrheit nicht; er ist auch nicht dem christlichen Glauben irgendwie konträr: er verkörpert einen psychologischen Zustand höherer Stufe als der, dessen Weltsymbol das Christentum war. Verglichen mit der christlichen ist diese Gesinnung ebenso neu, wie es die christliche gegenüber der heidnischen war. Sie bedeutet eine neue ursprüngliche Einstellung dem Ewigen gegenüber — dem gleichen Ewigen, auf welches auch das Christentum sich bezieht. Eine neue Einstellung, die der neue Entwicklungszustand, in den die Vorhut der Menschheit eingetreten ist, erforderlich gemacht hat.1

1Den hier skizzierten Gedankengang habe ich im Kapitel Das religiöse Problem von Wiedergeburt ausführlich entwickelt.
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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