Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Spiritualität

Zeitalters des Heiligen Geistes

Dies ist die allgemeine Richtung der Geschichte des Menschen als geistigen Wesens an dieser Wende, der wichtigsten seit dem Erscheinen Christi. Welches kann in dieser neuen Phase des menschlichen Abenteuers die besondere Aufgabe der Vereinigten Staaten sein? Dies hängt offenbar von seinem gegenwärtigen Zustand ab. Denn alle Aufgaben stellen sich dem Menschen korrelativ zu seinem tatsächlichen Zustand und seinen gegebenen Fähigkeiten. Wir haben die Seele der Vereinigten Staaten nach allen Hauptrichtungen betrachtet und untersucht. Es sollte daher nicht schwer sein, unser Bild zu vollenden.

Die große Aufgabe der nächsten Jahrhunderte ist offenbar, ein neues spirituelles Leben auf der Grundlage des neuen technischen Zeitalters zu entwickeln. Wir erkannten, daß die Technisierung nicht etwa ein zu Bekämpfendes ist — sie ist Zeichen dessen, daß der Mensch eine neue biologische Stufe und Stellung erreicht hat, welche neue Stufe ein unbedingt Positives darstellt, denn nur der technisierte Mensch hat jenen echten Gleichgewichtszustand zwischen sich und Umwelt erreicht, den jedes Tier selbstverständlich verkörpert. Andererseits aber gehören alle, selbst die höchsten technischen Leistungen, zur Ebene des Tiers. Deshalb gelang uns der Beweis, daß die repräsentativen Ideale dieser Zeit Tier-Ideale sind. Nun ist der Mensch kein Tier; letztlich lief alles, was wir gegen die amerikanischen Zustände vorzubringen hatten, auf einen einzigen Beweis dessen hinaus. Im vorhergehenden Kapitel fanden wir die Formel, welche den Sachverhalt sowohl als dessen Sinn in wenigen Werten erschöpfend zusammenfaßt: der Mensch als Mensch gelangt zur Selbstverwirklichung allein auf der Ebene der Kultur, nie im Naturzustand; Kultur aber setzt das Supremat des spirituellen im Gegensatz zum animalischen Prinzip voraus. Die letzten Zweifel an der Wahrheit sollte dieses Kapitel, das den Beweis für die Wirklichkeit des Geistes als eines biologischen Prinzips erbrachte, beseitigt haben. Hieraus folgt dann, daß die technische Zivilisation, welche unseren Erdball genau im gleichen Sinn erobert, wie die Eigenart der Saurier früheren Epochen den Stempel aufdrückte, welche Zivilisation in den Vereinigten Staaten ihren Höhepunkt erreicht hat, nicht ein letztes, sondern ein erstes Wort bedeutet. Die eigentliche Arbeit ist erst zu leisten. Ist der Mensch nur als Tier der kosmischen Ordnung eingegliedert, dann ist er letztlich nicht richtig eingestellt, dann lebt er nicht aus dem Sinn seines Lebens heraus, noch diesem nach; und da das von mir Sinn Benannte seinen eigentlichen Lebensquell bedeutet, so würde nicht unbegrenzter Fortschritt, sondern Entvitalisierung und schließlich das Ende der zivilisierten Menschheit unvermeidliches Ergebnis sein, sollte es noch lange auf heutige Art fortgehen.

Die große Aufgabe der kommenden Jahrhunderte ist also, noch einmal, die Entfaltung eines neuen spirituellen Lebens auf den Grundlagen des Technischen Zeitalters. Daß es sich um ein neues spirituelles Leben handelt, folgt selbstverständlich aus der Erkenntnis, daß der Geist zur Biologie des Menschen gehört. Wandelt sich die Grundlage oder die psychologische Struktur, dann muß auch die Spiritualität offenbar einen von den früheren verschiedenen Ausdruck finden, wenn sie die Wahrheit unmittelbar zum Ausdruck bringen will. Eben deshalb zerfallen heute allenthalben die traditionellen Formen der Spiritualität. Zu ihrer Zeit brachten die alten Religionen und Philosophien die Stellung des Menschen im Weltall wahrheitsgetreu zum Ausdruck. Aber diese lag vor dem Beginn des Geologischen Zeitalters des Menschen. Damals war der Mensch, abgesehen von seinen geistigen Möglichkeiten, nur ein Tier unter anderen. Dies bezeugen die indische und chinesische Weisheit durchaus; nie galt ihnen der Mensch als der Natur überlegen. Aber selbst das Christentum, so gering seine Meinung von der letzteren war, sah im Menschen nie den Herrn der Schöpfung; im Gegenteil, ihm galt der Mensch als wesentlich machtlos und schwach. Heute nun ist der Mensch zweifelsohne wesentlich machtvoll. Folglich entsprechen die Formeln für die Stellung des Menschen im Weltall, welche dem nicht Rechnung tragen, nicht mehr den Tatsachen.

Hier haben wir dann an das wieder anzuknüpfen, was wir über das Zeitalter des Heiligen Geistes ausführten. Da der Geist integrierender Bestandteil des menschlichen Organismus ist, muß er sich als irdische Macht in Korrelation zum Ganzen ausdrücken. Ist der Mensch auf allen Linien und Ebenen mächtig geworden, dann muß sich auch seine Spiritualität in der Modalität der Macht und nicht der Unterordnung, des Ethos und nicht des Pathos manifestieren. Selbstverständlich wird es zahllose Einzelmenschen geben, die ihr persönlich richtiges Verhältnis zum Geist in der Form der Demut finden werden; dies war so sogar im goldenen Zeitalter des heidnischen Altertums; eben dies meinte jener Kirchenvater, der von der anima naturaliter Christiana sprach. Es mag sogar ganze Nationen gehen, deren Spiritualität in diesem technischen Zeitalter aus Kompensationsbedürfnis desto besser unter dem Zeichen des Pathos blühen wird. Allein im ganzen, und historisch gesprochen unter allen Umständen, kommt das Gesetz der Kompensation hier nicht zur Anwendung. Die antike Spiritualität trug das Zeichen des Allgemeingeistes des klassischen Altertums; die indische und chinesische Spiritualität das der allgemeinen Lebensmodalität jener Nationen. Desgleichen bestand zwischen der christlichen Spiritualität und der allgemeinen Struktur der christlichen Seele Übereinstimmung und Korrelation. Letztere Behauptung mag man zunächst auf Grund des Drangs nach Welteroberung und Weltherrschaft, der bei der ganzen nichtchristlichen Welt als hervorstechendstes Merkmal der christlichen Völker gilt, anzweifeln. Allein der Drang nach weltlicher Macht geht in erster Linie auf Rasseninstinkte zurück. Und dann ist charakteristisch für den Christen eben das Fehlen der Ganzheit, die Zerrissenheit zwischen Geist und Fleisch. Deswegen konnte in seinem Fall das Gesetz der Kompensation einsetzen. Der Zerrissenheitszustand machte die Weltlichkeit des Christen desto aggressiver, während sein Geistiges sich in entsprechendem Verhältnis in Form von Geduld, Ergebung und Demut ausdrücken mußte. Aber daran ist ein Zweifel kaum möglich — wer dies nicht wahrhaben will, verschließt sich einfach allem Augenschein —, daß die christliche Ära für die westlichen Nationen nur eine Stufe der Entwicklung bedeutet hat. Unter Europäern können die Russen allein als wahrhaft christlich im ursprünglichen Sinn gelten; und der ursprüngliche Sinn ist offenbar der maßgebende — Jesus und seine unmittelbaren Nachfolger werden doch wohl besser gewußt haben, was sie meinten, als moderne Interpreten ihrer Lehre. Innerhalb des römisch-katholischen Systems erhielt sich viel heidnisches Altertum. Mit der Reformation nun setzte die Entchristlichung ein, denn mit ihr begann das Prinzip des Ethos im Gegensatz zum Pathos vorzuherrschen.

Die westliche Welt ist letztlich in der Tat nicht für das christliche Zeitalter, sondern das des Heiligen Geistes geschaffen. Da die Westvölker von Hause aus allzu weltlich gesinnt waren, tat ihnen eine von einem tief unweltlichen Geist beseelte Erziehung freilich dringend not; es ist eine richtige bonne Fortune, daß diese ihnen zuteil ward. Doch seit der Emanzipation des Intellekts hat der Westen seine eigenste Bahn endgültig betreten. Vorerst tastet er noch auf vielen Wegen und Umwegen nach dem fernab geschauten Licht, im Himmel, in der Vergangenheit, in der Zukunft. In Wahrheit leuchtet es in der Seele jedes Einzelnen. Da aber alle im kollektiven Unbewußten geborgenen Bilder christlich sind, muß selbstverständlich auch eine Mutation sich selbst zunächst als Rückschlag zum Urtypus auffassen. Hieraus erklärt sich denn sowohl die Tatsache wie der Erfolg der Christian Science auf amerikanischem Boden. Obgleich sie bewußt mit allerlei groben Mißverständnissen und Vorurteilen verquickt ist und sich im besonderen ehrlich für eine Verkörperung der wahren Lehre Christi hält, bringt sie doch faktisch in noch so rudimentärer, einseitiger und verzerrter Form den Geist des Zeitalters des Heiligen Geistes zum Ausdruck. Daher ihre bejahende Einstellung. Da der Sinn den Tatbestand schafft, muß schon bloße Bejahung Wunder wirken an allen denen, die aufrichtig an die Lehre der Christian Science glauben. Allein das lebendige Prinzip der Christian Science bedeutet noch sehr viel wichtigeres: sie bedeutet, unter Voraussetzung der einmal gegebenen Psychologie des amerikanischen Volkes unmittelbar den Ansatzpunkt und zugleich das Werkzeug dazu, den Gleichgewichtszustand, in dem alle Macht äußerlichen Dingen zugehört, in einen anderen, in dem das Geistige vorherrschte, überzuführen. Denn da die modernen Amerikaner geistig ebenso passiv, wie sie in äußerlicher Betätigung aktiv sind, so ist eine Spiritualisierung dieser nur mittels extremer Bejahung der aktiven Seite des Geistes zu erzielen. Dennoch kann die Christian Science nicht mehr als eben einen Türöffner bedeuten. Dem geistig reifen Menschen liegt das Heil nicht mehr in blindem Glauben: nur in der Erkenntnis kann er es finden. Verstehen nun ist ein ebenso positiver Prozeß wie der der Christian Science. Man kann nur von innen her verstehen, indem man der Erfahrung, welche man vorerst hinnehmen muß, einen eigenen Sinn gibt. Andererseits ist jedes Ethos mit entsprechendem Pathos verknüpft; genau wie man seinen Geist in weiblicher Weise öffnen muß, um zu verstehen, genau so setzt die Christian Science das Pathos des Glaubens voraus. Nichtsdestoweniger thront Verstehen unermeßlich hoch über jeder Art Glauben. Und dies zwar deshalb, weil es, par définition, nur Verstehen der Wahrheit sein kann. Hier handelt es sich nicht um Suggestion, das heißt einen Überbau imaginierter Wirklichkeit, die nur zufällig zu tieferer Wirklichkeit werden kann, sondern um die Identifizierung und die darauffolgende Wesensvereinigung von Subjekt und Objekt.

Dies führt uns denn zu einer Definition der neuen Art Spiritualität, die allein im Zeitalter des Heiligen Geistes den Tatsachen wie auch dem Sinn entspräche. Es war die Tragik aller der geologischen Epoche des Menschen vorangehenden Spiritualität, daß sie sich nur als Weltflucht behaupten konnte, denn die Welt war auf ihrer eigenen Ebene übermächtig. Doch schon die Weisen der ältesten Zeiten haben gewußt, daß das Ideal nicht in der Loslösung von der Natur liegt. Konfuzius sagte:

Das Tao ist nichts, das von der Welt getrennt oder gelöst wäre.

Buddha, der seine Laufbahn als Asket begann, endete nicht als Asket. Christus war es nie. Auf Grund des alle Manifestation des Lebens beherrschenden Gesetzes der Korrelation von Sinn und Ausdruck gilt der Satz: je reicher die Ausdrucksmittel, desto mehr Geist kann unserer Welt eingebildet werden. Schien dies bisher nicht so zu sein, so lag das nicht am Geist, sondern daran, daß der Mensch sein wahres Wesen nicht verstand. So konnte grundsätzlich — wie paradox dies klingen möge — nur der Sieg über die Materie, wie er heute errungen ist, zu souveräner Herrschaft des Geists auf Erden führen. So bedeutet der heutige Materialismus grundsätzlich recht eigentlich die Schwelle zu tieferer Spiritualität. Und zwar die Schwelle zu vollständiger Spiritualität, nicht zu einer Spiritualität als einer Spezialität unter anderen, wie sie bisher geherrscht hat und in der Christian Science als Karikatur in die Erscheinung tritt. Hier stehen wir denn wieder dem Hauptfehler des heutigen Amerika gegenüber: seiner dürren und harten Holz- und Eisenqualität. Es kann keine vollkommene Spiritualität geben, die nicht süß und schmelzend wäre wie eine reife Frucht.

Die Sprache ist immer tiefer als alle Theorie. So ist es tief bedeutsam, daß das Wort Sinn in den meisten Sprachen zweierlei vertritt, was, oberflächlich betrachtet, im Widerspruch zu stehen scheint — Bedeutung und Sinnlichkeit. Ebenso bedeutsam ist es, daß die Bibel den Besitz einer Frau als sie erkennen bezeichnet — erkennen im Sinn des Verstehens; und daß das Bild des Geruchs der Heiligkeit in allen spirituellen Zeiten gebräuchlich war. In der Tat bedeutet Spiritualisierung allemal — um die geheiligten Worte Jesu anzuwenden — nicht aufheben, sondern erfüllen.

Der antwortende Aspekt möglicher Erfüllung ist nun Verstehen und nichts anderes. Verstehen hat mit Erklärung gar nichts zu tun. Es untersteht nicht dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Es ist unmittelbare Vereinigung von Geist und Geist, von Seele und Seele oder von Fleisch und Fleisch. Wieder verstehen wir den wahren Sinn dessen, was nicht mehr von dieser Welt ist, am besten, wenn wir vom Fleische ausgehen. Auf der Ebene des Fleisches und der niederen Seele bedeutet Inkompatibilität schon Mißverstehen. Daher seine verheerende Wirkung: nichts verletzt so tief wie Mißverstandensein, weil es die Negierung der eigenen Identität bedeutet. Es gibt eben nur lebendiges Verstehen. Verstehen in abstracto, wie es von der modernen Wissenschaft behauptet wird, bedeutet eine contradictio in adjecto. Der Geist ist keine Abstraktion; er ist ein ebenso Konkretes wie das Fleisch. Deswegen ward die Liebe zu aller Zeit zum letzten Sinnbild der Spiritualität erwählt. Nicht um ihrer Uneigennützigkeit willen — Liebe ist niemals uneigennützig, sie ist selbstlos, weil sie wie die Sonne strahlt und eben deshalb auch sengen und verzehren kann —, sondern weil es kein lebendigeres Verstehen gibt als das in der Liebe verkörperte. Leonardo da Vinci hat in einem berühmten Satz den Sachverhalt mißverständlich dargestellt. Er schrieb:

Die Liebe zu jeder Sache ist die Tochter ihres Verstehens. Die Liebe ist desto glühender, je gewisser die Erkenntnis.

Ebenso falsch ist die Behauptung, Liebe führe zum Verstehen — wie jeder x weiß, macht sie meist nur blind. Aber ein Besseres trifft zu: Liebe ist Verstehen. Liebe ist die unmittelbare Gemeinschaft und das Einssein zweier Geister; die letzte Einheit dessen, was auf Erden nicht wirklich zu vereinen ist. Aber aus diesem Grunde kann es keine geistige Liebe im Gegensatz zur irdischen geben, wenn einmal ein Mensch die Ebene vollkommener im Unterschied zu spezialisierter Spiritualität erreicht hat. Da der Geist zur Materie im gleichen Verhältnis steht, wie der Sinn zu den Buchstaben des Alphabets, und zugleich das äußerste schöpferische Prinzip verkörpert, so kann er sich durch alle irdischen Mittel ausdrücken. Und nur so kann er sich vollkommen verwirklichen, daß er alles durchdringt bis ins letzte materielle Atom hinab, wie der vom Dichter gemeinte Sinn seine Verse bis in die Interpunktion hinein durchdringt. Diese Art des Verstehens allein bedeutet wahres und vollständiges Verstehen. Das Christentum begann seine Laufbahn auf einer zu niederen Erkenntnisstufe, um seine tiefe Einsicht sinn- und tatsachengemäß auszudrücken. Daher sein Mißverstehen des Gefühls der Liebe als eines Werts; daher die sehr wenig liebe-ähnliche Richtung seiner Fortentwicklung. Heute aber können wir verstehen. Andererseits muß heute, dank der im Bewußtsein des Menschen vor sich gegangenen Umstellung, der Nachdruck auf Verstehen gelegt werden. Ferner aber ist dieses wahre Verstehen, das allein heute nottut, alles andere als abstraktes Verstehen. Weder mit Wissen noch mit Erklärung hat es das mindeste zu tun. Mit Wissenschaft oder gar mit Philosophie im üblichen Wortverstande hat es nichts zu schaffen. In dieser Hinsicht liegen die Dinge ähnlich wie zu Beginn unserer Ära, da die geistlich Armen mit Recht für fähiger galten, die Wahrheit zu erfassen, als die Weisen. Was heute nottut, ist Zentrierung des Bewußtseins in schöpferischem Verstehen, so daß der Mensch hinfort ebenso selbstverständlich und zwangsläufig verstände, wie er atmet. Dies ist die einzige adäquate Art der Vergeistigung im Geologischen Zeitalter des Menschen. Hier liegt das einzige Tor, das aus dürrem Materialismus und ödem Intellektualismus herausführt. Und hier allein liegt das Heil zumal für Amerika, das Land, in dem Seele und Geist mehr als irgendwo sonst in Todesgefahr schweben.

Doch wie und inwiefern würde Spiritualisierung die Welt verwandeln? Am Äußerlichen würde sie nichts ändern. Sie würde das Zentrum im Menschen verlegen. Würde der moderne Mensch sich der spirituellen Wahrheit bewußt, er würde erneut erkennen, was allen großen und tiefen Zeiten bewußt war, daß Tatsachen nur dann vitale Bedeutung und Wert besitzen, wenn sie unmittelbar als Symbole erlebt werden. Daß wahres Verstehen heißt: durch sie hindurchsehen und durch sie hindurchleben. Daß der Glaube an Tatsachen als letzte Instanzen der gröbste aller Aberglauben ist. Und dann würde von innen her, auf geheimnisvolle Art, eine Wandlung erfolgen. Elias erwartete Gott als großen und starken Sturm; Er aber kam als sanftes, stilles Sausen. Genau so würde es auch jetzt keinerlei gewaltsame Wandlung geben. Desto radikaler aber wäre sie. Das Tier-Ideal verstürbe eines natürlichen Todes. Umgebung, Institutionen, Wissen, Erziehung würden automatisch ihre Bedeutung einbüßen. Materieller Fortschritt würde nicht mehr als Ziel an sich gelten. Und das Gesamtergebnis wäre, daß ein innerer spiritueller Kosmos, des Menschen alleinige wahre Heimat, das ganze Gebäude der modernen Welt durchdränge, erfüllte und zusammenhielte. Dies würde aber keine Restauration der alten Spiritualität bedeuten. Es handelte sich um eine neue und tiefere Spiritualität. Sie wäre Ausdruck tieferen Verstehens. Und dank diesem tieferen und geistigeren Verstehen allein wird dann der Mensch imstande sein, sich als spirituelles Wesen in seiner neuen Rolle des Herrn der materiellen Schöpfung zu behaupten. So wie die Dinge heute liegen, hat das Leben seinen gesamten Sinn verloren; daher die selbstmörderischen Tendenzen dieser Zeit. Nur wenn die Wurzeln tiefer als je früher ins Erdreich hinabreichen, wird die Krone des Baumes frische Blätter treiben. Doch diese Sinngebung wiederum hängt allein vom Menschen ab. Als Geist ist er vollkommen und wesentlich frei. Auf geistiger Ebene kann er nur kraft seiner Freiheit die gleiche Erfüllung erreichen, die auf der Ebene der Natur zwangsläufig erfolgt. So tut tieferes, immer tieferes Verstehen not. Es gibt kein anderes Mittel, keine andere Hoffnung, kein anderes Heil. Ein Mann besitzt eine Frau genau so tief, als er sie versteht: nicht anders hängt es von der erreichten geistigen Tiefe ab, ob der Mensch die äußerlich eroberte materielle Welt je besitzen oder ob er, wie heute, von ihr besessen bleiben wird. Doch nicht genug dessen. Je größer die Möglichkeiten, desto größer die Gefahren. Amerikas gegenwärtiger Zustand beweist, welch furchtbares Gericht derer harrt, die nicht verstehen. Gelingt es dem Menschen nicht, die Weltepoche, in der er die Natur eroberte, zu einer Stufe aufwärts auf der zur Welt des Geists hinanführenden Leiter zu gestalten — dann wird das, was wie Fortschritt aussieht, sich als Fall herausstellen — und diesmal nicht als Erster, sondern als Letzter Fall. Denn ist die Welt materiell erobert, der Geist jedoch besiegt — wie soll es eine andere Lösung gehen? … Je allbedeutsamer Materie erscheint, desto mehr zählt Geist allein. Ein vom Geiste undurchdrungener materieller Endsieg bedeutete absoluten Tod. Denn letztlich ist der Mensch nichts als Geist.

Ende

Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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