Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Die amerikanische Landschaft

Amerikanische Nomaden

Kehren wir nunmehr zu unserer These zurück, daß in Amerika die Erde und nicht der Mensch die letztlich herrschende Kraft ist. Natürlich glaube ich nicht ernstlich, daß Amerika als der schwarze Kontinent der Zukunft enden wird; aber ich hielt es für richtig, an dieser Stelle die Gefahren der Stadtzivilisation überstark zu betonen, weil die heutigen Amerikaner, sich ihrer gar nicht bewußt zu sein scheinen. Jetzt darf ich sagen, daß ein echter, bodenständiger, weißer Amerikanertyp trotz allem bisher Ausgeführten schon in der Entwicklung begriffen ist. Doch betrachten wir zunächst den Verlauf der Dinge, wie er in den Vereinigten Staaten nicht erfolgt ist, obgleich die Möglichkeit eines solchen Verlaufes vorlag, und stellen wir fest, welcher Menschentypus für die Zukunft nicht mitzählt. Die Neuengländer entwickelten sich nie zu einem wirklich eingeborenen Typus, weil sie die Hauptvertreter des reinen Puritanergeistes waren, das heißt des Geistes einer Kastenherrschaft, welche die ursprünglichen Rasseneigenschaften gegen den Ansturm der Einflüsse einer neuen Welt erhalten sollte. Hätten sie sich zu einer Krieger- oder Staatsmannskaste fortentwickelt, dann hätten sie sich günstigsten Falles als ein spezialisierter Herrschertyp erhalten können, wie die Jesuiten in einigen Teilen Südamerikas. Aber auf den — vom Standpunkt der Erde künstlichen — Baum wurden von Anfang an höchst erdferne, kulturelle Aspirationen aufgepfropft; die Folge war ein Kulturleben schier ätherischer Beschaffenheit. Ich kenne keinen unvitaleren, empfindsam-schwierigeren und vorurteilsreicheren Menschentyp als den von Boston; ihm gehören selbst Männer wie Henry Adams und Emerson an. Aber auch die unsteten Pioniere, deren Wesen Abenteuerlust und Draufgängertum war, faßten nie wirklich Wurzel; vom Standpunkt der Erde waren sie wesentlich Nomaden. Blieben sie Nomaden, so konnten sie sich naturgerecht nur in Form eines stark spezialisierten und engen Typs, wie dem des Cowboy, fortentwickeln; Wurzel konnten sie nicht fassen und daher auch keine Kultur hervorbringen.

Theoretisch betrachtet, wäre die gleiche Entwicklung denkbar gewesen, wie sie sich in Europa als Folge der Völkerwanderung (deren letzte Ausläufer der amerikanische Zug nach dem Westen ist) vollzog: die Eroberer hätten zu etwas den Lehnsherren der Alten Welt Entsprechendem und so auf höherer Ebene der Erde Verbundenem werden können. Die erste Tradition der Pioniere war tatsächlich eine fast gleichsinnig aristokratische wie die der Tradition der germanischen Eroberer Europas; auch diese empfanden sich alle als untereinander gleichberechtigt; und auch die Gesinnung jener war individualistisch und heroisch. Dementsprechend empfindet der ferne Westen, das letzte Gebiet, in dem dieser Typus dominiert hat, noch heute bewußt aristokratisch, und seine offen zur Schau getragene Verachtung des Mittel-Westens ist genau die gleiche, wie es die des Adligen für den Bürger war. Aber eine aristokratische Gesellschaftsordnung setzt die Anerkennung von Ungleichheiten voraus. Diese konnte nicht die Grundlage eines Landes werden, das von Leuten kolonisiert wurde, deren einziger Wunsch die Flucht vor jeder Art Ungleichheit war; auch konnte sie sich nicht entwickeln, wo die Kolonisten ursprünglich arm und demütigen Geistes waren und nichts von der Kriegervölkern eigenen Selbstsicherheit besaßen. Dennoch hätte, theoretisch gesprochen, das Bodenständigwerden der Einwanderer in der Neuen Welt in der Form der Grundherrschaft statt finden können; um so mehr als eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der Besiedlung Amerikas und derjenigen Indiens besteht. Allerdings war Amerika ein halbwegs unbewohnter Erdteil, als der Weiße von ihm Besitz ergriff, aber die Verschiedenheit der Rassen, welche nach und nach den Atlantik überquerten, führte bald zu einer ähnlichen Verschiedenartigkeit, wie sie in Indien besteht. Hätte die Kolonisierung Nordamerikas vor einigen tausend Jahren stattgefunden, so wäre die Endstruktur zweifelsohne dem indischen Kastensystem ähnlich gewesen. Da indessen die Besiedlung unter dem Einfluß der demokratischen Idee (oder besser gesagt Religion) erfolgte — der Gegenreligion des vom Kastengeist beherrschten Europa —, so wurden die faktisch bestehenden Unterschiede in der Bevölkerung niemals explizit und nicht einmal ganz bewußt; es war so etwas wie ein religiöses Prinzip, daß rassische oder soziale Herkunft nicht in Betracht kam — was ja anfangs wirklich der Fall war, da die Pioniere und Puritaner tatsächlich dem gleichen Stamm angehörten, und sie allein die Amerikaner waren. Aber dieser Zustand änderte sich mit jeder neuen Einwandererwelle aus anderen Ländern. Heute besteht de facto ein mildes Kastensystem, über welches im Kapitel Demokratie mehr zu sagen sein wird. Doch wie dem auch sei — das in diesem Zusammenhang Entscheidende ist, daß Amerika tatsächlich kein aristokratisches System entwickelt hat. Die ersten Siedler fanden keine eingeborene Rasse vor, die sie zu ihrem eigenen Nutzen beherrschen konnten, noch sicherten sie sich die Vorteile, die ihnen späteren Siedlern gegenüber eine Vorzugsstellung verliehen hätten. Gleichwohl beweisen die von Kavalieren besiedelten Regionen der heutigen Vereinigten Staaten, in denen importierte Sklaven als Arbeiter verwandt wurden, inwiefern ein aristokratisches Amerika grundsätzlich im Reich der Möglichkeit gelegen wäre. In den Südstaaten faßte der Einwanderer in einer dem Lehnsherrn entsprechenden Form Wurzel; demgemäß hat er keine Ähnlichkeit mit dem Schweizer. Er ist ebenso tief mit der Erde verwachsen wie dieser, hat aber seinen aristokratischen Charakter bewahrt. Allein der Gentleman aus den Südstaaten ist nicht der bodenständige heutige Amerikaner. Der Amerikaner gehört zum Schweizer Typ.

Was bedeutet dies? Und worin ist diese Sachlage begründet? Es bedeutet, daß das Prinzip der Erdgebundenheit im Gegensatz zum Geiste vorherrscht, und als Folge dessen Materie und Trägheit im Gegensatz zu Freiheit und Schöpfertum. In dem die Schweiz behandelnden Kapitel des Spektrums habe ich ausschließlich die negative Seite des Schweizertums betont, denn dies verlangte der Sinn des Buchs. Selbstverständlich hat es aber eine andere Seite, und ich qualifiziere gern meine früheren Urteile auf Grund der Kritik, die ihnen Dr. C. G. Jung im Juni Heft 1928 der Neuen Schweizer Rundschau zuteil werden ließ. Dort setzt Dr. Jung auseinander, daß es zwei entgegengesetzte Menschentypen gibt, die notwendig eine starke Abneigung gegeneinander spüren, die aber vom kosmischen Standpunkt beide gleich notwendig für die Erhaltung des Lebens auf diesem Planeten sind: der Typus des Geistesmenschen und der des erdgebundenen Menschen. Diese zwei Typen, sagt Jung, entsprechen den zwei Grundprinzipien der chinesischen Philosophie, Yang und Yin (dies ist nicht wirklich der Fall, aber in diesem Zusammenhang sind die so oft falschverstandenen chinesischen Ausdrücke zu gebrauchen, weil sie kein verzerrtes Bild der Tatsachen ergeben).

Der vom Geist dominierte Mensch ist Yang, der Erdmensch ist Yin; ihn kennzeichnet eine primäre Beziehung zur Erde. Diese zwei sind Feinde von Ewigkeit her, und doch bedarf einer des anderen. Auch der erdgebundene Mensch lebt einem Grundprinzip gemäß, insofern hat auch er teil am Großen und Edlen … Aus der Erdgebundenheit des Schweizers gehen sozusagen alle seine guten und schlechten Eigenschaften hervor, die Bodenständigkeit, die Beschränktheit, die Ungeistigkeit, der Sparsinn, die Gediegenheit, der Eigensinn, die Ablehnung des Fremden, das Mißtrauen, das ärgerliche Schwizerdütsch und die Unbekümmertheit oder Neutralität — politisch ausgedrückt … Sollte es so sein, daß wir die rückständigste, konservativste, eigensinnigste, selbstgerechteste und borstigste aller europäischen Nationen sind, so würde das für den europäischen Menschen bedeuten, daß er in seinem Zentrum richtig zu Hause ist, bodenständig, unbekümmert, selbstsicher, konservativ und rückständig, das heißt noch aufs innigste mit der Vergangenheit verbunden, neutral zwischen den fluktuierenden und widerspruchsvollen Strebungen und Meinungen der anderen Nationen resp. Funktionen.

Ich glaube, jeder intelligente Amerikaner, der diese Charakterisierung des Schweizers liest, wird sofort erkennen, daß sie in erstaunlichem Maß auch auf den Typus des Mittelwestlers paßt; nur daß derselbe Grundtyp, der in der Schweiz als Kleinbürger auftritt, in einem weiten Neuland, wo Sparen lächerlich wäre, die Gestalt des unternehmungsfreudigen George F. Babbitt annimmt. Dies ist äußerst wichtig und interessant. Babbitt ist wesentlich ein wurzelechter Typus, das einheimische Erzeugnis eines bestimmten Bodens und keines anderen. Und nun lassen wir im Geist die Tausende von eingeborenen Amerikanern an uns vorüberziehen, wie wir alle sie in den Pullmanwagen und Hotelhallen beobachtet haben, und die nähere Bekanntschaft trotz deutlicher regionaler Unterschiede als einander erstaunlich ähnlich erwies: sind es nicht alle Schweizer im besten Sinn? Ihre Liebe für ihre Vaterstadt, so jung sie sei, ist fanatisch; alle Bräuche und Konventionen sind sakrosankt; selbstverständlich ist Amerika der beste Platz für Amerikaner — aber innerhalb seiner wird alles, was fern und verschieden vom Zuhause ist, als minderwertig beurteilt. Alles Ungewöhnliche — von dem, was als revolutionär gedeutet werden kann, zu schweigen — ist verdächtig; reine Vernunft hat gar keinen Wert, die Gefühle des Volkes sind letzte geistige Instanz. Um so höher werden die traditionellen Gefühle bewertet, und die meisten dieser beziehen sich auf die heimatliche Erde. Man lasse sich hier ja nicht durch das Gegenbeispiel des noch im Nomadenzustand lebenden Amerikaners irreführen — eines Typus, der in einem jahraus, jahrein von Neuankömmlingen überfluteten jungen Lande naturgemäß sehr häufig vorkommt: das Entscheidende ist, daß der des Mittelwestlers trotzdem schon dermaßen dominiert, daß die meisten Amerikaner dem Fremden erklären, das eigentliche Amerika beginne erst im Mississippital. Auch erhebe niemand den Einwand, der amerikanische Regionalist könne kein wirklich echter Typus sein, weil sogar er selten sein ganzes Leben an einem Ort verbringt: der springende Punkt ist, daß die Sehnsucht nach Bodenständigkeit in der Seele des Amerikaners so heftig ist, daß er sie sofort überallhin übertragen kann, wie eine alte Jungfer ihre mütterlichen Gefühle von einem Schoßhund auf den anderen überträgt. Ebensowenig lasse man sich durch George F. Babbitt Fortschrittsliebe beirren: fortschreiten in seinem Sinn ist gerade die traditionell-amerikanische Lebensweise; diese Art Fortschritt ist auf amerikanischem Boden der typische Ausdruck konservativer Gesinnung. Der Hirsch ist, weil er schneller läuft, in seinen Gewohnheiten nicht weniger konservativ als die Schildkröte.

Um die volle Bedeutung dieser Tatsachen zu ermessen, machen wir uns klar, daß der Mittelwestler überall in den Vereinigten Staaten der Prototyp des hundertprozentigen Amerikaners ist, und daß er gewöhnlich von abenteuerlustigen Pionieren abstammt. Dies beweist, daß er wirklich ein zum Landmann gewordener Nomade ist. Wie ist es nun möglich, daß gerade er mit dem Schweizer konvergiert, wo doch die Schweiz klein und Amerika unermeßlich groß ist? Die Erklärung liegt nahe. Jede autochthone Kultur hat als regionale Kultur begonnen. Kultur ist allemal eine Tochter des Geistes aus seiner Vermählung mit der Erde. Wer noch kein echter Sohn des Bodens ist, auf dem er lebt, kann die Materie nur im kleinen geistig erobern. Bei allen ersten Anfängen der Geschichte war gleiches zu beobachten. Wenn daher M. P. Follett (vergleiche ihr Buch The New State) erwartet, der nächste Schritt in der Fortentwicklung der Demokratie werde die Herstellung von Nachbarschaftsverbänden sein, so irrt sie, wenn sie dabei an Fortschritt denkt; sie hat aber vollkommen recht in bezug auf die Tatsachen des amerikanischen Lebens: ein wirklich echtes amerikanisches Leben kann sich nur aus kleinen und engen Anfängen heraus entwickeln. Gewiß besteht ein auffallender Widerspruch zwischen der Groß- und Weitzügigkeit des amerikanischen Nomaden, der das Land heute beherrscht, und dem extremen Regionalismus von Babbitt; doch dieser Widerspruch bedeutet in Wahrheit einen Kontrapunkt. Seine Sonderart aber geht auf das Zusammenwirken der folgenden Ursachen zurück. Zunächst ist der Geist der amerikanischen Erde so mächtig, daß der Mensch seiner anfangs nur durch Verschmelzung im kleinsten Maßstab Herr werden kann. Der nächstwichtige Grund für die Engigkeit des fraglichen Typs liegt in der Seelenlosigkeit des Kolonisten. Diese Seelenlosigkeit tritt beim Amerikaner besonders extrem in die Erscheinung, weil der unvermeidliche Verlust an Gefühlskräften in seinem Fall mit einer außerordentlichen Entwicklung der Kräfte des niederen Intellekts zusammentraf, welcher es zum Erfolge auf technischem Gebiet bedarf; Intellektualisierung ohne entsprechende Seelenentwicklung führt immer zur Barbarisierung. Der Puritanismus begünstigte seinerseits die Seelenlosigkeit, und umgekehrt neigte der Seelenlose naturgemäß zum Puritanismus: da im puritanischen System für die Werte reich entfalteten Lebens kein Raum war, so empfand der Kolonist die Verdürftigung seines Wesens desto weniger, je ausgesprochener und echter sein Puritanismus. Nun fand dieser seelenlose Menschentyp in den Vereinigten Staaten ein unermeßlich weites Betätigungsgebiet. Desto mehr sehnte er sich nach kompensatorischer Enge; die typische Sentimentalität des Amerikaners ging von Anfang an auf das Nächstliegende und Vertrauteste im Sinn des kleinen Manns. So fand der Nomade, als er bereit war, seßhaft zu werden, am Engregionalen das natürliche Objekt für seine unterentwickelten und unverbrauchten Energien. — Der dritte Grund, der uns hier angeht, wirkt auf das gleiche Ergebnis hin. Die meisten Amerikaner stammen von armen Leuten und niederen Ständen ab; soweit Vererbung bestimmt, ist ein Leben in engem Rahmen für sie naturgemäß. Dieses alles zusammengenommen dürfte zur Erklärung dessen genügen, warum der Gesichtskreis des typischen Amerikaners ausgesprochen provinziell ist. Er steht nicht nur allem, was außerhalb Amerikas vorgeht, gleichgültig gegenüber — wirklichen Anteil nimmt er nur an den Ereignissen seiner allernächsten Nähe. Und diese Neigung steigert sich von Jahr zu Jahr. Ich bin im Westen und Süden sehr reichen Leuten begegnet, die nie in New York waren und nicht die Absicht hatten, je dorthin zu gehen.

Babbitt repräsentiert freilich den niedersten Typus des wurzelechten Amerikaners. Aber in einer Demokratie amerikanischen Musters war es unvermeidlich, daß er sich zuerst entwickelte und den Ton angab; nur in aristokratischen Gemeinwesen kann die Entwicklung bei hoher Kultur ansetzen. In den Vereinigten Staaten werden die höheren Typen später aus einem Differenzierungsprozeß hervorgehen, und darüber wird Zeit vergehen. Doch die Amerikanisierung des Amerikaners hat ja eben erst begonnen; der Assimilationsprozeß kann nur sehr langsam fortschreiten, erstens weil fremdes Blut fortwährend zuströmt, und zweitens, weil die Ideale von Amerika als einer Zuflucht für alle und einem von Vorurteilen unbeschwerten Lande der vollkommenen Freiheit noch weit verbreitet sind. Diese Freiheitsideale bedingen ihrerseits, daß der sich neubildende enge Menschentyp sich desto leidenschaftlicher an seine Engigkeit festklammert. Es ist unmöglich, den Ku-Klux-Klan, den Fundamentalismus, das hundertprozentige Amerikanertum und, allgemeiner, den allgegenwärtigen selbstgerechten Provinzialismus zu verstehen, bevor man einsieht, daß Widerstand gegen bestehende Zustände in ihrer Psychologie eine große Rolle spielt.

Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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