Schule des Rades

Hermann Keyserling

Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit

Selbstverwirklichung

Selbstbewußtsein

Kein Zweifel: der Ausdruck Selbstverwirklichung mitsamt den Forderungen, welche er einschließt, leuchtet jedem Besinnlichen so selbstverständlich ein, daß er ihn, sobald er ihn einmal gehört hat, unwillkürlich und unbedenklich von sich aus anwendet. Gleiches galt nicht von der Mahnung des Delphischen Gottes Erkenne dich selbst. Die wurde nur als Gebot eines menschenfernen Gottes anerkannt und ihre Erfüllung gehörte ins Gebiet jenes Sollens, dessen Bedeutung im Haushalt des Menschenlebens, soweit dieses frei-willig verläuft, am besten durch die klassische Formel gekennzeichnet wird, mit welcher spanische Vizekönige in Peru die Weisungen des Consejo de Indias in Sevilla zu quittieren pflegten: Se obedece, pero no se cumple; man gehorcht, aber man führt nicht aus. Und wirklich gelingt weniges schwerer, als sich selber zu erkennen. Aber sich selbst verwirklichen könnte jeder, wenn er nur wollte: so urteilt das allgemeine Gefühl. Dem wäre auch so — wenn man nur immer wollen könnte, was man möchte. Der grundsätzliche Unterschied zwischen den Forderungen, sich selbst zu erkennen und sich selbst zu verwirklichen, beruht nun darauf, daß ein erfülltes Leben ohne Selbsterkenntnis sehr wohl möglich ist, nicht jedoch ohne den vorhandenen Kräften entsprechende Selbstverwirklichung oder wenigstens Streben nach solcher. Das aber beruht darauf, daß beim Menschen erst Initiative, Zucht und Arbeit vollenden, was bei Pflanze und Tier die Natur vom Anfang bis zum Ende selbstverständlich leistet. Nicht einmal der Körper verwirklicht nach erfolgter Geburt bei jenem alle seine Möglichkeiten selbsttätig; ohne Pflege bleibt er nicht auf der Höhe. Ein Tiger mag jahrelang beinahe ohne Bewegung im Käfig gefangen gehalten werden und seine Kraft und Geschmeidigkeit dennoch nicht verlieren: beim Menschen bildet sich, was nicht geübt wird, mit erschreckender Schnelligkeit zurück. Es gibt kein unmoralisches Tier. Was beinahe immer mißverständlicherweise als Sondersphäre einer aus eigenem Rechte lebenden Moral als Provinz rein geistbestimmter Ethik betrachtet wird, bedeutet ursprünglich und meistens durchaus nichts anderes, als eine Provinz artgerechter Form und Ordnung des Lebens überhaupt, somit ein Biologisches, und die wird bei Tieren auch auf dem Gebiet der Seele von der Natur so selbstverständlich geschaffen und erhalten, wie dies beim Menschen nur noch von den Körperorganen gilt. Sogar das natürliche Gleichgewicht dieser, Gesundheit geheißen, erscheint beim Menschen dauernd gefährdet, falls keine Pflege eingreift, denn bei ihm streben die Triebe, sich selber überlassen, auseinander, anstatt harmonisch zusammenzuwirken und dadurch automatisch jedem einzelnen das erforderliche Maßhalten aufzuerlegen. Der Mensch muß aus bewußtem Entschluß das Richtige erkennen oder annehmen und dann festhalten, um in Form zu sein. Ihm fehlen fast alle verläßlichen Instinkte, obgleich auch er natürlich, soweit er Tier ist, wenn auch recht schwache Instinkte besitzt; er muß aus Erfahrung lernen, und wenn er einerseits schier unbegrenzt lernen kann, so lernt er eben darum nie aus. Doch nicht genug dessen. Zu den von der Natur vorherbestimmten und selbsttätig verwirklichten Gestaltungen gehört beim Tiere auch das artgerechte Schicksal. Wohl mag bei ihm Zufall, zu welchem auch vorzeitiger und gewaltsamer Tod zu rechnen sind, die Schicksalslinie abbiegen oder abschneiden — der Eigeninitiative bedarf das Tier zu seiner Erfüllung nicht. Der Mensch hingegen erfüllt dann allein seine Bestimmung im weitesten wie im allerengsten Verstand, wenn er sich dies persönlich zum Ziel setzt und sinngerecht daran arbeitet.

Den gegebenen Beispielen lassen sich so viele andere hinzufügen, als es seelische und geistige Probleme gibt. Alle besagen das gleiche: der Mensch muß sich buchstäblich selbst verwirklichen, wenn er seine ganze Wirklichkeit realisieren will. Was immer ungenaues Denken behaupte, im üblichen Sinne von selbst geschieht sehr wenig bei ihm. In Deutschland kämpft am heftigsten Johannes Müller-Elmau gegen Verstandes- und Willenskultur; alles geschehe richtig ganz von selbst, wenn man sich nur rein empfänglich zu Gott verhält und in jedem Lebensanspruch eine Offenbarung Gottes sieht: aber gerade die von Johannes Müller geforderte Einstellung, auf die doch alles ankommt, kommt niemals von selbst zustande. Man muß sich persönlich und willentlich und bewußt und konsequent für sie entscheiden, und den allermeisten gelingt das nie; sehen sie nicht ein, daß es so sein muß, dann wollen sie es auch nicht, und die meisten wollen überhaupt nicht irgend etwas verantwortlich einsehen. Intuition kann freilich Entwicklung nicht nur außer, sondern auch in sich im Geist vorwegnehmen, tatsächliche Verwirklichung führt sie nicht herbei. Instinkte gar, welche ihn zur Erfüllung seines Schicksals zwängen, besitzt der Mensch überhaupt nicht. Instinkte können ihrem Wesen nach nur in der organischen Sphäre am Werke sein; darum gibt es wohl instinktive Mutterliebe, aber schon keinen Instinkt für richtige Gattenwahl.

Das Wirkliche, worauf die beiden letztgebrauchten Begriffe — nota bene wo sie überhaupt Reales betreffen — hinweisen, ist das Wahrnehmen des Werdens im Unterschiede vom Gewordenen, zur unabänderlichen Tatsache Geronnenen in und außer uns, und eines bestimmten Strebens in bestimmter Richtung. Die Ausführung, als welche erst das eigentliche Leben darstellt, ist, im Bilde der Musik, die gespielte Melodie; sie allein ist verwirklichte Musik; was Intuition vorwegnimmt, entspricht bestenfalls der Partitur, die in der Gleichzeitigkeit als Anlage vorzeichnet, was sich nur in der Folge realisieren kann — aber keine Partitur kann selber spielen. So bleibt dem Menschen tatsächlich, wie immer er sich stelle, nichts anderes übrig, als sich selber zu verwirklichen, wenn er sich überhaupt verwirklichen will. Das kann ihm kein anderer abnehmen. Die Initiativefeindliche Trägheit im Menschen, die Gana in ihm, jenes halbtierische Grenzwesen, das allem Höheren zur Naturgrundlage dient und das ich in den Meditationen genau beschrieben habe, versucht aus lauter Initiative-Feindschaft als Letztes, wenn es gar nicht mehr anders geht, alle Verantwortung auf die Erziehung abzuwälzen und damit den Erwachsenen in den Kindheitszustand zurückzuzwingen. Hier liegt der wahre Sinn aller Erziehungs- und Bildungssysteme, aller Kirchen und sonstigen Kult- und Kulturstätten. Diese sollen als geistige oder geistliche Mütter — man denke an die Universität als Alma Mater, an das Bild der Heimkehr in den Schoß der Kirche dem Strebenden möglichst alle Initiative abnehmen. Aber dies gelingt desto schlechter, je mehr der Geist einer Bevölkerung sich differenziert, und ist einmal Selbstbewußtsein erwacht und damit die Abgeschiedenheit als eigentlicher Ort des eigenen Wesens noch so dunkel erkannt, kann überhaupt nur mehr bejahte und alle Verantwortung übernehmende eigene Initiative frommen. Ist der Mensch nun aber hoch genug entwickelt, um in seinem Bewußtsein seinen eigenen Geistesgrund zu spiegeln, dann erkennt er, daß der Weg der Selbstverwirklichung auf anderer, höherer Ebene dem des Von-selbst-Werdens der Natur genau entspricht und daß es darum ein Mißverständnis bedeuten muß, auf der Ebene der letzteren Erfüllung seiner Bestimmung zu suchen. Wohl wird der Mensch als Körper geboren, ist er jung, wächst, altert und stirbt er zuletzt von selbst, wie jedes Tier. Und freilich kann er aus Freiheit in der Erfüllung der Naturforderung die Erfüllung seines Geistwesens suchen. Nur findet er sie dort nie. Und nicht schön, sondern als Karikatur oder Entartung wirkt auf den unbefangenen Blick des echten Menschen jeder andere, der nach Durchmessung der Elementaretappen organischen Wachstums, also spätestens von der Mündigkeit an, keinen höheren Lebensinhalt als denjenigen tierhafter Befriedigtheit kennt. Und sogar in diesem Falle sucht sich das Überanimalische im Menschen zu behaupten: es bildet alsdann das Natürliche zum Laster um, zu welchem nicht zuletzt die Kultur haltloser Mütterlichkeit zu rechnen ist. Jede Idealisierung des Natürlichen bedeutet Verkennung der Bestimmung des Menschen. Nur als zeitweiliger Rückfall zum Zwecke der Erholung und Verjüngung eines überanstrengten Organismus ist Primitivierung nicht als ein Pathologisches zu beurteilen.

Der normale Weg für den Menschen, der seine Bestimmung erfüllen will, führt also nicht horizontal auf der Naturebene weiter, er führt ansteigend über diese hinaus. Was dem Tiere letzte Instanz ist, ist es dem Menschen nicht mehr. Andererseits aber stellt sein Weg zur Vollendung, wie schon gesagt, eine Entsprechung des Naturweges dar. Genau wie die körperliche Entwicklung beim Keime ansetzt und sich durch bestimmte Etappen hindurch entfaltet, genau so keimt und entfaltet sich das beseelte Geistwesen. Und doch ist die Entsprechung keine genaue. Der Körper beginnt seine eigentliche Laufbahn mit der Geburt, denn von dort an erst lebt er für sich. Im Falle des Geistwesens spiegelt das Bewußtsein zunächst gerade den Keim und dessen nächste Entwicklungsstadien. Über die Geburt des Selbstes gelangt eine irdische Entwicklung selten hinaus. Als Geister wirklich erwachsen sind innerhalb der Kulturen, von denen wir wissen (die Mythen und Sagen berichten freilich von älteren, den nachweisbaren weit überlegenen, in denen es anders war), nur ganz wenige Individuen gewesen, welche ausnahmslos als mehr-als-Menschen erinnert werden, und seine Bestimmung auf Erden, so wie der Normalmensch sich solche Erfüllung vorstellt, hat kein voll erwachter Geist jemals erfüllt. Jesus wurde gekreuzigt, und die meisten mit ihm einigermaßen Vergleichbaren endeten irgendwie tragisch, wo sie nicht im Verborgenen blieben oder sich rechtzeitig aus der Welt zurückzogen. Das Erdenleben ist für den Geist eben keine Stätte der Erfüllung, sondern der Vorbereitung, Erziehung und Prüfung. Aber eben als solches wollen wir es. Alle Strebenden empfinden es rückblickend als Segen, wenn und daß ihr Leben Mühe und Arbeit war, sofern nur der Seele völlig unerträgliche Schmerzen dabei ausblieben.

Hermann Keyserling
Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit · 1941
Selbstverwirklichung
© 1998- Schule des Rades
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