Schule des Rades

Hermann Keyserling

Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit

Lektüre und Meditation

Frucht

Soviel von persönlicher geistiger Beziehung von Mensch zu Mensch. Selbstverständlich schreibe ich unter der Voraussetzung, daß der eine am anderen wachsen und weiterkommen will. Wo diese Voraussetzung fehlt, dort gehört der Verkehr bestenfalls in das Gebiet des Interessenkampfes oder des schönen Spiels, meist aber in das Gebiet entweder der Kurzweil oder der Langeweile. Da ich mich noch nie gelangweilt habe und keinerlei Bedürfnis spüre, die ohnehin kurze Zeit, über die ich in diesem Erdendasein verfüge, totzuschlagen, so sage ich hierüber angesichts so formidabler Opposition anders Eingestellter, die im Falle meines Insistierens gar zu böse werden könnten, lieber kein Wort mehr, sondern setze die Betrachtungen des ersten Abschnitts in Hinsicht auf die meiner Ansicht nach rechte Art des Lesens fort.

Da muß ich denn gestehen: Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum irgend jemand, der über seine Lernjahre hinaus ist — von beruflich erforderlicher und reiner Entspannung dienender Lektüre natürlich abgesehen —, zu anderem Ende als dem persönlicher Förderung und damit inneren Wachstums liest. Stoff, welcher einen nicht innerlich angeht, beschwert nur. Wege zu begehen, welche in keiner Hinsicht eigene Wege sind, führt zur Verirrung und im Grenzfall zur Entgleisung. Einsichten anderer, die einem nicht persönlich einleuchten oder aber durch Gegenbewegungen, welche sie einleiten, andersartige Selbsterkenntnis vorbereiten, blenden das innere Auge. Das sachlich Interessante ist nie das wesentlich Wichtige. Darum scheidet für mich und meinesgleichen jeder sachliche Gesichtspunkt bei der Auswahl zu lesender Bücher grundsätzlich aus. Viele nun, welche sich in meinem Sinn zu ihrer Subjektivität bekennen, lesen darum überhaupt nicht; sie halten sich durchaus an das Eigene. Doch diese verkennen damit die wahre Situation. Auf Grund des Urgesetzes der Polarisation muß sich der Mensch mit dem Nicht-Ich polarisieren, um persönlich zu wachsen. Solches Polarisieren und nichts anderes bedeutet rechtverstandenes Meditieren. Und da das innere Wachstum in steter Wandlung verläuft, so ist von Zustand zu Zustand Polarisierung mit anderem vonnöten. Welches andere hier jeweils in Frage kommt, das zeigt das echte Interesse, im Fall von Büchern genau so wie von Frauen. Wer da nun allezeit aus wohlverstandenem Interesse liest und nur aus ihm heraus seine Auswahl trifft, dessen Lesen ist zugleich ein Meditieren, und die Folge der inneren Früchte seiner Lektüre ist, von außen her betrachtet, spirituelle Autobiographie: daher das besondere Interesse, welche die Bücherbesprechungen bedeutender Geister von jeher gefunden haben. Solche schrieben, wo sie irgend konnten, nur darüber, was sie innerlich berührte. In der Berührtheit aber äußerte sich allemal ihr eigenstes Leben.

Seit zwanzig Jahren gebe ich meinen Schülern wieder und wieder den Rat, ihr persönliches Interesse grundsätzlich als Symptom dessen aufzufassen, was sie im Augenblicke fördern kann, gleichviel was dieses sachlich geurteilt wert sei, und ihr Interesse so ernst als überhaupt möglich zu nehmen. Das Interesse erweist nämlich das Dasein eines schon vorhandenen Spannungsfeldes, das Polarisierung ermöglicht — ohne Polarisierung aber gibt es keine Schöpfung. Je reicher nun eine Natur, desto vielfältigerer Polarisierung bedarf sie zu ihrer Selbstverwirklichung; der freieste Geist wäre der, welcher sämtlicher Teile des Weltalls zur Evokation der in ihm wirkenden Pole bedarf und insofern der bedingteste Mensch ist. Darum wird ein Mensch, je reicher ausgeschlagen er ist, sich sukzessive für desto Vielfacheres interessieren. Je weiter er nun kommt in seiner Selbstverwirklichung, desto weniger wird er es aus Interesse an der Sache tun: desto ausschließlicher wird er sein Augenmerk darauf richten, was die Erfahrung in ihm auslöst. Was für den Menschen letztlich zählt, weil es allein seinem möglichen Körper der Unsterblichkeit zugehört, ist nicht das Werk, sondern die Frucht des Werkes, nicht Sieg oder Niederlage, sondern deren Frucht, nicht die Sünde, sondern die Frucht der Sünde und so fort in schlechthin allen Hinsichten. Die Frucht von Lektüre ist nun in den meisten Fällen ein ebenso Verschiedenes von dem, was der betreffende Autor meinte, als es die von Sünden geerntete Frucht der Sünde ist gegenüber ihrer Wirkung auf andere. Aber auf diese Frucht allein kommt es wesentlich an.

Wer da in diesem Sinne liest, der muß an seinem Lesen innerlich wachsen. Denn wenn er seine eigenen verschiedenen Perioden, wie sie Goethe hieß, welche von Fall zu Fall und von Frist zu Frist verschiedene Interessengebiete eröffnen und in besonderem Rhythmus, welcher oft ein kontrapunktischer und damit das Gegensätzliche mit in die Komposition hineinbeziehender ist, aufeinander folgen, richtig erkennt, richtig einschätzt und diese Perioden bewußt zur Erweiterung und Vertiefung der Grundlage seines persönlichen Lebens nutzt, der bezieht, lebt er lange und intensiv genug, so viel Weltall in sich hinein, als er überhaupt aufzunehmen in der Lage ist. Je mehr Einbildungskraft einer hat, desto weniger bedarf er direkter Eindrücke, um zu sehen und zu verstehen. Meist reichen die in der Jugend gewonnenen für das ganze Leben aus. Später leisten Bücher alles Erforderliche und Förderliche. Ich habe nie begriffen, warum man alles, oder überhaupt irgend etwas, unbedingt selber gesehen haben muß. Das Selbst-Sehen ist nur dort vorzuziehen, wo die eigenen Aufnahme-Organe zweifellos besser arbeiten als diejenigen anderer. Sonst ziehe ich die Eindrücke besser Begabter den meinen vor. Ich sehe auch nicht ein, warum ich mein Gehirn allein benutzen soll: auf den Gebieten oder in den Disziplinen, in denen ein anderer mir überlegen ist, ziehe ich die Arbeit dieses anderen meiner eigenen vor. Sie kann leicht zuverlässiger als die eigene sein: so eingebildet bin ich nicht, daß ich alles am besten zu können wähne, und andererseits glaube ich genügend Urteilskraft zu besitzen, um Schwindel von Wahrhaftigkeit, Echtheit von Unechtheit zu unterscheiden. Einem anderen aber weniger zu trauen als sich selbst, ist grundsätzlich verfehlt, da das Selbst zum Ich in keiner geringeren Distanz steht als zum Du; Mißtrauen bedeutet in den meisten Fällen nichts als Eitelkeit. Das ist ja das eine unbedingt Positive an der Erfindung der Schrift: daß sie jedermann ermöglicht, über die Grenzen seiner eigenen Befähigung hinaus weit zu werden. Der Mensch lebt nun überhaupt viel mehr in der Vorstellung und von Vorstellungen als von Eindrücken. Gerade der Primitive erlebt so gut wie ausschließlich von Vorurteilen her. Darum haben die allermeisten mehr von Gelesenem als von selbst Gesehenem. Ganz wenige Menschen, welchen ich begegnet bin, haben von ihren Reisen im späteren Leben — in jungen Jahren liegen die Dinge anders — viel gehabt. Aber sogar die wenigsten geborenen Reisenden haben so viel davon gehabt, wie sich der Leser oder Hörer ihrer Beschreibungen vorstellt: sie hatten keine Zeit zum persönlich-Erleben. Was jedoch die Abenteurer betrifft, so sind das beinahe ausnahmslos die schlechthin leeren Menschen, in welche das Schicksal aus horror vacui erstaunliches Erlebnis auf erstaunliches Erlebnis hineinstopft — ohne daß sie je davon erfüllt würden.

An diesem Punkte wird auch deutlich, inwiefern die Lektüre dem geschauten Bilde und der gehörten Rede überlegen ist. Das Bild haftet zweifellos besser im Gedächtnis und das Gehörte bewegt tiefer als Gelesenes daher die Rede und nicht die Schreibe das eigentliche Vehikel spermatischer Einwirkung ist. Aber beide überwältigen andererseits; das Eigene zieht sich vor dem Eindrückenden, wie man füglich sagen darf und sollte, zurück. Wirklich hingegebenes Lesen von solchem, was einen im Augenblicke wirklich tief interessiert, schafft und ermöglicht hingegen ein Maximum von Erleben. Blinde sind meist wunderbar seren: kompensatorisch zum Gesichtsverluste hören sie viel, und da zum Blinden jedermann freundlich ist, selten Unliebsames. Die Blindheit steigert nun die Vorstellungsfähigkeit als die Fähigkeit zum inneren Gesichte auf ihr Höchstmaß. Begnadete Blinde sehen gerade mehr als Sehende. Nicht umsonst wurden Homer und Teiresias von den Hellenen blind vorgestellt. Und der blinde Milton hat Englands visionärste Dichtung geschaffen.

Hermann Keyserling
Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit · 1941
Lektüre und Meditation
© 1998- Schule des Rades
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