Schule des Rades

Hermann Keyserling

Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit

Lektüre und Meditation

Die gestillte Seele

Aber das Lesen allein tut’s freilich nicht. Tief fördern die Gedanken und Bilder anderer den allein, welchem jede Lektüre Vorstufe zur Versenkung wird; zur Versenkung im Sinne echter Meditation. Hier kann ich zur Erläuterung schwerlich Besseres tun, als wieder von mir selber berichten. Ich lese von jeher grundsätzlich nur, was mich anzieht, und dann, wann es mich anzieht. Dann aber lese ich nie in kritischer Einstellung, sondern im Zustande der absoluten Offenheit und Hingabe — christlich gesprochen: der Demut. Ich verhalte mich also gegenüber dem Autor, welchen ich lese, genau so wie gegenüber dem Menschen, der zu mir im Spannungsfelde persönlichen Zusammenseins spricht und von dem ich Wesentliches empfangen möchte. Ich gebe mich ihm hin, bis daß seine tiefsten Gründe und Untergründe in mich eindrangen und ich von ihnen erfaßt war. Später setze ich mich freilich auch auseinander; dann nämlich, wenn mein Eigenes Abgrenzung gegen Abzulehnendes fordert; nie jedoch während der Lektüre. Da folge ich dem Schreiber mit letzter Aufmerksamkeit von Zeile zu Zeile, wo immer meine Aufmerksamkeit und mein Interesse überhaupt gebannt werden, und beinahe immer geschieht es dann so, daß ich an irgendeinem Punkte haltmache, um mich in durch das Fremde ausgelöste Eigen-Bilder zu versenken. Diese Versenkung ist dann echte Meditation, die auf die Dauer die seit Alters bekannten inneren Ergebnisse zeitigt. Aber sie ist echt eben darum, weil sie aus lebendigem Anlaß von gegebener bestimmter Zuständlichkeit aus anhub.

Von hier aus gelingt es denn, den Sinn der Meditation überhaupt der neuen Zuständlichkeit der Vorhut des Menschen­geschlechts gemäß aus überalterten Begriffskrusten herauszuschälen. Alle Überlieferung hält an starren Schemen fest: gerade dieses Starre muß epochal als überwunden gelten. Alle Freiheit äußert sich in der grundsätzlichen Überwundenheit der Gana, deren Routine den Menschen in der gegebenen Richtung nicht mehr beherrscht. Nun stammt alle überlieferte Meditationstechnik aus Zeiten, wo sich die Frage der Überwindung der Gana so gar nicht stellte, wie sie sich heute stellt. Wohl sollte schlechte Gewohnheit gebrochen werden, aber neue bessere sollte an deren Stelle treten; so vor allem erdenthaftend wirkende an die Stelle der erdverhaftenden. Nun muß alles Meditieren nicht allein mit der Gana rechnen — es muß auch mit ihr arbeiten. Das ist der Sinn der dem Meditieren, im Gegensatz zum diskursiven und bewegten Denken eigentümlichen Fixierung und Wiederholung bestimmter Bilder- und Gedankenfolgen. Doch dieses Arbeiten mit der Gana1 ist, richtig verstanden, nur Vorstufe und Mittel zum Zweck. Ist einmal die Gana eingebrochen, so wie man Pferde einbricht, dann gelingt das Festhalten und bewußt-Rekapitulieren genau so leicht wie anderen das passive Schwimmen im Strom sich automatisch ablösender Gedanken. Und vom Festgehaltenen aus eröffnet sich dann eine neue Bewegtheit: nicht die der Gana, sondern die des Eigenlebens des Geistes und der Seele. Die unterste Stufe dieser Bewegtheit bezeichnet das Bildern, das der Hamburger Psychotherapeut Walter Frederking zu Heilzwecken verwendet. Über die Jungsche Schule hinausgehend hat Frederking erkannt, daß es beim modernen Menschen ein für allemal auf bestimmte Weise deutbare Bilder und Archetypen gar nicht gibt; dies geht so weit schon, daß sogar das Vater- und Mutterbild nicht mehr allgemeingültige Pole des Seelenlebens darstellen. So besteht Frederkings Heilmethode nicht in der Deutung der Bilder von Patienten, sondern im bloßen Hervorrufen oder Unterstützen von deren Ablauf in der Richtung, die er als dem nächsthöheren Zustande zuführend intuiert. Wobei sich denn herausstellt, daß die Bilderfolge in bestimmtem Aspekt die Wandlung selbst darstellt und nicht etwa nur Material bedeutet für ärztliche Deutung. Im gleichen Sinne habe ich lange schon erkannt, daß wirklich förderliches Meditieren auf der Stufe der Vorhut der heutigen Menschheit nicht im immerwieder-Erleben bestimmter und bestimmt gedeuteter Bilder und Bilderfolgen besteht — wie es zumal die jesuitischen Exerzitien lehren, die ja auch niemand befreien, sondern nur an die geglaubte Wahrheit der katholischen Lehre binden —, sondern in der Versenkung, freilich genügende Zeit entlang, welche leicht Jahre betragen kann, in eigene, spontan erscheinende Bilder. Versenkt einer sich nun in diese, so wird er bald erleben, daß die Bedeutsamkeit jedes Bildes zeitgebunden ist; je tiefer einer sie meditiert, desto vollständiger erledigen sie sich irgendeinmal, und neue Bilder treten an deren Stelle. Da nun diese Bilderfolgen wirklich die Wandlung selber in einem bestimmten Aspekte sind — denn die Seele lebt von und in Bildern, und was als Bild erscheint, ist dann nicht Abbild, sondern die seelische Tatsache selbst —, so bedeutet intensives Meditieren der eigenen Bilderwelt Wachstumsbewegung in der Richtung letzter Befreiung genau im selben Sinn, wie das traditionelle Meditieren in der Richtung der Gebundenheit an geoffenbarte Dogmen.

Nun dürfte der Zusammenhang zwischen Lektüre und Meditation, welchen der Titel dieser Betrachtung voraussetzte, klar zutage liegen. Bei wohlverstandener Lektüre entscheidet das Interesse und damit das Echo, das bestimmte Bücher oder Buchteile im gegebenen Augenblicke finden, für das betreffende Subjekt letztinstanzlich über den Wert. Die Lektüre eines Kriminalromans mit echtem Interesse (im Unterschied von Neugier) kann insofern unter besonderen Umständen mehr fördern, als bloß pflichtgemäße Lektüre von Goethes Faust. Der Wandel des Interesses symbolisiert nicht allein den Wandel innerer Stadien, er ist dieser Wandel. Genau das gleiche nun gilt vom Meditieren. Nur gehört das Meditieren einer höheren Seinsebene an. Der Lesende folgt durchaus den Linien des geringsten Widerstandes und damit dem Gana-Gefälle; es bedarf keinerlei Anspannung und keiner besonders festgehaltenen Einstellung auf Höheres, um in diesem Sinne richtig zu lesen. Darum fördert die beste Lektüre nur den zu bildenden Geist, und nicht den ganzen Menschen. Richtiges Meditieren hingegen verwandelt auf die Dauer zwangsläufig den ganzen Menschen. Das macht, daß es in bestimmter Einstellung der Offenheit gegenüber Höherem geschieht. Europäer dürften mich am besten verstehen, wenn ich mich hier christlicher Nomenklatur bediene. Jedes Mehr-Werden setzt Lassen des Eigenwillens und der Eigen-Ansichten voraus im Sinn des Dein Wille geschehe. Solches Aufgeben nun bedeutet mitnichten Selbstaufgabe, sondern Aufgabe der vorhandenen empirischen Gestaltung. Auch wer sein Ich tötet, tötet damit nicht sein Selbst: er befreit es vielmehr aus dem im Kapitel Traurigkeit der Kreatur der Meditationen beschriebenen Gefängnis, in welchem sich der erwachende Geist im Menschen zunächst selber fing. Das Ich ist nur ein Organ unter anderen, nicht notwendiger Mittelpunkt der Persönlichkeit; so kann es sich im Laufe der Verwandlung auflösen, wie sich die Organe der Raupe in der Puppe auflösen. Der beste Weg zu dieser Auflösung ist aber derjenige der Meditation, weil das Ich, dem einer verhaftet sein kann, gar nicht das wirkliche Ich ist, sondern ein Vorstellungsbild desselben — und über unsere Vorstellungen sind wir Herren oder können es doch werden. In Dacqués Verlorenem Paradies stehen auf S. 284 einige Worte darüber, daß der Frühmensch sich durch den Raub seines Bildes auf Gnade oder Ungnade seinem Gegner ausgeliefert fürchtet, welche Worte den wahren Sinn des Fluchs der Selbstsucht besser als jede abstrakte Darlegung erläutern:

Schon das Spiegelbild im Auge des Gegners genügt, um Macht über ihn (den Frühmenschen) zu gewinnen, vorausgesetzt, daß der andere sich der Manakraft zu bemächtigen versteht. Im griechischen Mythos greifen Giganten und Erdriesen den thrakischen Dionysos im Augenblick seiner magischen Schwächung an und zerreißen ihn, als er gerade in einen Spiegel sieht und sich dadurch selber abhanden kommt. Narziss verfällt den saugenden Vampyrgewalten der Unterwelt, weil er sich in sein eigenes, im Wasserspiegel erschautes Bild verliebt und daher seiner selbst nicht mehr mächtig ist.

Verhaftung an das Bild des Ich ist das Verderbliche; diese aber kann rechte Meditation des Sinns des Tatbestandes aufheben, da ja auf dem Gebiet des geistbestimmten Lebens der Sinn allüberall den Tatbestand schafft.

Meditieren hilft nun — um den Sachverhalt auf eine kurze Formel zu bringen — dazu, gemäß dem Tatbestand, daß es vom Subjekte abhängt, wohin es den Akzent in sich legt, und dem Gesetz, daß Aufmerksamkeit und Betonung real vitalisieren, innere Entwicklung zu beschleunigen, ja gar in Gang zu bringen. Denken wir hier an die Anfangsbetrachtungen von Selbstverwirklichung zurück, dann wird uns alles ganz klar werden. Der Mensch muß seine Verwirklichung wirklich selber in die Hand nehmen, der Prozeß vollendet sich in ihm nicht von selbst, wie bei Pflanze und Tier. Und die hierbei erforderliche Anstrengung und ständige Übung und Selbstzucht ist immer mühsam, der Trägheit in uns ein rechtes Greuel. Von dieser Mühsal stellt die Schwierigkeit des Meditierens nur einen Sonderfall dar. Andererseits aber gibt es weniges, das erwiesener wäre als gerade die Förderlichkeit des Meditierens. Dies geht so weit, daß sogar die Routine der Andacht und des Betens für den ganzen Menschen Förderlicheres bedeutet als die größtdenkbare Vielfachheit förderlicher Gedankengänge. Nur die gestillte Seele ist eben tiefen, gar integralen Erlebens fähig. Nur die Vorstellung, welcher die erforderliche Zeit gegeben ward, um sich allen Schichten des Menschen einzuprägen, wirkt im wahren Wortsinne bildend. Zu Verwandeln gar vermag sie allein. Wer sich nicht willentlich von seinem Ideal ergreifen läßt, wird in seinem Wesen nicht einmal von ihm berührt. Der bleibt bestenfalls Idealist — diese schwächlichste Variante des Ritters von der traurigen Gestalt; d. h. er bekennt sich zu einer Vorstellung von Hohem und denkt, daß er diesem lebt, während er in Wahrheit nur seinen alten Adam auslebt.

Meditieren ist und bleibt also die eine lehr- und lernbare Technik Geistesinhalten gegenüber, die deren tiefe Assimilierung, deren Aneignung durch den ganzen Menschen oder besser das Ergriffensein des ganzen Menschen durch sie ermöglicht und, nachdem letzteres einmal begonnen hat, beschleunigt. Gleiches nun gilt auf noch so viel niedrigerer Stufe und in noch so geringem Grad von der hier empfohlenen Art des Lesens. Wer so liest, der wird durch das Aufgenommene nicht bloß in seinem Wissen bereichert — jedes ihn wirklich interessierende Buch, auf dessen Interessierendes das Bewußtsein andauernd den Akzent legt, schafft neue Organe in ihm und verwandelt damit sein Wesen in noch so geringem Grad. Welchem Umstand nicht widerstreitet — es ist vielmehr ein Symptom der Verwandeltheit, daß bei solcher Art des Lesens vom Inhalt in der Regel wenig im Gedächtnis haften bleibt. Es ist innerlich verarbeitet worden, gleichwie das Ei im Embryo.

1Ich weise hier noch einmal auf die ausführliche Erläuterung dieses unersetzbaren Begriffs für die irrationale psychophysische Urnatur des Menschen hin, welche das Kapitel Gana der Südamerikanischen Meditationen enthält. Verzichtete ich auf diesen Begriff, so hätte ich mich in diesem Buch auch nicht annähernd so kurz fassen können.
Hermann Keyserling
Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit · 1941
Lektüre und Meditation
© 1998- Schule des Rades
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