Schule des Rades

Hermann Keyserling

Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit

Kritik und Offenbarung

Erkenntnistheorie des Übersinnlichen

Hierbei müssen wir als von einem Axiom von der Erkenntnis ausgehen, die ich an dieser Stelle nicht näher begründen kann, daß das ursprüngliche und naturgewollte Ziel des Denkens überhaupt nicht Wahrheitserkenntnis ist — was allein schon erklärt, warum das reine Denken mehr Irrlehren gezeitigt hat als alles Fabulieren. Das reine Denken gehört zur Mechanik des Lebens. Die unbedingte Gültigkeit der Gesetze der Logik und Mathematik hat keinen anderen Sinn als die Zwangsläufigkeit des Ablaufs elementarer Naturvorgänge, sie verkörpert darum keine Gewißheit höheren Grades, als die experimentelle Feststellung dieser sie schafft, sondern in beiden Fällen handelt es sich um Gleichsinniges. Nur daraus, daß die Mechanik des Denkens in uns selber abläuft, und die der materiellen Vorgänge außer uns, ergibt sich der vermeintliche Unterschied im Wesen; in Wirklichkeit handelt es sich nur um einen der Perspektive. Darum kann Denken nie und nimmer über die Ebene des mechanisch Zusammenhängenden hinausführen, denn das ist eben die Ebene seines eigenen Daseins. Die Elemente jedoch, mit denen es operiert, sind samt und sonders algebraischen Charakters; bloße Formelemente an sich selbst, die ihren jeweiligen Inhalt durch Fiktion und Definition erhalten.

Das Prototyp jeder vom Verstande her bestehenden Ordnung ist darum die Rechtsordnung. Solche mag gerecht sein, insofern ihre Voraussetzungen unmittelbaren Gerechtigkeitssinn und damit ein gänzlich Unintellektuelles verkörpern: das System jeder Rechtsordnung beruht auf durch Verstandeskonstruktion zusammengefaßten Fiktionen, welche Konstruktion der lebendigen Vieldeutigkeit möglicher realer Rechts- und Schuldverhältnisse gar nicht gerecht werden kann, zumal keine feste Rechts-Ordnung denkbar ist, die nicht mit als unabänderlich vorgestellten Beziehungen zwischen Fiktionen operierte. Darum ist der Jurist, ja eigentlich der Winkeladvokat das Urbild des Denkers überhaupt. Dessen Wille geht — alle Denker-Philosophie beweist es — in erster Linie auf ein widerspruchsloses System, das in auf bestimmte Weise definierten Begriffen gefaßt und durch sie gehalten wird. Stimmt die Wirklichkeit mit den letzteren nicht überein, dann — Hegel selber soll das gesagt haben — desto schlimmer für die Wirklichkeit. Wer nun an allererster Stelle an das System denkt, kann gar nicht primär die Wahrheit wollen. Das hier kurz umrissene psychologische Verhältnis erklärt, warum wahrheitssuchende Wissenschaft das späteste und nicht das früheste Produkt der intellektuellen Entwicklung gewesen ist: es bedarf recht eigentlich eines Schwimmens gegen einen reißenden Strom, um den konstruierenden Verstand von der Beruhigung bei Fingiertem abzuhalten. Doch das Einmünden der höheren Mathematik von der Gewißheitslehre in die Wahrscheinlichkeitsrechnung und der Physik von einer Lehre von Festbestimmtem in eine Lehre der Behandlung des ewig Ungenauen beweist für sich allein schon, daß das, was jeder unwillkürlich zutiefst unter Wahrheit versteht, auf denkerischem Wege unerreichbar ist.

Somit ist es nicht die denkerische Verarbeitung der Erfahrung, wie dies Kant meinte, welche Wahrheitserkenntnis schafft (wenn auch freilich allein Gewißheit im wissenschaftlichen Verstand), sondern die unverfälschte Bewußtseinsspiegelung des Gegebenen. Dieser eine Satz erweist so eindeutig, daß es weiterer Erläuterung nicht bedarf, warum jeder durch nichts Subjektives verfälschten äußeren Erfahrung Gewißheitscharakter zukommt. Diesem eignet wirklich Objektivität. Die allezeit die Art des Aufnehmens bedingende persönliche Gleichung beeinträchtigt diese nicht, sie macht Objektivität allererst möglich, so wie die Sonderart des Fernrohrs das Schauen ferner Sterne; sonstiger Subjektivität aber ist durch experimentelle Frage- und Feststellung in hohem Grad entgegenzuwirken. Innere Erfahrung mag nun subjektiv noch so gewiß erscheinen: objektiv zu erweisen ist sie nie. Darum kann es über das, was jenseits des von Kant abgesteckten Rahmens liegt, insbesondere über das, was den Bereichen des metaphysisch und religiös Wirklichen zugehört, nie Gewißheit im wissenschaftlichen Verstande geben. Auf diesen Gebieten gibt es kein Jenseits und auch kein Diesseits möglicher Offenbarung. Hier kann der wissenschaftliche Geist nur ein nicht sinnwidriges Betätigungsfeld haben: das der Kritik im kantischen Verstand der Grenzbestimmung und der Vollendung des Ausdrucks der Offenbarung im Sinne der Herstellung restloser Befolgtheit des Korrelationsgesetzes von Sinn und Ausdruck dort, wo letzterer der Intellekt- oder Vernunft-Ebene angehört. In dieser einen Hinsicht wird kritische Philosophie immerdar ihre Berechtigung behalten, weil eben der Ausdruck metaphysischer Offenbarung der Intellekt- oder Vernunfts-Sphäre angehört und Fehler im Ausdruck die Wahrheit jener vom Standpunkt dessen, dessen Bewußtseinszentrum im Intellektuellen liegt, verfälschen. Die Aufgabe des Kritikers ist gegenüber der des Offenbarers freilich eine sehr bescheidene, denn ist ein Sinn wirklich erfaßt, dann leuchtet er auch durch ungenauen Ausdruck hindurch ein, wogegen kein bloß-Kritiker das Allermindeste über metaphysische Wirklichkeit als solche auszusagen vermag. Immerhin kann der Kritiker dem intellektualisierten Menschen den Weg zur Aufnahme echter Offenbarung freimachen. In diesem Sinne suchte schon Kant dem Verstande Grenzen zu stecken, um dem Glauben den Weg freizumachen. Dieses Ziel erreichte er nicht, konnte er nicht erreichen, weil er jenseits wissenschaftlicher Erkenntnis nur einen irrationalen Glauben im christlichen Verstand als sinngerecht anerkannte. Aber ich kann hier auf eine moderne Leistung hinweisen, welche besser als die meisten früheren seit Kant und auch besser als alle Erörterung illustriert und aufzeigt, was möglich ist und worauf es hier überhaupt ankommt: auf Hans Drieschs Erkenntnistheorie des Übersinnlichen1. Das kleine und unprätentiöse Büchlein, welches sie enthält, stellt eine kritische Leistung ersten Ranges dar, insofern diese Theorie, ähnlich derjenigen Kants, gegenüber den herrschenden eine kopernikanische Wendung vollzieht: Driesch versucht (ich ziehe kurz und darum karikierend in einem Satz zusammen) das Psychische aus dem Parapsychischen, das Normale aus dem für abnorm Geltenden, das Sehen aus dem Hellsehen, die Erinnerung aus der Telepathie heraus zu begreifen. Bei solcher Fragestellung erweist sich das Gehirn als bloßes psychometrisches Objekt: es hilft zum Erinnern, wie der getragene Ring dem Hellseher Kontakt mit unbekannten Persönlichkeiten vermittelt. Diese kritische Leistung ist — wiederum genau analog derjenigen Kants — darum von größter Wichtigkeit, weil sie Verstand und Vernunft in den Stand setzt, im Rahmen ihrer eigenen Normen die Möglichkeit dessen einzusehen und anzuerkennen, was über deren Sphären hinausreicht. Dies aber wiederum macht es dem, welcher Driesch verstanden hat, innerlich möglich, falsche Voraussetzungen fallen und den Denkmechanismus in einer Richtung abrollen zu lassen, dessen Endziel ein wirkliches Begreifen des wissenschaftlich Feststellbaren am Parapsychischen im Rahmen der Allgemeinerfahrung wäre.

Kritik kann also wirklich metaphysischer Einsicht den Weg bereiten. Dies aber, wohlgemerkt, nur dann, wenn sie sich ihrer Grenzen haargenau bewußt bleibt. Hier denn komme ich gern — dieses schreibe ich unmittelbar nach Empfang der Nachricht vom Tode des berühmten Denkers — auf das Beste bei Driesch überhaupt zu sprechen, zumal dieser eine Hinweis mir langatmige Betrachtungen erspart. Des Sokrates ungeheure positive Wirkung beruhte vor allem darauf, daß er immer wieder sein Nicht-Wissen betonte. Die Produktivität dieser Haltung beruhte nicht vornehmlich darauf, daß er sich weniger als andere auf Falsches festlegte, auch nicht darauf, daß sie ein Maximum an Welt- und Gott-Offenheit ermöglichte (die sich ja bei Sokrates gar nicht ausgewirkt hat, da ihm die betreffenden Anlagen fehlten), sondern auf der richtigen Einsicht in den Beruf des Kritikers. Diese Einsicht hat ihn zum Vater der europäischen Wissenschaft gemacht. Driesch nun erklärte und bekannte häufiger als irgendein mir seit Sokrates bekannter Geist, daß er über dieses oder jenes Problem nichts aussagen könne; daß die Voraussetzungen nicht gestatteten, eindeutige Schlüsse oder überhaupt Schlüsse zu ziehen; daß über dieses oder jenes nichts Sicheres gewußt werden kann. Diese Grundeinstellung, welche Bescheidenheit im einzig wertvollen Sinn bedeutet, und sie allein hat es Driesch ermöglicht, auf dem ungeheuer lebenswichtigen Problemgebiet der Beziehung des Psychischen zum Parapsychischen und des nachweislich Vergänglichen zum möglicherweise Unvergänglichen als erster Grenzregulierungen vorzunehmen, welche begreiflich machen, inwiefern psychisches Erleben, mit Kant zu reden, überhaupt möglich ist und damit dem im Vorurteil des Supremats des Denkens Befangenen den Weg zu metaphysischer und metapsychischer Einsicht freizumachen.

1Diese ist unter einem leider etwas feuilletonistischen Titel erschienen: Alltagsrätsel des Seelenlebens (Stuttgart 1938, Deutsche Verlags-Anstalt).
Hermann Keyserling
Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit · 1941
Kritik und Offenbarung
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME