Schule des Rades

Hermann Keyserling

Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit

Religion und Psychologie

Glaube

Carl Gustav Jung, auf den sich die meisten berufen, welche Religion durch Psychologie ersetzen wollen, ist persönlich viel zu gewissenhafter Empiriker und in bezug auf das metaphysisch Wirkliche viel zu sehr Agnostiker, um die Folgerungen zu ziehen, die seine Forschungen nahelegen. Aber viele andere haben sie gezogen. Diese wähnen ehrlich, daß der Gegenstand religiösen Gefühls identisch sei mit jenem Unbewußten, welches der Psycholog feststellt und behandelt. Nun scheint die Tiefenpsychologie dem ganzen Gehalt bisheriger Mythologie tatsächlich gerecht zu werden. Zunächst liegt dies am eingangs Festgestellten, daß grundsätzlich jedes mehrdimensionale Ganze auf jede Fläche projiziert werden kann. Dann aber gibt die neugewählte Projektionsfläche der Tiefenpsychologie, für die alle Inhalte des Bewußten und des Unbewußten einer Ebene des Erfahrbaren angehören, alle Manifestationen religiösen Erlebens so wenig verzerrt wieder, daß der echteste religiös Erlebende einen Augenblick im Zweifel darüber sein kann, ob hier nicht doch mehr vorliegt, als Übereinstimmung im Abbild. Versenkt er sich nun aber genügend tief in das Problem, dann wird ihm klar, daß Übereinstimmung ausschließlich auf dem Gebiet der Erscheinung besteht, und daß religiös Erlebender und Psychologe mit den gleichen Bildern Wesensverschiedenes und darum überhaupt nicht auf einen Nenner zu Bringendes meinen. Psychologie, so tief sie schürfe, bleibt eine Lehre vom Zusammenhang der Bilder, die dem Bewußtsein von außen her entgegentreten. Das Dasein und die Eigenart und Bedeutung dieser Bilder hängt von keinerlei Glauben, keinerlei innerlichen Behauptung ab. Es mag einer die tiefsten Mythen träumen, die Bilder höchster religiöser Erleuchtung für sich reproduzieren, ohne im mindesten religiös zu sein. Umgekehrt steht und fällt das Vorhanden- oder Nichtvorhandensein von Religiosität damit, was die Bilder einem bestimmten Subjekt bedeuten, was einer mittels ihrer oder durch sie erlebt. Dies Erleben ist kein Betrachten von außen her, sondern unmittelbares Ausströmen des Innerlichsten in die Erscheinung, es ist Ausstrahlung der eigensten geistigen Substanz, und damit Selbstbehauptung reiner Subjektivität. Rein subjektive Behauptung ist aber vom Standpunkt der Wissenschaft Glauben. Aus dem Glauben stammt hier alle Gewißheit. Somit hat denn der mittelalterliche Meister Anselmus von Canterbury die Religion gegenüber der Wissenschaft unübertrefflich richtig bestimmt, als er den Satz aufstellte: credo ut intelligam, ich glaube, um zu wissen. Gerade das Wesentliche der Religion widerspricht dem Geist der Wissenschaft unbedingt: daß sie vom Glauben ausgeht, anstatt ihm durch erwiesene Gewißheit zuzuführen.

Nun fordern freilich nicht alle Religionen zwecks Erkenntnis und Wirkung ihrer Wahrheit Glauben im westlich-christlichen Verstand: Gleichsinniges meinen sie alle. Dies aber ist, auf seinen allgemeinstgültigen Ausdruck gebracht, das Folgende: der Geist muß sich zunächst selber behaupten, um da zu sein. Gleiches nun gilt von allem unmittelbar ausströmenden Leben aus dem Geist, im Unterschied von der spiegelnden Betrachtung. Und indem wir dies feststellen, haben wir nicht nur Religion und Wissenschaft mit größerer Deutlichkeit als bisher gegeneinander abgegrenzt, sondern auch gezeigt, warum die Religion dem Religiösen ein ebenso Wesentliches bedeutet, wie das Atmen. Letztlich geht alles geistbestimmte schöpferische Leben vom Glauben aus. Aller Geist verwirklicht sich von innen nach außen und damit von Unbekanntem, welches wissenschaftlich nicht erkennbar ist, dem Erkennbaren zu; nicht einmal ob es eine Seele gibt, nicht allein was sie darstellt, kann keine Wissenschaft je erweisen. Indem wir leben, leben wir immer aus dem nicht Feststellbaren heraus. Und aus diesem nicht-Feststellbaren heraus entstehen dann die Tatsachen, so daß das Grundgesetz alles geistbestimmten Lebens, wie schon mehrfach betont, folgendermaßen lautet: der Sinn schafft den Tatbestand, und nicht umgekehrt. Noch näher aber kommt der religiösen Forderung des Primats des Glaubens die Feststellung, daß auf allen Gebieten geistbestimmten Lebens das, was das Bewußtsein betont und damit als vor allem seiend bejaht, eben dadurch real vitalisiert wird. So wächst und wandelt sich der Mensch entsprechend seinem Glauben. Daß es sich hier wirklich um Glauben handelt und daß der Glaube schöpferisch ist, wird vollends deutlich daraus, daß der Mensch das in sich vitalisieren kann, was noch nicht ist und was er sich als ideales Vorbild vorstellt. So wird er, in äußerster Zuspitzung ausgedrückt, zu dem, wozu er sich unbekannterweise bekennt. Hiermit nun münden wir vom schöpferischen Leben überhaupt ins spezifisch-religiöse ein. Im unerreichbaren Idealbild schaut der Mensch sein wahres Selbst, so daß alles ideale Streben den Imperativ Werde der du bist zum Generalnenner hat. Jede Religion nun behauptet, daß der Mensch wesentlich mehr ist als sein Ich. Dieses Mehr braucht nicht als Gott vorgestellt zu werden; der Zen-Buddhismus heißt es ganz unbestimmt Daß-heit, einige Religionen bestimmen es sogar als Nichts. Immer aber ist dieses dem Ich übergeordnete das, was unsere Scholastik das ens realissimum, das wirklichste Wesen hieß; und das Streben nach ihm ist durch alle Geschichte nachweisbar das tiefste Streben des geistbestimmten Menschen als solchen. Auf die Verbindung oder vielmehr Rückbindung, re-ligio, zu diesem beziehen sich denn alle religiösen Behauptungen, von denen ich nun einige beinahe beliebig ausgewählte, aber innerlich zusammenhängende aus verschiedenen Religionen nebeneinander hersetze. Nur der findet Gott, welcher Ihn sucht. Andererseits sehnt Gott sich viel mehr noch nach dem Ihn suchenden Menschen, wie dieser nach Ihm. Vom Suchenden gilt allemal, was Pascal Gott in den Mund legt:

Du würdest mich nicht suchen,
wenn Du mich nicht bereits gefunden hättest
.

Dieses Finden setzt aber das Opfer des suchenden Ichs voraus, welches Opfer wiederum nur das bewußte Ich bringen kann. Der Mensch muß gewillt sein, seine Seele zu verlieren, um sie zu gewinnen. Nur wer seine Gegebenheit ganz läßt, nur wer sich ganz leer macht, den erfüllt zuletzt die Gottheit. Hat sie ihn erfüllt, dann, aber nicht früher, besteht auch Erkenntnismöglichkeit des Erfüllenden.

Wie soll unter solchen Umständen das, worauf es bei der Religion ausschließlich ankommt, auf der Projektionsfläche der Wissenschaft verstehbar sein? In irgendeiner Abwandlung muß alle Wissenschaft behaupten, daß die Welt aus Erscheinungen besteht, die sich objektiv feststellen und -halten lassen. Demgegenüber gilt auf religiösem Gebiet: die Welt besteht aus Entscheidungen, von denen jede ausschließlich im freien Willen wurzelt, keine voraussehbar, keine endgültig, keine ein für alle Male deutbar ist und jede eine Entscheidung für Unbekanntes und Ungewisses bedeutet. Damit wäre die Wahrheit des Satzes des Anselm von Canterbury erwiesen.

An diesem Punkte erscheint das religiöse Leben wieder dem allgemeinen Zusammenhang alles unmittelbar schöpferischem Lebens aus dem Geist, im Unterschied von der spiegelnden Betrachtung, eingeordnet. Jenes entfaltet sich überhaupt nie im Geist desSekuritätsanspruchs der Wissenschaft, als welche nur von Gewissem ausgehen, nur Erwiesenes anerkennen und nur im Rahmen des Voraussehbaren operieren kann, sondern einzig und allein im Geist des Abenteuers, des Risikos. Mut und Glaube und nicht Anpassung und Tatbestanderkenntnis sind die Urquelle geistbestimmten Lebens. Der geistige Mensch wächst und verwirklicht sich von auf sich genommenem Risiko zu auf sich genommenem Risiko, von innerer Entscheidung zu innerer Entscheidung, von getragener Verantwortung zu getragener Verantwortung, von Opfer zu Opfer. Zum erforderlichen Opfer kann auch das sacrificium intellectus (das Opfer des Verstehens) gehören. Letztlich ist dann der Mensch das, wofür er sich aus reiner innerer Vollmacht in sich entschied und damit das Kind seiner Freiheit. Was das religiöse vom sonstigen geistig-schöpferischen Leben unterscheidet, ist die Tiefe der Verwurzelung und damit die Höhe des Ziels. Religiosität setzt eine re-ligio (Rückbindung) des Einzelnen an das Weltall und an den Weltengrund, schöpferisches Leben überhaupt kann sich im engen Kreis individuellen Schicksals erschöpfen. Wenn nun in der Menschheitsgeschichte religiöses Gefühl bejahter Selbstsucht überall vorangeht, so beweist dies, daß jeder Mensch primär Bestandteil des Weltalls und der Menschheit ist und sich nur durch willentliche Abschnürung und Abkapselung in ihm isoliert — den Ur-Weg dieser Abkapselung habe ich in dem Kapitel Traurigkeit der Kreatur der Südamerikanischen Meditationen heutigem Bewußtsein deutlich zu machen versucht. Ist nun aber Verbundenheit mit dem All und dem Grund das Primäre gegenüber aller Vereinzelung, dann kann es rein methodisch nie gelingen, dieses ursprünglich Umfassende und Enthaltende auf ursprünglich Enthaltenes zurückzuführen.

Schon aus diesem einen Grunde kann Psychologie nie die Stelle der Religion einnehmen. Was immer sie von sich behaupte, ihre letzte Instanz ist die empirische Seele, und diese ist als individuell gegeben. Psychologie mag alle Indizienbeweise dafür erbringen, daß es oberhalb ihrer ein kollektives Unbewußtes, ein Selbst, ja einen Gott gibt, nie kann sie von ihm ausgehen. Eben in diesem Ausgehen von Transsubjektivem, von einem über das Subjekt und dessen Sphäre Hinausreichendem aber liegt das letztlich Unterschiedliche der Religion. Insofern bestimmt eine protestantische Sekte nicht mit Unrecht Gott nicht als Gegenstand, sondern als Subjekt des Glaubens, und lehrt eine andere, Gebet heilige auch den Unbegnadeten, weil nicht der Mensch, sondern der Gott im Menschen bete. Damit wäre eine weitere Koordinate festgelegt, welche die Religion als einer besonderen Dimension zugehörig bestimmt. Bestand die ersterkannte darin, daß auf ihrem Gebiet Behauptung und Glaube der Feststellung und Erkenntnis vorangehen, so besagt die letztgezogene, daß alle Religion von einem Oberhalb der Seele ausgeht und darum im Rahmen psychologischer Normen nimmer zu verstehen ist. Eben darum erkennt kein religiöser Geist sein Wissen in dem wieder, was Psychologen noch so tatsachengetreu darüber aussagen. Darum kann keinem, welcher nicht selber religiös ist, überhaupt deutlich gemacht werden, was Religion bedeutet.

Auf der Ebene der Sinnesverwirklichung als des Buchstabenausdrucks des innerlich Gemeinten deckt sich das, was der Religiöse erlebt, mit dem, was der Psycholog von außen her darüber feststellt, freilich. Und dies hängt hier nicht allein damit zusammen, daß jede Projektionsfläche jede mehrdimensionale Ganzheit widerspiegeln, sondern — da hier die Elemente wirklich die gleichen sind — vor allem damit, daß mittels der gleichen fünfundzwanzig Buchstaben beliebiger Sinn ausgedrückt werden kann. Auf geistig-seelischem Gebiet kommt alles darauf an, was einer mittels des Alphabetes sagt. Und der religiös Erlebende sagt in diesem Zusammenhang allemal ganz anderes, als was der Tiefenpsychologe als Eigen-Sinn der Bilder und Urbilder noch so richtig feststellt. Hiermit gelangen wir zur Endfassung unseres Problems, soweit solche im Rahmen einer kurzen Betrachtung in Frage kommt. Wir stellten fest, daß das meiste dessen, was von der Religion auszusagen ist, von allem unmittelbar schöpferischen Leben aus dem Geist, im Unterschied von der spiegelnden Betrachtung, gilt. Alles geistbestimmte Leben geht von einem Subjekt aus, welches nie zum Objekt werden kann. Die besondere Projektionsfläche der tiefstschürfenden Tiefenpsychologie ist aber die der Objektivierung. Darum ist Psychologie im Höchstfall integrale Imaginologie oder Bilderkunde. Nie kann sie von Gott ausgehen oder Ihm zuführen, sondern nur erweisen, daß Er, mit Jung zu reden, eine unzweifelhaft vorhandene psychologische Funktion ist. Gegenüber dem Von-Außen-Her der Wissenschaft ist die Religion ein reines Von-Innen-Heraus auch dort, wo sie sich selbst auf Schleiermacherisch als absolute Hingabe versteht. Auch im letzteren Fall erfolgt Sinngebung. Auch der Glaubensakt ist, um wieder einen unübertrefflichen, aber dieses Mal in seiner letzten Nuance unübersetzbaren Ausdruck der Scholastik zu gebrauchen, actus purus. Sinngebung aber ist das Unmittelbarste am unmittelbaren Leben, der Vermittelung durch andere Funktionen unfähig, ist unobjektivierbare Subjektivität. Diese Subjektivität ist im Fall der Religion auf über das Subjekt Hinausgehendes bezogen, und dieses verwirklicht sich wiederum im Erdenleben, sofern es ausgedrückt wird. Das geglaubte oder allgemeiner realisierte Wort wird alsdann Fleisch.

Nun mag man mir einwenden: das Gesagte gilt wohl für die Psychologie, nicht aber für die Psychotherapie. Aber auch die praktischste Psychotherapie, die von den Voraussetzungen der Tiefenpsychologie her arbeitet, geht damit von der Wissenschaft aus und nicht der Religion. Darum kann sie nie über das hinausführen, was sie als vorhanden voraussetzt. Sie mag Verschüttetes ausgraben, Gefesseltes befreien — die Grenzen des individuellen Seelenraums überschreitet sie nie, auch wo sie das Kollektive in diesen hineinbezieht. Denn das Kollektive ist immer nur der jeweilige allgemeine Hintergrund des Individuellen, gleich wie es keine Art noch Gattung gibt, welche sich anders als durch individualisiertes Leben manifestierte. Gesundheit im Verstande wiederhergestellter empirischer Ganzheit auf der Naturebene ist darum das letzterreichbare Ziel aller Psychologen-Seelsorger. Überall bestimmt die Voraussetzung das Ergebnis voraus. Das Selbst als Ergebnis Jungscher Integration ist nie das metaphysische Selbst, nie das Selbst, welches alle Mystik meint und das allein auch vorliegende Betrachtungen meinen, wenn sie das Wort gebrauchen. Die Mythen, durch welche sich das metaphysische Wissen der Inder ausdrückt, sind von keiner Psychologie her richtig zu deuten, auch dort nicht, wo die gegebene Deutung der psychologischen Bedeutung der Bilder durchaus gerecht wird. Nun mag sich freilich ein beruflicher Psychotherapeut überdies als Heiland erweisen. Aber dann spräche etwas aus ihm, übertrüge sich etwas durch ihn, ein richtig Wunderbares, das aus einem Jenseits nicht nur aller Wissenschaft, sondern auch aller Kunst stammt.

Hermann Keyserling
Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit · 1941
Religion und Psychologie
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