Schule des Rades

Hermann Keyserling

Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit

Vom Sterben

Yamauba — Das Prinzip der Liebe

Ehe wir den letzten Gedankengang weiter und zu Ende führen, gedenken wir des Tibetanischen Totenbuchs (Untertitel: Das Erleben nach dem Tode auf der Bardo-Ebene, gemäß der englischen Wiedergabe von Lama Kazi Dawa-Samdup, herausgegeben von W. Y. Evans-Wentz). Die Tibetaner gleich den Indern und im Gegensatz zu den Japanern sind vor allem Schauer und geistig Interessierte. Darum genügt es ihnen nicht, bloß in Form innerer Haltung einen praktischen Standort jenseits des Todes zu erklimmen. Sie haben wissen wollen, wie es eigentlich ist, wenn einer stirbt, und zwar wenn jedermann stirbt. Sie haben weiter gefragt, was man wohl dazu tun kann, um möglichst sinngerecht zu sterben und jenseits der Schwelle des Todes die bestmögliche Haltung einzunehmen. Und daraus ist denn jenes einzigartige Lehrbuch des Sterbens entstanden, welches den obengenannten Titel führt. Aber dieses Lehrbuch ist, wohlgemerkt, auch nur ein möglicher Leitfaden für Künstler des Lebens. Mögliche und meiner Ansicht nach trotz einiger Mißdeutungen tatsachengerechte wissenschaftliche Erkenntnis enthält der beschreibende Teil des Buches freilich — doch nicht auf diesen kommt es letztlich an. An kommt es letztlich auch hier, wie beim Zen, auf eine Kultur der Einstellung und Haltung und des Verhaltens. Diese nun ist überaus schwer zu erarbeiten, und darum ist es in einem Priesterstaate, wie Tibet, recht eigentlich selbstverständlich, daß dem Priester Vollmacht zuerkannt wird, für den Sterbenden das zu tun, was dieser selbst zu leisten außerstande ist. Immerhin: auch nach tibetanischer Anschauung bedarf der Höherentwickelte grundsätzlich keiner Hilfe. Er muß nur im höchsten Grade seinen Geist und seine Seele den gleichen Gesetzen gemäß beherrschen, die auch im Erdenleben gelten im höchsten Grade, weil während oder nach der Entkörperung nur noch sie gelten. Was nicht bemerkt wird, ist nicht; Aufmerksamkeit vitalisiert; jeder tiefe Wunsch wird erfüllt; Gedanken sind Dinge, welche von sich aus fortwirken; nichts kann dem absolut Mutigen schaden, denn der Geist ist leer und kann gar nicht getroffen werden, weder von fremder Fülle noch von fremder Leerheit. Aller Fall, alles Übel kommt vom Haften. Von der persönlichen Einstellung hängt alles ab, der Sinn schafft allen Tatbestand, so sehr, daß sich die nach dem Tode die Seele bestürmenden und bedrängenden Gottheiten des Zornes, anders und richtig gesehen, als Gottheiten der Barmherzigkeit und letztlich als Schutzgeister erweisen. Und so weiter. Man lese dieses wunderbare Erzeugnis des Menschengeistes selbst.

Vor allem aber gilt es, wenn irgend möglich, vollbewußt zu sterben, denn auf die rechtgerichtete Aufmerksamkeit kommt für die Zukunft alles an. Hier denn fließt die Lehre des Totenbuchs mit derjenigen des Zen zusammen. Der japanische Zen-Mönch oder Zen-inspirierte Samurai fragt nicht weiter nach dem Was und Wie des Geschehens. Er riskiert einfach sein Leben in der rechten Haltung. Der Tibetaner sucht zu wissen, was irgend wißbar ist. Auf dieser Grundlage aber ist auch ihm das rechte Sterben eine hohe Kunst.

Knüpfen wir von hier aus beim Jenseits von Geburt und Tod des zitierten japanischen Zen-Meisters wieder an. Dieses Jenseits ist nichts anderes als die Ungeborenheit, von der wir in unserer der Selbstverwirklichung gewidmeten Betrachtung handelten. Sie hat zugleich den gleichen Sinn, wie unsere (freilich nur blitzartig gewonnene, nicht näher erörterte) Einsicht von dazumal, daß Ursprung und Ziel, Anfang und Ende zusammenfallen und daß das Erdenleben letztlich einen Umweg der Seele um die Welt bedeutet. Die letzte und schwerste Etappe dieses Umweges ist das Sterben. Sie ist die schwerste nicht wegen der damit verknüpften Ängste und Schmerzen, die selbst bei gräßlichen Qualen, vom Sterbenden selbst aus geurteilt, weit geringer sind, als sie den Angehörigen zu sein scheinen, sondern weil sich in diesem Augenblicke oder vielmehr kurz vorher die Versuchung aufs äußerste verstärkt und verdichtet, sich mit dem abwärts gerichteten Gefälle des Naturprozesses zu identifizieren. Diese Versuchung hat genau den gleichen Sinn, wie diejenige durch den Bösen, welche Christus und Buddha kurz vor ihrer Erleuchtung zu bestehen hatten. Hierin besteht der einzige Todeskampf, welcher diesen Namen verdient, denn die Zuckungen des Fleisches berühren den Sterbenden nicht mehr, überdies aber erlebt er mit der Ablösung vom Fleische so Ungeahntes und so Ungeheures, daß seine Aufmerksamkeit, wo überhaupt noch erdwärts gerichtet, anderswo ruht. Doch wer mag selbst bei größter Selbstzucht und Durchgeistigung im voraus wissen, wie er seiner schwersten Stunde gewachsen sein wird? Nun, auf die Stunde, welche das Erdendasein endgültig abschließt, kommt es für den mitten im Leben Stehenden nicht an. Sie hat ihm nur die Bedeutung eines Sinnbildes. Dieses aber ist das wichtigste Sinnbild für den Weg des nach Selbstverwirklichung Strebenden überhaupt. Gedenken wir des Verses des alten Kirchenliedes:

Media in vita
Nos in morte sumus
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Was den Geist betrifft, das Unsterbliche, das Ungeborene im Menschen, so stellt der sich vollziehende Tod ihm überhaupt kein Sonderproblem, so völlig einmalig das letztere Erlebnis sei. Wir sehen dem Tode in jeder Minute ins Antlitz. Wird uns dieses nun klar, dann wird uns auch bewußt, daß seine Stimme uns nichts anderes zuruft als eben die Mahnung, nach Abgeschiedenheit zu streben, uns nichts anzunehmen, welcher die erste Betrachtung dieses Buchs einen Körper zu verleihen suchte. Alles Äußerliche ist zur Vernichtung vorherbestimmt und alles Ende schmerzt; das hat jeder Einzelne tausendfach an seinem Körper und seiner Seele erlebt, in welchen sich andauernd eines ins andere umsetzte, eines zum besten von anderem starb. Das Abgeschiedene im Menschen hingegen kennt die Schrecken des Todes überhaupt nicht. Ob einer innerlich real über Leben und Tod hinaus sei, wie dies von einigen indischen Rishis und Jivanmuktas gegolten haben soll, oder im Sinne einer Weltüberlegenheit des Selbstes, wie solche die Zen-Zucht schafft, das ändert am Probleme nichts. Wer, gleich mir, auf ein langes der Verinnerlichung gewidmetes Leben zurückblicken kann, der vermag nur ehrfürchtig zu staunen über den Weg der Selbstverwirklichung des Geistes durch Wachstum, Stillestehen, immer erneute Gefährdung und schließlich Verfall der irdischen Kräfte hindurch. Immer wieder stirbt etwas in uns, immer wieder erfaßt das Absterbende, an welches sich Vorstellung heftet, Todesangst, die dann im Gesamtmenschen ein Echo findet, bis daß im vollzogenen Teil-Tode anderes entstanden ist; immer neue Gelegenheiten bietet der Naturprozeß, immer neue Schwierigkeiten stellen sich dem Geist entgegen, welche er aus seiner Freiheit heraus überwinden muß. Und auf jeder folgenden Stufe wird ein neuer und höherer Grad der Vereinigung mit dem metaphysischen Selbst und der Eroberung des Schicksals möglich. Je weiter er aber kommt, desto mehr erkennt der in Wahrhaftigkeit strebende Mensch in der Enthaftung, welche zur Abgeschiedenheit führt, das Ziel. So erscheint ihm das gesamte Erdenleben zuletzt als nichts anderes, als eine einzige Hohe Schule des Freiwerdens.

Des Freiwerdens, nicht aber des Verzichtes und der Entsagung. Je freier einer wird, desto größerer und höherer Freude wird er vielmehr teilhaftig, so daß sich der Akzent immer mehr und auf der höchsten Stufe ganz und gar dem Positiven zu verschiebt. Darum sei zum Abschluß dieser notwendig düsteren Betrachtung, da wir nun einmal bei Japan sind, das Bild hervorgerufen und wiedergegeben, in welchem sich Alt-Japan die Liebe vorstellte. Ich denke an das Noh-Spiel Yamauba, das vor unvordenklicher Zeit wahrscheinlich von einem buddhistischen Mönch gedichtet wurde. Der Name Yamauba bedeutet wörtlich Das alte Weib aus den Bergen, und dieses hat, dem äußeren Anschein nach, mit unserem Rübezahl Ähnlichkeit. Doch der Sinn dieser Gestalt ist ein gänzlich anderer.

Sie stellt, schreibt Suzuki, das Prinzip der Liebe dar, welches geheim in jedem von uns waltet. Meist sind wir seiner nicht bewußt, und wir verkennen und mißbrauchen und lästern es allezeit. Die meisten von uns bilden sich ein, daß die Liebe ein dem Ansehen nach Schönes ist, jung, zart und reizvoll. Aber in Wahrheit ist Liebe das gar nicht: sie arbeitet hart, unbemerkt und unerkannt und doch ohne Auflehnung; was wir bemerken, ist das äußerliche Ergebnis dieser Arbeit, und dieses finden wir schön — was ja natürlich ist, denn das Werk der Liebe muß schön sein. Die Liebe selbst jedoch gleicht einer hart arbeitenden Bäuerin; sie sieht eher abgehärmt aus; vor lauter Sorge für andere ist ihr Gesicht voller Runzeln, ihr Haar weiß geworden. Ihr Leben ist eine Folge von Mühen und Leiden, die sie jedoch freudig trägt. Sie wandert von einem Ende der Welt zum anderen, ohne Erholung, rastlos, ohne Unterbrechung.

Mich haben wenige Legenden mehr ergriffen. Welch wunderbare Ergänzung derer stellt sie dar, welche die Liebe in irgendeiner Abwandlung der Venus oder Maria abbilden! Aber hier handelt es sich um mehr als eine Ergänzung. Ist es nicht letztlich geistgemäßer, sich alles Tiefe und Positive im Sinnbild des selbstlosen Alters als in dem der selbstsuchenden Jugend vorzustellen? Und bedeutet genau im gleichen Sinne das Memento Mori nicht den tiefst denkbaren und den, welcher den Ruf vernimmt, am tiefsten ergreifenden Ausdruck des Memento vivere?

1Mitten im Leben
sind wir des Todes
Hermann Keyserling
Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit · 1941
Vom Sterben
© 1998- Schule des Rades
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