Schule des Rades

Hermann Keyserling

Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit

Selbstverantwortung

Meinung und Einsicht

Wirklich selbstverantwortlich ist der allein, und er allein kann es überhaupt sein, dessen Bewusstsein in seiner Abgeschiedenheit gegründet ist. Auf allen früheren Stufen entscheidet, was immer das Bewusstsein vortäusche, nicht der wesentliche Mensch, sondern die Entscheidung — welche gar keine persönliche Entscheidung ist — kommt als Ergebnis der Interferenz verschiedenster unter- und außerpersönlicher Mächte zustande. Das Schulbeispiel hierfür liefert der, dem seine Privatmeinung letzte Instanz ist, dessen Karikatur der leider sehr häufige Frauentypus liefert, welcher sich immer und überall im Recht fühlt, alles, was er tut, genau begründen kann und jede seiner Neigungen und Regungen todernst nimmt. Die Privatmeinung ist, vom Geiste her gesehen, ein völlig Äußerliches; sie stammt aus der Region, in der alle irrationalen Neigungen, welche der persönliche Mensch wohl hat, so wie er Hühneraugen hat, die aber nie aus seinem tiefsten Wesen quellen, ihren Ursprung haben. Plato zuerst erkannte den Unterschied zwischen Meinung (doxa) und Einsicht (episteme) als wesentlichen Unterschied. Meinungen kommen in der Tat von außen her; um welche zu haben, muss man ihnen nachgeben, so wie man körperlichem Drange nachgibt. Einsichten hingegen wachsen von innen heraus, als Ausdruck der richtig angesetzten und darum auch gelösten Gleichung zwischen Selbst und Außenwelt. Weil dem so ist, darum bedeutet es bei allen Primitiven, zu denen auch alle Kinder gehören, einen Fortschritt in der Selbstverwirklichung, wenn sie gehorchen lernen. Gehorchend überwinden sie nämlich ihre Meinung und ihre Neigung, sie entscheiden sich von innen heraus dafür, als oberste Instanz ein der Person überlegenes anzuerkennen. Und aus dem gleichen Grunde fördert die meisten erst recht, nachdem sie innerlich mündig geworden, Glaube an ein göttliches Außer-Sich.

Doch der Gehorchende und blind Glaubende entscheidet sich letztlich nur für ein Negatives: nämlich dafür, seine persönliche Neigung und Meinung hintanzustellen. Das ist ein beinahe mechanischer Prozess — anders als durch das Erlebnis des Gezwungenwerdens hat noch keiner gehorchen, und nur wenige haben anders als durch Angst vor angedrohten schlimmen Folgen blind glauben gelernt — das aber heißt: ein solcher Mensch verantwortet nicht wirklich persönlich, denn alle letzte Entscheidung überlässt er Vorgesetzten. Der wirklich und aus freier Entscheidung Glaubende jedoch, dessen Prototyp der auf Grund persönlicher Offenbarung religiös Gläubige ist, leistet ein eminent Positives, indem er eine Autorität unbedingt anerkennt. Ist alles Gehorchen ursprünglich Zwang- und aller blinde Buchstabenglauben Furcht-geboren, so gibt es echten Glauben nur aus der Freiheit heraus. Hier entscheidet sich der Mensch frei-willig für die Anerkennung eines positiven Inhalts, den der Verstand nicht als sicher bestehend erweisen kann. Er schenkt ihm damit gewissermaßen die Existenz und übt damit höchste Generosität. Zugleich aber beweist er echten persönlichen Mut, denn wer sich für die Existenz von nicht bestimmt Gewusstem entscheidet, entscheidet sich damit nicht für die Sicherheit, sondern für das Risiko. In letzterer Entscheidung aber liegt das Wesentliche der Freiheit im Menschen überhaupt als der Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten und aus dem Geist heraus zu leben. Daher die ausschlaggebende Bedeutung des Glaubenshelden in aller Geschichte. Dieser glaubt zwar in erster Linie an sein Selbst und dessen Bestimmung im Unterschied von seiner Person, welche er opfert, aber eben darum kommt Glauben an sich selbst oder an andere oder an Gott psychologisch auf das gleiche heraus.

Nun gibt es aber die scharfumrissenen geistigen und seelischen Funktionen, welche wir hier als vorhanden vorauszusetzen schienen, nicht wirklich: sie sind Konstruktionen und als solche Erforderlichkeiten der intellektuellen Kartographie. Der Verstand kann alles nur in der Herausstellung sehen und behandeln und damit auf einer von ihm selber geschaffenen Projektionsfläche. Auf dieser kann er sich nur mittels scharf gezogener Linien und festbestimmter Punkte orientieren. Besagte Fläche mit ihren klaren Linien und feststehenden Punkten ist als Erkenntnismittel so sehr berechtigt, dass aller Erkenntnisfortschritt überhaupt mit jeweils schärferer Diskriminierung zusammengegangen ist; man denke an das Epochemachende von Kants Kritik. Aber Fläche, Linien und Punkte bleiben eben doch Verstandeskonstruktionen; im Inneren des lebendigen Menschen sowohl als in der realen Außenwelt gibt es sie nicht. Darum beginnt alle tiefere Einsicht mit dem Durchschauen dieses Umstandes; gleichsinnig hängt alle Verflachung der Intellekt-Kultur der letzten zwei Jahrhunderte damit zusammen, dass Erkenntnismittel als Erkenntnisinhalte missverstanden wurden, welchen Fehler freilich jede Philosophie, mehr oder weniger, bisher begangen hat. In Wirklichkeit ist alles Geistige und alles Seelische ein Flüssiges und Verfließendes; alles hängt da zusammen, eines geht in anderes über, alles kann aller Logik zum Trotz zusammenbestehen und erforderlichenfalls anderes ersetzen, so wie ein Körperorgan im Fall der Verletzung eines anderen die Funktion dieses übernimmt. Darum versteht das Gemeinte wirklich nur der, wer alle geistige Erscheinung als Sinnbild auffasst. Gleichwie der Menschenkenner kraft seiner Intuition durch beliebige Worte und Gebärden hindurch unwillkürlich und selbstverständlich versteht, wie es der Betreffende letztlich meint — welche Meinung mit dem persönlich Gemeinten in unvereinbarem Widerspruch stehen kann; absichtlich verwende ich hier, um ein Beispiel dessen zu geben, worauf es ankommt, das Wort Meinung in einem ganz anderen Sinne als bisher — oder wer er wesentlich ist, genau so gilt es, wenn man zu wahrer Einsicht gelangen will, durch alle Unterscheidungen des Verstandes hindurchzusehen. Was übrigens jedem möglich sein sollte, da ja jeder durch elementare Introspektion feststellen kann, dass er anderes und mehr ist als sein Verstand samt dessen Herausstellungen. So war der mittelalterliche Scholastiker trotz raffiniertesten Denkens in Wahrheit ein köhlergläubiger. Gleichsinnig schweifte Kierkegaard zeitlebens in über-Hegelischer Dialektik aus, war aber in Wahrheit ein verzweifelt um den Glauben Ringender, weswegen historisch einerseits seine Verzweiflung, andererseits sein Glaube gewirkt hat, während seine Dialektik längst überhaupt nicht mehr beachtet wird. Nietzsche wollte bewusst neue geistige Werte schaffen; in Wahrheit kämpfte sein Geist in allem, was er herausstellte, vom verdrängten Leben her gegen den protestantischen Christen in seinem Unbewussten. Und so wurde er, dank seiner außerordentlichen Intuition und Ausdrucksfähigkeit, zum Hauptentfesseler der Revolte der Erdkräfte, wie ich die erste zerstörerische Phase der Weltrevolution bezeichnet habe. Und so weiter.

Im hier nur in seinen größten Umrissen skizzierten Sinn und aus den ebenso skizzenhaft angedeuteten Gründen ist eine scharfe Abgrenzung zwischen dem Meinenden, dem Einsichtigen, dem Gehorchenden, Glaubenden und letztlich Selbstverantwortlichen nicht möglich: irgendwie und irgendwo ist jeder alles dieses auf einmal. Die wichtigsten und wesentlichsten Unterschiede zwischen den Menschen beruhen nicht darauf, was der Verstand bei ihnen an wirkenden Funktionen unterscheiden kann, sondern darauf, auf welcher der frei-gelegte Akzent ruht. Insofern nun besteht allerdings ein Wesensunterschied zwischen dem Gehorchenden, Glaubenden, Meinenden und letztlich Selbstverantwortlichen. Es handelt sich um Seinsstufen verschiedenen Ranges. Inwiefern dem so ist, macht vielleicht die folgende Sondererwägung am schnellsten deutlich: beim letztinstanzlich Gehorchenden ist das Selbst noch so weit unentwickelt, dass es keiner Eigeninitiative fähig ist und nur unter Druck eingreift, gleichwie Schicksalsschläge im Menschen oft wecken, wozu er sich aus Einsicht nicht durchringen kann. Dem Glaubenden offenbart sich das, was ihn von innen her bewegt, auf ein Außer-Sich projiziert, von dem her er dann sein Tiefstes auslebt. Nur der, welcher seine Abgeschiedenheit realisiert hat, lebt unmittelbar aus seinem Selbste heraus.

Er allein kann überhaupt selbstverantwortlich sein. Der Satz, mit welchem diese Betrachtung anhub, kann nunmehr als soweit erwiesen gelten, als solche Wirklichkeiten überhaupt zu erweisen sind. Nur das mittels der in jedem entwickelten (körperlichen) Sinne Erfahrbare und mittels der jedem angeborenen elementaren Logik Begründbare ist überhaupt objektiv zu beweisen — jeder tiefere Erkenntnisinhalt setzt zu seiner verstehenden Aufnahme einen Grad persönlicher Einsicht voraus, welcher entweder erreicht ist, oder aber nicht. Gehen wir nunmehr weiter. Man tut wohl daran, jeder Entwicklungstheorie skeptisch zu begegnen, weil solche allzu genau der natürlichen Neigung des Verstandes entspricht — wäre es anders, Darwins absurde, in Wahrheit mehr Wunderglauben voraussetzende Lehre, als gleiches vom biblischen Schöpfungsmythos gilt, hätte nicht über ein halbes Jahrhundert lang gerade den meisten Denkenden eingeleuchtet. So viel ist gleichwohl gewiss: der Aufstieg des Menschen, an von ihm aus innerem Müssen anerkannten Werten orientiert, führt von der Heteronomie zur Autonomie und vom Kollektiv- zum Selbstbewusstsein. Das ist zunächst ein biologischer Prozess, die psychische Entsprechung dessen, dass sich der Zellenhaufen zum Zellenstaat entwickelt und im Höchstfall eine monarchische Spitze erhält. Aber der biologischen Höherentwicklung entspricht auf der Ebene des Geistes Vergeistigung. Die Daseinsebene oder man kann auch sagen Dimension des Geistes ist nicht die Extension, sondern die Intensität — Geist ist wesentlich unräumlich und überzeitlich. Aus der oberflächlichen wird tiefere Erkenntnis, das Differenzierte erfährt eine Integration zu höherer Einheit. Nur geht hier wie überall die lebendige Entwicklung wieder und wieder durch kritische Punkte und Unstetigkeitsmomente hindurch. Auf der körperlichen Ebene stellen solche Zeugung, Geburt, Pubertät, Plus-Krankheit, d. h. Krankheit als Schwelle zu Gesundheit höheren Grades (Hans Much) und Tod dar. Auf der psychischen Ebene sind solche das Erwachen des Ichbewusstseins und des Sinns für den Ernst des Lebens im Unterschied vom Spielen des Kindes. Die spirituelle Entwicklung nun geht von der Überwindung des Ichs und Ersatz desselben durch das Selbst bis zu einem richtigen Subjektwechsel, welcher im Höchstfalle dem entspricht, was man Verklärung und Vergottung heißt. Dieser Subjektwechsel hat seine biologische Analogie im Unterschiede zwischen Schmetterlings- und Raupenbewusstsein. Von diesem Äußersten soll hier abgesehen werden, denn zu aller Zeit waren nur ganz wenige reif zu solcher Wiedergeburt. Wohl aber sind die meisten heute reif für die Selbstverantwortung.

Hermann Keyserling
Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit · 1941
Selbstverantwortung
© 1998- Schule des Rades
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