Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Ehe-Buch

Von der richtigen Gattenwahl

Schicksalsgemeinschaft

Gemäß christlicher Lehre sind Eheleute nicht zwei, sondern ein Fleisch; die psychische Einheit empfinden alle Liebespaare persönlich als wirklich. Inwiefern die Ehe grundsätzlich eine selbständige Einheit darstellt, brauche ich nach dem im Eingangsaufsatze Gesagten nicht zu erläutern. Hier gilt es das Folgende zu erkennen: Wenn Einheit der Grundcharakter der Ehe sowohl als des Kindes ist, dann hat die Zusammenstimmung der Gatten offenbar den gleichen Sinn, wie die der verschiedenen Anlagen im einzelnen Menschen. Dann muß die Frage der richtigen Gattenwahl offenbar unter dem gleichen Gesichtspunkt beurteilt werden wie die, wie man die Verschiedenheiten und Gegensätze in der eigenen Seele harmonisiert. Wie gelingt nun letzteres? Niemals durch Ausgleich, denn alle Anlagen als solche sind unveränderlich, nicht anders wie die Erbträger, die Gene. Auf ihrer eigenen Ebene können sie sich allenfalls gegenseitig im Kampf vernichten. Die Harmonisierung gelingt einzig durch Erschaffung einer Einheit höherer Ordnung, in welcher sich die Problematik des ursprünglichen Streites nicht löst, sondern erledigt.1 Vom Zwang des Triebes erlöst nur ein Höheres, die Liebe. Von der selbstverständlichen Revolte gegen die Übermacht des Schicksals nur bewußte Identifizierung mit den höheren schicksalschaffenden Mächten, in Weisheit und Religion. Deshalb ist die Einzelseele desto überlegener, je mehr an sich unvereinbare Gegensätze sie zu höherer Synthese vereint.

Nun, aus diesen kurzen Erwägungen ergibt sich bereits eine erste völlig bestimmte Antwort auf die Frage der richtigen Gattenwahl: Man soll den allein heiraten, durch dessen Hinzunahme in die eigene Seele man hinauswächst über das, womit man in sich allein nicht fertig wird, oder was man vom persönlichen Standpunkt als einseitig und unvollkommen empfindet. Als einseitig aber muß sich jeder Einsichtsfähige empfinden, weil, wie im Kapitel Weltanschauung und Lebensgestaltung von Wiedergeburt gezeigt ward, jeder einzelne nur eine Abstraktion aus dem realen Menschheitskosmos darstellt, dessen Realität dadurch allein bewiesen wird, daß fehlendes Gemeinschaftsbewußtsein Krankheit bedeutet. Dies ist der Grund, weshalb die meisten guten Ehen aus bewußtem Ergänzungsbedürfnis geschlossen wurden. Auf unterster Stufe genügt die Ergänzung vom Mann und Weib an sich, denn wo das Individuum unentwickelt ist, hat die Gattung nicht allein das erste, sondern auch das letzte Wort. Auf allen Stufen entscheidet das immanente Ergänzungsbedürfnis des eigenen allgemeinen Typus, worüber man näheres bei Jung und Kretschmer finden wird. Im Fall besonderer Individualisiertheit entscheidet die strengpersönliche Ergänzungsbedürftigkeit. Diese findet ihre Befriedigung dank der von C. G. Jung entdeckten und beschriebenen Tatsache, daß jeder Mensch die Kompensation seines bewußten Ich, nicht allein in bezug auf die Art, sondern sogar in bezug auf das Geschlecht, als Seelenbild im eigenen Unbewußten trägt.2 Wer einen in Form der Liebe anzieht, der ist überall, wo Geist und Seele mit entscheiden, so geartet, daß er das innerlich Gemeinte und folglich Vorausgewußte äußerlich ausdrückt, gleichwie so oft eines anderen Wort die eigene Meinung wiedergibt, welche man selbst zu formulieren außerstande war. Hierauf hauptsächlich beruht jenes Gefühl des Wiedererkennens oder des Von-jeher-Gekannthabens, von welchem alle echten Liebenden wissen: im Geliebten sieht man recht eigentlich sein eigenes Seelenbild im Spiegel, weshalb es kein Wunder ist, daß man das zu einem Gehörige oft auf den ersten Blick erkennt; ein Wunder ist vielmehr, daß der coup de foudre nicht den normalen Beginn jeder Liebe darstellt.

Hieraus nun erklärt sich grundsätzlich schlechthin alles, was über die Bedingungen glücklicher Ehen zu lesen steht, und ebenso das Gegensätzliche mancher durch Erfahrung bewährten Bestimmungen. Wenn es einerseits heißt, Gleiches geselle sich gern zu gleich, und andererseits, Gegensätze zögen sich an, so trifft mehr oder weniger das Eine oder Andere zu, je nach dem Ergänzungsbedürfnis und dessen Sonderart im eigenen Innern. Einseitig gespannte Naturen werden in der Regel nur von Gegensätzlichem angezogen, da sie nur dank solchem über ihre einseitige Spannung hinausgelangen können. Ausgeglichenere finden ihre beste Ergänzung in dem, was ihnen wesentlich gleicht und nur in Einzelzügen bereichernd von ihnen abweicht. Was Spezialforschung über dieses Problem zu sagen hat, darauf geben die nächstfolgenden Aufsätze dieses Bandes Aufschluß. Schon aus dem wenigen hier Gesagten geht aber eins hervor, was vielleicht die wichtigste Antwort auf die Frage dieses Aufsatzes bedeutet: wer die Frage stellt, wie erkenne ich den Richtigen praktisch, der fragt falsch. Dem Blinden d. h. Instinktunsicheren ist keinesfalls zu helfen. Wer aber der eigenen Seele überhaupt bewußt ist, der erkennt den ihm Zugehörigen ebenso unmittelbar, wie der Sehende eine Landschaft vor sich sieht, denn der Kontakt zwischen den Seelen ist ebenso direkt, wie der in der Körperwelt. Hier kann man jedem nur sagen: öffne deine Augen, d. h. verbanne Vorurteile und Vorspiegelungen aus dem Bewußtsein, gib dich der Qualität deines Erlebnisses rein hin und beurteile es dann richtig: so kannst du nicht irre gehen.

Aus dieser Unmittelbarkeit des Kontaktes zwischen den Seelen erklärt sich denn auch die Bedeutung der körperlichen Momente, die so viel größer und ernster zu nehmen ist, als die meisten heute wahr haben wollen. Die übliche Scheidung von Körper und Geist ist nämlich falsch. Wie ich in Schöpferische Erkenntnis und Wiedergeburt ausführlich gezeigt habe und hier nicht näher begründen kann, ist Leben wesentlich Sinn und insofern auf allen seinen Ebenen Geist. Andererseits ist jeder Lebensausdruck Erscheinung und insofern dem Materiellen zugehörig, von den Buchstaben, die einen Gedanken materialisieren, über die Sachen, (Institutionen, Gesetze, Ideen) welche der Mensch aus sich herausstellt, bis zur eigentlichen Körperlichkeit. Deshalb darf beim Leben nicht zwischen Körper und Geist, sondern überall nur zwischen Sinn und Ausdruck geschieden werden. Die übliche Scheidung könnte richtig sein, wenn das Geistige mit Verstand oder Bewußtsein identifiziert werden könnte. Das geht nicht an. Ein Bild, eine Sonate ist nicht minder geistig wie ein philosophisches System, und doch ganz unintellektuell. Andererseits ist ein physisches Organ in seinem Funktionieren genau so sinnvoll wie dieses und nur vom Sinn her zu verstehen. Was aber das Bewußtsein betrifft, so wissen wir heute, daß die meisten Geistesprozesse unbewußt verlaufen. Wir wissen endlich, daß alle Lebensausdrücke wesentlich Sinnbilder sind, inwiefern Verstandesbegriffe und physische Organe einer Ebene angehören. Unter diesen Umständen ist alles Körperliche selbstverständlich geistig-seelisch bedeutsam. Nicht allein bedeutet Schönheit Vollkommenheit der Rasse:3 jede, auch die kleinste Einzelheit hat einen bestimmten geistigen Sinn. Aus diesem tiefen Grunde ist die Möglichkeit oder Unmöglichkeit sexueller Beglückung durch einen bestimmten Menschen, oder Zuneigung oder Abneigung auf Grund bestimmter Kleinigkeiten unter allen Umständen ernst zu nehmen; solche sind immer Symptome und Symbole, gleichviel ob man sie zu deuten weiß oder nicht. Dies ist der Grund, warum in instinktsicheren Zeiten die Eheschließung auf scheinbar bloß physische Vorzüge hin auch die besten moralischen und geistigen Ergebnisse gezeitigt hat, sowohl bei den Gatten wie bei der Nachkommenschaft. Dem Instinktsicheren sind eben Geist und Körper eins; für ihn gibt es nichts rein Äußerliches. Jedes Einzelne liest er gleichsam als Sinnbild des Ganzen. Nun braucht die erkannte Zusammenstimmung freilich nicht solche für die Ehe zu bedeuten. Diese setzt, gemäß den Darlegungen des Eingangsaufsatzes, das Zusammenstimmen in bezug auf das Integral der Differenzierung voraus, und dieses Integral d. h. die mögliche Zusammenfassung des Vielfachen auf der Ebene höherer Einheit ist aus den Elementen der Zusammenstimmung als solchen nicht zu erfassen. Doch auch hier gibt es einen allgemeingültigen Ansatzpunkt zur näheren Bestimmung. Seit Alfred Adlers Forschungen steht fest, daß jedes Menschenleben sich gemäß einem geistigen Leitbilde entrollt.4

Dieses Leitbild antizipiert die Lebenslinie und das mögliche Schicksal. Es ist dabei eine Wirklichkeit genau wie jede andere, nur auf besonderer Ebene belegen. Auf dieser kann sie, bei sich selbst wie bei anderen, unmittelbar erfaßt werden, denn in der Natur wirkt jede Daseinsebene unmittelbar auf jede andere, also Geist auf Geist, Seele auf Seele, Leitbild auf Leitbild, genau so wie Leib auf Leib. Da nun die Leitlinien die algebraischen Formeln gleichsam möglichen Lebens darstellen, so kann man sagen: nur wo bei zwei Menschen diese zusammenstimmen, ist Ehe sinnvoll möglich. Die Ehe ist ja in erster Linie, wie der Eingangsaufsatz zeigte, Schicksalsgemeinschaft. Doch hier gilt es sofort einem ebenso häufigen wie verhängnisvollen Mißverständnis vorzubeugen. Bei der Gleichheit der Lebenslinien handelt es sich gerade nicht um Gleichheit der Interessen, der Neigungen, der Weltanschauung; so wenig, daß nichts sinnwidriger ist, vom Standpunkt der Gatten sowohl als der Nachkommenschaft, als wenn der Künstler den Künstler oder das Künstlerkind, der Gelehrte die Gelehrtentochter, der Jurist die Juristensprossin freit. Beim polaren Verhältnis der Geschlechter zueinander bedeutet Gleiches gerade nicht Gleichsinniges. Wenn die historische Standesehe diesen Satz zu widerlegen scheint, so rührt der falsche Schein daher, daß es sich hier um lebendige Typen handelte, nicht um Fach-Kasten; der Herrscher ist seiner Idee nach ja kein Spezialist, sondern ein allseitig überlegener Mensch. Deshalb bedeutet Gleichheit der Lebenslinien unter allen Umständen polare Entsprechung. Wenn die Frau ihr Leben so oft einem von ihrem persönlichen Standpunkt aus Verlorenen weiht, um ihn zu erlösen, so bringt das eben diesen Tatbestand zum Ausdruck. Wenn der bedeutende Mensch, sofern er Instinkt besitzt, gerade die zur Gattin kürt, mit der ihn sein Werk als solches von Hause aus gar nicht verbindet, so beruht dies auf gleichem. Die Frau will eben ihre persönliche Mission erfüllen, indem sie in jenem Falle erlöst, in diesem hilft. Ein Schicksal kann gemeinsam nur mit verteilten Rollen gelebt werden. Die naturale Urform dieses Zusammenhangs bietet die Ehe auf die Nachkommenschaft hin. Vater und Mutter betätigen sich nicht auf gleiche Weise. Und auch heute noch sieht jede instinktsichere Frau, die einigermaßen dem Muttertypus angehört, im möglichen Gatten von Hause aus den möglichen Vater. Noch heute heiratet jeder wurzelechte Mann im dunklen Bewußtsein dessen, daß er ein Naturschicksal zu erfüllen hat sowohl als die Geistgebote von Ethik und Religion.

1Vgl. über den Sinn dieses Prozesses das Kapitel Spannung und Rhythmus in Wiedergeburt.
2Vgl. seine Psychologischen Typen, Zürich, Rascher & Co.
3Vgl. das Aden-Kapitel meines Reisetagebuches eines Philosophen.
4Man lese seine Bücher Theorie und Praxis der Individualpsychologie und Der nervöse Charakter, München, F. Bergmann.
Hermann Keyserling
Das Ehe-Buch · 1925
Eine neue Sinngebung im Zusammenklang der Stimmen führender Zeitgenossen
© 1998- Schule des Rades
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