Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Ehe-Buch

Von der richtigen Gattenwahl

Niveaugleichheit

Doch mit Berufung auf Instinktsicherheit ist dem, welchem sie nicht eignet, wenig gedient. Deshalb gilt es den Zusammenhang geistig schärfer zu fassen. Zu allen Zeiten gab es strikte Vorschriften für die mögliche Eheschließung, von den Heiratsklassen-Begriffen der Australier bis zu denen adeliger und fürstlicher Ständeordnung. Solche Vorschriften erwiesen sich von jeher als unerläßlich, weil von jeher nur der Ausnahmemensch ohne Zwang das Richtige tat. Wie bei allen Pflichtgeboten handelt es sich hierbei um Herausstellung dessen, was sinngemäß ganz selbstverständlich von innen heraus bestimmen sollte.1 Was ist nun der letzte gemeinsame Sinn aller solcher Vorschriften? Sie haben allesamt zum Ziel, den Stand in der Natur- und Kulturordnung zu verewigen. Und bezieht man das Generelle auf das Individuelle zurück, so findet man, daß Standerhaltung grundsätzlich Niveauerhaltung bedeutet, gleichviel, ob sie jedesmal praktisch erreicht wird oder nicht. Und hiermit wären wir vom allgemeinen Begriff der Leitlinie zu deren letztentscheidender Qualifizierung gelangt. Mit dem Niveau hat es die folgende Bewandtnis: Jede Seele stellt einen Sinnzusammenhang dar, dessen Mittelpunkt so oder anders, höher oder tiefer liegen kann. Je nach der tatsächlichen Lage ist der Mensch oberflächlich oder tief, überlegen oder subaltern. Der Überlegene steht naturgemäß über den Dingen, die den Subalternen beherrschen. Dieser Mittelpunkt ist nun der eigentliche Brennpunkt der Persönlichkeit.2 Je nach seiner Lage, also je nach dem Niveau, erhalten alle Sondereigenschaften einen anderen Sinn. Er ist andererseits rein innerlich bedingt, aus der Natur nicht abzuleiten. Insofern stellt das Niveau recht eigentlich die empirische Basis aller Werte dar. Hieraus folgt denn, daß die erkannte Leitlinie eines Lebens an sich noch nicht genügt, um seinen Sinn zu bestimmen: es gilt vor allem zu erkennen, auf welcher Ebene sie liegt. Genau wie ein Pikkolo, dem es beschieden ist, zum Oberkellner aufzurücken, dasselbe Horoskop haben kann, wie ein Napoleon, genau so gibt das Niveau überhaupt dem irgendwie Bestimmten erst seinen letzten Sinn. Nun ist der Sinn der Ehevorschriften sowohl, als dessen prinzipielle Gültigkeit klar; nur niveaugleiche Menschen können sich im Guten ergänzen. Erstens ergänzen sie sich im Fall von Niveauverschiedenheit nicht wirklich, denn gerade das Wesentliche bei der Zusammenstimmung fehlt.

Zweitens und vor allem zieht, gemäß dem Übergewicht der Schwerkraft auf Erden, das Niedere das Höhere naturnotwendig herab. Denken wir nunmehr zurück an die Analogie zwischen der Einheit der Einzelseele und der Eheeinheit: es ist unmöglich, Niederes und Höheres zur Harmonie zu bringen auf der Basis der Gleichberechtigung; entweder dieses gewinnt die Oberherrschaft, oder jenes. So ist denn Niveaugleichheit das Minimalgesetz der richtigen Gattenwahl. Niveaugleichheit ist aber ihrerseits nichts anderes als richtig verstandene Ebenbürtigkeit. Damit ist denn klar, daß die Ebenbürtigkeitsforderung absolut berechtigt, ja zwingend ist. Da jeder Einzelteil eines Menschen von dem Gesamtniveau seinen Sinn erhält, so ist es recht eigentlich sinnwidrig, einen Menschen zu freien, und stimme man im Einzelnen noch so gut mit ihm überein, welcher als Ganzes unter einem steht. Dies kann nie gut ausgehen, vom Standpunkt der Gatten sowohl als der Nachkommenschaft. Da Seele notwendig auf Seele wirkt, und Gen auf Gen, so muß die unebenbürtige Ehe mit seltenen Ausnahmen zur persönlichen Herabminderung und zum Kulturrückgang der Rasse führen. Und sehen wir uns von hier aus die meisten modernen Ehen an, so wird uns auf einmal klar, warum sie so kläglich schlecht gehen. Gerade die entscheidende Frage, die Niveaufrage, wird bei der Eheschließung kaum je gestellt. Deutsche Männer heiraten scheinbar sogar grundsätzlich unter ihrem Niveau. So kann keine Tradition der Kulturerhöhung erwachsen. Es ist dies der Unsegen der Reaktion auf die Herrschaft veralteter Ebenbürtigkeitsbegriffe. Ebenbürtigkeit bedeutet Niveaugleichheit und weiter nichts. Mit Name und Stand hat sie insofern allein zu tun, als hohes Niveau in der Regel nur in entsprechender Kinderstube erwächst. Aber bei Kastenwirtschaft und daraus folgender Inzucht geht auf die Dauer einerseits die Vitalität verloren, wird der Typus andererseits einseitig, so daß zuletzt zwischen äußerem und innerem Niveau ein schreiender Widerspruch besteht. Dann bedeutet die formelle Ebenbürtigkeit keine reale mehr. Daß solches heute vom alten Adel vielfach gilt, kann kaum bestritten werden; was ihm noch Überlegenheit sichert, sind vornehmlich Vorzüge einseitiger Art, und Einseitigkeit widerspricht dem bloßen Begriff von Adel. Man vergleiche nur die Hofschranze mit dem unabhängigen Ritter, oder den zum Ausfüllen subalterner Stellung gezüchteten Junker Norddeutschlands mit dem ungarischen Magnaten, diesem echten Herrn. Auf das lebendige Niveau kommt alles an — dessen Dasein aber wird durch keine Ahnenprobe sicher verbürgt. Gerade um jenes der Zukunft zu sichern, treibt Instinkt so viele Höchstgeborene später Zeiten zu Frauen unter ihrem offiziellen Stand; sie brauchen Ergänzung durch vitaleres Seelentum und frischeres Blut. Aber der uralte Gedanke bleibt wahr: dem Hochgeborenen sollte vollkommene Ebenbürtigkeit das eine Erfordernis bei der Eheschließung sein.

Hier aber verlangt das Gesagte eine kleine Korrektur. Gegebene Stände verkörpern keinen letzten Wert; jeder soll zum Höchsten hinanstreben, wie dies der Inder vermittels der Wiederverkörperung tut, der Brite durch Polarisierung am allgemein gültigen Gentleman-Ideal. Das letzte Ziel der Eheschließung ist deshalb nicht Niveauerhaltung, sondern Niveauerhöhung. Diese nun gelingt, wenn je, dank den Frauen. Wenn nämlich der Mann die Gattin aus geringerem Stande selten hinaufzieht, so ist die Frau als geborene Mutter gerade zum Hinaufziehen fähig sowohl als geneigt; in diesem Falle liegt das dynamische und fortschrittliche Prinzip in ihr. Überdies erhält, während alle hochgezüchteten männlichen Linien früh aussterben, ein gütiges Schicksal die weiblichen beinahe immer am Leben; es zwingt sie ferner, im sozialen Abstieg, wieder und wieder zur Vermischung mit jüngerem Blut. Eben dadurch kreuzen sie auf die Dauer das Niedere auf. So zieht das Ewig-Weibliche die sinkende Menschheit wieder und wieder hinan. Hier sieht man denn wieder, wie weise unsere Urväter waren. Nach deren Bestimmungen durften Töchter unter ihrem Stande heiraten, nie aber die Söhne. Der Mann ist typischerweise unfähig, hinaufzuziehen. Und letztlich kommt es doch darauf an, entsprechend Nietzsches Mahnung: Nicht fortpflanzen, höher pflanzen sollt ihr Euch! Richtig verstandene Ebenbürtigkeit bedeutet also die Minimalbedingung günstiger Eheschließung. Wer unter seinem Niveau ehelicht, der sollte, sofern er etwas wert ist, schlimmer verurteilt werden, als wer sein Leben in Lasterhöhlen verbringt. Darüber hinaus aber sollte jeder, wenn irgend möglich, in irgendeinem Sinn, über sich selbst hinaus zu heiraten trachten. Jedes Menschen Sehnsucht geht ja ursprünglich dahin. Deshalb schaut der Mann unenttäuschbar zum ewig Weiblichen auf; eben deshalb besteht die Frau darauf, den Geliebten auch zu verehren. Dies Idealisieren bedeutet gewünschte Wirklichkeit. Da nun Neues nur durch Vereinigung entgegengesetzter Pole entsteht, so hängt die Höherzüchtung der Seele wie des Blutes wesentlich davon ab, daß die Ehen unmittelbar diesem Ziele dienen.

Niveau, nicht Gefühl ist alles. Gefühl an sich beweist nie, daß etwas richtig sei, denn es macht immer nur Befriedigung und Unbefriedigung an sich bewußt, unabhängig von deren Ursachen und Motiven. Um beweiskräftig zu erscheinen, muß Gefühl der Ausdruck oder die Spiegelung richtigen Urteils sein, was bei der Frau allerdings häufig der Fall ist (deren Gefühl sie denn auch entsprechend selten zu unüberlegtem Entschluß führt), kaum je indessen beim Mann. Und hiermit gelangen wir zum Problem der verlorenen Instinktsicherheit zurück. Viele wähnen, die Standesehe sei von jeher konventionell gewesen. Dies war sie gar nicht: die Dinge lagen vielmehr so, daß die Menschen sich in ungebrochenen Zeiten nur in vom Niveaustandpunkt Richtige auch verliebten; und dieses sollte das Normale sein, da das Niveau des Menschen sein Wesen letztlich bestimmt; was einem nicht ebenbürtig ist, mit dem stimmt man nie wirklich zusammen. Die Konvention sicherte also nur vor individuellen Entgleisungen. Auf der modernen Bewußtheitsstufe ist eine Wiedererlangung primitiver Instinktsicherheit freilich ausgeschlossen. Aber Bildung vermag, gemäß einem guten Worte Harnacks, die Unbefangenheit wiederherzustellen. Tatsächlich wirkt Niveau unmittelbar auf Niveau. Tatsächlich kann diese wesentlichste aller Wirklichkeiten genau so perzipiert werden, wie jede andere. Es müssen nur denen, welche es nicht selbstverständlich können, die Augen geöffnet werden. Den Weg dazu, soweit er allgemein zu bestimmen ist, habe ich in den Kapiteln Grenzen der Menschenkenntnis und Der natürliche Wirkungskreis in Wiedergeburt gezeigt, auf die ich hiermit verweise. Den besonderen Weg in jedem Sonderfall wird die Intuition des Erziehers, dem die Wahrheit aufging, finden. Wenn nur eine Generation die Urvätereinsicht meditiert, und dadurch ihrer Seele neu eingebildet hat, so wird, dank dem Einfluß der Kinderstube auf das Unbewußte, schon die nächste, in ihren weiblichen Vertretern zum mindesten — und dies genügt, da schließlich die Frau entscheidet, wen sie zum Gatten nimmt — diese Einsicht wieder selbstverständlich besitzen, gleichsinnig, aber auf höherem Geistesniveau als die vergangenen Zeiten. Dann werden die Jünglinge und Mädchen sich nicht mehr — was ihnen heute dringend anzuraten ist — zu bilden brauchen, um nicht falsch zu freien. Heute freien tatsächlich die meisten falsch. Wenn die meisten Ehen nicht lange beglücken oder fördern, so ist die Falschheit der Wahl dadurch unmittelbar bewiesen. Hiermit wäre das Problem der richtigen Gattenwahl vom Standpunkt der Gatten selbst wohl grundsätzlich gelöst. Über alles einzelne orientiere man sich in den betreffenden Fachwerken medizinischer, psychologischer, soziologischer und statistischer Natur.3 Den Sinn dessen, was der Leser in diesen Büchern finden wird, hat das Vorhergehende restlos vorweg genommen; ja erst von diesen Sinn aus erfaßt, werden die Sonderfeststellungen der Wissenschaft wahrhaft richtig. So sehen wir denn endgültig, daß Ehe anders wie als Synthese des biologischen, des Züchtungs-, des sozialen, des ethischen und religiösen Gedankens keine Erfüllung sein kann. Doch wir sehen andererseits, daß diese in ihrer Begriffsbestimmung so schwierig scheinende Synthese in der Praxis ein überaus Einfaches ist. Auch der Einzelmensch ist, zergliedert, ein grenzenlos Kompliziertes; er lebt als selbstverständliche Einheit. Nicht anders steht es mit der Lebensform der Ehe. Nicht anders mit dem Beginn ihrer Verwirklichung, der rechten Gattenwahl. Man muß sich nur ganz klar darüber werden, um was es sich handelt: das richtige geschieht nachher von selbst, weil das Unbewußte sich der bewußten Erkenntnis automatisch anpaßt.4 Ja, man darf gar nicht zu viel reflektieren.

Nur noch eins. Die Ehe kann, da der Mensch ein wesentlich Dynamisches, Strebendes, Aufsteigendes ist, nur erfüllen, insofern sie steigert. Wo sie im geringsten herabmindert, verfehlt sie ihren Sinn. Diese Erkenntnis erledigt sämtliche Ratschläge zum Problem der richtigen Gattenwahl, die auf das Glück im Sinn der Trägheit und Gemütlichkeit gehen, — zu welchen Ratschlägen leider ein sehr großer Teil der in wissenschaftlich beratenden Büchern enthaltenen oder von Eheberatern persönlich erteilten gehört — so absolut, daß es keiner weiteren Erläuterungen bedarf. Ehe ist wesentlich Verantwortung, deswegen kann Eheschließung auf falscher Basis nur zu Unheil führen. Wenn etwas nicht notwendig ist, so ist es dies, daß jeder Hans sein Gretchen kriegt. An unglücklicher Liebe, wo diese Unerwünschtem galt, zugrundezugehen, ist eine Schande und weiter nichts, denn es liegt in Jedes Hand, ein Verhältnis abzubrechen, bevor es zum Schicksal wurde. Die Einsicht dazu fehlte? Einsichtsmangel ist niemals ehrwürdig, denn er beruht immer irgendwie auf bösem Willen. Wenigstens dort, wo das ganze Unbewußte weiß. Dies aber ist, wo Mann und Weib einander anziehen, ausnahmslos der Fall.

1Vgl. den letzten Abschnitt des Amerika-Kapitels meines Reisetagebuchs.
2Erschöpfend behandelt die Niveaufrage das Kapitel Weltüberlegenheit meiner Schöpferischen Erkenntnis.
3Man lese Havelock Ellis Die Gattenwahl, deutsche Ausgabe, Leipzig, Kurt Kabitzsch; überdies die Schriften von Forel und Magnus Hirschfeld sowie seiner Mitarbeiter über die sexuelle Frage im weitesten Verstand. Das allseitig umfassendste Werk überhaupt darüber ist wohl Hirschfelds Geschlechtskunde, Stuttgart, Julius Püttmanns Verlag. Sehr lehrreich ist ferner G. Schreiber Medical examination before marriage in The World’s Health. August 1925.
4Vgl. hierzu Baudouin, Suggestion und Autosuggestion, Dresden, Sibyllen-Verlag.
Hermann Keyserling
Das Ehe-Buch · 1925
Eine neue Sinngebung im Zusammenklang der Stimmen führender Zeitgenossen
© 1998- Schule des Rades
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