Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Ehe-Buch

Das richtig gestellte Eheproblem

Innere Bindung

In der Ehe gewinnen Geschlechts-, Fortpflanzungs-, Wirtschafts-, soziale, persönliche und Schicksal-Gemeinschaft einen besonderen neuen Sinn: daß dieser Sinn nicht nur überall gemeint ist — sonst wäre die Ehe nicht von je jedes normalen jungen Menschen Ideal — sondern tatsächlich gilt und wirkt, wo immer das Eheverhältnis besteht, beweist allein schon die Erfahrung, wie sehr dieses die Gatten verändert, und zwar in anderem Sinn als jede andere Interessengemeinschaft. Neue Eigenschaften tauchen auf, neue Dominanten bestimmen das persönliche Leben; und was das Bedeutsamste ist: die Motive, welche zur Ehe führten, treten bald in den Hintergrund. Bei noch so großer und andauernder Liebe spielt die Geschlechtsgemeinschaft bald eine sekundäre Rolle – wie denn der Hauptnachteil außerehelicher Verhältnisse in deren Überbetonung liegt —, auch die des subjektiven Glücksanspruchs verliert an bestimmender Kraft. Statt dessen bilden sich innere Bindungen der Schicksalsgemeinschaft, welche jedem nicht Oberflächlichen mehr bedeuten als alle Leidenschaft und alles egoistische Glück, denn in ihnen wirken sich tiefer wurzelnde Potenzen und Bedürfnisse des Menschenwesens aus. Dieses besondere Gemeinschaftsbewußtsein ist aber unmittelbare Schöpfung des Eheverhältnisses als solchen, wie denn am Beispiel der Ehe besonders deutlich wird, inwiefern der Sinn den Tatbestand schafft, und nicht umgekehrt.1 Die nachweisliche Veränderung und Angleichung der Ehegatten aneinander reicht nie bis zum individuellen Kern — daher der typische, an Vehemenz oft dem réveil du lion vergleichbare réveil de la veuve, das Zurückschlagen der vormals in ihrem Manne noch so aufgegangenen Witwe in den Typus ihres Ursprungsgeschlechts — sie beruht vielmehr darauf, daß beide Gatten, je länger die Ehegemeinschaft dauert, desto mehr den besonderen Geist eben dieser Gemeinschaft verkörpern. Gleichermaßen ist der Ausfallstypus des Hagestolzes und der alten Jungfer recht eigentlich geistgeboren: er ist viel mehr der Ausdruck des Fehlens der besonderen seelischen Wirklichkeit, welchen die Ehe schafft, als mangelnder erotischer und generativer Erfahrung. Mag diese noch so reichlich gewesen sein, der Ausfallstypus entsteht, wo immer das oben betrachtete Gemeinschaftsbewußtsein unentwickelt blieb, wie denn umgekehrt der seelische Typus der Frau unter günstigen geistig seelischen Bedingungen sogar im mariage blanc erwächst. Schon diese wenigen Beispiele dürften als Tatsache erweisen, daß es der bestimmte Spannungszustand der Ehe als solcher ist, worauf es bei der Ehe in erster und letzter Linie ankommt. Er wirkt schöpferisch auf dem Wege suggestiver Beeinflussung, seelisch und geistig sowohl als physisch (daß Geschlechtsgemeinschaft sich nicht allein im Kinde, sondern auch in den Eltern produktiv auswirkt, erscheint gewiß) und schafft eine sich gemäße neue Wirklichkeit.

Aber wieso kann der beschriebene besondere Zustand, den die Natur nicht kennt, der dem einzelnen vom Standpunkt seiner Selbstsucht viel mehr Bindung als Befriedigung bringt, als Vehikel des Ideales anerkannt werden, so daß alle Ethik ihn verlangt und alle Religion ihr sakramentalen Charakter zuspricht? Jetzt gelangen wir zur substantiellen Fundierung des bisher nur als kategorialer Form herausgearbeiteten. Weil im Spannungszustand der Ehe einerseits das Nicht- und Überindividuelle, welches in jedem die Grundlage des Individuellen darstellt, die Zentrierung erfährt, die es typischerweise erfahren muß, wenn es der Mensch persönlich so ausleben soll, wie dies im Sinn des lebendigen Zusammenhanges ist, und gleichzeitig das Einzige, welches er letztlich für sich ist, die richtige Einstellung erhält, um seine Freiheit im gleichen Zusammenhang zu manifestieren. Der Mensch ist nicht nur einzige Persönlichkeit, er ist zunächst Gattungswesen, soziales Wesen, Teil des Kosmos; zum empirischen Ich gehört das Du wesentlich hinzu. Zur Ich-und-Du-Spannung in diesem weitesten Verstand gibt nun die Ehe die Urform. In ihr gehen kosmische Bedingtheit und persönliche Freiheit, die ihre Aufgaben selbst setzt, eine unauflösliche Synthese ein. In ihr verschmilzt die Welt der Tatsachen mit der Welt der Werte. Wohl bedeutet die Synthesis der Ehe nicht die einzige, in welcher letzteres gelingt. Wessen Wesenheit der Gattungsbindung entwuchs, wessen Bewußtsein die metaphysische Einheit spiegelt, wer über die Selbstsucht hinaus ist, mag allerdings seine richtige Einstellung im Kosmos als äußerlich Vereinzeltbleibender finden. Aber die allermeisten sind weder der Gattungsbindung entwachsen, noch metaphysisch bewußt, noch über die Selbstsucht hinaus. Bei den allermeisten dominiert der Wille zum Leben im Sinne der Natur. Diesen allen nun weist die Ehe den für sie bestmöglichen Weg zur Vollendung. In der Ehe können sie ihr Triebhaftes mit ihrem Geistigen am ehesten, wenn nicht allein, zu höherer Einheit verschmelzen. Wie sollte die Erfüllung der Ehe unter diesen Umständen nicht allgemein als Erfüllung höheren Grades gelten, als alle Sondertriebbefriedigung sowohl als alle Sonderpflichterfüllung? In ihr wird alles einzelne ja in einen tieferen Zusammenhang hineinbezogen, von dem aus es allererst seinen vollen, d. h. sowohl persönlichen als kosmischen Sinn erhält. Deshalb gilt das Heiraten den Indern als religiöse Pflicht; deshalb sieht der Chinese, mit seinem Sinn für kosmische Zusammenhänge, im ehelosen Zustand ein Untermenschliches. Deshalb gilt die Ehe der christlichen Religion als Sakrament und ihrer Ethik als Paradigma aller sittlichen Problemstellungen. Deshalb gilt uneheliche Geschlechtsgemeinschaft als unmoralisch. An sich selbst ist das Physiologische ethisch indifferent. Aber die Erfüllung des Menschentums verlangt allerdings, daß alle Sondertriebe sich in richtiger Einstellung im kosmischen Zusammenhange ausleben; Akzentverschiebung oder Loslösung von diesem verkehrt gerade das Schönste unmittelbar ins Häßlichste, wie an der Liebe mit furchtbarer Deutlichkeit in die Erscheinung tritt. Von hier aus wird denn wohl ganz verständlich, warum Geschlecht auf Geschlecht, ob persönlich noch so unglücklich und enttäuscht, den Ehestand doch immer wieder den Jungen als Panacea des Glücks hinstellt, warum sogar kuppelnde Mütter voraussehbares Unglück ihrer Kinder gering einschätzen gegenüber dem Gebot ihrer Verehelichung überhaupt: die Ehe soll eben sein. Der Zweck heiligt die Mittel. Eine weise Frau befürwortete einmal eine Heirat, deren schlechten Ausgang ich prophezeite, lächelnd mit den Worten: dann werden sie halt unglücklich und dann haben sie was davon. Die Unweisen handeln ebenso, nur ohne den Mut zur Wahrheit.

1Dies ist die Grundthese meiner Schöpferischen Erkenntnis.
Hermann Keyserling
Das Ehe-Buch · 1925
Eine neue Sinngebung im Zusammenklang der Stimmen führender Zeitgenossen
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME