Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

12. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1926

Bücherschau · Rudolf G. Bindings · Aus dem Kriege

Während einer leichten Erkrankung, die das Tempo meines Lebens verlangsamte, las ich Rudolf G. Bindings Aufzeichnungen Aus dem Kriege (Frankfurt a. M., Rütten & Loening). Es ist schon ein Merkwürdiges um diese Künstlernaturen, die weder tief noch geistig sind, aber dank unmittelbarem innerem Kontakt mit dem Leben und einer besonderen Ausdrucksgabe tiefgeistige Erlebnisse vermitteln können. Künstler sind wirklich wesentlich Medien, d. h. Vermittler. Ganz selten ist einer von ihnen mehr, und ich kenne wenig Törichteres, als das übliche Gerede, der Dichter an sich sei schon ein bedeutender Mensch. Gerade das ist er gewöhnlich nicht. Und er braucht es auch gar nicht zu sein, seine Aufgabe ist eine andere. — Also Binding. Ich kannte schon einige wirklich gute Novellen von ihm. Dieses Kriegstagebuch aber ist mehr, als was er sonst schreibt: er gibt wirklich die gewaltige öde der Kriegsatmosphäre wieder. Indem ich ihn las, sah ich Seite für Seite kriegsdurchschütterte westliche Regenlandschaften vor mir aufsteigen. Das erreicht Binding oft mit ganz einfacher Schilderung von Zufälligkeiten. — Meine Gedanken eilen zurück zu einem mir seinerzeit besonders empfohlenen anderen Kriegsbuch, Seelenleben des Soldaten an der Front von Dr. Ludwig Scholz (Tübingen 1920, Paul Siebeck). Es enthält aufschlußreiche Dokumente. Aber sie lehren einen doch wenig, denn worauf es beim Kriege ankommt, ist das von dem des Friedens vollständig verschiedene Milieu. Weil es so ganz anders ist, deshalb wirken die meisten, die den Weltkrieg mitgemacht haben, seither so, als hätte es keinen gegeben. Sie vergessen auch selber nahezu, was sie erlebt haben, so wenig geht es ihr späteres Friedensleben an. Im Spiegel von Binding nun wird die einzigartige Atmosphäre des Krieges wirklich lebendig.

Binding ist seinerseits ein Verehrer Fritz von Unruhs. Dessen Begabung steht für mich außer Frage. Aber wenn je einem, dann hat ihm das Vorurteil, daß der Dichter an sich schon ein großer Mensch sei, so geschadet, daß einem ob seiner Weiterentwicklung im Guten bangen muß. Sein Ludwig Ferdinand ist wirklich ein Drama. Seine späteren Schriften enthalten kurze Sätze und Szenen von elementarer Wucht. Aber es fehlt ihm gleichsam der Atem, um mehr als tiefe Schreie auszustoßen. Immerhin: bei eherner Arbeit könnte er noch weit kommen. Nun aber hält er sich für eine Art von Gott. Und dies führt ihn dahin, sein Schlechtes als gut anzusehen, ja als Symptom seiner Berufung. Ich wurde schamrot, als ich die Flügel der Nike las. Nachdem man so aufgenommen wurde, so zu schreiben — chantage ist kaum ein zu hartes Wort — das ist unentschuldbar. Wenn er das tun mußte, so bedeutet es, daß auf seiner Ebene das für ihn gilt, was Nietzsche von gewissen Frommen sagt, die ihren lieben Gott nicht halten könnten. Unruh sollte einfach in strenge Schule genommen werden, wie dies bei den größten Künstlern Griechenlands und Italiens selbstverständlich war und als Mensch nur gelten, soweit er den Anforderungen entspricht, die man an die Gesinnung jedes stellen darf, mit dem man verkehren will. Seit den Flügeln der Nike kann Unruh vorläufig nicht verlangen, als gebildete Persönlichkeit ernstgenommen zu werden. Seine nächste Aufgabe ist: sich zu rehabilitieren.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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