Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

12. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1926

Bücherschau · R. Wilhelm · Die Seele Chinas, Kung Tse, Lao Tse

Richard Wilhelm hat drei neue Bücher veröffentlicht: Die Seele Chinas (Reimar Hobbing), Kung Tse und Lao Tse (Stuttgart, Fr. Frommann). — Als sich die Frage seiner endgültigen Rückkehr nach Europa zuerst stellte, war ich unbedingt dagegen; Wilhelm ist seiner Anlage nach so sehr Chinese, d. h. auf Nicht-Widerstehen Vor- und Rücksicht, unwillkürliches Wirken und Andeuten (im Gegensatz zur westlichen Ausdrücklichkeit) eingestellt, daß ich befürchtete, sein Bestes möchte hier unwirksam und unbeachtet bleiben und er selbst sich an unserer ihm unkongenialen Wesensart zermürben. Wie er dann doch kam, da sagte ich ihm bei der ersten Wiederbegegnung:

Wenn das Schicksal es einmal so verfügt hat, dann müssen Sie, um Ihre Berufung zu erfüllen, Chinas geistiges Zentrum in Europa konstituieren.

Wie weit das gelingen wird, bleibt abzuwarten. Dazu bedarf es einer Verkörperung des chinesischen Sinns inmitten einer Erscheinungswelt, die von wesentlich anderen Gesetzen regiert wird, als die des fernen Ostens, und schwere Zwischenzeiten stehen Wilhelm jedenfalls bevor. Aber da im Westen nur das Sichtbare bemerkt wird, so hat Wilhelm zweifellos recht damit getan, gleich zu Anfang so viel als nur irgend möglich an Sachlichkeiten herauszustellen. Er hat das China-Institut gegründet, das sehr bedeutsam werden kann, wenn es ein anderes wird, als ein sinologisches Institut, nämlich ein lebendiges Zentrum östlicher Weisheit; hoffentlich hat Richard Wilhelm die Kraft, sich der andersgerichteten Absichten der meisten Förderer und Freunde desselben zu erwehren, indem er sie unmerklich den seinen dienen läßt. Hoffentlich wirkt er in ihm ausschließlich, in strengster Selbstzucht und frommer Rücksichtslosigkeit seinem mißverstehenden Nächsten gegenüber, als chinesischer Weiser, jede andersartige Herausstellung seiner Persönlichkeit grundsätzlich ablehnend. Dann hat er die drei oben angeführten Bücher verfaßt.

Deren erstes, ein Buch für jedermann, unterhaltsam, leicht geschrieben, voll nützlicher Informationen, ist sehr geeignet, die Atmosphäre vorzubereiten, in der allein östliche Weisheit auf europäischem Boden gedeihen kann. Denn es enthält implizite auch Chinas letzte Weisheit, so daß der, welcher es aufmerksam studierte, unwillkürlich die Elemente des Geistes in sich aufnehmen wird, aus dem allein heraus das ewig Wertvolle an China verstanden werden kann. Die beiden anderen sind schwerere Kost. Auch sie sind leicht, vielleicht zu leicht geschrieben. Wilhelm ist zu sehr Chinese, um zu insistieren, und dem Europäer, der nur ausnahmsweise zwischen den Zeilen zu lesen versteht — während in China nur diese Art Lesen überhaupt als Lesen gilt — legt er die Bedeutungsakzente kaum markant genug. Auch ist er leider kein geborener Schriftsteller, kein Meister des geschriebenen Worts, und heute zwar weniger als in früheren Jahren, wie u. a. seine unbedingt verschlechternde Umredaktion seiner ursprünglichen Übersetzung des Tao Te King beweist. Nichtsdestoweniger bedeuten sein Kung Tse und sein Lao Tse epochemachende Leistungen. Denn soweit dies überhaupt möglich ist, vermitteln sie zuerst der Allgemeinheit in Europa das Verständnis dessen, worin Chinas klassischer Geist für die Menschheit vorbildlich ist und inwiefern Polarisierung mit China uns heute not tut. Deshalb versäume keiner, diese Bände zu lesen. Was aber die Darmstädter betrifft, so sei ihnen das folgende gesagt. Von allen Geistern der Vergangenheit hatte Konfuzius die der meinen ähnlichste Einstellung; bei der Lektüre des Kung Tse war ich wieder und wieder überrascht darob — denn vorher kannte ich ja nur seine Gespräche — wie ähnlich (trotz aller zeit- und raumbedingten Unterschiede) ich von jeher meine Lebensaufgabe gesehen habe. Wenn sie diese meine Erklärung im Gedächtnis behalten, und dann den Kung Tse lesen, so werden vielleicht manche endlich den Weg finden, mein Werk außerhalb des Rahmens der eine mögliche Philosophie betreffenden europäischen Vorurteile zu beurteilen, wie es denn so allein verstanden werden kann. Dann aber möchte ich die Darmstädter bitten, nach Kräften mitzuhelfen, damit das China-Institut wirklich zu dem werde, wozu es berufen ist. Ursprünglich bestand bekanntlich der Plan, daß Richard Wilhelm direkt an der Schule der Weisheit mitarbeiten sollte, und zwar in einem engeren Sinn, als er es als Tagungsredner tut. Diesen Plan ließ ich sofort fallen, als ich gewahrte, daß Wilhelm sich einen streng persönlichen Wirkungsrahmen schaffen konnte. Fortan setzten wir alle uns mit ganzer Energie für die Gründung und Förderung des China-Institutes ein. Denn der Schule der Weisheit als einem rein geistigen Zentrum kann nicht daran liegen, sich alle in ihrem Sinne wirkenden Elemente unmittelbar einzugliedern: nur lebendiger, nicht äußerlicher Zusammenhang ist ihr Wesen, und wo immer einer selbständig zu wirken berufen erscheint, dort fördert sie eben seine Selbständigkeit und polarisiert sich alsdann mit ihr. Ein rein selbständiges Zentrum für östliche Weisheit war von ihrem Standpunkt desto mehr vonnöten, als die Schule der Weisheit wesentlich westlichen Charakter trägt und östliches Wissen und Können deshalb nur in der Umdeutung mittelbar vertreten kann. Fortan sollten alle die unmittelbar zu Wilhelm gehen, die es zu Chinas Weisheit als solcher hinzieht. Er ist ein echter Vertreter ihrer auch insofern, als er sein Bestes nur in privatem Gespräche gibt. Wie bei keinem zweiten Lebenden, lebt in ihm das Wissen des Buchs der Wandlungen, d. h. das Wissen um die unauflösliche Verknüpftheit des menschlichen Schicksals mit dem Kosmischen. Dieses weiterzugeben und fortzubilden im Sinn der Zeit, ist die eigentliche, ja die einzig wesentliche Aufgabe des China-Instituts. Dieses muß geradezu davor geschützt werden, daß es sich in anderer Richtung fortentwickeln könnte, wozu leider die Ansätze nicht fehlen. So mögen denn recht viele, nachdem sie sich zuerst durch Lektüre der besprochenen drei Bücher, dann durch das Studium der Original, werke von Chinas Großen vorgebildet haben, für eine Zeit Wilhelms persönliche Schüler werden.

Was ich an Grundsätzlichem über den Unterschied und den Vorzug der östlichen gegenüber der westlichen Philosophie zu sagen habe, findet der Leser in ausgereiftester Gestalt im Kapitel Jesus der Magier meiner Menschen als Sinnbilder, die jedenfalls noch vor Weihnachten erscheinen dürften. Hier seien nur noch einige Raumzeitliches betreffende Gedanken hingeworfen, die mir bei der Lektüre des Lao Tse und Kung Tse gekommen sind. Schon in China hat jener nur indirekt oder als Hintergrund und Teilelement der konfuzianischen Weisheit fruchtbar wirken können. Wo es Bestimmung des Menschen ist, im kosmischen Zusammenhang seine Freiheit auszuwirken, kann Rückzug in dessen Urzusammenhang dem Nichteinsiedler und Nichtverzichtenden dann allein frommen, wenn es im weitesten Sinn einen recul pour mieux sauter bedeutet (vgl. die Ausführung dieses Gedankengangs in meinem Vortrag Der letzte Sinn der Freiheit des Leuchters 1926). Aber im Westen ist auch die nichtumgedeutete konfuzianische Einstellung nicht sinngemäß. Wenn des Kung Tse spezifisches Wu Wei sich in unerhörtem Grade weltumgestaltend auswirken konnte, so lag dies am folgenden. Der Chinese fühlte sich bis zum Anbruch der neuen Zeit in erster Linie als Teil des Kosmos; deshalb schuf die Freiheit in China keinen übermächtigen Überbau. Ferner besteht die chinesische Anlage vor allem in der Fähigkeit des Zwischen-den-Zeilen-Lesens; also bedarf es dort nur geringfügiger Ausdrücklichkeit, um Wirkungen zu erzielen. Endlich ist Chinas Lebensform wesentlich weiblich, d. h. einerseits empfangend, andererseits austragend, und überhaupt nicht aggressiv; also setzen sich dort auch die zartesten Einflüsse leicht durch. Wie nun, wenn ein Konfuzius, wie er war, bei uns wirken wollte? Er würde nicht allein im gemeinten Sinne wirkungslos verbleiben (denn man vergesse nicht: Konfuzius war kein Einsiedler, sondern ein praktischer Reformator im Sinne Luthers und Calvins), er würde dank der vom westlichen Standpunkt nicht-Sinngemäßheit seiner Einstellung, dank seinem Verzicht auf direkte Wirkung das Unerwünschte fördern und sich selbst wieder und wieder insofern ins Unrecht setzen. Unmittelbar ins Unrecht: denn bei der Kung-Tse-Art handelt es sich nicht um die absolut beste Verkörperung des Sinns, sondern die bestmögliche unter den besonderen empirischen Bedingungen der chinesischen Psychologie. Gerade um das gleiche zu erreichen, müßte ein Konfuzius im Westen sehr anders vorgehen, ja in vielen Hinsichten auf entgegengesetzte Art. Und nun weiter: bei dem freiheitgeschaffenen Überbau des kosmischen Zusammenhangs, den die moderne Kultur gegenüber dem ursprünglichen Menschen, zustand darstellt, handelt es sich um ein absolutes Mehr-Erreichnis vom Standpunkt, der Bestimmung des Menschen. Wir sind eben dazu als Menschen in die Welt gesetzt, um, extrem ausgedrückt, das Himmelreich auf Erden zu verkörpern. Deshalb bedeuten die Widerstände der modernen Welt gegenüber den Einflüssen des konfuzianischen Wu Wei nicht Negativa, sie sind Ausdrucksformen eines höheren Zustands. Weshalb es nicht gilt, diese hinwegzuräumen, sondern ein Wu Wei zu entwickeln, das sich trotz und vermittels eben der Lebensformen, die den Konfuzius, wie er war, im Westen zur Ohnmacht verurteilt hätten, mit der gleichen Kraft, die seinem in China eignete, auswirken kann.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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