Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

13. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1927

Bücherschau · Rudolf Eucken

Der verehrungswürdige Rudolf Eucken ist nicht mehr. — Unter den zukunftszugewandten Jüngeren gibt es nicht mehr viele, die ihm gerecht werden. Ja, immer wieder fragten mich solche von eigener Begabung während der letzten Jahre, wie es nur möglich sei, daß ich so positiv zu Eucken stände, wo ich ihn doch unmöglich für originell als Philosophen, ja überhaupt für persönlich bedeutend halten könne. Diese wies ich dann jedesmal auf den in der Neuentstehenden Welt auseinandergesetzten Tatbestand hin, daß die historische Wirkung von Ideen weit weniger auf ihrem Wahrheitsgehalt beruht als ihrem repräsentativen Charakter. Eucken war der letzte ganz echte philosophische Repräsentant des Zeitalters des deutschen Idealismus; von ihm galt, mutatis mutandis, was man von Harnack und Wilamowitz-Moellendorff als Gelehrten sagen kann. Denn Eucken war Idealist in diesem bestimmten Sinn; er dachte nicht bloß, wie es ja noch die meisten Schulphilosophen tun, von den vor einem Jahrhundert geschaffenen Voraussetzungen aus weiter: er war lebendiges Sinnbild jener Zeit. Diese gehört nun freilich, ideell betrachtet, unwiederbringlich toter Vergangenheit an. Aus den Voraussetzungen des deutschen Idealismus heraus ist keinerlei Fortschritt möglich. Aber es sind immer nur wenige, oder doch kleine Kreise, die zu Anfang das progressive Moment verkörpern; die andern leben historisch verjährtes Leben noch so lange weiter, bis daß die Erhaltung gerade des statischen Gleichgewichts Neuanpassung verlangt. In diesem Sinn sind weiteste Schichten des gebildeten deutschen Mittelstands noch Idealisten. Und für sie war Eucken im höchsten und besten Sinne repräsentativ.

Im höchsten und besten Sinn: denn er verhalf ihnen durch sein Beispiel dazu, ihre eigenen höchsten Möglichkeiten zu entwickeln. Er bewahrte sie davor, sich in der neuen Umwelt innerlich zu verlieren. Gewiß wies er nie und nirgends Zukunft; aber nur die wenigsten Menschen leben der Zukunft. Sie leben tatsächlich in der Vergangenheit. Rein zukunftsgewandte Menschen verstehen z. B. schwer, wie sich ein Eucken-Bund hat bilden können, der sogar schon über eine gewisse Macht verfügt: dies liegt eben daran. Aber der Eucken-Bund leistet dennoch echte Kulturarbeit darüber hinaus, daß er die Tradition bewahrt: obschon seine meisten Mitglieder selbstverständlich alles Neue vom Vergangenen her betrachten und werten, so finden sie so doch überhaupt innerlich zu Neuem Zugang.

Dies nun alles ist wiederum Euckens persönlichstes Verdienst, und damit gelange ich zu seiner strikt persönlichen Würdigung. Er war ein ungewöhnlich positiver, warmer, guter Mensch. Aus diesen emotionellen Voraussetzungen heraus förderte er oft sogar, was ihm geistig niemals lag. Dies gilt von Nietzsche und seinem Werk, gilt sogar von der Schule der Weisheit. Er war eben wirklich deutscher Idealist im ursprünglichen Sinn. Und gedenken wir von hier aus nun des großen, weitreichenden und durchaus segensreichen Einflusses, welchen er ausgeübt hat und durch das Mittel seiner Jünger und Verehrer wohl noch so manches Jahr ausüben wird, so wird uns wieder einmal klar, wie wenig berechtigt es ist, Bedeutung nur in Funktion persönlicher Begabung und gewissen persönlichen Fortlebens zu bestimmen. Man kann schon als Normalmensch geistig viel bedeuten, sofern man nur einen vorbildlichen oder als vorbildlich geltenden Geistesgehalt vollkommen besitzt und seine gesamte Natur von ihm her durchdrang. Beim Verständnis dieses Zusammenhangs leisten die von Jung geprägten Begriffe besonders gute Dienste. Als psychotherapeutisches Ziel verfolgt Jung die Individuation. Darunter versteht er die Herausarbeitung eines strikt persönlichen Bezugszentrums innerhalb der Seele, welches das persönliche wie das kollektive Unbewußte in harmonischem Zusammenhang beherrscht. Solche Individuation nun ist unabhängig von der geistigen Begabung zu erreichen. Wer den Individualisierten deshalb schon für persönlich tief hält, geht freilich irre. Wohl aber verfügt dieser über das bestdenkbare psychologische Instrument, so daß, was immer er hat, der reinsten Wirkung und weitesten Übertragung fähig wird. Hier liegt der Schlüssel zum Geheimnis der schönen Seele.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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