Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

14. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1927

Vom falschen Gemeinschaftsideal

An verschiedenen Stellen von Wiedergeburt habe ich mich mit Alfred Adlers Gemeinschaftsideal auseinandergesetzt. Nun hat dieser ein Buch Menschenkenntnis (Verlag S. Hirzel, Leipzig) geschrieben, in welchem das, was ich für sein grundsätzliches Mißverständnis halte, potenziert in die Erscheinung tritt. Deswegen sei auf dieses Buch hin, das ich übrigens als äußerst anregend zur Lektüre empfehle, einiges schon früher Gesagte präzisiert. Da ich mich aber sehr kurz fassen muß, sei dem Leser empfohlen, falls ihm irgend etwas an diesem Aufsatz nicht einleuchten sollte, zur Verdeutlichung auf die das gleiche Problem betreffenden Abschnitte in Wiedergeburt und den Aufsatz Von der Grenze der Gemeinschaft im dritten Heft des Wegs zur Vollendung zurückzugreifen.

Für Alfred Adler hat der Wert eines Menschen seinen einen und eindeutigen Exponenten an der Qualität seiner Beziehung zum Mitmenschen. Insofern Ich und Du polare Koordinaten sind, ist jeder Menschen-Wert natürlich auch in Funktion des Mitmenschen zu bestimmen. Doch da andererseits aller Wert sich ausschließlich und ganz auf das Einzige im Menschen bezieht, so bedeutet Ausgehen von der Gemeinschaft ein falsches Ansetzen der Gleichung. In Wahrheit ist Gemeinschaft wertvoll genau nur insoweit, als sie dem Einzigen höchste Selbstverwirklichung ermöglicht. Sogar der Wert der Liebe ist allein vom Einzigen her, ohne Bezugnahme auf den Mitmenschen in sozialem Verstande, richtig zu bestimmen. Christus meinte mit seiner Liebesforderung ein ganz anderes als modern verstandene Humanität: er meinte nie die Masse, sondern den Einzigen, und zwar diesen um seiner selbst, nicht um der anderen willen. Deswegen darf man, gerade um die Beziehung zum Mitmenschen richtig zu fundieren, nie von diesem ausgehen. Der Einzige ist nur zu fassen, wo er absolut genommen wird. Insofern jeder Mitmensch ein Einziger ist und nur als solcher Werteträger, ist jeder Einzelne so absolut zu nehmen, wie der Oberflächliche sein eigenes Ich allein nimmt. Aber auch da ist vom absoluten Begriff des Einzigen auszugehen, nicht vom Relationsbegriff des Mitmenschen. Eben deshalb sprach Christus vom Nächsten und nicht von Jedermann; eben deshalb lehrte er, daß man den Nächsten ebenso und nicht mehr als sich selbst lieben soll; eben deshalb lehrte er, daß man um seiner selbst, seines Heils willen, Liebe beweisen soll. Es ist rein logisch und technisch ganz unmöglich, von der Gemeinschaftsforderung her das Wesentliche zu bestimmen. Wer nicht von sich aus, um seiner selbst willen, die richtige Beziehung zum Mitmenschen findet, der gewinnt sie nie. Denn das bloße Setzen der Relation zwischen Ich und Du als Ausgangspunkt vereitelt das Bestreben, dem Einzigen an und für sich gerecht zu werden.

Inwiefern hat Alfred Adler nun Recht? Recht hat er insofern, aber insofern allein, als der Mensch als Natur-Wesen, also unabhängig vom Wert, ein soziales Wesen ist. Er hat wirklich im naturwissenschaftlichen Verstand reale Gemeinschaftstriebe. Deswegen erkrankt er wirklich, wo diese atrophiert sind. Deshalb ist wirklich oft auf Adlersche Methode zu heilen, wo Macht- und Geltungstriebe im Gesamt­organismus Wucherungen bedingen. Und da sehr viele Mißstände des modernen Lebens auf solchen Wucherungen beruhen, und zwar gerade auf solchen im Adlerschen Sinn, nicht auf dem Nietzscheschen Ressentiment, das tiefere Wurzeln hat und ebendeshalb als Massenerscheinung weniger bedeutet, als manche glauben, so ist Adlers Bedeutung als Arzt und Sozialpädagoge sehr hoch einzuschätzen. Ich persönlich halte für möglich, daß die Erziehungsberatung, welche er jetzt in Wien in großem Stil betreibt, insofern geradezu Epoche macht: da der Bedeutungsakzent im sozial-politischen Leben auf die bisher unterdrückten Volksschichten herabgesunken ist und deren typische Krankheit eben Minderwertigkeitsgefühl und Geltungsstreben im Adlerschen, nicht Lebensneid im Nietzscheschen Verstande ist, so bedeutet gebührende Berücksichtigung des Ideals von Adlers Individualpsychologie bei der elementaren Erziehung, wenn ich nicht sehr irre, eine der wichtigsten Vorbedingungen jeder künftigen Kultur. Hier aber stehen wir auch an der Grenze von Adlers Bedeutungsmöglichkeit im Sinn der Werteverwirklichung: jene Berücksichtigung an sich schafft keinen Idealzustand, sondern allein die erste Vorbedingung dazu. Daß die Individualpsychologie mehr leisten könne — in diesem Glauben liegt eine totale Verkennung des Tatbestands.

Denn sie verkennt nicht allein vollkommen die Lage des Wertproblems: sie ist ganz und gar zugeschnitten auf niedrigstes Niveau. Dies erhellt sofort, sobald man Adlers Gedanken zum Kulturellen und Geistigen meditiert. Da kann man geradezu sagen, gelangte Adlers Gesinnung je zur Vorherrschaft, dann wäre die bloße Möglichkeit höheren Menschentumes unterhöhlt. Adler sieht in der Distanz an sich ein zu Beseitigendes. Sein Ideal der Beziehung zum Mitmenschen verlangt vollkommenen Ausgleich. Er leugnet durchaus die Bedeutung des Niveaus. Er sieht in aller Überlegenheit und allem Weg zu ihr — und das bedeutet in erster Linie: in kämpferischer Einstellung — ein reines Übel. Dies hat nun offenbar persönliche Motive. Das muß gesagt werden, weil dieses Persönliche der ganzen Weltanschauung ihren letzten Sinn gibt. Alfred Adler ist selbst ein Adlerscher Fall. Das sieht man immer mehr an der Art des Selbstbewußtseins, aus dem heraus er die von ihm begründete Bewegung führt — es ist kein selbstverständliches, herrschaftliches Selbstbewußtsein, sondern ein insinuierendes. Vor allem aber ist Adler sozialgesinnter Jude. Seine ihm unbewußten Instinkte treiben ihn dazu an, alle Distanz abzubauen, weil die Juden immer Herrenvölkern unterworfen waren. Wäre er Nichtjude, so würde er gerade als Individualpsychologe versuchen, nicht das Prinzip der Distanz zu erledigen, sondern alle zu Herren-Menschen zu machen. Aber da seine Anlage dies nicht gestattet, so sucht er völlig folgerichtig, die Herrengesinnung zu erledigen. So sehr perhorresziert er persönlich alle Distanz, daß er direkt behauptet, Begabungsunterschiede bedeuteten so gut wie nichts gegenüber der Erziehung. Daß diese Lehre tatsächlich die skizzierten psychologischen Wurzeln hat, erhärtet letztgültig der Beweis, den Alfred Adler mir einmal mündlich für sie gab: individualpsychologisch behandelte Kinder fielen im Examen nicht durch! Welcher Maßstab! Wo die Anforderungen, die in der Schule gestellt werden, auf Massen zugeschnitten sind, ist Durchfallen eher als Nicht-Durchfallen Begabungsbeweis. Adlers Ideal ist tatsächlich identisch mit dem des Proletkults. So erklärt sich denn seine vollkommene Verkennung des Wertproblem ihrerseits auf individualpsychologische Weise. Nur am Mitmenschen sei der Wert des Menschen zu messen: folglich gibt es keinen individuellen Menschenwert; folglich ist die Vorstellung selbstherrlicher Menschengröße ein Mißverständnis; folglich bedeuten Geltungs- und Machttriebe reine Mißstände. Da nun allein vermittels dieser Triebe höherer Sinn dem Erdenleben einzubilden ist, so ist klar, daß Adlers Ideal mit dem des russischen Kollektivismus aus einer psychologischen Wurzel sprießt. Ist Distanzeinhaltung schlechtweg als Übel gekennzeichnet, dann ist es mit der Möglichkeit von echtem Führertum grundsätzlich aus. Gleichsinnig steht es mit jeder Form von Gemeinschaft überhaupt, die auf der Spannung und dem Pathos der Distanz beruht. Ja, im letzten entspricht Adlers Ideologie der bolschewistischen genau: es soll und darf keine höheren Menschen geben.

Dies aber hat, noch einmal, zweifelsohne spezifisch-jüdisches Ressentiment zur Wurzel. Daß dies gerade bei Alfred Adler gilt, ist besonders wichtig, weil dieser ein selten guter, selbstloser und feiner Mensch ist. Er ist nicht nur Idealist im Sinn der Bolschewistenführer, er hat ein warmes, helfen-wollendes Herz. Solange es herrenmäßig gesinnte Gemeinschaften gibt, kann der Jude von Ghetto­gesinnung nicht oben sein. Doch wie es schon oft in der Geschichte geschah, erweist sich ein zunächst völkisches Problem hier zugleich im weitesten Verstand als bedeutsam: da die untersten Volksschichten in ähnlicher Lage wie die Juden sind und psychologisch folglich in hohem Grad am Gleichen kranken, so finden Adlers Gedanken Anklang und erfolgreiche Nutzanwendung weit über die Judenschaft hinaus. Ich kann dieses Problem nicht näher behandeln, möchte aber anregen, daß ein berufener Psychologe recht bald auch den Fall Alfred Adler so analysierte, wie dies Michaelis im Falle Sigmund Freud getan hat.

Zum Schluß noch ein Wort über eine andere Seite des Gemeinschafts-Problems. Warum hat das Wort Gemeinschaft in Deutschland soviel werbende Kraft? Warum führen es nur in Deutschland so viele im Mund? Das Wort Leonardos: Dove si grida, non è vera scienza weist den Weg zur Einsicht. Der Deutsche ist seiner Natur nach für sich abgeschlossen; er sieht den Mitmenschen nicht. Daher seine typische psychologische Unfähigkeit, sein typischer Taktmangel. Insofern er nun diese Isoliertheit instinktiv als Mangel empfindet, sucht er äußerlich herbeizuführen, was er von innen heraus nicht kann. Doch dies gelingt nicht. Alle deutschen Gemeinschaftsbestrebungen, alte ohne Ausnahmen bedeuten ebensoviel Sackgassen. Der Weg des Deutschen über seine psychologische Isoliertheit hinaus führt, falls Besseres als Massenorganisation zu praktischen Zwecken erstrebt wird, nicht über äußeres Zusammenarbeiten, sondern über die letzte Einsamkeit. Das heißt, vom Metaphysischen her ist bei seiner Veranlagung ein empirischer Mißstand am ehesten zu beseitigen. Sonst kommt nur noch der Weg der Belebung der minderwertigen Funktion nach Jungscher Methode ernstlich in Frage; ich meine dies nicht im technisch-ärztlichen Verstand, sondern im Sinn der Bewußtmachung der Gründe der deutschen Isoliertheit und der Weckung und Bildung der psychologischen Eigenschaften, auf deren Vorherrschaft echte Gemeinschaft beruht. Bekanntlich vernimmt man unter gemeinschaftlich begabten Völkern, den Briten und Romanen, überhaupt keinen Schrei nach Gemeinschaft, und diese sind dabei, bis auf die eine Funktion des Denkens, viel individualisierter und individualistischer als die Deutschen. Zur echten Gemeinschaftsbildung hilft Adlersche Individual-Psychologie, um auf diese zurückzukommen, gerade im Fall der Deutschen überhaupt nicht. Diese will ja den Einzelnen zum Besten der Mitmenschen herabmindern. Die Gemeinschaft der von Hause aus gemeinschaftlich gesinnten Völker beruht demgegenüber gerade auf dem, was Adler bekämpft: dem Prinzip der Distanz. Es gibt nichts Distanzierenderes als englische Reserve, als französische Höflichkeit. Und wo Distanz herrscht, liegt der Bedeutungsakzent ipso facto nicht nur auf dem Individuum überhaupt, sondern dessen Steigerung. Aber eben deshalb gibt es in Frankreich und England Gemeinschaft im höchsten Sinn: Gemeinschaft vindiziert nämlich entweder des Einzigen absolute Souveränität — oder aber sie ist vom übel. Denn wo der Einzige nicht wertbetont erscheint, da ist es der Kollektivmensch, und dessen Ideal ist nicht die Persönlichkeit, sondern — ein Bolschewistenführer hat es offen ausgesprochen — der unpersönliche gemeinnützige Apparat.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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