Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

15. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1928

Inspiration und Erziehung

Während meines Aufenthaltes in Amerika ist mir ganz klar geworden, inwiefern das, was gewöhnlich das erzieherische Ziel der Schule der Weisheit genannt wird, sich von dem, was sonst unter Erziehung verstanden wird, grundsätzlich unterscheidet. Da es hohe Zeit ist, ernsten Mißverständnissen in dieser Hinsicht vorzubeugen, sei das erste Mal, daß ich wieder für einen Aufsatz in deutscher Sprache zur Feder greife, diesem Thema gewidmet.

Ich verspüre keinerlei persönliche Neigung zum Erziehen. Ich verspüre auch keinerlei persönliches Interesse für Erziehungsfragen im üblichen Sinn. Mich interessierte von jeher allein, lebendige Impulse auszuteilen; diese zu verarbeiten überließ ich grundsätzlich denen, die sie empfingen. Inwiefern solch Impulse geben ein anderes ist, als was gemeiniglich unter Anregen verstanden wird, und inwiefern Anregen nicht ein Vorläufiges, sondern ein Letztmögliches ist oder sein kann, habe ich schon in den Kapiteln Kant und Jesus von Menschen als Sinnbilder gezeigt. Ebendort, sowie im ergänzenden Kapitel Geisteskindschaft von Wiedergeburt bestimmte ich auch schon den Unterschied zwischen väterlichen und mütterlichen Geistern; das Prototyp der letzteren ist Goethe. Aber erst der Kontakt mit Amerika hat mir die Lage des Problems vollkommen klargemacht. Kein Land der Welt nämlich war und ist so ungeheuerlich auf Erziehung bedacht wie dies. Es ist aber zugleich das Land einseitigst weiblichen Geistes, von dem ich wüßte. Es ist endlich, bis auf das eine Gebiet des Ökonomischen, das unschöpferische Land par excellence. Diese drei Koordinaten verhalfen mir zur, wie mir scheint, exakten Bestimmung des fraglichen Punktes.

Auf das Problem der Weiblichkeit Amerikas kann ich hier nicht näher eingehen. Einiges darüber enthält der folgende Aufsatz; von meinem heutigen Standpunkt abschließend, wird es in meinem Buch für die Amerikaner behandelt werden, das zunächst (im Frühjahr 1929) englisch unter dem Titel America set free erscheinen wird. Hier möchte ich nur das skizzenhaft zum Ausdruck bringen, was unmittelbar den Sinn und das Ziel der Schule der Weisheit angeht. Erziehen kann man nur bereits Geborenes; Erziehung gilt der Entfaltung und Ausbildung von schon Vorhandenem. Deswegen trieb ebenso elementarer Instinkt, wie der zum Gebären, die Frauen von jeher zum Erziehen an. Deshalb hatten alle geborenen Erzieher weibliche Züge. Ebendaher die Vorliebe für Wiederholung und Routine jedes Erziehertyps. Es ist logisch ausgeschlossen, ohne solche Vorliebe, und sei das Interesse für das Einzige jedes Falles noch so groß, an dem unvermeidlich Routinemäßigen und Wiederholungshaften aller Erzieherarbeit Freude zu finden.

Das Routinemäßige ist nun das Wesentliche an jeder Erziehung. Repetitio est mater studiorum. Genau so wie das Herz routinemäßig arbeitet, so ist alles Leben als Natur- sowohl wie als Kulturform zunächst ein typischer Prozeß. Und insofern Erziehung beim Menschen das herbeizuführen oder wenigstens zu vollenden hat, was die Natur beim Tiere leistet, ist jede Erziehung, die nicht auf das Nicht-Einzige den Hauptnachdruck legt, ein Unding. Diese einfachen Erwägungen genügen, wie mich bedünken will, zur Erklärung des regelmäßigen Versagens jeder allzu individuellen Erziehung und zugleich des Umstands, warum gerade eine Erziehung, welche grundsätzlich nur das Typische beachtet, ohne jedoch das Einzige in der Entfaltung zu hindern — wie die der alten englischen Schulen — die meisten und besten Persönlichkeiten entstehen läßt. Sie begründen zugleich die Notwendigkeit der Erziehung. Auf irgendeine Weise muß jedes besondere junge Leben dem Rhythmus des allgemeinen Lebens eingegliedert werden, und dazu ist eben die Erziehung da.

Betrachten wir die Frage jetzt von einer anderen Seite. Es ist notorisch, daß kaum ein origineller Geist seiner, Zeit ein Musterschüler war. Es ist ebenso notorisch, daß das Routinemäßige der Erziehung vorhandene schöpferische Kraft oft bricht. Daraus folgern Erziehungsreformer, die Schule, wie sie ist, sei vom Übel; sie müsse dahin gelangen, gerade das Schöpferische zu pflegen. — Aber jeder Versuch solcher Art endete bisher katastrophal. Handelte es sich um kleine Kinder, deren Genialität erhalten werden soll, so liegt die Ursache auf der Hand. Jedes Kind ist bis zum siebenten oder achten Jahr genial. Dann setzt eine Involutionsperiode ein. Die Originalität verliert sich, das Generelle, d. h. Routinemäßige, tritt in den Vordergrund. Wer diesen Prozeß aufhalten oder durchkreuzen will, übt deswegen geradezu ein Verbrechen am keimenden Leben. Denn da es sich um einen natürlichen Rhythmus handelt, so wird das künstlich genial erhaltene Kind, wenn es erwächst, in irgendeinem Sinne impotent. Umgekehrt ist gerade diese Zeit natürlicher Unoriginalität dazu geeignet, das Kind mit einem Minimum von Gefahr für seine Ursprünglichkeit dem allgemeinen Rhythmus des Lebens einzugliedern. Darum hat die traditionelle Schule hier gegenüber allen Reformbestrebungen recht. Ja, sie hat mehr recht, als sie es selber weiß. Nur in dieser Zeit kann das Typische gelernt und mit dem Individuellen harmonisiert werden. Und da aller spätere Erfolg im Leben in allen Fällen, außer dem ganz außerordentlicher Individualitäten, von dem Einklang mit der Gesellschaft abhängt, so ist es unmittelbar grausam, einem Kinde die Erziehung dazu vorzuenthalten, denn hier vermag spätere Selbsterziehung, aus elementar-physiologischen Gründen, Versäumtes nicht nachzuholen. Insofern sie dies verkennen, kann Schulreformern nur ein Wehe, Wehe! zugerufen werden.

Nun ist aber andererseits wahr, daß Erziehung nur zu leicht und zu oft entweder das Schöpferische an der Entfaltung hindert oder es aber an jeder Anregung zu solcher fehlen läßt. Damit gelangen wir denn zum Gegenpole der Erziehung: zu dem, was ich in der Überschrift Inspiration hieß.

Daß es sich hier um den Gegenpol und nicht etwa das Ideal der Erziehung handelt, ergibt sich seinerseits unmittelbar aus der kurzen prinzipiellen Erwägung, die wir zu Anfang anstellten. Erziehen, d. h. entfalten, bilden, dem allgemeinen Rhythmus des Lebens einfügen, kann man nur Vorhandenes, schon Geborenes. Inspirieren hingegen bedeutet, die Entstehung neuen Lebens anregen. Mit anderen Worten: wenn Erziehen dem Austragen des schon gekeimten Lebens entspricht, so entspricht das Inspirieren der Befruchtung. Und Befruchtung ist überall unentbehrlich, wo es Erneuerung gilt. Wo die Geschlechter einmal auseinandertraten, gibt es keine Parthenogenese mehr.

Hiermit hielten wir zunächst die psychologische Ursache des Phänomens, warum von jeher immer wieder im Namen des Schöpferischen gegen die Erziehung angerannt wird. Das weibliche Prinzip, als das des Beharrens, der Wiederholung und insofern der Routine, kann Gutes nur dort leisten, wo Befruchtung stattgefunden hat. Hat der schöpferische Impuls, der eine Gestaltung ins Leben rief, aus irgendeinem Grunde sein natürliches Ende erreicht, dann kann Erziehung nur im Sinn der toten Routine wirken. Hieraus erklärt sich weiter, warum nur begnadete Erzieher aus ihren Schülern mehr machen, als sie ursprünglich waren: das sind die im Sinne Platos vom Eros paidikós Begnadeten, denen das Zeugen in den Seelen Drang und Berufung ist. Aber eben hieraus erklärt sich, warum Erziehung nie auf solches Zeugen einzustellen ist. Erstens ist allgemein Erforderliches vernünftigerweise nie auf das Vorhandensein von Außerordentlichem zu gründen. Zweitens und vor allem ist gerade das, wozu es keines begnadeten Erziehers bedarf, das Generelle, das, worauf bei der Erziehung alles ankommt. Der persönlich Schöpferische bildet sich unter allen Umständen selbst, ob er erzogen wurde oder nicht. Da in ihm Neues zur Entstehung drängt, ist es grundsätzlich ausgeschlossen, daß hier Erziehung viel bedeutete. Und hieraus ergibt sich, daß es sich bei dem, was Inspiration leistet, um ein von aller nur möglichen Erziehung Wesensverschiedenes handelt.

Greifen wir jetzt auf das Beispiel Amerikas zurück. Amerika ist das erziehungsbeflissenste und zugleich unschöpferischste Land der heutigen Erde. Beides hängt zusammen: insofern das weibliche Prinzip absolut dominiert, muß das männlich-schöpferische, wo vorhanden, verkümmern oder unentdeckt oder sonstwie unwirksam bleiben. Insgleichen hängt das leblos-Routinemäßige der einen Seite des deutschen Lebens, die zugleich die schulmeisterliche ist, mit der Weiblichkeit des deutschen Durchschnittstyps zusammen (man vergleiche die diesbezügliche Auseinandersetzung im Deutschland-Kapitel meines Spektrums). Wo liegt nun die praktische Lösung? Sie liegt offenbar darin, daß das männliche und das weibliche Prinzip, jedes in seiner Sphäre, zur Geltung kommen und angemessen zusammenwirken müssen.

Das heißt zunächst: die Schule als solche muß grundsätzlich bleiben, was sie immer war. In manchem mag sie änderungsbedürftig sein: alle radikalen Reformbestrebungen auf diesem Gebiet bedeuten ebensoviel Mißverständnisse. Aber andererseits muß das Schöpferische an und für sich gepflegt werden. Nur ist von Hause aus anzuerkennen, daß hier nicht Erziehung in Frage steht, sondern ein anderes.

Dies führt mich denn zum Problem der Schule der Weisheit. Wie sie gegründet wurde, sah ich noch nicht klar. Heute weiß ich, daß nicht etwa persönliche Idiosynkrasie mich meine Schüler ungern mehr als drei Tage hintereinander sehen und mich immer ausgesprochener zum Wanderer werden läßt, der nirgends lange rastet: hier handelt es sich um das Wesentliche der Sache. Es gibt mann-weibliche Typen, die sowohl befruchten wie erziehen. Das waren die meisten der ganz großen Pädagogen. Und es ist kein Zufall, daß diese so überaus häufig homosexuell veranlagt waren. Aber die eigentlichen Inspiratoren, die Träger des Logos spermatikós, waren grundsätzlich nie Erzieher, sondern ausschließlich Zeuger. Die Athener hatten nicht unrecht, wenn sie in Sokrates eher einen Verführer als einen Erzieher sahen. Plato, der weiblicher geartete, bewies andererseits nicht allein sein hohes Ethos, sondern auch seine tiefe Einsicht dadurch, daß er überall im Namen seines geistigen Vaters lehrte. So hatten die Gründer des Christentums recht, sich in allem und jedem auf Jesus zu berufen. Auch dieser war absolut kein Erzieher. Auch er war nichts als Zeuger. Der Fisch wurde zum Symbol des Christus gewählt, weil dies das einzige Tier sei, das ohne Berührung des weiblichen Geschlechtes zeugt. Dieses Symbol hat einen noch tieferen Sinn zum Hintergrund: jeder echte geistige Zeuger hat von Natur aus nur die eine Neigung, seinen Samen auszustreuen; was aus ihm wird, ist Angelegenheit derer, die ihn empfingen.

Nun gehen alle Neuschöpfungen auf Erden, wie es nicht anders sein kann, auf das männliche Prinzip zurück. Daraus folgt, daß es ein grundsätzliches Mißverständnis bedeutet, hier überhaupt die Frage des Erziehens zu stellen. Dies gilt zumal in unserer so hochdifferenzierten Welt. Heute muß die Schule mehr und ausschließlicher weiblichen Geistes sein als je vorher, denn nie noch war generelle Ausbildung so unentbehrlich. Eben deshalb läuft der Einzelne mehr als je früher Gefahr, durch Schulung verdorben zu werden, und das Menschenleben als Ganzes, zu etwas Ameisenartigem zu verderben. Da nun ein höherer Differenzierungszustand unwiderruflich ist, so bleibt, um Üblem vorzubeugen und Besserem den Weg zu bereiten, nur übrig, das Zeugerische ebenso einseitig zu betonen. Nur muß dies eben sinngemäß geschehen. Das weibliche Prinzip ist einer sachlichen Behandlung fähig, weil es ausgestaltet; das männliche ist grundsätzlich nie versachlichbar, denn es steht und fällt mit vorhandener persönlicher Potenz. Wozu also hier organisieren wollen? Ein Fischmännchen genügt, um Millionen neuer Fische zu zeugen. Es gilt nur zu erkennen, wer geistig zeugen kann, und für mögliches Zeugen und mögliches Empfangen die richtige Einstellung und den entsprechenden Rahmen zu schaffen. Hier liegt der eigentliche Sinn dessen, wessen materialisiertes Sinnbild die Schule der Weisheit ist. Hieraus erklärt sich, warum mein Hauptbestreben von jeher darauf ging, ihre Ausgestaltung zu einem richtigen Lehrinstitute zu verhindern. Hieraus erklärt sich andererseits, warum sie alle nur möglichen schöpferischen Menschen zeitweilig, in jeweils besonderer einziger Situation, ihrem Rahmen einfügen kann, wobei deren Selbständigkeit und Einzigkeit ihrerseits keine Einbuße erleidet, sondern in ihrer Bedeutung gesteigert erscheint.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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