Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

15. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1928

Das Zeitalter des erdbeherrschenden Geists

In dieser Welt des Werdens und Vergehens lebt jedes Leben zwangsläufig auf Kosten anderer. Deswegen läßt sich jeder Fortschritt, vom Standpunkt des zeitlosen Werts, grundsätzlich ebensowohl als absoluter Verlust deuten, so wie jedes Sterben die Menschheit um eine einzigartige Seele ärmer macht. Aus diesem einen, aber wie mir scheint entscheidenden Grunde sind alle üblichen geistgeschichtlichen Konstruktionen letztlich falsch. Es ist unmöglich, irgendeine Werte voraussetzende Entwicklungslinie zu konstruieren, ohne zunächst Partei zu nehmen; Partei zu nehmen im allerprimitivsten Verstand. Die Aufklärung führte über Kant zu Goethe; oder Goethe wies den Weg zu Rudolf Steiner, oder zu Spengler, oder über Nietzsche zu Klages: alles das kann wahr sein. Aber für wen? Für den allein, der in der von ihm allein bejahten Bewegung persönlich drinnen steht. Und dies gilt auch von weiteren Zusammenhängen. Alle spezifisch deutschen geistesgeschichtlichen Konstruktionen, von denen ich wüßte, gehen unbewußt von der Voraussetzung aus, daß der letzt-richtige Akzent auf dem Geist ruht im deutschen Sinn. Aber für die überwältigende Mehrheit aller Menschen liegt er nicht dort und kann er dort nicht liegen. Goethes größte Schöpfungen verkörpern freilich ewige Werte auf dem Gebiet der Kunst. Aber was Goethe als Geist Deutschen bedeutet, bedeutet er nicht der Menschheit. In der Welle der Menschheitsgeschichte verkörpert Nietzsche nur einen bestimmten Wirbel — sehr wenige Nicht-Deutsche, die sogar das Gleiche vertreten oder wollen wie er, können sich in ihm wiedererkennen, und folglich gibt es ihn gar nicht für sie. Nun mag man den Geist oder einen bestimmten Geist als metaphysisch oder absolut wirklich setzen. Unter solcher Voraussetzung ist gegen die an sich gewaltsamste Konstruktion nichts zu erinnern. Insofern war die christliche Theodizee im Recht. Aber wenn keine solche metaphysische Voraussetzung besteht, wie im Fall von Nietzsche oder heute Klages? Dann ist es zum mindesten unvorsichtig, in einer Bewegung mehr zu sehen als die bestimmte Lebensform bestimmter Kreise.

Sieht man von privat verkörperten oder geglaubten oder theoretisch konstruierten Voraussetzungen ab, wie dies wohl Pflicht ist, wenn man das Leben wirklich verstehen will, so gibt es, wie mir scheint, nur eine Perspektive, in der die verschiedenen Bewegungen des geistig-seelischen Lebens in solchem Verhältnis zueinander erscheinen, daß es als vom Menschheitsstandpunkt richtig bestimmt gelten darf. Das ist die richtunggebende Bedeutung für die psychische Entwicklung des Menschen­geschlechts als Ganzen. Bei solcher Betrachtung leuchtet a priori ein, warum die Geschichte für die Dauer nur so sehr wenige Menschen und Geister als Bedeutungsträger gelten läßt. Die Bedürfnisse kleiner Kreise sind für sie nur Komponenten, die Lebensformen einzelner Völker sind Vergänglichkeiten. Aber Christus versinnbildlichte eine innere Umstellung aller Menschen der Westwelt, welche Umstellung vom Altern und Sterben zu neuem Leben führte. So hat die Aufklärung allen Geist befreit. So versinnbildlicht Marx den materiellen und sozialen Aufstieg aller Massen auf Erden. Das sind die ganz großen und realen Geisteskräfte. Von hier aus gesehen erscheint denn der klassische Deutsche Geist nur als mitteleuropäische Provinz der allgemeinen Aufklärungsbewegung. Wie weit er über Mitteleuropa hinaus Bedeutung hat, hängt davon ab, wie weit er darüber hinaus verstanden werden und Wirkung ausüben kann. Jede Betrachtung, die von dieser realen Erwägung absieht, ist nur da nicht schief und im absoluten Verstande irreführend, wo sie von metaphysischen Glaubensvoraussetzungen ausgeht und Wahrscheinlichkeit besteht, daß diese objektiv gültig sind.

Wo sind nun, im Rahmen dieser Bestimmungen betrachtet, die geistigen Bedeutsamkeiten dieser Zeit zu suchen? Ein nochmaliger Rückblick auf den Beginn des Christentums führt am schnellsten zur Einsicht. Christi Botschaft war allein letztlich bedeutsam zu ihrer Zeit, weil sie alle Menschen guten Willens anging. Das heißt: sie zerstörte die Provinzialismen der antiken Welt; sie schuf einen neuen, psychologisch (wenigstens potential) weiteren Menschheitstyp. Diese Erweiterung allein beweist, von aller Dogmatik abgesehen, ihre einzigartige Bedeutung. Die Menschenseele war über die Grenzen des antiken Zustands hinausgewachsen; der neuen Seelenbildung gab Jesus Richtung und Form. — Die heutige Lage ist der damaligen analog. Was europäischer oder indischer oder chinesischer Provinzialismus ist, ist als historische Bedeutung nicht mehr lebensfähig; das gilt erst recht von allem nur-Französischen, nur-Deutschen usw. Demgegenüber hat alles Universalistische und ökumenische von Hause aus die Übermacht. Daher die Macht des Bolschewismus, des Amerikanismus und im geistigen Lager das Neuaufleben der noch lebendigen universalistischen Gebilde aus früherer Zeit, so vor allem der katholischen Kirche. Aber das Alte kann in einer neuen Welt nicht letztlich siegen. Es kann dies schon gar nicht in der den ganzen Planeten umspannenden geistigen Menschheitsgemeinschaft von heute — denn die letzte lebendige Voraussetzung ist heute nicht mehr die Christenheit. Daß dem materialistischen Universalismus nicht das letzte Wort gehören wird, liegt auf der Hand: er hat das erste Wort, nicht mehr. Jedes irdische Glücksstreben sieht sich früh oder spät enttäuscht. Was hat unter diesen Umständen wahre zukunftsweisende Bedeutung? Es ist, in einem Wort gesagt, die erneute Rezeption des Prinzips des Logos spermatikós, des konkreten und zeugerischen Geists, und der Bewußtseinszentrierung in ihm; die genaue Bestimmung dessen, was ich damit meine, habe ich im Kapitel Jesus der Magier meiner Menschen als Sinnbilder gegeben. Das Zeitalter von der Aufklärung bis heute war das der Differentiation des Geists in der abstrakten Sphäre. Dort zentriert, war er natürlich letztlich ohnmächtig; deswegen konnten die alogischen Gewalten den Geist, in Weltkrieg und Weltrevolution, aber auch in Amerikanismus und konstruktivem Materialismus, wie nie vorher besiegen. Doch hieraus folgt nicht, daß nun ein ungeistiges Zeitalter anbräche, sondern daß der Mensch sich vom abstrakten Geist zum lebendigen, zum Logos spermatikós zurückbekehrt. Daß, antik ausgedrückt, sein Prometheisches das Epimetheische unterwirft; oder christlich: daß der Heilige Geist den geistigen Ungeist — das und nichts anderes ist der Intellekt — sich unterwirft. Betrachtet man nun von hier aus die Erneuerung der Menschheit, wie sie heute statthat — und wer nicht von der Menschheit als Ganzem ausgeht, sieht heute notwendig falsch — so erkennt man, daß schlechthin alle zukunftsschwangeren Bewegungen in dem hier Gemeinten ihren schöpferischen Quell haben. Handele es sich um die innerste Triebkraft des Bolschewismus, der den erdbeherrschenden Geist in allen bisher Unterdrückten des Ostens zum Leben erweckt; oder das heroische Prinzip des Fascismus; oder den Freiheitskampf der amerikanischen Jugend; oder die psychoanalytische Bewegung; oder zuletzt und zutiefst um die neue Selbstbesinnung auf ihr metaphysisch-Einziges hin von neuer Verstehensgrundlage her der Besten Europas: alle diese äußerlich noch so verschieden gerichteten Bewegungen sind Teilausdrücke des dämmernden Zeitalters des Heiligen Geists wie es schon die Weisesten unter den ersten Kirchenvätern als Nachfolge des Zeitalters des Sohnes kommen sahen. Alle anders gerichteten Bewegungen gehören, von der Menschheit her beurteilt, entweder zur vorbereitenden Dialektik, oder zur Reaktion; oder aber sie sind die Privatangelegenheit beschränkter Kreise.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
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