Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

15. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1928

Bücherschau · John Dewey, John B. Watson

Seit der letzten in diesen Mitteilungen veröffentlichten Bücherschau bin ich kaum zum Lesen gekommen. Um mir die ständige Bereitschaft zum unmittelbaren und unbefangenen Erfassen neuer Situationen und zum Improvisieren des in jeder erforderlichen zu erhalten, die meine Aufgabe in den Vereinigten Staaten verlangte, mußte ich meinen Geist, so oft es irgend ging, vollkommen entspannen. Ferner mußte ich möglichst vermeiden, durch die Brille anderer Geister zu sehen, denn der ganze Wert dessen, was ich einerseits lehren, anderseits lernen konnte, hing ja davon ab, daß meine persönliche Wirklichkeit mit der amerikanischen in direktem Kontakt war. So stellte sich mir die Frage informatorischen Lesens nur in dem einen Fall, daß Lektüre mir diesen Kontakt verschaffen konnte. Dies konnte sie, der Natur der Dinge nach, nur in dem einen Fall unbedingt originaler Geister tun, deren Originalität sich schriftlich ausdrückte. Und solche fehlen im heutigen Amerika beinahe ganz. Die als Klassiker geltenden Vertreter der amerikanischen Literatur gehören einer vergangenen Geschichtsperiode an; sie sind nicht mehr repräsentativ. Was von Europa aus als produktive amerikanische Kritik Amerikas erscheint, ist in Wahrheit nichts von der Art. Alles Produktive des heutigen Amerikas drückt sich unkritisch aus, es baut unbefangen und naiv. Hierher rührt der hohe repräsentative Wert von Sinclair Lewis: dieser lacht nicht etwa, von außen her, über Babbitt, er ist selbst im letzten Grunde ein überzeugter Babbitt; grundsätzlich gesprochen, wäre in seinem Falle Gleiches möglich, wie in dem von Gogol, der bekanntlich in Verzweiflung darüber geriet, daß irgend jemand über die Toten Seelen lachen konnte. Geister wie Mencken, Upton Sinclair und die übrigen sogenannten Radikalen spielen genau nur die Rolle, die im Mittelalter die Hofnarren spielten: sie sprechen oft die unverblümte Wahrheit und dürfen es tun; gerade die Mächtigen lauschen ihnen gern; aber nur, weil sie nachweislich ohne jede Macht sind. Im Letzten meinen sie es und nehmen sie sich selbst auch nicht ernst. Sie fühlen sich unverantwortlich, denn sie tragen tatsächlich keine Verantwortung im nationalen Leben. So konnte ich durch Lesen für meine Zwecke grundsätzlich nicht profitieren.

Nur zwei Geister bildeten hier eine Ausnahme, und die habe ich denn auch eingehend studiert: das sind John Dewey und John B. Watson.

John Dewey ist in Europa als Erfinder des Wortes Pragmatismus und im übrigen nur als einer der Vertreter der betreffenden philosophischen Richtung bekannt. Lesen tut ihn kaum jemand; Europäern hat er nur wenig zu sagen. In New York traf ich nicht selten mit ihm zusammen und empfing nur einen geringen persönlichen Eindruck von ihm. Aber wie ich tiefer ins amerikanische Leben eindrang, da merkte ich immer mehr, daß Dewey eine seiner echten schöpferischen Kräfte verkörpert. Lange konnte ich nicht verstehen, inwiefern dies der Fall oder auch nur möglich war. Da erfuhr ich, daß Dewey die eine werbende Geisteskraft des Westens im modernen China darstellt; dort wird er heute als Lehrer verehrt, wie vielleicht keiner seit Menzius. Dann ward mir bekannt, daß Sowjet-Rußland gleichsinnig — wenn auch dem Grade nach sehr verschieden — über Dewey urteilt. Ferner, daß die moderne Türkei gerade ihn beauftragte, das neuerforderliche Erziehungssystem zu entwerfen, und ebenso Mexiko in allerletzter Zeit. Damit hatte ich denn den Ansatzpunkt zum Verstehen Deweys gefunden. Das neue Amerika steht auf einer geistigen Ebene — wenn auch auf dieser an einem ganz anderen ideellen Ort — mit Sowjet-Rußland und dem sich erneuernden Osten. Sein Geist ist wesentlich nicht europäisch. Von diesem, nicht vom europäischen Geiste her muß John Dewey beurteilt werden. Wird er nun von allen besten jungen Kräften Amerikas als wichtigste Kraft empfunden, strahlt diese werbend über ganz Asien aus, dann bleibt nichts anderes übrig, als die Bedeutung anzuerkennen und zu verstehen zu versuchen, worin sie liegt.

Daraufhin las ich denn die Bücher Deweys, die in Amerika als seine wichtigsten gelten: Human Nature and Conduct (Verlag Henry Holt) und Democracy and Education (Verlag Macmillan). Sie enthalten sehr Gutes über Erziehungsfragen. Aber nicht das macht sie bedeutsam — Europäer haben die gleichen Probleme schon oft geistig tiefer erfaßt. Ihre Bedeutung beruht auf der Einstellung, mit welcher man, insofern sie heute für Amerika, Rußland und China repräsentativ ist, offenbar auf Jahrhunderte als einer Macht wird rechnen müssen. Ich hieß diese Einstellung englisch psychology bent on education. Quintessentiell ausgedrückt, sieht sie im Menschen nur ein Tier unter anderen, und ihre höchsten Werte sind nicht metaphysisch sondern sozial. Vom Geiste her beurteilt, ist sie oberflächlich. Aber man muß zugeben, daß primitive Menschen von ihr her besser als von irgendeiner anderen aus zu tüchtigen und glücklichen Bürgern der modern demokratischen Lebensgemeinschaft heranzubilden sind. Mehr will ich hier nicht sagen; eine ausführliche Würdigung bringt mein Amerika-Buch, das drüben wohl schon im Frühjahr 1929 erscheinen dürfte (bei Harper & Brothers). Indessen lese man die Hauptwerke Deweys selbst. Denn mit seinem Geist wird die Welt mehr zu rechnen haben als mit dem von Henry Ford, und ohne seine Kenntnis ist das kommende Amerika nicht zu verstehen.

Und dann lese man John B. Watson, von dem ich zwei Bücher kenne — Behaviorism (Verlag W. W. Norton) und The Ways of Behaviorism (Verlag Harper). Muß Sinclair Lewis’ Babbitt als Prototyp des Seins des heutigen Durchschnittsamerikaners gelten, so ist Behaviorism dessen typische Weltanschauung. Wenn etwas als Amerikanismus gelten kann, so ist es sie. Ich schrieb vorhin, daß für John Dewey der Mensch nur ein Tier unter anderen sei: bewußt und explizit geworden ist diese Weltanschauung in ihm noch nicht. Wohl ist auch für ihn habit, Gewohnheit, das erste und letzte Wort jeder, auch der geistigsten Betätigung, aber er hält den Zusammenhang mit der Tradition des europäischen Geistes doch noch fest. In Watson ist das vollkommen bewußt und explizit geworden, was auch Dewey im innersten meint. Es ist eine höchst erstaunliche Weltanschauung. Das, was den Menschen vom Tiere unterscheidet, was Max Scheler auf seinem Tagungsvortrag des vergangenen Jahres so schön herausstellte, bleibt vollkommen verkannt. Aber auch hier hat das einerseits Flache sein ungeheuer Positives: von der Voraussetzung aus, daß alles Gewohnheit ist, wird es gewiß am leichtesten gelingen, solche Methoden heranzubilden, welche die besten Gewohnheiten zu schaffen gestattet. Bedenkt man, daß die neuentstehende Welt eine Chauffeur-Welt ist, so kann man nicht umhin, dieser Weltanschauung eine größere Bedeutung als Kulturmacht zuzuerkennen, als es der deutsche Idealismus heute ist. Denn dessen Sprache wird von der verjüngten Menschheit nicht mehr verstanden. Nirgends mehr jedenfalls außerhalb Deutschlands.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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