Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

16. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1929

Bücherschau · Pressemitteilungen

Während ich dies schreibe, lese ich gerade von der ersten Rückkehr des Graf Zeppelin, wobei sich herausstellt, daß der allgemein gefeierte und sogar mit Erdengütern beschenkte blinde Passagier von der amerikanischen Presse bestellt war, um die Berichte interessanter zu machen. Es war ein reiner Bluff. Ungeheure Beschämung in Deutschland; die Tatsache wird in den deutschen Zeitungen möglichst unauffällig registriert.

Wäre es nicht gut, wenn die Deutschen daran lernten, daß es nicht sinngemäß ist, überall die Kategorie des Ernstes anzuwenden? — Hier greife ich auf die Eingangsbetrachtungen über Ortega zurück. Das neue Lebensgefühl ist wesentlich ironisch. Wer nicht den Standpunkt der Indifferenz zwischen Ernst und Scherz innerlich innehat, ist dem, der dies tut, gerade an echtem Ernst, d. h. an Sinn für den wahren Sinn der Dinge unterlegen. Das amerikanische Sensationswesen ist nun freilich eine überaus kindliche Angelegenheit, allein als natürliche Reaktion von Kindern auf ein allzu geordnetes Berufsleben zu verstehen. Immerhin urteilt Amerika auch hier weiser, d. h. aus tieferer Sinneserfassung heraus als Europa. Es sieht die Sensation als Sensation, den Bluff als Bluff und verlangt nicht von der Ziege, daß sie eine Giraffe sei; und es weiß den Wert der Anregung an sich zu schätzen. Die innere Befreiung, welche die Monate in Amerika für mich bedeutet haben, beruht zu einem erheblichen Teil darauf Nach dem Urteil Sachverständiger ist kein Europäer drüben auch nur annähernd so verleumdet oder sonst von der Presse mitgenommen worden, wie ich. So habe ich z. B. nie die berühmten Instruktionsbriefe für meine Gastgeber geschrieben, noch auch entsprechende Bedingungen gestellt. Ich habe von mir aus keinen öffentlichen Vorstoß gegen Emil Ludwig gemacht — im Gegenteil, wochenlang weigerte ich mich, trotz dringender Telegramme und Telephone, ein Urteil zu äußern; erst als die Presse einen vertraulichen Privatbrief (denn darum handelte es sich bei dem an Mrs. Hearst) von mir publizierte, nahm ich notgedrungen öffentlich Stellung. Sehr vieles von dem, was in den Zeitungen zu lesen stand, habe ich nie gesagt. Und ebensowenig hatte der offene Brief von Upton Sinclair eine sachliche Grundlage — und Sinclair wußte es, da er mit der Schwester meines Gastfreundes Charles Crane in Los Angeles befreundet war, in deren Hause ständig verkehrte und Crane sie während unseres Aufenthaltes in Kalifornien telephonisch über die Presseentstellungen genau orientierte. Alle meine amerikanischen Bekannten waren einig darin, daß Upton Sinclair nur schrieb, um seinen Namen wieder einmal in die Presse zu bringen, was ihm ja auch im größten Stil geglückt ist. Die United Press erhielt den Brief früher noch als ich und telephonierte mich in Palm Springs, inmitten der Kalifornischen Wüste, deshalb an: was ich dazu sagte? Gar nichts, erwiderte ich lachend.

You feel none the worse for it? — Oh no, I feel very much better.

Der Redakteur lachte zurück und verbreitete nunmehr den Brief mit endgültig gutem Gewissen. Warum hätte ich dementieren oder auch nur entgegnen sollen? Das eine, was alle ernsten Amerikaner mir übereinstimmend sagten, war:

this publicity gave you a wonderful chance.

Sachliche Wahrheit interessiert Amerika bei Pressemitteilungen nicht. Sie passen da nur auf, wer denn der Mann, auf den sie aufmerksam geworden, wirklich ist. So verdanke ich es wohl vor allem den Verleumdungen, daß Wiedergeburt und Schöpferische Erkenntnis demnächst schon drüben erscheinen. Nachdem die Amerikaner gesehen, daß ich den Sinn des Spaßes verstehe, sind sie bereit, meine Philosophie der Sinnesverfassung überhaupt ernst zu nehmen. — Noch einmal: ich breche gewiß keine Lanze für die amerikanischen Pressesitten. Aber wenn ein Volk sie durchschaut und Ernst und Scherz entsprechend balanciert, so beweist es immerhin tiefere Sinneserfassung als der, welcher alles todernst nimmt und auch dort sachliche Wahrheit sucht, wo solche nie beabsichtigt war.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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