Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

1. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1920

Bücherschau · Leopold Zieglers — Gestaltwandel der Götter

Wie ich zu Spenglers großem Werke stehe? Ich las es seinerzeit mit wahrer Begeisterung, denn es strotzt von Geist. Nur habe ich es, für meine Person, niemals zuwege gebracht, in diesem Fall die Frage von wahr und falsch zu stellen. Ganz abgesehen davon, daß ganz unstreitig mehr, als erforderlich erschiene, an Spenglers Auffassungen falsch ist: das Buch stellt so handgreiflich die deduktive Arbeit eines Mathematikers dar, daß es mir einfach widersinnig erschienen wäre, es unter anderen Voraussetzungen zu lesen. Mathematische Konstruktionen sind in sich wahr oder falsch, unbeschadet ihrer Anwendbarkeit auf die Natur. Spenglers Aufbau und Abwandlungen nun sind gewiß nicht logisch einwandfrei, aber sie sind so außerordentlich geistreich, daß der ästhetische Genuß daran bei mir jede kritische Regung, derweil ich las, verstummen ließ. Später fiel mir freilich allerhand ein… Mir ist zumal nicht klar, inwiefern man an Spengler anknüpfen kann. Möge er auf seine Art beweisen, was er will: ob das Abendland untergehen oder sich erneuern wird, hängt letzthin davon ab, was wir freie Menschen wollen und vollbringen. Wohl gibt es ein Schicksal im Spenglerschen Verstand, aber schon die Astrologen wußten, daß das Tiefste im Menschen, sofern es eingreift, dessen Bestimmungen umlenken kann. Durch alle morphologische Endlichkeit führt geistiges Unendlichkeitsstreben hindurch, und auf diesem, nicht auf jenem, ruht der Akzent der Geschichte. Die, welche in Spengler einen Bestätiger ihrer Pleitestimmung oder ihres Verantwortungsmangels verehren, machen das Buch eben dadurch zum Panier des Untergangs. Dies liegt aber nur an ihnen. Ich persönlich möchte diesen großartigen Verstandesroman, gleich Thomas Mann, als frohes Zeichen des Eintritts einer neuen, konstruktiven Literaturepoche werten.

Daß eine solche tatsächlich ihren Einzug hält, bestätigt jetzt ein Buch, das ich in aller ernsten Menschen Händen wünschte: Leopold Zieglers Gestaltwandel der Götter. (Otto Reichl Verlag, Darmstadt). Schon vor 15 Jahren legte ein Frühwerk Der abendländische Rationalismus und der Eros Zieglers Bedeutung nahe, die einen Höchstausdruck wohl in einem demnächst bei Otto Reichl erscheinenden Buddha-Buche finden wird. Aber im Gestaltwandel sehen wir vermutlich die reichste Verkörperung von Zieglers Geistigkeit. Sie ist sehr deutsch, allzu deutsch: dem Ausdruck fehlt es an Einfachheit und Eleganz, und Buddhas von Neumann verdeutschten Reden hat Ziegler etwas viel von dessen Wiederholungstechnik, überhaupt von dessen Ausdrucksweise abgelauscht. Aber ein außerordentlich tiefes Geistesleben spricht sich im Gestaltwandel aus. Der Schluß ist unmittelbar ergreifend. Von Buddha ausgehend, an Nietzsche anknüpfend, enthält er den Keim zu einer neuen, überaus tiefen religiösen Gesinnung, die auf Bejahung des Leides beruht. Hier stehen ganz wesentliche Dinge zu lesen. Noch einmal: Keiner, dem es möglich ist, versäume es, sich dieses Werk zum Erlebnis zu machen.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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