Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

18. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1930

Vom Wesen der Leidenschaft

Der Bürgerkrieg zwischen Geist und Seele ist heute ja wohl ausgekämpft. Er war im Grunde eine recht lächerliche Sache, nur durch Wirklichkeitsferne beider feindlicher Lager zu entschuldigen. Über den wahren Zusammenhang der Dinge ist mir nun in Südamerika und Spanien vielerlei klargeworden. Einiges davon habe ich schon auf der letzten Lehrtagung skizzenhaft ausgesprochen, das meiste wird noch lange der Endfassung harren müssen. Nur einen Punkt möchte ich hier ganz kurz berühren. Es war in letzter Zeit Mode, von der diskontinuierlichen Aktionsart des Geistes zu reden gegenüber der Stetigkeit des Lebensstroms. Innerhalb wesentlich engerer Grenzen, als Melchior Palágyi, der Urheber dieser Gegenüberstellung, sie gezogen hat, trifft dies vom besonderen Standpunkt des Physikers und Erkenntnistheoretikers zu. Aber das Entscheidende ist, daß von diesem Standpunkt aus das Wesentliche und Eigentliche unerfaßbar bleibt. Geht man von der Wirklichkeit des Lebens — oder, um es allgemeiner zu sagen — Daseins aus, dann ist genau das Gegenteil dessen wahr, was Palágyi lehrt: Unstetigkeit ist Wesen des Triebhaften und Stetigkeit das des Geisthaften.

Im Deutschen gibt es kein angemessenes Wort für jene emotionale und vitale Urwirklichkeit, die dem Geisthaften tatsächlich gegenübersteht; in meinen Lehrtagungsvorträgen habe ich sie gana geheißen — ein spanisches Urwort — und ebenso werde ich bei der Endfassung in den Südamerikanische Meditationen verfahren. Nun, die Welt der Gana, die als Trieb, Impuls, Leidenschaft, Drang usw. in die Erscheinung des Erlebens treten kann, ist eine Welt des eng und fest Bestimmten. Da gibt es nichts Allgemeines, sondern nur Besonderes, nichts Dauerndes, sondern nur Endliches. Die Liebe zu einem Menschen ist etwas qualitativ anderes, als die zu einem anderen. Jeder Trieb oder Drang stellt mitsamt seiner möglichen Erfüllung eine Monade ohne Fenster dar. Demgegenüber ist das Grundcharakteristikum alles Geisthaften die Kontinuität; deren unterster Ausdruck ist der esprit de suite, deren oberster, noch als Norm zu betrachtender, das bestimmende Wertgefühl, das den diskontinuierlichen Zusammenhang des Gana-Lebens einem stetig zusammenhängenden, nicht endlichen, sondern seinem Wesen nach zeitlosen Zusammenhange einordnet.

Heute nur ein Beispiel: warum sagt man, die Leidenschaft sei blind, oder Liebe sei oder mache blind? Weil Blindheit tatsächlich zum Wesen der Gana gehört. Wer da sieht, sieht über die Leidenschaft hinaus. Daher denn das, was man das Monogame der typischen Frau gegenüber der typischen Polygamie des Mannes heißt. Die typische Frau führt ein reines Gana-Leben. Wenn sie daher einen liebt, gibt es keinen anderen für sie, weil jeder Drang konkret bestimmt und insofern in sich abgeschlossen ist; dementsprechend muß und kann sie, wenn sie wieder liebt, vergessen; immer läuft die sogenannte Polygamie der typischen Frau durch Unstetigkeitsmomente hindurch. Dieses Bild vervollständigt die Erwägung, daß es auf der Ebene der Gana keine Vorstellung, keine Imagination gibt. Daher die Neugierde der typischen Frau: da sie nicht imaginieren kann, so muß sie sehen, womöglich berühren. Der typische Mann nun lebt, so töricht er im übrigen sei, auf der Ebene des Geistes: er stellt vor, er imaginiert — und alle Bilder hängen stetig zusammen. Wie soll er da nicht wesentlich polygam sein? Ein Drang schließt wohl alle anderen aus; aber von keinem Bilde gilt gleiches. So leben denn im Mann typischerweise alle Frauen gleichzeitig fort, welche er je geliebt; er ist psychisch polygam, wie immer er sich praktisch verhalte. Man verwische diese grundsätzliche Erkenntnis nicht durch die richtige Erwägung, daß gerade die typische Frau viel mehr Menschen lieben kann, als der typische Mann: dies gilt, insofern sie einer größeren Vielheit verschiedener Gefühle fähig ist, die sich als solche natürlich nicht ausschließen. Aber auf die gleiche Weise — sowie der Mann — vermag die typische Frau nicht viele gleichzeitig zu lieben. Daher denn das wesentlich Unstetige ihres Innenlebens. Es heißt: donna é mobile. Das ist oberflächlich gesehen und vom Mannesstandpunkt beurteilt. Die emotionale Ordnung, gerade als Ordnung, ist aus unzusammenhängenden und unvereinbaren Sondermelodien zusammengesetzt. Weshalb denn die Beweglichkeit der Frau recht eigentlich ihre Echtheit, ja ihre Treue darstellt.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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