Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

19. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1931

Das Ende der Buchweisheit

Wer Augen hat, zu sehen, muß — oder müßte — merken, daß die Wirksamkeit des Geschriebenen unaufhaltsam schwindet. Der mit der Erfindung der Buchdruckerkunst begonnene Zyklus hat grundsätzlich sein Ende erreicht. Worauf es bei der Wirkung ankommt, ist ja nie das bloße Dasein, sondern daß es Eindruck macht. Heute nun, wo die Publizität Raum und Zeit nahezu vollständig überwunden hat, wo zugleich die Masse jedermann zugänglicher Schriften die des Erlebbaren bei weitem übersteigt, bannt Gelesenes nur mehr ausnahmsweise die Aufmerksamkeit. Welcher Unterschied gegenüber der Zeit, da das Buch — die Bibel — das Α und Ω möglicher Schrift war! Doch die Wandlung gilt nicht allein hinsichtlich des Buchs. Erscheint es immer weniger bedenklich, Beliebiges der Öffentlichkeit zu übergeben, verletzt nachgerade nichts mehr Ehre und Scham, ist heute Enthüllung Urbild der Literatur, so liegt dies daran, daß Enthüllung niemanden mehr wirklich bloßstellt. Wer insofern noch Beleidigungsprozesse führt — es sei denn, es sei Geld damit zu verdienen — ist hinter seiner Zeit zurück. Der nicht Reagierende allein ist heute Sieger.

Was vom Geschriebenen gilt, gilt natürlich auch vom mechanisch vermittelten gesprochenen Wort. Hinterwäldler mögen noch aufhorchen, wenn sie im australischen Busch die Stimme des britischen Premiers vernehmen. Grundsätzlich ist die Kunst echten Zuhörens, was mechanisch Fixiertes oder Vermitteltes betrifft, ebenso im Sterben wie die des Lesens.

Ist damit Wirken in die Tiefe und Weite unmöglich geworden? Im Gegenteil. Sie ist heute wieder in höherem Maße möglich als seit Jahrhunderten. Bannt das Festgelegte keine Aufmerksamkeit mehr, so ist ein neuer Tag für das unmittelbar Lebendige angebrochen. Was wesentlich nicht festzulegen, nicht festzuhalten ist, das vergängliche Sein an sich, das gerade entstehende Wort, die momentane, nie wiederkehrende sinnbildliche Situation — sie und sie allein schaffen heute Geschichte. So können wir heute an eigener Erfahrung neu verstehen, warum die größten Menschheitsbildner nicht schrieben und es vorzogen, sich auf die noch so verbildende Legende zu verlassen: von lebendigem Echo zu lebendigem Echo allein pflanzt sich ursprüngliches Leben fort. Hätten Stenographen Christus und Buddha nachgeschrieben, es gäbe heute weder Buddhismus noch Christentum.

Der literarisch Voreingenommene gedenke der Wirkung Stefan Georges, denn diese ist ein Phänomen, das zwischen gestern und morgen vermittelt. Wenn je einer, dann waren und sind George und sein Kreis aufs sprachlich Festgelegte bedacht. Aber Georges sehr esoterische Gedichte und der besondere Sprachkult seiner echten Jünger sind Angelegenheiten allerkleinster Kreise. In ihrem Sinne wandelt das Wort mitnichten die Welt. Das welterschaffende Wort hat nicht das allermindeste mit Literatur zu tun, nicht einmal im Wurzelsinne sprachlicher Kraft und Schönheit. Nichtsdestoweniger ist Stefan Georges Wirkung in Deutschland gewaltig. Worauf beruht sie nun? Sie beruht ganz und durchaus auf der Legende einmaliger Daseinsform, die in ihrer besonderen Haltung an sich ein Bollwerk darstellt gegen das Zerfließen an sich dieser Zeit. Ohne bestimmten Inhalt, der für die weitere Welt Bedeutung gewinnen könnte, ist Georges Lehre tatsächlich ein Wirkenderes als die irgendeiner neuzeitlichen deutschen Denker- und Dichtergestalt. Sie ist es in viel höherem Grade als diejenige Nietzsches. Nietzsches Lehre war ein Wunschbild, ein Kompensationsprodukt. Deshalb geht nur ganz weniges, was Heutige auf ihn zurückführen, tatsächlich auf Nietzsche zurück. Denn nur Sein schafft und wirkt auf Sein.

Aber die eigentlichen Zukunftsbildner sind doch wesentlich anders als Stefan George, ja sie sind ihm wesentlich entgegengesetzt. Der echte Kontrapunkt des mechanisch Festgelegten ist nicht die künstlerische Festlegung, sondern die Improvisation; nicht das im Literaturverstande Unsterbliche, sondern das bewußt Vergängliche; nicht das ewig gültige Bild, sondern die einmalige, nie wiederkehrende Anschauung. Hier komme man nicht mit kulturgeborenen Werturteilen: beginnt eine neue Zeit, dann gilt allein Ursprüngliches. Aller Ernte geht das Säen voran. Die Vollendung ist gültiger Maßstab allein für Erntezeit. Und weil heute Saat- und nicht Erntezeit ist, so bannt der Sämann allein die Aufmerksamkeit, welche Vorbedingung fruchtbarer Wirkung ist. Nur dort wird heute lebendig aufgemerkt, wo man nicht nachlesen, nicht nachdenken kann, wo das Zeichen eines Erlebens einmal und nie wieder ist. So begann alle Schöpfung im Himmel und auf Erden. Was das Lebendige vom Leblosen ursprünglich unterscheidet, ist ja nichts anderes als die Unmöglichkeit, festgehalten und festgelegt zu werden.

Dies ist denn der tiefe und zugleich sehr positive Sinn des unaufhaltsamen Bedeutungsverlusts der Schrift und mit ihr ihrer Hüter und Wächter. Wer heute der Welt etwas zu sagen hat, findet insofern allein Gehör, als er in stetigem Neu-Anheben, ohne Hintergedanken noch Vorurteil, mit dem Mut zur Unvollkommenheit, als nackter Mensch zu ihr in Beziehung tritt. Denn nicht der Gesetzgeber schafft herrisch die neue Welt: sie entsteht aus der Vermählung des Gebenden und Nehmenden, des Redenden und Hörenden, von Vater und Mutter gleichermaßen bedingt, beiden Erzeugern eine Überraschung.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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