Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

19. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1931

Bücherschau · Entsalzungskur

Während der letzten Monate des vergangenen Jahres machte ich eine interessante Erfahrung. Vollkommen irrtümlicherweise, aus Unverständnis meiner Natur und der Notwendigkeiten meines Schaffens war mir eine Entsalzungskur (gemilderte Gersonsche Diät) verordnet worden. Von den physischen Folgen dieses Naturwidrigen erhole ich mich langsamer als von jeder Infektion, die mich bisher befiel. Aber ich habe indessen beachtenswerte geistige Erlebnisse gehabt. Es steckt tiefe Weisheit im alten Bibel-Wort: Wenn nun das Salz dumm wird, womit soll man salzen? Bald kam ich mir vor wie ein Gebäude, dessen Mörtel durch Säuren fortgeätzt war. Ich war unfähig, irgend etwas zu schaffen; zum erstenmal in meinem Leben versagte meine kinetische Energie; ja, nicht allein meine physische, auch meine geistige Vitalität war angegriffen — wo bisher keine Krankheit und auch keine Medikation diese Schicht in mir betroffen hatte. Aber ich hatte andererseits fast visionäre geistige Erlebnisse. Da ahnte ich, daß Heiligkeit und Entsalzung physiologisch zusammenhängen; die asketische Diät war der Gersonschen von jeher nahe verwandt. Ich erkannte ferner, warum der Heilige grundsätzlich nichts tun, vor allem nicht schreiben kann. Da walten merkwürdige Zusammenhänge zwischen Körper und Geist. Irgendwie scheint das Zusammenarbeiten des rezeptorischen und motorischen Systems mit dem Salzgehalte zusammenzuhängen. Da nun Fleischkost sich von der Pflanzenkost in erster Linie durch größeren Salzgehalt unterscheidet, so bietet die obige Erkenntnis den grundsätzlichen Schlüssel zum Probleme dessen, warum Vegetarismus die meisten, die nicht seit Jahrhunderten vornehmlich grasfressenden Geschlechtern entstammen, unproduktiv macht. Nachdem ich zwei Monate salzlosvegetarische Diät befolgt hatte, da begriff ich erst ganz den tiefen Sinn der Erzählung des Homer, nach welcher der Schatten des Teiresias, obschon lebendig, erst reden konnte, nachdem er Blut getrunken hatte… Es ist ganz richtig, daß Fleisch wesentlich reizt, ebenso wie das Salz. Aber gerade dieses Reizen ist das Positive. Ich kann mir den grundsätzlichen Wahnsinn der heutigen Salzlosigkeitsmode nur dadurch erklären, daß die heutige allzu betriebsame Menschheit periodischer Stillegung bedarf. Nichtsdestoweniger warne ich jeden, der nicht an einer bestimmten Krankheit leidet, die erwiesenermaßen einzig durch Salzentziehung zu heilen ist, aufs allerdringendste vor jeder Entsalzungskur. Dauert sie mehr als höchstens 14 Tage, so bedeutet sie unter allen Umständen eine Gefahr.

Die Zeit meiner Entsalzung benutzte ich natürlich dazu, um Indisches wiederzulesen. Dies verstand ich da besonders gut. Manch alt Bekanntes las ich da wieder. Überdies kann ich heute aber zwei mir bisher neue Bücher empfehlen: Romain Rollands Ramakrishna (Paris, Librairie Stock), eine wirkliche schöne Darstellung dieses letzten echten Heiligen; und vor allem Le Visage de mon frère von Mukerji (gleicher Pariser Verlag). Letzteres Buch ist das Menschlichste, Sinnigste und im tiefsten Sinne Zarteste, was ich überhaupt aus und über Indien kenne. Es rückt unsereinem die tiefe Religiosität, die tiefe angeborene Heiligkeit dieses einzigen Volkes menschlich so nahe, als handelte es sich um Heimatliches…

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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