Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

23. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1934

Bücherschau · M. Rostovtzeff, H. Bergson

Winter 1918/1919 fuhr ich extra zum großen Heidelberger Kenner der römischen Kaiserzeit, Professor Alfred von Domaszewski, einem meiner Gönner aus meiner Studentenzeit, um ihn zu fragen, wie genau es in Italien im 2. und 3. Jahrhundert nach Christo aussah: eine ähnliche Epoche, meinte ich, stünde auch uns bevor. Er schilderte mir darauf so ziemlich das, was seither geschehen ist und weiter geschieht. Jetzt nun kam mir ein Buch in die Hände, welches jene Zeit wirklich erschöpfend und anschaulich zugleich, ohne zuviel den Überblick störende Einzelheiten, schildert: M. Rostovtzeffs Social and economic History of the Roman Empire (Oxford 1926, the Clarendon Press). Dieses Werk empfehle ich allen zum Studium: denn viel erschreckender noch ist die Parallele, als sie mir 1919 erschien. Nicht zwar im Sinn eines Untergangs des Abendlandes, sondern einer so radikalen Umschichtung, daß alle traditionelle Kultur so ungeheuer gefährdet erscheint, daß nur allerhöchste Einsicht und vollkommenes Rechnen mit den Unabänderlichkeiten der Menschennatur einem Verhängnis vorbeugen kann. Die antike Lebensordnung erwies sich als nicht fähig, die Ersetzung der alten Ober- durch frühere Unterschichten mit der Erhaltung der Kultur zu vereinen. Ist objektivierte und übertragbare Einsicht heute tief und weit genug dazu? Die sozialpolitischen Grundgedanken des Nationalsozialismus streben dem richtigen Ziele zu. Aber die ungeheure Gefahr dieser Zeit ist die große Zahl der Zählenden und in Betracht Kommenden. Erst jetzt las ich des großen Henri Bergson — bei weitem der größten analytisch-philosophischen Begabung dieser Zeit, ob man nun seinen Ansichten zustimme oder nicht — Alterswerk Les deux sources de la morale et de la religion (Alcan). Auf S. 297 steht da ein Passus, der mir mehr Stoff zum Nachdenken gegeben hat, als von zehntausenden kluger Seiten gilt. Die Natur habe nur kleine Gemeinschaften vorgebildet; jede instinktmäßige Bereitschaft zu größeren, von ganz großen zu schweigen, fehle. Deswegen fanden sich unter allen begabten Völkern aller Zeiten viele große Denker, Künstler, Dichter, aber nur ganz selten ist unter vielen Völkern je ein einziger Staatsmann zu finden gewesen, welcher sehr große Gemeinwesen zu meistern und zu lenken verstanden hätte. Es liegt, in der Tat, eine ungeheure Gefahr in der bloßen Möglichkeit ganz großer Zusammenfassungen, wie sie zumal der Rundfunk geschaffen hat. Diese Möglichkeit ist weit mehr ein Verhängnis, als ein Vorteil, weil eben, wie Bergson so richtig sagt, alle natürlichen Bereitschaften zu einer Massenordnung fehlen. Auch die Nation ist ja keine natürliche Gemeinschaft; sie ist, wie ich in der Révolution Mondiale gezeigt habe, ein Produkt der Suggestion. So hängt denn auf lange lange Zeit hinaus, d. h. bis daß sich ganz neue Gewohnheiten gebildet und fest verankert haben, aller gute Ausgang vom Dasein und der Machtvollkommenheit genialster staatsmännischer und organisatorischer Begabungen ab. Und dabei wird es zwangsläufig immer schwieriger werden, zu ermessen, ob sichere Macht vorhanden ist oder nicht: allzu leicht wirkt, wo Millionen mitspielen, als solide Wirklichkeit, was nur Theater ist. Alle bisherige als gut und dauerhaft zugleich erwiesene Organisation in der ganzen Menschheitsgeschichte beruhte auf dem Zusammenarbeiten möglichst vielseitig verantwortlicher kleiner Kreise. Wahrscheinlich ist dieses Optimum — wie so manches Optimum der Erdgeschichte! — in vielen Teilen der alten und neuen Welt überlebt. Völlig neue Lebensformen müssen erwachsen. Es wird viele und ernste Wachstumskrisen geben. Hoffentlich bleibt Rußland das einzige europäische Land, das durch eine Periode reiner Zerstörung hindurch mußte…

Rostovtzeffs Buch ist dermaßen teuer, daß es die allermeisten nur dann studieren können dürften, wenn ihnen eine größere Bibliothek zugänglich ist. Dafür ist Josef Kasteins Geschichte der Juden (Berlin W 50, 1932, Ernst Rowohlt Verlag) den meisten erschwinglich. Dieses Buch las ich zwei oder drei Male; noch aus keinem Geschichtswerke habe ich ähnlich viel gelernt. Die Juden sind ja das einzige Volk der historisch erschlossenen und durch Überlieferung mit der Gegenwart verknüpften Welt, welches 3-4 Jahrtausende entlang gedauert hat. Aus Kasteins Buch ersieht man nun, daß die Prinzipien des Nationalsozialismus, welche Geist und Blut in notwendige Beziehung setzen, welche Beziehung Moses zuerst statuiert hat, durchaus durchführbar sind. Sehr ähnliche Gedankengänge sind es, welche einstmals das so unvergleichlich zähe Judentum schufen und heute ein festes und widerstandsfähiges Deutschtum zu schaffen unternehmen.

Noch ein Geschichtswerk kenne ich — dieses Mal ein sehr populäres — welches ich von jedermann gelesen wünschte. Das ist René Fülöp-Millers Schwärmer — Rebellen — Führer, bei Hugo Bruckmann in München verlegt. Des Verfassers persönliche Bemerkungen und Auffassungen (seinen Grundbegriff der Urangst hat er meinen Meditationen entlehnt) sind oft recht oberflächlich. Dem persönlich bedingten geistigen Gehalte nach beurteilt, war Fülop-Millers (in diesen Mitteilungen vor Jahren besprochenes) Buch über den Bolschewismus viel bedeutender als dies. Doch in diesem hat er andrerseits unglaublich viel hochinteressantes und schwer zugängliches Material so geschickt verarbeitet, daß die Quintessenz in wenigen Minuten erfaßt werden kann. Und da erkennt man denn, daß die Menschheit fast nur von irrationalen Kräften bewegt worden ist. Die echte Suggestionskraft sogar von im übrigen offenkundigen Schwindlern, von denen Fülop-Miller viele plastisch beschreibt, hat in aller Geschichte mehr bewirkt als die kalte Vernunft sachlicher Geister.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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