Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

24. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1935

Bücherschau · Friedrich Markus Huebner

Der Solaren Welt steht die lunare polar gegenüber. Dieser gehört alles an, was irgendwie mit Tiefenpsychologie zu tun hat. Welche eine Erwägung die Vermutung nahelegt, daß die Zeit einer weiteren vogue der entsprechenden Richtung von Jahr zu Jahr weniger günstig werden dürfte, zum mindesten in Deutschland und Italien. Mit dem Wert hat das natürlich nichts zu tun, doch es ist gut, im Sinn der Einführungssätze vorliegender Bücherschau sich in bezug auf Zeitbedingtes keinen Illusionen hinzugeben — und viele Psychologen wähnen noch, das zwanzigste Jahrhundert sei in erster Linie dazu berufen, die Impulse, welche von Freud und dem Psychologen Nietzsche ausgehen, zu verarbeiten.

Zur Überleitung dazu, was ich über das letzte, was mich an lunarer Literatur interessiert hat, zu sagen habe, sei hier auf Rudolf Ottos West-östliche Mystik hingewiesen (Gotha 1926, Leopold Klotz Verlag), welche den Nachweis dessen unternimmt, wie ähnlich Shankara und Meister Eckhart einander zutiefst gewesen sind. Ich sage zur Überleitung, weil dieses sehr interessante Buch, das gerade in der heutigen Auseinandersetzung verjüngten deutschen Geists mit dem großen Mystiker Neu-Beachtung verdient, mit dem folgenden Paragraphen abschließt:

So hebt sich deutsches Denken ab von indischem. Auch in jenem kehren gewaltige Motive mystischen Denkens wieder, die schon der alte und ferne Osten gekannt hat. Aber selig ist der deutsche Mensch in Gott erst, wenn und weil die Gottesgemeinschaft — wie die deutschen Meister Eckhart und Luther fordern — ausblüht in der neuen Gerechtigkeit, und wenn und weil diese, nach jenen und nach Fichte, der erneuerte, aus Gott gestärkte Wille, das Werk und die Tat ist — die Tat, die bei Fichte zugleich hinauswächst über das bonum opus die Individualethik zum schaffenden Wirken der Kultur im Großen. (S. 323)

So ist es wirklich, soweit es sich um den traditionellen Europäer deutscher Nation handelt. Auch der war, als bewußter Vertreter der mittelalterlichen Sakralordnung oder aber unbewußtermaßen und deshalb in Protest-Haltung zu deren Erbe (Luther!) solar eingestellt. Und es ist sehr lehrreich, aus Rudolf Ottos Vergleichen zu ersehen, wie diese Solarität sich zur spezifisch-orientalischen Lunarität verhält. Doch ich möchte anregen, diese vergleichende Untersuchung in einer anderen Richtung weiterzuführen, die sich in dieser Zeit als für das deutsche Leben fruchtbarste erweisen dürfte: inwiefern die Fortentwicklung des indischen und die des deutschen Geistes Ähnlichkeit aufweisen. Die Ur-Einstellung der nach Indien eingewanderten Arier war unzweifelhaft solar. Doch in der psychischen Atmosphäre des neuen Landes veränderten sie sich in Konvergenz zu den Menschen, welche sie dort vorfanden. Die waren im wesentlichen lunar, und erst aus der Kreuzung des Solaren mit dem Lunaren ging langsam die spezifisch-indische Geistigkeit hervor. Überwog zuerst jenes über diesem, so setzte bald eine entgegengesetzte Entwicklung ein, so daß im Hinduismus (im weitesten Verstand) viel mehr Lunarität als Solarität zum Ausdruck kommt.

Nicht unähnlich ist die Entwicklung in Deutschland verlaufen. Die deutsche Solarität hat sich als wesentlich an das nordische und das römische Erbe gebunden erwiesen, das sich nur im Adel und in der Kirche als kollektiv-psychologische Wirklichkeit lange erhielt. Das spezifisch Deutsche nun ist ebenso stark lunar bestimmt wie das allgemein-indische. Auch das Deutsche hat sich erst langsam im Verlauf psychophysischer Vermischung ausgebildet. Auch das spezifisch Deutsche, genau wie das spezifisch Indische, steht und fällt mit spezifischer Geistigkeit. Und auch die deutsche spezifische Geistigkeit ist mehr lunarer als solarer Artung. Im Spektrum Europas habe ich die typischerweise weibliche Artung des geistigen Deutschen geschildert; im Kapitel Gemüt des Buchs vom persönlichen Leben gehe ich den besonderen Gründen dieser Wesensart nach und will dem dort zu Sagenden hier nicht vorgreifen. Doch dürften die folgenden kurzen Stichworte manchem Leser zum Selbst-Weiterdenken genügen. Dem Deutschen ist das Wichtigste am Leben nicht dessen Ausströmen, sondern dessen Er-Leben. Sein nationales Philosophentum bedeutet, daß er nur auf dem Wege geistiger Auseinandersetzung zur Selbstverwirklichung gelangt, was Hingabe und nicht aktive Meisterung als Grundeinstellung voraussetzt. Daß dieses heute nicht anders ist wie früher, beweist die primäre Bedeutung der Weltanschauung. Daher das der Bildung und Festigung einer dem Ur-Nordischen gegenüber neuen und einzigartigen Synthese ungefähr proportionale Wachstum seiner musikalischen und philosophischen Veranlagung, sowie der nationalen Bedeutung des Gelehrtentypus. Die deutsche, ursprünglichem Nordentum so gänzlich fremde Neigung, sich auch im praktischen Leben hinzugeben, zu gehorchen, sich organisieren zu lassen, beweist in noch höherem Grade lunare Artung. Endlich ist es kein Zufall, daß die erste spezifisch-deutsche neuere Religionsbewegung, die lutherische, zu einer ausgesprochen lunaren Religiosität geführt hat, soviele solare Züge Luther als Täter persönlich aufwies, und daß die Tiefenpsychologie im weitesten Verstand ein ausgesprochen deutsches Gewächs ist. Es ist völlig abwegig, hier auf das Judentum vieler ihrer bedeutendsten Vorkämpfer hinzuweisen — entscheidend ist, daß deutsche und nur deutsche Juden in dieser Richtung Pioniere gewesen sind. Das heutige reife Deutschtum ist ganz wesentlich lunar. Deswegen ist auch die Ideologie des Nationalsozialismus, von älteren Menschen ersonnen, eine zur guten Hälfte lunare. Daher die Blut- und Bodentheorie, die Wertbetonung des Gefühlsmäßigen gegenüber dem Geistigen usw. Doch die ausgesprochenen Lehren bedeuten bei lebendigen Bewegungen, ich sagte es schon, nie das Eigentliche und Wesentliche. Das Wesentliche liegt im Vorstoß einer neuen Solarität, welche, wenn sie sich als solche hält und fortentwickelt, mit Naturnotwendigkeit zu einer Einschmelzung vieler heutiger Ideologien führen muß.

An rein lunarem Schrifttum möchte ich nun besinnlichen Lesern, welche fähig sind, still für sich zu leben und zu denken, die Werke eines Autors warm empfehlen, welcher gerade wegen seiner besten Qualitäten kaum bekannt geworden ist. Das ist Friedrich Markus Huebner, von dessen Schriften ich Zugang zur Welt (magische Deutungen) [Leipzig 1929, Klinckhardt und Biermann], Aufbruch ins Unbekannte (Schicksalshingabe und Schicksalsmeisterung) [Darmstadt 1933, Gotthard Peschko], Schaffen und Ruhen (Adel der Arbeit, Sinn der Erholung) [Darmstadt 1933, ebenda] und vor allem die drei im Niels Kampmann Verlag, Kampen a/Sylt, erschienenen Büchlein Menschen als Arznei und Gift, Zeichensprache der Seele und Die kranke Seele (letzte Hintergründe bei geistigen Störungen) kenne. Huebners stillem Lauschen offenbaren sich geheimere Regungen der Seele, als sie die meisten Seelenforscher berücksichtigen, und seiner klaren Sprache gelingt Verdeutlichung von vielem, was sich bisher kaum ahnungsmäßig ausdrücken ließ. Die Untertitel seiner Bücher sollten allein schon genügen, um nach allgemeiner Empfehlung des Autors die Lektüre nahezulegen, und gerade zu dieser möchte ich anregen. Nur einige Abschnitte aus Zeichensprache der Seele, S. 6, 7 und 13, 15 seien hier zitiert, weil sie den Weg weisen über einige besonders verhängnisvolle Modevorurteile hinaus:

Indem die positivistische Seelenkunde den Ich-Charakter des Menschen als eine gegebene, feste, endgültige Größe betrachtet, verbietet sie es sich selbst, in den Menschen jemals weiter als eben nur bis zu seinem Ich-Charakter vorzudringen. Dieser ist die den Mitlebenden zugekehrte Seite des Menschen, weshalb denn die Darlegungen der Schulpsychologen uns lediglich solche menschliche Verhaltungsweisen aufzeigen, die sich gegen den Rahmen irgendeiner nebenher bestehenden Umwelt abheben… Die Charakterologie derer um Klages hat das letzte Wort gesprochen, sobald sie feststellt, daß die betreffende Versuchsperson in allen ihren Äußerungen mit sich selber übereinstimmt. Die Analyse beschränkt sich also durchaus auf die sinnlich greifbare Gegebenheit des Menschen. Bei C. G. Carus findet man die Ansätze eines Bestrebens, durch die sinnlich greifbare Gegebenheit des Menschen hindurchzustoßen und zur Erfassung auch seiner überpersönlichen, seiner magischen Eigenschaften zu gelangen. Dieser Versuch ist durch Klages und die Seinen, obwohl sie sich just auf Carus berufen, bis zur Unkenntlichkeit verwischt worden. Was Carus die Symbolbedeutung einer körperlichen Eigenheit, eines Blicks, einer Gebärde nennt, das wird von der heutigen Charakterologie wieder vollkommen ins Bürgerliche verkehrt, und zwar, indem man das Symbolische einer körperlichen Eigenheit, eines Blicks, einer Gebärde allein in Richtung auf den vermeintlich konstanten Charakter sucht. — Was an einem Menschen als sein leiblich-geistiger Ausdruck hervortritt, das kann man symbolisch für diesen einmaligen Menschen selber ansehen — dies ist das Verhalten der heutigen Charakterkunde —, oder aber man kann den Menschen als ein Provisorium betrachten, durch das sich etwas symbolisch ausdrückt, was ihn, den Menschen, nur als seinen Standort und Träger benutzt. Im ersten Falle gewinnt man, so beziehungsreich man sich auch ausdrücken mag, nur Beiträge, wie die Experimentalpsychologie auch, Beiträge zur Ich-Erkenntnis des Menschen. Wesenserkenntnis beginnt erst dort, wo man alles am Menschen, seinen Körper wie seinen Geist, sein Schreiten wie sein Denken, sein Bewußtsein wie sein Unbewußtsein, lediglich als Gleichnis bewertet. — Wie sich die Beobachtung der Charakterkunde nur auf den empirischen Menschen erstreckt, so haben deren Ergebnisse auch nur im Hinblick auf diesen Wertbedeutung. Charakterkunde ist also ein unentbehrliches Hilfsmittel für die Jugenderziehung, die Verbrecherkunde, die berufliche Intelligenzprüfung usw. Für die Erforschung jener Bezirke im Menschen, die wir im Gegensatz zu seinem persönlichen Ich als die ichlos-überpersönlichen bezeichnen dürfen, hat die Charakterkunde bisher noch kein Material beigebracht… Eine Menschenkunde, die frohlockt, wenn sie im Unbewußten eines Menschen glücklich dessen individuelle Natur identifiziert hat, bewegt sich in unfruchtbarem Kreislauf. Die Bahn führt hingegen ins Unermeßliche, sobald man als letztes Forschungsziel nicht mehr den persönlichen, sondern den überpersönlichen Charakter des Menschen ansetzt… Es ist ein Unterschied, ob aus einem Menschen das Ich oder das Über-Ich hervorwirkt. Die meisten Menschen haben nichts als ihren Charakter, ihr Ichgepräge einzusetzen. Mit diesem arbeiten und schaffen, mit diesem existieren sie. Es nimmt darum kein Wunder, daß sie, obschon sie ohne Schwierigkeit zu enträtseln sind, undurchscheinend bleiben, vergleichbar steinernen Säulen, in ihrem Kerne dem Licht nicht erreichbar, dunkel für alle Zeit. Bei Menschen indes, in denen das Innen-Du den Vorrang besitzt, wird man bemerken, daß sie, so schwierig es sein mag, ihren Charakter zu deuten, magisch-vital gesprochen, dennoch transparent scheinen. Sie saugen von allen Seiten Licht in sich ein, sie strahlen nach allen Seiten Licht aus sich aus, ihr Symbol ist nicht der steinerne Säulenschaft, sondern die Feuerflamme. — Nimmt man den überpersönlichen Charakter des Menschen als seinen Wesenskern, so ist es schlechterdings unmöglich, noch von Ichbekundungen und Ausdruckstatsachen zu sprechen. Alles, woran sich die landläufige Charakterologie hält, bedeutet, magisch verstanden, bloß Zeichensprache, Gleichnis. Demgemäß kann man sagen, daß die vielen, vielen Ausdruckstatsachen, deren Aufzählung ganze Bände füllen, jenes magisch Wirkliche, das allem Erscheinenden beim Menschen zugrunde liegt, gar nicht spiegeln, sondern verdecken. Magische Psychologie kann immer nur vorbehaltlich verfahren, nämlich vorbehaltlich des Sinns, den das räumliche und zeitliche Bild eines Menschen von dessen unräumlichem und zeitlosem Wesensgrunde her empfängt.
Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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