Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

1. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1920

Bücherschau · Friedrich Gundolf — George

Eine große Freude erlebte ich noch kurz vor Schluß dieser Rubrik; sie ward mir durch die Lektüre von Friedrich Gundolfs George (Berlin, Bondi). Dieses Buch halte ich für Gundolfs weitaus bestes. Sowenig ich seinem Goethe die Bedeutung zusprechen konnte, die viele ihm zuerkennen, weil er von seiner auf den großen Mann als Absolutum und den sprachlichen Ausdruck als entscheidenden Wert eingestellten Geistesschau aus dem Ewig-Werdenden, allseitig Wirkenden, grundsätzlich nie Fertigen unmöglich in wesentlicher Perspektive sehen konnte, so sehr kommt ihm die gleiche Einstellung bei Stefan George zugute. Dieses Buch halte ich für unbedingt schön. Keiner sollte es ungelesen lassen: das bloße Bild des ehernen formvollendeten Standbilds, als welches Gundolf George malt, wirkt in dieser zerfallenden Epoche stärkend. Aber aus diesem Sachverhalte, dieser Empfehlung folgere man weniger denn je, daß ich Gundolfs Ansicht sei: seine Weltanschauung widerstreitet vielmehr der meinen durchaus. Ich kann nicht zugeben, daß der lebendige Mensch als geschichtlicher Faktor nach demselben Maßstab wie das einzelne Kunstwerk zu beurteilen sei. Ich sehe im Generalnenner des Großen Menschen, auf welchen Gundolf so verschiedenartige Geister wie Caesar, Shakespeare, Goethe, Nietzsche bringt, eine wirklichkeitsferne Abstraktion, denn die Größe, die Unbedingtheit an sich bedeutet noch nichts: darauf allein kommt es an, welche konkreten Kräfte sie exponiert. Näher habe ich dieses in meinem Leuchter-Aufsatz ausgeführt. Aber wenn ich das Georgetum auch praktisch als Mißverständnis ablehnen muß, so verehre ich doch den größten Dichter des modernen Deutschlands und sympathisiere warm mit seiner Kultgemeinde, die soviel sympathischer wirkt in ihrer strengen Haltung, als die meisten sonstigen Glaubensverbände. Es ist neben der Eitelkeit wohl das bedeutsamste Symptom von Unweisheit, wenn einer aus sachlichen Differenzen allseitige Ablehnung oder gar persönliche Feindschaft ableiten zu müssen glaubt. Kämen die Anderen mir entgegen, ich verkehrte viel lieber mit meinen Feinden als mit meinen Freunden, weil ich von jenen viel mehr lernen kann. Unter wirklich gebildeten Menschen geht dies allemal, weil sich der Gegensatz immer nur auf Teile des Wesens bezieht, und es bei einiger Lebenskunst auch stets gelingt, die Reibungsflächen unberührt zu lassen. Leider ist diese Kunst in Deutschland besonders selten zu finden. Dieses erfahre ich jüngst wieder seitens der Anthroposophen. Sicher hat meine Kritik (in Philosophie als Kunst) der Sache einer möglichen Geisteswissenschaft mehr genützt, als aller blinder Dogmenglaube der Steinerianer zusammengenommen. Jeder, dem es um sie, nicht um die Person und die Partei zu tun ist, muß spüren, daß ich auch die anthroposophische Bewegung als Träger eines positiven Impulses anerkenne, obgleich dieser von Indien stammende Impuls in keiner Weise an die anthroposophische, überhaupt die theosophische Bewegung gebunden ist und an innerlicher Gerichteten unstreitig ein entsprechenderes Medium hat. Ich bekämpfe sie nur zu dem Ende, damit sie tatsächlich zu dem wird, was sie zu sein behauptet, einem Erkenntnisfortschrittsmoment. Als auf die Person Steiners eingestellte Glaubens­gemeinschaft geriert sie sich leider immer mehr als alleinseligmachende Kirche im antiquierten Geist der Gegenreformation — ein Umstand, an welchem Steiner zweifelsohne nicht unschuldig ist. Geht es noch lange so weiter, so wird der wertvolle Impuls die Anthroposophengemeinde endgültig verlassen haben und nur mehr durch deren Gegner fortwirken, von denen heute die meisten, noch so indirekt, vom Geiste Indiens berührt worden sind. — Leider fehlt allzu vielen die nötige Unbefangenheit geistig, und die nötige Bildung menschlich, um solche Scheidung zwischen Geist und Buchstaben, zwischen sterblichem Leib und unsterblicher Seele zu verstehen.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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