Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

25. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1936

Bücherschau · Karl Ernst Krafft, Olga von Ungern-Sternberg

Im Buch vom persönlichen Leben habe ich wieder einmal die Schriften Karl Ernst Kraffts als des eigentlichen Neubegründers der Astrologie empfohlen. Es ist meine Art, auf alles Positive hinzuweisen, nur dieses zu betonen, ohne überhaupt bei Negativem zu verweilen, denn solches Verweilen, wie es die meisten Kritiker üben, verlangsamt die Wirkung des Guten, ohne daß dieser Nachteil durch anderes Positives aufgehoben würde. Die überwältigende Mehrzahl aller Menschen ist nun einmal so hämisch und so faul, daß sie schadenfreudig nur das Unzulängliche festhält und dessen Feststellung zum Vorwand dazu benutzt, ja nicht zu- oder umzulernen. Im Falle Kraffts nun aber fühle ich mich, nachdem er in seinen Behauptungen immer positiver wird und immer Verschiedenartigeres auf einer Ebene des Richtigkeitsanspruchs vertritt, doch gezwungen, einiges Kritische zu sagen. Meine Empfehlung galt dem Statistiker Krafft, der durch exakte Forschung gezeigt hat, was an den überlieferten Voraussetzungen der Astrologie richtig zu sein scheint und was sicher der Korrektur bedarf. Was demgegenüber Kraffts Deutungen betrifft, so leuchten sie mir im großen ganzen weniger ein, als die mancher anderer Sterndeuter. Dies liegt daran, daß Krafft weniger intuitiv begabt ist wie andere, zumal wie Olga von Ungern-Sternberg, und daß seine Phantasie weniger die Goethesche Phantasie für die Wahrheit des Realen ist, als eine ungewöhnliche Assoziations- und Kombinationsfähigkeit.

Über diesen Punkt möchte ich hier einiges sagen, damit meine Empfehlung Kraffts andere nur fördere und ihnen nicht gar schade. Als geborener und gelernter Statistiker glaubt Krafft instinktiv an die universelle Gültigkeit kosmischer Zahlengesetze, aus denen heraus er ganz Bestimmtes, nur von geistiger Persönlichkeit her Mögliches zu weissagen unternimmt. Solche Geschichts-bestimmenden Zahlengesetze gibt es nun ganz bestimmt nur allenfalls in bezug aufs Kollektive und letztlich Unbedeutende, keinesfalls in bezug aufs Einzige — und einzige Persönlichkeiten allein entscheiden. Das Einzige als solches entrinnt überhaupt jeder möglichen Statistik. Dazu aber kommt noch das Folgende. Wie schon gesagt, las ich kürzlich Henri Bergson wieder, und zwar seine jüngste wunderbare Aufsatzsammlung La Pensée et le Mouvant. Dort wird kritisch nicht nur gezeigt, sondern erwiesen und bewiesen, inwiefern es im Leben unbedingt und unzurückführbar Schöpferisches gibt und inwiefern es nichts Besseres als einen groben Denkfehler bedeutet, hier überhaupt von Vorherbestimmung zu reden. Ebendort wird erwiesen und bewiesen, daß es einen Denkfehler bedeutet, das Mögliche dem Wirklichen oder genauer dem wirklich Daseienden vorausgehen zu lassen: das Mögliche entsteht vielmehr erst durch Verstandesprojektion des gegenwärtig Wirklichen auf die Vergangenheit als die Zeit des Nichtwirklichen. Diese zwei sehr einfachen erkenntniskritischen Erwägungen, die jeder bei Bergson selber nachlesen möge, erledigen allein schon jede mechanische Vorausschau und dies zwar vollkommen. Wohl gibt es allgemeine Konstellationen und Konjunkturen, mit denen der noch so freie Mensch ebenso unentrinnbar zu rechnen hat, wie mit dem Älterwerden seines Organismus und mit dem Wetter. Aber immer besteht die Möglichkeit, aus schöpferischer Initiative heraus den Ereignissen diesen oder jenen Sinn zu geben und auf Grund akzeptierten Schicksals so oder anders zu entscheiden. Krafft hat in seinen Wirtschaftsberichten wieder und wieder mit absoluter Sicherheit Mussolinis Fall im Zusammenhang mit dem Abessinienfeldzug prophezeit: er übersah, daß der Geist der gleichen Konstellation diesen oder jenen Sinn zu geben vermag, er übersah jenes Gesetz der Ambivalenz, gemäß welchem gerade Gift andererseits auch heilt (deswegen haben die meisten Großen besonders schlechte Horoskope); er übersah die schlechthinnige Unvoraussehbarkeit alles echten Schöpfertums. In einem Briefe an Krafft sagte ich einmal, der beste Vergleich der nächsten feststellbaren Beziehung zwischen horoskopischer Bindung und schöpferischer Freiheit wäre der zwischen der Musik und den Zahlengesetzen, die Harmonie und Kontrapunkt regieren: mögen diese Gesetze noch so verbindlich sein — Erfindung, Anschlag und Tempo bestimmen sie nie. Besonders die Tempofrage ist hier wichtig. Die meisten Astrologen irren sich, selbst wenn sie sonst richtig voraussagen, in der Zeitangabe: das liegt am oben Angedeuteten. — Alles in allem gibt es für den schöpferischen Geist überhaupt kein unentrinnbares Schicksal. Kein Sternbild bildete jemals freie Entschlüsse vor1. Keine Zahlengesetze bestimmten voraus, daß ein Napoleon, ein Hitler geboren werden müßten. Wer an solche Notwendigkeiten glaubt, der ist einfach Urangstbefangen. Wohl scheint es Vorausschau des wesentlich Unvoraussehbaren zu geben: hier denke ich zumal an Nostradamus. Aber der betätigte sich als Prophet auf einem Plan, wo es den Unterschied von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht mehr gibt. Astrologie und Vorausschau hat aber Sinn nur unterhalb desselben.

Ich habe die feste Hoffnung, daß Krafft, ein nicht nur kochbegabter, sondern auch ehrlich um die Wahrheit ringender Mensch, seinen Zahlenaberglauben noch einmal ganz verwerfen wird; die Reichenbachschen Tabellen z. B. gehören ganz einfach in den Papierkorb. Aber auch andere Irrwege gibt er einmal hoffentlich vollkommen auf. Zur Zeit beschäftigt ihn beinahe an erster Stelle das, was er den Sprachgeist heißt. Er meint gleichsam aus Urklängen heraus nicht nur die Sprachen, sondern auch Völkerschicksale bestimmen zu können. An der Idee der Urklänge ist nun wahrscheinlich wirklich etwas dran. Und gewiß ist, daß die Sprache als solche, als primärer Ausdruck alles im Menschen verkörperten Geists, tief sinnvoll ist, so daß sich auf Wortverwandtschaft innerhalb gewisser Grenzen wohl auf Sinnverwandtschaft schließen läßt. Doch hieraus lassen sich überhaupt keine Schlüsse auf Völkerbestimmungen und -schicksale ziehen, und zwar aus dem sehr einfachen Grunde nicht, daß keine Sprache heute von dem Volk gesprochen wird, welches sie erfand. Volk und Sprache sind heute nirgends Wechselbegriffe, und der Geist der Sprache, welchen es freilich gibt, formt die Völker nicht sich selbst gemäß. Folglich bedeutet es ein glattes Mißverständnis, vom Sprachgeiste aus über deutsche, französische, englische Aufgaben zu reden. Verfällt Krafft einerseits gelegentlich dem Statistiker und Rechner in sich, so verfällt er andererseits der Neigung zur Wortassoziation. Jedenfalls tut Krafft sehr unrecht, wenn er sein wirklich Bahnbrechendes mit Problematischem verquickt. Gerade auf den von ihm behandelten Gebieten tut äußerste Exaktheit und Selbstkritik not. Ich persönlich halte bis zum Gegenbeweise alles, was Krafft vom Sprachgeist behauptet, für glatte Einbildung und Konstruktion. Und ich hoffe, daß er aus seinem eklatanten Irrtum bezüglich Mussolinis die einzig richtige und würdige Folgerung zieht: seine Voraussetzungen zu revidieren. Es gibt ganz bestimmt keine Vorausbestimmung im mechanisch-rechnenden Sinn. Es gibt ganz bestimmt unbedingt schöpferische Freiheit. Trotzdem sprechen richtig aufgestellte Horoskope im allgemeinen wahr. Die Theorie, welche beide Tatbestände in Einklang brächte, ist noch zu finden: alle bisherigen sind erwiesenermaßen unzulänglich.

1Ich bat Olga von Ungern-Sternberg, mir ihre Deutung des Verhältnisses von astrologischer Vorherbestimmung und persönlicher Freiheit zum besten unserer Mitglieder aufzuschreiben. Hier ist sie:
Wenn man das Horoskopbild seinem inneren Aufbau nach versteht, wird klar, daß es überhaupt kein Ausdruck des Fatums sein kann. Denn das Horoskopbild enthält an den Bildern der verschiedenen Kräftezentrierungen, wie die Planeten und Tierkreiszeichen sie darstellen, die Geschichte der menschlichen Bewußtwerdung, die auch unsere Seelengrundlage formte. Jedes dieser Sinnbilder stellt den Menschen in einem Kampf dar, wie er den überzeitlichen Wesenskern verteidigt gegen die äußeren und inneren Naturmächte. Ganz deutlich wird dies an den 12 Aufgaben des Herakles gezeigt, die an den 12 Tierkreiszeichen den Weg darstellen, wie das Subjekt sich zum Träger des Geistes gestaltet. Von diesem Gesichtspunkt aus werden die Grundlagen der Seele gewandelt und organisiert. Jedes dieser im Horoskop enthaltenen Sinnbilder stellt diesen Kampf dar, jedes in einem anderen Stadium. Insofern gibt es in der Astrologie eine Stufenfolge von Kräftezentrierungen, wobei eine innere Entfaltungsordnung, wie die Planeten sie darstellen, in lebendiger Beziehung steht zu einer Entfaltungsordnung, die der Ausdruck der möglichen Haltung dem äußeren Leben gegenüber ist, wie die Tierkreiszeichen sie darstellen.
Da also im astrologischen Bilde schon die Spannung lebt zwischen den schöpferischen Potenzen und den aus der Naturgrundlage der Seele geborenen Widerständen und da sich an den einzelnen Sinnbildern Schöpferisches in jeweils neuem Stadium durchsetzt, so kann das Bild einer Sternkonstellation gar nicht Fatum an sich bedeuten, sondern nur dann als solches erlebt werden, wenn der einzelne Mensch in seiner individuellen Seele auf die Neu-Inangriffnahme des Kampfes verzichtet und lediglich das Eigengefälle der Kräftekonstellationen so zur Auswirkung bringt, wie es sich in seinem Unbewußten dem Reifezustand seiner seelischen Grundordnung entsprechend darlebt und zur Verwirklichung drängt. Schon die antike Auffassung war, daß die astralen Kräfte dem Menschen eine Hilfe sind im Kampf gegen das Verschlungenwerden von der Erde. Insofern kann Schicksal nur Formungsprozeß sein.
Das Horoskopbild stellt also Kräftezentrierungen dar, die jeder Seele in verschiedener Grundkonstellierung zur Verfügung stehen. Wenn das Bewußtsein lediglich auf die Bewältigung äußeren Lebens aus ist, so wirken sich die inneren Kräfte selbständig, den eigenen Spannungen und Gegenspannungen folgend aus. Dann entsteht — gegen das Bewußtsein gerichtet — erst die schlechte Konstellation. Spannung allein ist noch keine schlechte Konstellation. Wenn nun aber der Mensch — wie dies schon der uranische Astralmythos richtig sah — unter der Voraussetzung seines überweltlichen Urkerns als Wirkender ins Spiel tritt, dann erst kommt der eigentliche Sinn des Horoskops zutage als die innere Kräftekonstellation des Menschen. Dabei ändert auch faktisch das Horoskop seine Bedeutung. Als auf die Erde, vielmehr einen bestimmten geographischen Punkt der Erde projiziertes zwölffaches Ordnungssystem stellt die horizontale Achse I zu VII die Beziehung zwischen Ich und Welt dar, zwischen der zuständlichen Persönlichkeit (persona) und der Außenwelt, mit der dauernd ein neues Gleichgewicht geschaffen werden muß. Alle übrigen Konstellationen beziehen sich auf diese Hauptachse.
Wenn aber das schöpferische Spiel zwischen dem ewigkeitsbezogenen Menschen gegenüber den aus dem Unbewußten der Ahnenkette vorbereiteten Kräften der Natur, die durch Introversion faßbar zu machen sind, einsetzt, dann kehrt sich die Bedeutung der Achsen um. Banal gesprochen, symbolisiert die vertikale Achse IV-X die Spannung zwischen der Tiefe, aus der man kommt, Elternhaus, Abstammung, Naturgrundlage (IV) usw., und dem, wohin der Blick sich richtet, Beruf, Stellung im Leben usw. Wenn aber Ewigkeitsbezogenheit den inneren Gesichtspunkt bestimmt, unter dem alles, auch die zeitbedingte Persönlichkeit angeschaut wird, dann wird diese Achse X zu IV statt der Achse I-VII zur Basis des Horoskops. Dann wird der formgebende Wille, der seine Impulse aus dem Überzeitlichen empfängt, zur Grundlage der Welteinstellung.
Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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