Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

27. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1938

Die Kunst rechten Sterbens

Die Kunst, welche der Titel dieses Aufsatzes meint, ist im Abendlande nie entwickelt gewesen. Der berühmte Ausspruch, vivre, c’est apprendre à mourir, ist letztlich nicht mehr als ein bon-mot, und Bereitschaft als solche zu einem anderen Leben gemäß dem christlichen Dogma, oder auch zur endgültigen Vernichtung, ist im buchstäblichen Verstande der Wendung keine Kunst: ursprünglich fürchtet das Menschen-Tier nur den Hunger, nicht den Tod. Von einer Kunst des Sterbens kann allererst dort die Rede sein, wo der Tod als normales biologisches Geschehen richtig verstanden, akzeptiert und ohne Rückversicherung in irgendwelcher Dogmatik, die das Sterben so oder anders für die Vorstellung eskamotiert, erlebt wird und dann Formung vom Geiste her hinzutritt, die ein an sich rein irdisches Ereignis zum Ausdrucksmittel des metaphysisch Wirklichen umschafft. Diese Kunst nun kennen und verstehen in tieferem Sinne nur zwei lebende Völker (ich sage lebende, denn wie es z. B. mit den alten Ägyptern stand, ist mir noch unklar): die Japaner und die Tibetaner.

Ich beginne mit Bemerkungen über die ersteren, da diese unsere vorhergehenden Betrachtungen über Zen fortsetzen. Der Zen-Buddhismus, aus dem in China vor allem Heilige und Künstler hervorgingen, ward in Japan, wo allein er zur herrschenden Macht emporwuchs, zur hohen Schule des Samuraitums. Die Japaner waren nie Metaphysiker und Theoretiker. Aber wie bei keinem anderen Volk der mir bekannten Geschichte beruhte die spezifische Kultur des Kriegeradels auf der zur Lebensform gewordenen Bereitschaft, jeden Augenblick selbstverständlich zu sterben, und zwar in solcher Haltung, daß damit der Tod vom Geist her überwunden ist.

Hierauf beruht u. a. die noch heute in Japans höchstgezüchteten Kreisen fortlebende Sitte, im letzten Augenblick vor dem Tode ein chinesisches oder japanisches Gedicht zu schreiben, den sogenannten vom-Leben-Abschied-nehmenden-Vers.

Die Japaner sind gelehrt und dazu trainiert worden, einen Augenblick der Muße zu finden, um sich von den erregendsten Lebensansprüchen, die an sie herantreten, zu detachieren. Der Tod ist die ernsteste Angelegenheit, welche alle Aufmerksamkeit bannt. Die gebildeten Japaner jedoch meinen, daß sie über sie hinaussehen, sie objektiv betrachten können sollten.

Dies schreibt Daisetz Teitaro Suzuki in seinem wunderbaren Buch Zen Buddhism and its influence an Japanese Culture, The Ataka Buddhist Library IX, Kyoto 1938, The Eastern Buddhist Society, Otani Buddhist College — wohl dem schönsten Buch nicht allein über Japan, sondern über das Tiefste am Tiefen des Heldengeistes überhaupt (S. 60). Den metaphysischen Sinn dieser Einstellung aber geben die folgenden Aussprüche des japanischen Zen-Meisters Yekiwo trotz aller Kürze wohl erschöpfend wieder (S. 55/56)

Wenn Sie wirklich den Wunsch haben, Zen zu meistern, so müssen Sie ein Mal Ihr Leben aufgeben und direkt in den Abgrund des Todes tauchen — welchen Satz dann die folgende Ermahnung weiter erläutert: Die, welche an ihrem Leben haften, sterben, und die, welche sich dem Tode wie im Duell stellen (defy death), leben. Das Wesentliche ist der Geist. Blicken Sie in diesen Geist hinein und halten Sie ihn fest und Sie werden dann verstehen, daß es etwas in Ihnen gibt, welches jenseits von Geburt und Tod west und welches weder in Wasser ertränkt noch durch Feuer verbrannt werden kann. Ich habe persönlich Einsicht in dieses Samadhi gewonnen und weiß, was ich Ihnen sage. Die, welche Gegenbewegungen dagegen spüren, ihr Leben hinzugeben und den Tod zu umarmen, sind keine echten Krieger.

Dieses Jenseits von Geburt und Tod ist nun tatsächlich der Urgrund und Ursprung des Menschen. Wer dieses Jenseits in sich realisiert hat, der steht damit über dem Empirischen des Sterbeprozesses und kann es als Künstler formen. Und erst wer so weit ist, stirbt in wahrhaft menschenwürdiger Haltung.

Und ein wie anderes, ein wie unendlich Tieferes, bedeutet diese als die übliche und überall häufige Todesverachtung des Kriegers! Wer durch Zen durchgeformt oder von seiner Wahrheit durchdrungen worden ist, der ist als Krieger ebenso tief im Geist verwurzelt, wie der Heilige in der Gottesschau. Mehr brauche ich über diesen Punkt nicht zu sagen, weil der erste Aufsatz dieses Heftes es bereits vorweggenommen hat und überdies hoffentlich bald eine deutsche Ausgabe des herrlichen Japan-Buchs erscheinen wird. (Bisher dürfte es in Europa nur durch die Buchhandlungen Luzac & Co., Great Russell Street, London W. C. und vielleicht Otto Harrassowitz in Leipzig zu beziehen sein.) Hier möchte ich nur eine ebenso kurze Betrachtung über den Aspekt der Kunst des Sterbens anschließen, den das berühmte Tibetanische Totenbuch (Untertitel: Das Erleben nach dem Tode auf der Bardo-Ebene, gemäß der englischen Wiedergabe von Lama Kazi Dawa-Samdup, herausgegeben von W. Y. Evans-Wentz, Oxford University Press, aber davon existiert auch eine deutsche Ausgabe) behandelt. Die Tibetaner gleich den Indern und im Gegensatz zu den Japanern sind vor allem Schauer und geistig Interessierte. So genügt es ihnen nicht, bloß in Form innerer Haltung einen praktischen Standort jenseits des Todes zu erklimmen. Sie haben wissen wollen, wie es eigentlich ist, wenn einer stirbt, und zwar wenn jedermann stirbt. Sie haben weiter gefragt, was man wohl dazu tun kann, um möglichst sinngerecht zu sterben und jenseits der Schwelle des Todes die bestmögliche Haltung einzunehmen. Und daraus ist denn jenes einzigartige Lehrbuch des Sterbens entstanden, das den obengenannten Titel führt. Aber dieses Lehrbuch ist, wohlgemerkt, auch nur ein möglicher Leitfaden für Künstler des Lebens. Mögliche und meiner Ansicht nach, trotz einiger Mißdeutungen, tatsachengerechte wissenschaftliche Erkenntnis enthält der beschreibende Teil des Buches freilich — doch nicht auf diesen kommt es letztlich an. An kommt es letztlich auch hier, wie beim Zen, auf eine Kultur der Einstellung und Haltung und des Verhaltens. Diese nun ist überaus schwer zu erarbeiten, und so ist es in einem Priesterstaate, wie Tibet, recht eigentlich selbstverständlich, daß dem Priester Vollmacht zuerkannt wird, das für den Sterbenden zu tun, was er selbst zu leisten außerstande ist. Immerhin: auch nach tibetanischer Anschauung bedarf der Höherentwickelte grundsätzlich keiner Hilfe. Er muß nur im höchsten Grade seinen Geist und seine Seele den Gesetzen gemäß beherrschen, die auch im Erdenleben gelten — im höchsten Grad, weil während und nach der Entkörperung nur noch sie gelten. Was nicht bemerkt wird, ist nicht; Aufmerksamkeit vitalisiert; jeder tiefe Wunsch wird erfüllt; Gedanken sind Dinge, die von sich aus fortwirken; dem absolut Mutigen vermag nichts zu schaden, denn der Geist ist leer und kann gar nicht getroffen werden, weder von Fülle noch von anderer Leerheit. Aller Fall, alles Übel kommt vom Haften. Von der persönlichen Einstellung hängt alles ab, der Sinn schafft allen Tatbestand, so sehr, daß die nach dem Tode die Seele bestürmenden Gottheiten des Zornes, anders und richtig gesehen, die Gottheiten der Barmherzigkeit und letztlich Schutzgeister sind. Und so weiter. Man lese dieses wunderbare Erzeugnis des Menschengeistes selbst.

Vor allem aber gilt es, wenn irgend möglich, vollbewußt zu sterben, denn auf die recht gerichtete Aufmerksamkeit kommt für die Zukunft alles an. Hier denn fließt die Lehre des Totenbuchs mit der des Zen zusammen. Der japanische Zen-Mönch oder Zen-inspirierte Samurai fragt nicht weiter nach dem Was und Wie des Geschehens. Er riskiert einfach sein Leben in der rechten Haltung. Der Tibetaner sucht zu wissen, was irgend wißbar ist. Auf dieser Grundlage aber ist auch ihm das rechte Sterben eine Hohe Kunst.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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