Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

28. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1939

Schöpferische Muße

Alle Zivilisationen vor der allerjüngsten, welche vom Westen her den Erdball erobert, sahen in der Muße ein Höheres als in der Arbeit. Darin lag einerseits gewiß ein Bekenntnis zum Werte der Bequemlichkeit und ein völliges Verkennen des Segens der Beschäftigtheit; über alles das, was mit dem Sprichwort Müßiggang ist aller Laster Anfang sowie der Tatsache, daß Sklaven oder sonst Unterdrückte alle eigentliche Arbeit verrichteten, zusammenhängt, braucht in unserer Zeit des frenetischen Schaffensdrangs nichts weiter gesagt zu werden. Aber da alle Hochkulturen der bisherigen Geschichte edle Muße dauerndem in-Anspruch-genommen-Sein vorzogen, ja ohne diese Gesinnung in ihrem Sosein unvorstellbar sind, so muß der Sachverhalt doch auch eine sehr wesentliche andere Seite haben, die neuerdings kaum gewürdigt wird. Und diese richtig zu sehen, erscheint mir gerade heute dringend vonnöten, weil das ungeheure, ja ungeheuerliche Arbeitstempo dieser Zeit ganz offenbar von allen an ihm Beteiligten, so oder anders, als Vorstufe einer besseren Zeit empfunden wird, in welcher edle Muße wieder möglich würde. So sei denn hier die erforderliche Richtigstellung der Bezeichnungen versucht.

Unsere Zeit lebt, wie wenige vorher, von falschen, oder ich möchte sagen entarteten Antithesen. Seit je alternieren im geschichtlichen Leben, wie beim Herzschlag, Systole und Diastole, Ausweitung und Zusammenziehung. Insofern ist die Spannung zwischen weltweitem Katholizismus und Verengung-bedingendem Protestantismus normal und gesund und ebenso die zwischen imperialer und nationaler Gesinnung; die Alternanz in der Wertbetonung bedeutet ein fruchtbares Wechselspiel. Die gleiche Antithetik aber erscheint entartet, wenn der katholische Pol von engstem Dogmenglauben besetzt wird, und der protestantische von der Abkehr von aller Spiritualität, und gleichsinnig der imperiale durch eine alle Lebensumrisse verwischende Internationale und der nationale durch ausschließliche Bewertung der empirischen Sonderart. Mit Arbeit und Muße nun verhält es sich zwar nicht genau analog, jedoch ähnlich. Richtig besetzt, vertritt nämlich der erste Pol nicht die an äußerem Zweck beurteilte Leistung, sondern die zum inneren Umsatz erforderliche Bewegtheit und Verausgabung, und der Gegenpol nicht Faulenzerei und Zerstreuung, sondern inneres Wachstum, das zur Schöpfung führt. Aus dieser einen Richtigstellung leuchtet ohne weiteres ein, warum allen Kulturen das persönliche Sein und damit schöpferisches Leben mehr bedeutet als sachliches Können und damit Ausführung (im Verstande der beiden zusammenhängenden amerikanischen Begriffe promotion und executive), und warum sie alle die Muße für lebenswichtiger hielten als die Arbeit.

Bei jedem schöpferischen Menschen ist das noch heute so. Warum? Weil jede geistige Entscheidung jenseits der bloßen Beschäftigungsmöglichkeit liegt. Eine Idee fällt einem ein; ein Buch reift im unbewußten Innern; ein Plan gestaltet sich in der Stille aus. Sogar wer wichtigste praktische Entschlüsse zu fassen hat, muß sich vor Überbeschäftigung hüten: in allzu angespannte und bewegte Außenschichten des Bewußtseins kann nichts einfallen und inmitten von Hast und Übermüdung kann nichts reifen. So werden gewiß alle großen Universitätsprofessoren Deutschlands mit denen, die ich darnach fragte, wohl einer Meinung sein, daß das Wichtigste am Lehrjahr für sie die Ferien sind. Und so sind sie’s auch für die begabten Studenten. Gerade in den Monaten, in welchen Gedächtnis, Aufmerksamkeit auf Äußeres und Zeit keine Rolle spielen, wirkt sich das inzwischen Gelernte und Erarbeitete als innerer Aufbau aus Und auf diesen kommt es in erster Linie an. Nun sind nicht viele Menschen im höchsten Sinne schöpferisch, die meisten sind wirklich in erster Linie Arbeiter und nur als solche nicht allein für das Gemeinwohl nützlich, sondern auch glücklich Doch die aufgezeigte entartete Antithese Arbeit-Faulheit (zu der auch die Art des Ausruhens gehört, die ein ebenso Mechanisches ist, wie Routine-Arbeit) verdirbt alle, die sie unbewußt für gültig halten, weil dieses Vorurteil sogar das bißchen Schöpferkraft, über das sie verfügen, unterminiert

Die Probe aufs Exempel hat Amerika bereits gegeben. Wer heute einem Menschen langsamster geistiger Reaktion, geringster Konzentrationsfähigkeit und größter Ermüdbarkeit begegnet, der im ganzen einer von einem Gewitterregen tags überraschten und zu Boden geschlagenen Fledermaus gleicht, so besteht neunzig Prozent Wahrscheinlichkeit dafür, daß es ein Amerikaner ist, dessen Großeltern urwüchsig-kraftvolle Pioniere und dessen Eltern an der frenetischen Industrialisierung aktiv beteiligt waren. Die heutige amerikanische Zivilisation ist möglich geworden dadurch, daß sehr wenige schöpferische Menschen ein halbes Jahrhundert entlang unglaublich viel Arbeit anderer veranlassen konnten. Aber das extreme Arbeitsethos, gepaart mit exklusivem Gewinnstreben, die dieses Geschehen von innen her im Gang erhielten und noch erhalten, wirken, wie alle Tatsachen beweisen, sterilisierend. Was hier in Erscheinung tritt, ist Ausdruck nicht des Gesetzes, daß der Muskel durch Übung wächst, sondern des anderen, daß geschlechtliche Überverausgabung die Vitalität schwächt und schließlich zerstört. Diesen unglücklichen Produkten eines extremen Arbeitsethos fällt im Grenzfall gar nichts mehr ein, sie verstehen auch nichts, sie kriegen keine Kinder und erstarren greisenhaft in einem infantilen Zustand.

Was in Amerika bereits geschah, wird sich ganz bestimmt überall ereignen, wo sich Menschen zur entarteten Antithese Arbeit-Faulheit bekennen. Eben darum sind aus versklavten Schichten niemals bisher, auch lange Zeit nach ihrer Befreiung nicht — außer in so seltenen Fällen, daß die Ausnahme die Regel mehr als bestätigt — schöpferische Menschen hervorgegangen. Wer sich der mechanischen Arbeit verschreibt, verschreibt sich nämlich dem Gesetz der Erde im Gegensatz zum Gesetz des Geists (die Erde ist träge nicht im Sinn der Faulheit, sondern der Routine). So wollen die Jahrhunderte lang versklavten Unterschichten des Inka Reichs auch heute nichts anderes, als auf althergebrachte Weise schuften. Nun ist das heute Mögliche für Geist und Seele noch verderblicher als das vormals Übliche: Sklaven durften nicht faul sein, moderne Arbeiter schämen sich allfälliger Neigung zur Muße: so ziehen ursprünglich noch schöpfungsfähige Freie sich selber zum Sklavenstand herab. Und wo immer freier Wille dem Minderwertigen zuführt, ist das Ergebnis viel schlimmer als das Erzwungene: denn nun fehlt sogar die innere Revolte, die, solange sie lebendig ist, eine Zustandsänderung grundsätzlich möglich erhält.

In vielen Aufsätzen dieser Mitteilungen habe ich die besonderen, früher so nie dagewesenen Polaritäten dieser Zeitwende beleuchtet. Die hiermit behandelte ist vielleicht die verhängnisschwangerste. Sehr leicht kann es geschehen, daß unsere Erde bald von so gewaltigen Meisterleistungen überschichtet wird, wie wir sie heute noch kaum vorstellen können, denn längst nicht alle Naturenergien hat sich der Mensch schon botmäßig gemacht. Aber gewiß ist, daß wenn der Sinn für schöpferische Muße in nicht allzu ferner Zeit nicht neu erwacht, wenn Seinskultur nicht wieder für wichtiger gilt, als Könnenskultur, bald keine der Leistung würdige Menschen mehr leben werden.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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