Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

28. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1939

Bücherschau · Ommanney, Mitchell-Hedges, Marais

Betrachtungen über die kosmische Bedingtheit des Lebens schließt sich nichts natürlicher an, als eine Betrachtung der Entsprechung ihrer im Organismus, die eine harmonische Einfügung autonomen Lebens in das gesamte Weltgeschehen ermöglicht. Und genau wie ein fremdartiges oder durch den Oberflächen-Verstand nicht auflösbares Meditationssymbol zur Evokation des eigenen bisher Unbewußten dienlicher ist, als ein leicht durchschaubares, so lernt hier der Mensch an Tieren das Wesentliche besser einsehen, als an der Selbstbetrachtung; denn auf das tierische Leben kann die Erkenntnis-tötende Kategorie des Selbstverständlichen ohne offenbare Mißdeutung nicht zur Anwendung gelangen. Hier nun böten die Tiefseegeschöpfe das allergeeigneteste Sinnbild, sie, die unter für den Menschenorganismus restlos tödlichen Bedingungen leben und als physische Organe alles das hervorbringen, was in unserem Fall des Menschen Geist erfindet; man denke zumal an die künstliche Beleuchtung der Tiefsee. Aber noch ist die wirklich tiefe Tiefsee kaum erforscht und noch fehlen so weit wirklichkeitsgerechte Bilder, daß Versenkung in diese so fruchtbar werden kann, wie es grundsätzlich in ihnen liegt. Doch schon die uns nächstverwandten Wassertiere bieten mehr des Lehr- und Hilfreichen zum Verständnis der eigenen Möglichkeiten des Lebens als Landtiere. Unlängst ist die Deutsche Ausgabe eines ganz wunderbaren Jagd- und Reisebuchs erschienen F. D. Ommanney Zauber und Grauen des Südmeeres (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart). Mit einfachsten Mitteln — dank dem Zusammenwirken einer selten exakten Beobachtungsgabe, einer ebenso großen Fähigkeit zu wirklichkeitsgerechtem Ausdruck mit einer wunderbaren Echtheit und Bescheidenheit im Sinne der Anerkennung der Grenzen des Menschentums innerhalb der ungeheuren in der Antarktis wirkenden Naturmächte — gelingt es Ommanney, die Gesamtatmosphäre des Südmeeres so greifbar zu evozieren, daß man die eisigen Orkane dieser Breiten auf der eigenen Haut zu spüren und das Krachen zusammenbrechender Eisberge leibhaftig zu hören glaubt. Innerhalb dieses Rahmens aber wird einem das Sonder-Leben der unwahrscheinlichen Geschöpfe, welche die Polarwelt bevölkern, der Walfische, Robben und Pinguine in seiner Sonderart so deutlich, wie ich es vor dieser Lektüre kaum für möglich gehalten hätte. Wie ich mich in die Wale versenkte und zugleich gar der Tiefseetiere gedachte, da fiel mir ein: ist so etwas möglich, — warum sollen nicht die glühendsten Sonnen Sonderwesen beherbergen? Das Leben ist allemal eine Beziehung zwischen autonomem Selbst und Weltenall: Unmöglich scheint keine Sonderart von Beziehung, die sich vorstellen und auch nicht mehr vorstellen läßt. Gibt es solche Geschöpfe, dann kann es auch Engel und Teufel geben. Und vielleicht sind die giftigen Geschöpfe, zumal die Schlangen, wirklich in unsere Welt hineinragende Höllenbewohner, wie dies ein Okkultist einmal behauptete, und die Kolibris gröbste Formen von Elfen? — An den Seelefanten und Pinguinen wird einem weiter sehr deutlich, wie begrenzt jeder bestimmte Lebensraum ist. Hinsichtlich der physischen Merkwelt sind wir uns hierüber seit Uexküll einigermaßen klar. An jenen Polargeschöpfen nun lernte ich verstehen, wie sehr Gleiches vom Zeiterleben gilt. Auch beim Menschen ist ja das Vergessen ein viel wichtigerer organischer Faktor, als den Meisten klar ist; das Gehirn als solches bewahrt die Spuren von allem, was es jemals affizierte; doch nur ein Bruchteil des Erlebten lebt in der jeweiligen Gegenwart fort. Je weiter und stärker ein Geist, desto mehr vom Erlebten bleibt ihm ständige Gegenwart, aber alles zu behalten verträgt keiner. Bei Polartieren nun scheinen nur unglaublich kurze erinnerte Zeitspannen mit Gegenwartsleben vereinbar zu sein. Der aufbäumende Seelefant scheint meist nach wenigen Minuten zu vergessen, warum er sich aufregte. In bezug auf die Pinguine, diese sonst so begabten Geschöpfe, erzählt Ommanney die folgende Beobachtung: Er hatte einen dieser Vögel, der ihn durch unaufhörliches Hacken auf seine Stiefel störte, mit einem Fußtritt ins Meer geworfen. Sofort kroch er wütend wieder heraus, stürzte sich auf den Eindringling und begann ihn neu zu bearbeiten… aber nur zwei Minuten lang; dann war die Erinnerung der erlittenen Insulte ausgelöscht. Urplötzlich trat der Pinguin friedlich zur Seite und dachte an andres.

Der Verfasser von Hai am Haken, kämpfte mit Seeungeheuern (Berlin SW, Scherl-Verlag). F. A. Mitchell-Hedges ist kein so großer Einfühler und kein so großer Ausdruckskünstler wie Ommanney. Dafür hat er noch viel Erstaunlicheres erlebt. Diese Schilderung von Kämpfen mit Riesenhaien, Sägefischen, Todesrochen, von Ungeziefern des Meeres zu schweigen, sollte wirklich jeder lesen: das wird ihn besser als anderes vom Vorurteil kurieren, daß nur der Verstand versteht. Auf ihre Art sind diese Seetiere ihrer Umwelt genau so verstehend eingepaßt, wie unter Menschen die schärfstdenkenden und erfindungsreichsten Geister. Sie verfügen auch alle über ein hohes Maß von Freiheit und über Erfahrungsmöglichkeiten, welche Hanns Fischers Antennen-Lehre zum erstenmal einigermaßen zu verstehen erlaubt. Gewiß sind wir in den letzten Jahren über die primitive und naive Instinkt- und Tropismenlehre weit hinausgelangt. Sogar Infusorien handeln, das wissen wir jetzt, in ihrem kleinen Rahmen intelligent und aus den letztem mir bekannten wirklich tiefen streng wissenschaftlichen Untersuchungen über Tierpsychologie, Buytendijk Wege zum Verständnis der Tiere (Zürich, Max Niehans Verlag) geht letztgültig hervor, daß wir Menschen keinerlei Anlaß haben, uns vom Standpunkt der Natur für begabter zu halten als es andere Wesen sind — wie immer es mit der Erfahrung geistiger Wirklichkeit bestellt sei. Doch abstrakte Überlegung und theoretisches Begreifen fördern weniger als Versenkung in das fremdartige Konkrete. Zur Konsolidierung dieser Einsicht sei denn, zum Abschlusse dieses Abschnitts, des allererstaunlichsten Tierbuches gedacht, das mir in den letzten Jahren, wenn nicht gar überhaupt, zu Gesicht gekommen ist: Eugène Marais Die Seele der weißen Ameise (Berlin 1939, Herbig Verlagsbuchhandlung). Ich zitiere hier am besten einen Teil der Besprechung des Buchs von Hans Paeschke, weil sie das Erstaunlichste unübertrefflich gut zusammenfaßt:

Für Marais ist der Termitenhügel ein Gemeinschaftstier, deren verschiedene Organe aus Gruppen spezialisierter Einzelwesen bestehen, zusammengehalten und gelenkt von einem äthergleichen, sinnlich nicht wahrnehmbaren Fluid, deren Sender der Leib der Königin darstellt. Bei ihrem Tod ist sofort jeder geordnete Zusammenhang, bei vorübergehendem Schmerz für diese Zeit der Strom der Arbeit unterbrochen. Ihr Leib wächst mit der Zeit im Verhältnis zum Kopf zu ungeheurer Größe, legt in 24 Stunden rund 150000 Eier, ruht vollkommen unbeweglich in einer, ihren jeweiligen Maßen angepaßten Zelle und kann kaum mehr als Insekt klassifiziert werden. Ebensowenig das Termitenvolk, die Arbeiter und Soldaten, die im Unterschied zur Königin keinerlei erkennbare Sinnesorgane aufweisen und den Funktionen der roten bzw. weißen Blutkörperchen entsprechen. Die Königin vererbt ihnen als ihren Nachkommen Instinkte, die sie selbst niemals besaß: ein einzigartiges Phänomen in der Tierwelt, welches beweist, daß eine Instinkt-Züchtung durch vollkommene Organisation möglich und zum Ersatz des Erbgedächtnisses im Zellplasma befähigt ist. — Wunder über Wunder tun sich auf. Die Ernährung erfolgt durch soziale Mägen, besonderen, kompliziert angelegten sogenannten Pilzgärten, wo die von den Arbeitern stets nur vorgekaute Nahrung verdaut wird, um als Flüssigkeit, im Kreislauf durch das Insekt zurück, Baustoff des Hügels zu werden. Die Soldaten haben statt der Kauwerkzeuge Zangen mit Giftspritze, sie versehen den Schutzdienst, unter anderem mit Warnsignalen, und ferner eine Funktion, die Marais zum Schluß mit wahrhaft abenteuerlichen Vermutungen verbindet: ständig ist um die Königin eine Anzahl Soldaten versammelt, die, scheinbar betäubt, wie chloroformiert um nicht zum Angriff zu reizen, im Halbkreis Tanzbewegungen vollführen, um bei regelmäßiger Ablösung das Fluid der Königin, wie zum Ersatz von Nervenbahnen, in das übrige Volk zu übertragen.

Hilft einem dieser ungeheuerliche Tatbestand unter anderem nicht auch die Beziehung zwischen menschlichem Individuum und menschlichem Kollektivum, insbesondere zwischen Menschenführern und Menschenvölkern besser, als sonst möglich wäre, zu verstehen? — Auch bei Menschen bedeutet Begriffliches und vor allem Sachliches viel weniger als das Unbegreifliche, das äußerlich nicht Nachweisbare und vor allem das Magische. Auch in der Menschenwelt ist psychischer Zusammenhang am leichtesten vom Antennenprinzipe her zu verstehen. Für alles kann es besondere Antennen geben, vom Geschleckte bis zu Gott. Wo aber die entsprechende Antenne fehlt, ist keinerlei Zusammenhang vorstellbar. — Im Verfolg seiner Sonderuntersuchung gelangt nun Marais zu im höchsten Grade aufregenden und dabei von vornherein einleuchtenden Ausblicken über das Wesen des Menschenorganismus. Es stellt sich heraus, daß sein Körper ein Analogen des Termitenhügels ist, nichts von ihm Wesensverschiedenes. Auch er besteht zu beinahe 80% aus leblosen Stoffen, durch die hindurch sich Lebendiges bewegt. Auch hier hält eine Zentrale auf mysteriöse Weise an sich unabhängig voneinander Arbeitendes zusammen. Sieht man die Dinge so an, so erweist sich schließlich als einziger grundsätzlicher Unterschied zwischen dem Kollektivum, das der Einzelmensch als Körper und Seele darstellt, und dem Termitenvolke der, daß jener sich als Ganzheit frei bewegen kann, und dieses nicht. — Es versäume keiner dieses über alle Maßen spannende und als Meditationsobjekt der Selbstvertiefung und Selbsterkenntnis dienliche Buch zu lesen.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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