Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

29. - 30. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1940

Bücherschau · Emmet Fox

Die zweite Ausnahme (s. Seite 28) betrifft die Schriften des amerikanischen Predigers Emmet Fox, der eine eigene Kirche Church of the Healing Christ, Sitz Astoria-Hotel, New York, vertritt; seine Bücher und Traktate gibt zum Teil diese Kirche selbst, zum Teil mein früherer Verleger Harper & Brothers heraus. Gerade zu Kriegsbeginn sandte mir eine amerikanische Freundin eine ganze Ladung von Fox’ Veröffentlichungen mit der Bemerkung, nicht nur ihr hätte er mehr als irgendein christlicher Geistlicher geholfen, gleiches gelte von einer immer wachsenden Anzahl Suchender; in New York allein spreche er allwöchentlich mehrere Male zu fünftausend Hörern. Nun stehe ich von jeher (siehe das über den New Thought Gesagte im Reisetagebuch) grundsätzlich positiv zum amerikanischen Christentum, das in Wahrheit vielleicht wirklich, wie Jung meint, kein Christentum, sondern eine neue Schamanen-Religion ist, dafür aber echtere Religiosität zum Ausdruck bringt, als ich irgendeiner europäischen Kirche (im Unterschied von Einzelnen und Einzelgängern) zuerkennen kann. So ging ich ohne Vorurteil an die Lektüre. Bald nun aber staunte ich: zumal Fox’ Hauptschrift The Sermon of the Mount atmet so tiefe Religiosität, gepaart mit so prächtigem common-Sense, daß ich wieder einmal, und dieses Mal mehr denn je, erkennen und anerkennen mußte: wo es sich um Wachstum und Heilung der Seele handelt, ist es letztlich gleichgültig, zu welchen Voraussetzungen sich einer bekennt. Das Entscheidende ist, daß er ein lebendiges Verhältnis zur metaphysischen Wirklichkeit hat, daß er sich zu etwas entschieden hat und es mit ganzem Herzen bekennt, daß er glaubt, daß er sein Tiefstes im Leben zu verwirklichen trachtet. Die Voraussetzungen des amerikanischen Christentums entsprechen samt und sonders einer primitiven Stufe: nichtsdestoweniger habe ich viele von Fox’ Schriften mit seltenem Genuß wieder und wieder gelesen und meditiert. Das Richtigste und Wichtigste bei Fox sind seine gelungenen Ausführungen darüber, daß und inwiefern es wichtiger und welttragender ist, was man für sich im stillen Kämmerlein denkt und wünscht, als was man als Wort und Tat herausstellt. So braucht man sich mit Feinden auch keineswegs äußerlich zu verständigen, was ja meist nur auf einen faulen Kompromiß herausläuft: man soll ihnen innerlich vergeben; dies genügt, um sowohl persönlich frei zu werden als seine Widersacher freizugeben. Gerade in dieser Zeit tut zu wissen not, daß es auf Gedanke und Gefühl und Gesinnung milliardenfach mehr ankommt als auf die Tat und schon gar deren Erfolg.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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