Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

31. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1941

Bücherschau · Shri Aurobindo, Dr. F. Schwab

Wie ich neulich das Schlußkapitel Heiligung des Buchs vom persönlichen Leben wiederlas, merkte ich, daß ich hier wieder einmal antizipiert hatte (vgl. die neue autobiographische Vorrede des Jahres 1939 Anticipation et Réalisation zur französischen Neuausgabe von Menschen als Sinnbilder [Figures Symboliques], in unserer Bibliothek erhältlich). Hier redete ich nicht aus einem Reifezustand heraus, sondern aus der Vorschau dessen, was ich erst später realisieren können werde. Das grämt mich nun weiter gar nicht. Fast alle Philosophien und alle religiösen Lehren sind insofern Ausdrücke der Sehnsucht und nicht der Erfüllung, und Ausdrücke der Sehnsucht allein reißen mit sich fort; sie allein entsprechen dem Zustand anderer Suchenden, während Erfüllung nur Sonnen-gleich aus unermeßlicher Ferne anzieht, ohne den Weg zu weisen. Man gedenke hier des Paulus, des eigentlichen Vaters des Christentums, in seinem Verhältnis zu Jesus. So kann Sehnsucht nach Unerreichtem andere sogar dann beschwingen, wenn sie bei dem, welcher ihr den ersten Ausdruck gab, nicht Vorwegnahme des Ziels, sondern Kompensation durch ein Wahn-Bild des Anders-Seins bedeutet. Dies war der Fall Friedrich Nietzsches, in dessen eigener Natur nichts vom Übermenschen, nichts von Jenseits von Gut und Böse usw. vorgebildet war. Andererseits nun strahlen die seltenen Erfüllungen, die sich unter Menschen finden, wie ewige Sterne, am sichtbarsten in der Nacht; den echten Heiligen erkennt der aufrichtige Sünder am ehesten. Sie leuchten dem Ewigen in jedem Menschen unmittelbar ein. Zu verstehen sind sie schwer, jedoch sie wecken Verehrung. Und so zieht Ehrerbietung und Anbetung den heran, welchen verstehbares Vorläufiges nicht mit sich fortreißt.

Diese allgemeinen Betrachtungen fielen mir ein, da ich die Schriften Shri Aurobindo Ghoses (der sich aber meist kurz Shri Aurobindo schreibt) La synthèse des Yoga und Les bases du Yoga las, die in wunderbarer französischer Übersetzung in Frankreich bei Adrien Maisonneuve, 11, rue Saint-Sulpice, Paris, in Belgien bei der Union des Imprimeries, Frameries, in der Schweiz beim Verlag Delachaux et Niestlé, Neuchâtel, zu erhalten sind.

Nicht daß Shri Aurobindo ein Vollendeter wäre: nachdem er lange am politischen Erwachen Indiens leidenschaftlich, als Publizist und Redner, beteiligt gewesen war, zog er sich erst um die sechzig nach Pondicherry in die Abgeschiedenheit zurück, von wo aus er nun auf neue Weise wirkt, und man merkt ihm heute, an der Schwelle der Siebziger, wohl an, daß er sein eigenes Ziel noch lange nicht erreicht hat. Aber in bezug auf das, was ich im Kapitel Heiligung anstrebte, muß ich ihn als der Erfüllung Nahen anerkennen. Und darum rate ich jedem, welchen meine damaligen Betrachtungen ansprachen, nun Shri Aurobindo zu lesen und zu meditieren. Er hat vieles innerlich bereits erreicht, was ich noch anstrebe, und zwar in genau dem besonderen Sinn, welchen ich meine. Von Alt-Indien herkommend, begegnete Shri Aurobindo mir, dem vom Westen her Pilgernden, als älterer Bruder mitten unterwegs. Noch nie begegnete mir ähnliche Gleichheit der Wellenlänge. Ich suchte von jeher westliche wissenschaftliche Exaktheit mit östlichem Tiefsinn zu einer Einheit auf höherer Ebene zusammenzufassen. Bei mir war der West-Mensch das Primäre. Shri Aurobindo hat weit mehr noch als Rabindranath Tagore alles Übertragbare aus dem Westen in sich aufgenommen; er beherrscht dessen Wissen in außerordentlichem Grad. Aber er tut es von der uralten Grundlage der indischen Yoga-Weisheit her, die er persönlich für sich neu erlebt hat. So kann er von der Erfüllung ausgehen, wo ich in der Sehnsucht bleiben muß, bis daß sie sich einmal in der Erfüllung aufhebt.

Das für mich Beglückende ist, daß Shri Aurobindo alle meine Ideale des spiritualisierten Vollmenschentums, der Synthese von Reichtum und Tiefe, der integralen Offenbarung und des Hineinbeziehens alles Nicht-Ich in das Ich für sich bekennt. Daß auch er, wenn auch in anderer Terminologie, von der Grund-Vielfalt und -Inkompatibilität der Schichten im Menschenwesen ausgeht. Nun aber aus dem Geiste der Erfüllung heraus einen konkreten Weg weist, wie diese Vielfachheit ohne Verarmung zu einer Ganzheit höherer Ordnung zu integrieren sei. Die beiden kleinen empfohlenen Bücher bestehen zum größten Teil aus Brieffragmenten. Aber aus jedem von diesen spricht solche Erfahrenheit des wahrhaft Wissenden, daß jeder tiefverstehende Leser sie als an ihn persönlich gerichtete Schreiben auffassen mag. — Mehr will ich hier nicht sagen. Wer immer einen Freund in der Schweiz hat, der lasse sich diese beiden wohlfeilen Büchlein kommen. In Deutschland befindet sich ein Teil von Aurobindos englischen Büchern jedenfalls in der Berliner Staatsbibliothek. Von dort lieh ich mir zwei derselben, aus: The ideal of the Karma Yogin und Essays in the Gita, beide anfangs der zwanziger Jahre veröffentlicht. Was mich an diesen zuerst beeindruckte, war die Wucht und Macht der Persönlichkeit, die aus dem englischen Urtext spricht, und die aus der französischen Übersetzung nicht ausstrahlt.

Dann aber beglückte mich an diesen Büchern vor allem Aurobindos Fähigkeit, modernste Bestrebungen auf die Ideale und Lehren der Bhagavad Gita zurückzubeziehen; ihm ist dieses besser geglückt, als Gleiches meines Wissens je in bezug auf die christliche Heilslehre gelang. Wir leben nun einmal in einem Zeitalter der Tat, und damit des Karma-Yoga. Aber auch die Gita stellt ein Leben der Tat über eins der Weltabkehr. Herrlich ist es nun, zu sehen, wie Aurobindo den konkretesten und scheinbar materiellsten Zielsetzungen dieser Zeit einen Tiefen-Hintergrund gibt, der ihnen seitens so vieler geistlich Strebender ganz abgesprochen wird. Dies gilt insonderheit vom Nationalismus. Dostojewskis Lehre, daß seine Nationalität jedem Menschen seinen ihm vorgezeichneten Weg zu Gott bedeute, erfährt beim Inder eine wunderbare Vertiefung. Wer an deutsche Ausgaben denken sollte, von denen es bisher keine gibt, der wende sich an Monsieur Jean Herbert in Jaubergue, Gonfaron (Var), Frankreich, der über die Übersetzungsrechte Aurobindos in Europa verfügt. Solange es keine direkte Postverbindung mit der Provence gibt, übernimmt das Institut de Psychagogie, Taconnerie, Geneve, Schweiz, gern die Vermittlung.

Als Gegenstück zur Erfüllung, die in Shri Aurobindo in Erscheinung tritt, möchte ich hier noch einmal auf den amerikanischen Prediger Emmet Fox hinweisen. Seit ich diesen in diesen Mitteilungen empfahl, habe ich viele seiner Traktätchen und sein eines Buch über die Bergpredigt mehrfach wiedergelesen. Wie ist es möglich, daß so Primitives mir, dem allein die Erfüllung des Inders wirklich entsprechen kann, dermaßen viel gibt? Es ist möglich, weil es sich hier um ebenso Unbefangenes und Wahrhaftiges handelt wie bei der Kunst tiefbegabter Primitiver. Emmet Fox geht vom Zustande des heutigen Menschen aus, und nicht zwar des Vertreters der Vorhut der Menschheit, an welche ich mich wende, sondern an den Verkörperer des Zustandes der Weltrevolution. In Form der mit dieser entstandenen neuen Primitivität (siehe das Kapitel gleichen Namens von Amerika), in bezug auf und für sie gibt nun Emmet Fox echtestem religiösen Wissen Ausdruck. Ich kann — um mich gleichnisweise auszudrücken — das, was ich selber anstrebe, in Foxens Fetisch-Bildern genau so wiedererkennen wie im Parabrahman und Purushottama Aurobindos. Und zu Meditationszwecken hat sich mir der monumentale Simplismus des Amerikaners nicht selten dienlicher erwiesen als die sublime Überlegenheit des Inders.

Endlich sei in diesem Zusammenhang noch kurz, aber sehr nachdrücklich empfehlend des Buchs des Arztes Dr. F. Schwab Geburt und Tod als Durchgangspforten des inwendigen Menschen (Leipzig 1940, Richard Hummel Verlag) gedacht, das ich erst nach Fertigstellung des übrigen Manuskriptes dieses Heftes vom Verfasser geschenkt erhielt. Den allgemeinen Inhalt kennzeichnet der Titel gut. Im einzelnen aber mache ich auf das Folgende aufmerksam: Schwabs wirklich ausgezeichnete Kritik der Tiefenpsychologie, seine Schilderung des Sterbens, biologisch sowohl als metabiologisch betrachtet, vor allem aber das, was er über das Geborenwerden als äquivalentes Gegenstück des Sterbens sagt, wobei er sehr plastisch herausarbeitet, inwiefern der Mensch nicht nur zwei verschiedene Anfänge oder Ursprünge, einen körperlichen und einen rein geistigen, hat, sondern viele, womit u. a. die Bestimmtheit des Geburtsbildes durch die Sterne eine neue, mir sehr einleuchtende Deutung erfährt. Das Buch gipfelt in der Ersetzung des Begriffs der Unsterblichkeit durch den der Ungeborenheit.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME