Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

2. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1921

Von der einzig förderlichen Art des Aufnehmens

Noch immer wird vielfach mißverstanden, weshalb ich nach meinen öffentlichen Vorträgen und schon gar in der Schule der Weisheit keine Debatten zulasse. Dies hat die folgenden Ursachen. Ich will nicht auf den Intellekt, sondern jene Tiefe der Menschen wirken, aus der die schöpferischen Impulse hervorgehen; ich will ihr Sein fördern, auch wo ich, äußerlich betrachtet, abstrakte Probleme behandle. Dieses gelingt nur dann, wenn die Strahlen nicht, bevor sie die Tiefe erreichen, wie es in der Optik heißt, total reflektiert werden. Das Wort Reflexion ist sinnvoll genug gebildet: beim Reflektieren im ins Geistige übertragenen Sinn handelt es sich genau, wie im Falle des Lichts, um ein Zurückwerfen der Strahlen auf die Fläche der Vorstellungs-Welt; was einmal auf sie projiziert ist, gelangt nicht mehr in die Tiefe des Menschen hinein und kann in ihr folglich keine Wirkungen auslösen. Wer deshalb das Wesen beeinflussen will, muß solche Vorkehrungen treffen, daß schon rein äußerlich einer schädlichen Einstellung vorgebeugt erscheint. Die meiner Erfahrung nach sicherste solcher äußeren Vorkehrungen ist eben das Verbot der Diskussion. Sobald einer sich darauf einstellt, Gehörtes verstandesgemäß zu diskutieren, schiebt er unwillkürlich eine Reflexionsscheibe gleichsam vor seine Seele, die ihm freilich ermöglicht, das Vernommene so zu sehen, wie es allein der intellektuellen Verarbeitung fähig ist, ihn andererseits aber unabwendbar um den, möglichen inneren Gewinn bringt. Was einmal herausgestellt ist, kann nicht mehr innerlich wirken, es sei denn, er werde ins Innere zurückgeleitet, und zu diesem doppelten Prozesse fehlt bei Vorträgen die Zeit, ganz abgesehen davon, daß es sich um einen überflüssigen Umweg handelt. Das ist doch der ganze Sinn persönlichen Einwirkens, daß dieses das Wesentliche unmittelbar gibt, während es aus Büchern nachgeschaffen werden muß, welches Nachschaffen nur wenigen fehlerlos gelingt. Ich sehe tatsächlich in der Diskussionssucht den eigentlichen Angelpunkt der heutigen deutschen Äußerlichkeit. Wieder und wieder begegnet es mir, daß hochbegabte Intellektuelle den eigentlichen Sinn meiner Worte völlig mißverstehen, während ihn einfältige Seelen, denen man es gar nicht zutrauen möchte, voll erfassen. Dies brauchte und sollte nicht so sein. Daß es aber so ist, beweist einmal mehr die Verderblichkeit der diskursiven Einstellung.

Sie ist verderblich, sogar wo es sich nicht um Wesens- sondern Verstandesfragen handelt. Auch der Verstand hat seine Wurzeln in Tieferem; wer nicht aus ihm sein Leben schöpft, sondern andauernd auf der Bildfläche der fertigen Gedanken weilt, kommt nie hinter den tieferen Sinn; der erschöpft sich in logischer Zerarbeitung, aus der noch nie ein schöpferischer Gedanke hervorging. Deshalb halte ich diskussionsloses Aufnehmen auch im Falle von Intellektuellem für einzig förderlich. Man braucht ja nicht zuzuhören, von anderen aufzunehmen. Tut man es aber einmal, dann sollte man sich von vornherein so einstellen, daß man alles erfaßt, nicht bloß, was der Betreffende ausdrücklich sagt, sondern was er meint. Stellt man sich nun dementsprechend ein, dann dringt das Wesen des Anderen ungehemmt in das eigene ein, wirkt dort befruchtend, und der Erfolg sind — nicht fremde, sondern eigene Gedanken. So bedeutet reines Aufnehmen, im Gegensatz zur üblichen Meinung, den kürzesten Weg zur Originalität. Niemand befürchte, durch solche Hingabe sich selbst zu verlieren. Zeitweilig erscheint er natürlich beeinflußt, warum auch nicht. Aber bald setzt sich das Empfangene in ursprünglich Eigenes um oder löst dieses aus, was von der Diskussionseinstellung aus niemals erfolgt, aus dem einfachen Grund, daß das Eigene nie überhaupt in Mitleidenschaft gezogen ward. Dies wäre denn der entscheidende Punkt: wer sich reflexiv einstellt, verhindert nicht allein das Fremde am Einsondern auch das Eigene am Hervorbrechen. Die dazwischengestellte Scheibe oder Linse, um auf das optische Bild zurückzugreifen, schließt nicht bloß nach außen, sondern auch nach innen zu ab. Wer diese Betrachtungen gründlich meditiert, wird sich nicht weiter darüber wundern, daß alle schöpferischen Geister, soweit es sich um Tiefes handelte, abgesagte Feinde der Debatte waren. Bei den religiösen Genies trat dies oft in der Verkleidung der Forderung, daß ein bestimmter Glaube nicht diskutiert werden dürfe, zutage; diese Verkleidung hatte erhebliche Nachteile. Aber wenn Goethe grundsätzlich nicht stritt, sondern entweder zuhörte oder sprach, so wußte er wohl, was der eigentliche Sinn seines Verhaltens war: er wollte die Leitung zwischen den Tiefen der Wesen nicht unterbrechen1.

1
Vgl. hierzu den Ausspruch aus den Wanderjahren:
Jeder weiß nur für sich, was er weiß, und das muß er geheimhalten; wie er es ausspricht, sogleich ist der Widerspruch rege, und wie er sich in Streit einläßt, kommt er in sich selbst aus dem Gleichgewicht, und sein Bestes wird, wo nicht vernichtet, doch gestört. —

Goethe hätte weniger verschwiegen, wenn er in einer seelisch gebildeteren und tiefer einsichtigen Umgebung gelebt hätte; das Ideal der Erziehung zur Ehrfurcht hätte er nicht so extrem plastisch in den Richtlinien der pädagogischen Provinz aus sich herausgestellt, wenn er nicht zeitlebens unter Ehrfurchtmangel gelitten hätte. Dabei lebte er in einer ungleich qualitätsbewußteren Zeit als wir…

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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