Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

31. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1941

Bücherschau · Richard Wilhelm · Lao Tse, Kung Fu Tse

Verschiedene Menschen schrieben mir in letzter Zeit, die mich mit Lao Tse verglichen. Mir war das zuerst erstaunlich, denn ich habe von jeher, in meinem Ideal der Integralität, des Vollmenschentums, der Entsprechung von Sinn und Ausdruck, von Weisheit und Realpolitik, von Verstehen und praktisch Handeln die Synthese dessen vertreten, was in China in die zwei Typen Kung Fu Tse und Lao Tse auseinandergelegt in Erscheinung trat, ja eine umfassendere Synthese, als beide zusammengelegt darstellen würden, insofern ich die ganze moderne Weltgewaltigkeit samt ihrem Tempo und ihrer Exaktheit zum tiefsten Sinne mit in Beziehung setze. Nun aber verstand ich: das Leben als organisierter Einsatz dieser Zeit fordert als Gegenpol den gänzlich in sich Ruhenden. Wie Amerika in allem der karikierende Vorläufer dessen war, wozu das meta-amerikanische Europa wird, so war es dies auch hier: dort vertrat der hilflose Glückspilz, den die populärsten Filmhelden von USA, darstellen, das, was Lao Tse als Sinnbild hier vertritt. Und auch hier finden sich Parallelen zu Charlie Chaplin & Co.: ich meine alle die vielen, bereits erschreckend vielen, welche, obgleich sie im praktischen Leben stehen, in psychologischer Kompensation eines Lebens beispiellosen Einsatzes, die keinerlei persönliche Velleität, von Stimmung zu schweigen, gelten läßt, wo immer dies für sie ungefährlich ist, in beispiellosem Grade passiv, mimosenhaft, unpünktlich, unexakt, unzuverlässig und vergeßlich sind. Und zwar vergeßlich in einem anderen Verstand als dem, von welchem ich im vorigen Hefte dieser Mitteilungen vom Vergessen als Tugend sprach: es handelt sich um unbewußt gewolltes Versagen, welches als solches innere Befriedigung schafft. Es bedeutet auch Betonung weiblicher Psychologie in Kompensation der im organisierten Leben überbetonten Männlichkeit.

Nun haben mir selber die chinesischen Klassiker, da ich in China weilte und in der Nachwirkung lange Jahre später noch, mehr als wohl den meisten Europäern bedeutet. Ich bin auch von früh an immer wieder mit ihnen verglichen worden. Es besteht auch wirklich eine große Geistesverwandtschaft, und in ihr liegt der Ursprung dessen, was an meinem Äußeren mongolisch wirkt; mongolisches Blut läßt sich bei mir nämlich überhaupt nicht nachweisen (s. meine Ahnentafel aus der Serie Ahnentafeln berühmter Deutscher, die unsere Bibliothek besitzt). Und nicht nur mein Gesicht, auch meine Handlinien sollen, laut Roman von Ungern-Sternberg, chinesischen ähnlich sein. Angeregt durch die neuen Vergleiche, die mir zu Ohren kamen, nahm ich nun die beiden Bücher Richard Wilhelms über Kung Fu Tse und Lao Tse (Stuttgart 1925, Fr. Frommanns Verlag, als Teil der Sammlung Frommanns Klassiker der Philosophie erschienen, in der Bibliothek der Schule der Weisheit erhältlich), die ich bei Erscheinen nur oberflächlich las, neu zur Hand und war begeisterter denn je, so gut ich mich der Lehren der Meister erinnerte. Ich war auch begeisterter denn je über Richard Wilhelms Darstellung. Denn um wie vieles dichterisch schöner manche Übersetzungen anderer sein mögen, zum Chinesen geweiht worden ist Richard Wilhelm bisher allein, und bei jedem Wort spürt man, daß er vom Geist der chinesischen Klassiker und durch chinesisches spirituelles Training geschult worden ist und aus wahrer innerer Vollmacht Chinesisches vertritt. Darum stelle ich nach wie vor Richard Wilhelms Darstellungen, Deutungen und Kommentare am höchsten. Und heute möchte ich allen unseren Mitgliedern besonders empfehlen, die bezeichneten Bücher zu kaufen oder auszuleihen und sorgfältig zu lesen. Darin steht nichts, was nicht im höchsten Grade gerade jetzt zu beherzigen not täte. Ich weise besonders in Richard Wilhelms Kung Fu Tse auf die Darstellung von des Meisters Auffassung des Kreislaufs des Geschehens hin (S. 174 ff.) und in beiden Büchern auf die chinesische Lehre, daß man nur auf Keime wirken kann und daß das Keimhafte vor allem beachtet werden muß, wenn man die Zukunft richtig voraussehen will. Beide, Kung Fu Tse wie Lao Tse, lebten in Zeiten ähnlicher Krisis, wie es die heutige europäische ist. Und das in der Geschichte einzig Dastehende ist, daß sie mitten im Zeitlichen stehend und diesem zugewandt — auch von Lao Tse gilt dies nämlich — unmittelbar Überzeitliches verkörperten und so als Sein und Werden ein Gleichgewicht vertraten, welches als grundsätzliches Vorbild gelten kann für den mitten im Leben stehenden Menschen überhaupt. Der Sinn ist hier dermaßen tief erfaßt, daß das Sonderliche des Chinesischen und auf andere Zuständlichkeiten nicht Übertragbare kaum überhaupt auffällt. Was beide Meister lehren, gilt für alle nur mögliche Zuständlichkeit, denn es besteht ein gesetzmäßiger Zusammenhang, in einem Rhythmus und einer bestimmten Folge verkörpert, zwischen Auf- und Abstieg, Höhepunkten und Verfallszeiten, zwischen der jeweiligen Sinngemäßheit von Handeln und Nicht-Handeln, von Kämpfen und Mit-sich-Geschehenlassen. Der westliche Mensch hat sich seit langem schon allzusehr auf den aktivistischen Pol allein eingestellt. Die Folgen in ihrer ganzen Schwere treten heute schon in Amerika zutage, wo die Enkel energischster Pioniere passiver, langsamer und initiativeärmer sind, als es irgendein Abendländer jemals war (Weg zur Vollendung Nr. 28, Aufsatz Schöpferische Muße). Ich deutete zu Anfang dieses Abschnittes bereits an, auf wie gefährliche Weise in Europa eine kontrapunktische Gegenströmung den Menschen vom Unbewußten her zu ergreifen beginnt. Eine Gefahr liegt heute überhaupt nicht mehr in einem Zuviel des Aktiven, sondern in dem, daß sabotierender Passivismus dem stetigen Gleichschritt den Boden unter den Füßen wegziehen und kräftigste Körper von der Seele her in einen Zustand der Hilflosigkeit versetzen könnte. Dem gilt es, solange es noch Zeit ist, zu steuern. Und nichts kann dieser Gefahr besser steuern als ein Meditieren der chinesischen Lehre vom Gleichgewicht der Kräfte.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME