Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

32. - 33. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1942

Bücherschau · Daniel-Rops · L’avenir de la Science

Aus den vorhergehenden Betrachtungen — aber ich rate jedem, der das Italienische beherrscht, das Buch von Gini ganz und sehr genau zu lesen, er kann ungeheuer viel aus ihm lernen — leuchtet unter anderem ein, warum ich die Ära, in welcher wir bisher gelebt haben, seit über 20 Jahren das Nordamerikanische Zeitalter heißen durfte. Dieses und jene Welt des Arbeiters, die ich zuerst im Schlußvortrag der großen Weisheitstagung des Jahres 1923 Weltanschauung und Lebensgestaltung (abgedruckt in Wiedergeburt) zu bestimmen versuchte, fallen im großen ganzen zusammen. Wird es nun bei der Welt des Arbeiters bleiben? Inwiefern dies aus Gründen des Geistes und der Seele unwahrscheinlich ist, habe ich in zwei Kapiteln der Betrachtungen angedeutet. Seither ist mir nun eine Vision in die Hand gekommen, deren weitere Ausblicke diesem Grundproblem der näheren Zukunft einen erstaunlichen Körper verleihen. Im Bande L’avenir de la Science, der 1941 in der Sammlung Présences der Librairie Plon, Paris, erschienen ist und an welcher außer dem großen Physiker Louis de Broglie auch André Thérive, Raymond Charmet, Pierre Devaux und A. D. Sertillanges mitgearbeitet haben, zieht Daniel-Rops die Linien der fortschrittlichen Entwicklung der Fruchtbarmachung aller Möglichkeiten der Erde und Menschenkraft im Geist der Rationalisierung weiter und gelangt dabei auf logisch fehlerfreiem Wege zu folgender Zukunftsschau: In absehbarer Zeit wird es ganz und gar unmöglich werden, von seiner Arbeit zu leben, weil einerseits die Produkte aller Arbeit zu billig werden müssen und weil andererseits zur Leistung des Erforderlichen viel weniger Hände genügen werden, als es gibt. So daß sich die unbedingte Notwendigkeit ergeben wird, die Vorstellungen der Arbeit und des Lebens voneinander zu dissoziieren. Die Existenz der meisten Menschen wird früh oder spät unabhängig von der Leistung gewährleistet werden müssen.

Damit nun wäre nicht etwa Unerhörtes geschehen — es wäre in allergrößtem Stil der Zustand wiederhergestellt, der überall auf Erden bis vor relativ sehr kurzer Zeit den eigentlich kulturschaffenden Teil des Menschen­geschlechts gekennzeichnet hat. Und damit wäre das Leistungsprinzip als Maßstab erledigt und Seins-Werte träten wieder an die Stelle der Könnenswerte. Daniel-Rops’ Gedankengänge scheinen mir, noch einmal, einwandfrei, und alle logische Wahrscheinlichkeit spricht für das Eintreffen seiner Prophetie. Andererseits ist es freilich gerade die allzu große logische Wahrscheinlichkeit, welche gegen sie spricht. Im Reich der Seele herrscht das Gesetz der Enantiodromie, und darum sind Durchkreuzungen der logisch notwendigen Entwicklung in rhythmischen Abständen wahrscheinlicher als langandauernder Fortschritt in gerader Linie. Das ganze Fortschrittszeitalter hat ja nur wenige Jahrhunderte gewährt. Ferner werden vor langer, langer Zeit längst nicht alle Völker von der Technisierung innerlich ergriffen sein — und ohne innere Bereitschaft gelingt beim Menschen nichts äußerlich noch so Notwendiges. Unter allen Völkern der bisherigen Geschichte haben sich überhaupt nur Deutsche beinahe total vom intellektuellen Einleuchten bestimmen lassen — die Franzosen sind nur in ihrem Denken logisch, sonst weit mehr emotional bestimmt, und die Amerikaner haben überhaupt noch keine festgefügte Seele; gerade sie kann darum während des zweiten Weltkrieges zerspringen, wie es diejenige des alten Rußland tat. Und seit wann sind auch die Deutschen so Erkenntnis-bestimmt wie heute, und welche Geschichte war an Enantiodromien reicher als gerade die deutsche?

Noch ein Ausblick in unabsehbare Weiten aus dem Kapitel Prophètes et Inventeurs von Pierre Devaux im gleichen Band. Dieser denkt von Alexis Carrels unsterblichen Herzen aus weiter; letzterer Forscher züchtet bekanntlich seit Jahrzehnten in einem Kulturbouillon einen Teil eines Hühnerherzens lebendig weiter, der sich durch Zellteilung unaufhaltsam vergrößert und immer wieder beschnitten werden muß. Es könnte nun sein, meint Devaux, daß es gelänge, eben die unaufhaltsame Vergrößerung künstlichen und sozusagen unsterblichen Fleisches in lenkbare Bahnen zu leiten. Dann könnte es dereinst unabsehbare Mengen von Fleischnahrung für alle geben, ohne daß auch nur ein Tier geschlachtet zu werden brauchte. Warum nicht? — über die Möglichkeiten der Chimärenzucht will ich mich hier nicht weiter verbreiten, weil diese gar zu furchterregend sind. Schon werden bekanntlich durch Pfropfungen erzeugte künstliche Pflanzen gezüchtet, welche die nützlichen Eigenschaften gänzlich verschiedener Arten in sich vereinigen; im Grunde bedeutete ja schon die übliche Pfropfung, welcher das meiste Edelobst entstammt, etwas Phantasmagorisches. In einer ernstzunehmenden Zeitung stand nun, daß bereits emsig an einer Wollkuh gearbeitet werde, welche durch Pfropfung der Kuh mit Schafhaut zu einer Art Mädchen für alles gemacht würde. Auf Grund der Leistungen der modernen Technik darf man auch hier, anstatt etwas für unmöglich zu erklären, nur bescheiden ausrufen: Warum nicht?

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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