Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

32. - 33. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1942

Bücherschau · Sir Galahad · Mütter und Amazonen

Ich knüpfe noch einmal im Zusammenhang mit meinem Amerika-Buch beim Buch von Gini an. 1928 zeigte ich, wie das Arbeiterideal gleichzeitig, so seltsam dies klinge, zu einer Vorherrschaft der Frau führt. Damals ging ich aber auf die hiermit aufgegebene besondere Problematik nicht näher ein, blieb schließlich bei der Feststellung stehen, daß die Frauen in Amerika die höhere, Muße genießende Kaste darstellen, die Männer die niedere der Fronenden. Wer nun aber meine letzten Bücher gelesen hat, wird von sich aus zwischen Arbeiterideal und Vorherrschaft der Frau einen funktionellen Zusammenhang feststellen können: Die Amerikaner verlieren immer mehr ihre Vitalität, an der Grenze des Möglichen droht ihnen das Schicksal der geschlechtlosen Arbeiterinnen unter Ameisen und Bienen. Dies allein kann beim polaren Zusammenhang und dem kompensatorischen gegenseitigen Verhältnis von Mann und Weib gar nicht umhin, zu einer Potenzierung des weiblichen Poles zu führen. Aber andererseits war in Amerika während der Hoch-Zeit des mechanistischen Zeitalters nur ein Dominium der Tante und nicht der Geliebten, Gattin und Mutter möglich. Dem gleichen Ziele arbeitete, von anderer Seite her kommend, der Feminismus zu: der Blaustrumpf oder allgemeiner die Frau als vollwertiger Mann-Ersatz, nichts anderes und nicht mehr, ist die erste Annäherung an die herrschende Frau überhaupt in einer mechanisierten, intellektualisierten und an männlichen Werten orientierten Welt. So monströs nun die intellektuelle Tante als Weiblichkeits-Ideal wohlgearteten jungen Europäern heute schon erscheinen mag — sie war und ist ein normales Zwischenstadium in dieser besonderen Zeit, und dies zwar dank dem Umstand, daß die Frau und nicht der Mann der ursprünglich arbeitende Teil der Menschheit ist, weswegen sie an übertriebenem Schuften innerlich viel weniger Schaden nimmt als er. Nun war von vornherein vorauszusehen, daß die nicht entartete Frau — und die Frau ist der wesentlich ewige und darum nicht entartende Teil der Menschheit, den geringen wirklich degenerierten Teil der Weiblichkeit schluckt normalerweise die Prostitution in welcher Form auch immer (den gesperrt gedruckten Teil dieses Satzes meditiere jeder wohl für sich, es ist nicht unbedingt nötig, seinen Körper zu verkaufen, um von der weiblichen Psyche her beurteilt Prostituierte zu sein) — daß die nicht entartete Frau in ihrem Selbstideal sehr bald zu voller Weiblichkeit zurückfinden würde, zumal ihr dabei alle männlichen Wünsche entgegenkämen. Sogar in Amerika hat vielfach bereits die Entwicklung von der bewunderten Tante über die Flapper-Nichte und das Girl zur vollausgeschlagenen wissenden Vierzigerin geführt. Und diese ist dem nur einseitig, fachlich entwickelten Manne immer überlegen. Die in diesem Ausmaße schlechterdings nicht vorauszusehende Notwendigkeit restlosen Einsatzes für alle Männer, wie solcher seit dem zweiten Weltkriege auf unserem ganzen Planeten in vollem Gange ist, verändert die Lage nun weiter zu Gunsten der Frau. Zunächst waren die neuen historisch bedeutsamen Bewegungen antifeministisch. Aber indem die Frauen mitorganisiert wurden, bereiteten sich auch in Europa zwangsläufig amerikanoide Zustände vor. Und bald fehlten einfach die Männer für die meisten Stellen, um welche die feministische Frau erbittert gekämpft hatte. Doch hierbei handelt es sich nur um das äußerliche Problem. Das Entscheidende ist, daß die allzu herangenommenen und mechanisierten Männer sich immer mehr nach vitaler Weiblichkeit sehnen und in dieser ersten elementaren Form beginnen, zu Vitalwerten überhaupt aufzuschauen. Da nun das Leben der Maschine unbedingt überlegen ist und Sein eine tausendmal größere Macht darstellt als Können, so geht der Bedeutungsakzent gerade in dieser scheinbar männlichsten Geschichtsperiode unmerklich aber todsicher auch in Europa auf die Frau über. Wir stehen an der Schwelle eines matriarchalischen Zeitalters in freilich neuer, nie dagewesener Form. Wie dies der plötzliche Weltruhm Bachofens und die Neigung zu Ludwig Klages seitens sonst noch so ausgesprochener Verehrer der Männlichkeit den Einsichtigen lange schon ahnen ließen.

Was kennzeichnet nun in diesem weitesten und tiefsten Zusammenhang das weibliche gegenüber dem männlichen Prinzip? Zunächst natürlich das überwiegen des Organischen gegenüber dem Mechanischen, des Vitalen über dem Intellektuellen. Jede Mystik von Blut und Boden ist weiblichen Geistes und kann darum auf die Dauer nur der Macht der Frau zugute kommen. Auf hohem Niveau und gleichzeitig in der Tiefe jedoch symbolisiert die Frau die Autorität, die zu ihrer Auswirkung keiner Gewalt bedarf, gegenüber letzterer als letzter Instanz. Gewaltherrschaft ist ein wesentlich Männliches und nur Männliches. Die Mutter, die Gattin, erst recht aber die durch kein Recht gesicherte Geliebte herrscht gewaltlos durch magische Bindung. Nun ist andererseits klar, daß der Weg über dieses Zeitalter beispiellosen Gewalteinsatzes hinaus nur über das Neu-Lebendigwerden anderer, eben magischer Bindungen gefunden werden kann. Alles, was man sakral oder sonst irrational gebunden heißt, entspringt dem urweiblichen Prinzip, obwohl eine rein sakrale Welt auf die Dauer zwangsläufig zu einer reinen Männerwelt wird, weil sie der Verleugnung der Naturbande zutendiert und Geistesherrschaft nur dem Mann entspricht. So fordert denn — die Logik dieses hier skizzierten funktionellen Zusammenhangs scheint mir zwingend — eben die Höherentwicklung dem Geiste zu vom heutigen Zustande her als Etappe eine neue matriarchalisch bestimmte Epoche. Von hier aus gelangen wir zu einem tieferen Verständnis für die Tatsache, daß alle hohen Kulturen auf Erden matriarchalischen Ursprungs sind, wenngleich alle geistbestimmten unter ihnen schließlich in Patriarchalismus einmündeten: der niedere Geist ist mechanisch, durch Gewalt zwingen können ist sein eines und einziges Herrschaftsmittel. Demgegenüber verkörpert ursprünglich nur die Frau den irrationalen vitalen und kosmischen Zusammenhang. Darum mußten zum mindesten die frühesten Ahnen aller großen Systeme nichtmechanischer Gebundenheit weise und mächtige Frauen höchsten Seinsniveaus sein. Heute nun beginnt ein neuer Zyklus der Menschheitsgeschichte, und alle Zyklen heben bei einem wesentlich gleich verbliebenen Urzustande an.

Nachdem ich dieses gesagt habe, möchte ich jedermann empfehlen, Sir Galahads Mütter und Amazonen nicht nur zu lesen, sondern zu meditieren; was immer Buchhändler behaupten, die auch im Falle meiner Bücher so häufig ungenaue Auskunft geben: vom Verlage Albert Langen/Georg Müller ist das Buch zu beziehen, am besten direkt. Mir war gesagt worden, dieses Buch sei nicht ernst: es ist nur leicht in der Form, insofern sogar berlinerisch-schmissig, obgleich die Verfasserin Wienerin ist. Es mögen auch nicht alle Tatsachen wissenschaftlich-unparteiisch gewürdigt erscheinen — beim ironischen und ausgelassenen Temperamente dieser nicht un-boshaften Frau wäre das zu viel verlangt. Wesentlich aber ist Sir Galahads Frauenbuch das ernstestzunehmende unter allen mir bekannten Büchern über das Problem möglicher Vorherrschaft der Frau. Sir Galahad zeigt die ganze Tiefe der Mutter-bindung auf und deren Sinn, die ganze Macht bannender Geschlechtsliebe und die naturgewollte Überlegenheit der Frau überall, wo sich der Mann nicht unterfängt, sie unter Nichtachtung ihrer Psychologie durch Gewalt zu beherrschen, Vergewaltigung gibt es unter warmblütigen Tieren bekanntlich nie; kein Hund beißt eine Hündin. Ehrfurcht vor der Frau ist auch für Menschen-Männchen das Ursprüngliche. Aber freilich: sobald der Mann einmal darauf kommt, der Frau gegenüber Gewalt anzuwenden, dann muß er siegen; darum sind matriarchalische Zustände bei den meisten denkfähigen Völkern irgendeinmal in patriarchalische eingemündet. Heute nun erleben wir in diesem Zusammenhang eine ganz große Wende. Ein Bachofen späterer Jahrtausende wird wahrscheinlich viel weniger bei dem so früher nie dagewesenen Männermorden des 20. und wohl auch noch 21. Jahrhunderts verweilen als bei der Tatsache, daß eben dieses dank der technischen Entwicklung und der daraus folgenden nie dagewesenen rein materiellen Macht übermännlich erscheinende Zeitalter die Schwelle bedeutet hat zu einer neuen Epoche der Menschlichkeit. Welche vom Elementaren her nur durch einen gewaltigen Prestigezuwachs der Frau zu begründen war. — Wer diese Gedanken mit den am Anfang dieser Bücherschau wiedergegebenen Auffassungen Lomers zusammenhält, dürfte gegenständlicherer Zukunftsschau fähig werden, als gang und gäbe ist.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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