Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

35. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1944

Noch einmal zur Niveaufrage

Hohes Niveau hat zum völlig eindeutigen Exponenten seine Inklusivität im Gegensatz zur Exklusivität. Wer viel ausschließen muß, um sich innerlich-geistig zu behaupten (in rein äußerlichem Zusammenhang liegen die Verhältnisse selbstverständlich anders, da muß jeder um seinen bestimmten Platz kämpfen oder ihn behaupten), ist nicht nur subaltern, sondern im tiefsten Sinn des Wortes oberflächlich. Denn nur an der Oberfläche der Erscheinung schließt sich aus, was in der Tiefe notwendig zusammenhängt; sonst beschwörte der Satz nicht automatisch seinen Gegen-Satz, Anstatt abzulehnen, was nicht seinem unmittelbaren Da- und Sosein zugehört, polarisiert sich der Tiefe mit ihm, geht dadurch eine innige Verbindung mit ihm ein und verwirklicht in sich damit, als Mikrokosmos, eben den Zustand höherer Spannung, welcher den Makrokosmos nachweislich kennzeichnet. Es beweist Oberflächlichkeit, Gut und Böse, Niedrig und Hoch, Falsch und Richtig absolut zu nehmen, denn sie hängen so innig zusammen, daß sich das eine bei Akzentverschiebung ohne weiteres in sein Gegenteil umwandeln kann. Von jedem Punkt des Kosmos gibt es nicht nur gedachte, sondern reale Verbindungs­möglichkeit zu jedem anderen. Worauf es ankommt, ist die Tiefe der Erfassung eines beliebigen Teils der Wirklichkeit: wer einen Teil tief erfaßt, berührt von ihm aus zwangsläufig alle anderen, weil sie mit zu ihm gehören. Insofern haben die Unterweltsforscher der letzten Jahrzehnte, gleichviel was die Deutung ihrer Entdeckungen wert sei, mehr für den Fortschritt in der Wahrheit und Wahrhaftigkeit getan wie alle Idealisten. Unter welchen ich hier natürlich nicht die selbstlosen Vorkämpfer einer Idee verstehe, sondern die, welche sich einseitig nur zum sogenannten Schönen und Guten oder zum Geist im Gegensatz zur Gana bekennen oder das Böse als Mißverständnis auffassen und damit die Wirklichkeit irrealisieren. — Hier rede ich vom Tiefen und Gespannten: aber der wahrhaft Überlegene ist der genau gleiche Mensch, Wessen Überlegenheit der Ironie und dem Sich-außerhalb-Stellen entspringt, der ist nicht real überlegen, denn er meistert keine weitere Welt von innen her. In Wahrheit handelt es sich beim Unterschiede zwischen Tiefe und Überlegenheit nur darum, daß das gleiche einmal von innen und insofern von unten her, ein andermal von oben her betrachtet wird. Aus dieser einen Bestimmung leuchtet ein, ein wie völlig anderes echtes Herrentum ist als Vorgesetztenstellung.

Von hohem Niveau aus geurteilt, treten die Gegensätzlichkeiten des Daseins nicht mehr als letzte Instanzen und damit als unvereinbar auseinander; von ihm aus erledigt sich aller Partikularismus in welchem Sinne auch immer, aller Moralismus, alle Kleinlichkeit, alles Ressentiment und aller Neid. Es erledigt sich auch die Frage der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit im banalen Verstand des geforderten unmittelbaren Ausgleichs. Das höchste Niveau, das dem Menschengeist theoretisch erreichbar ist, ist das des Weltalls als Ganzen, welches alles einschließt und überhaupt nichts ausschließt. Wer nun aber so hochhinaufgelangt ist in seiner Schau und auch nur einigermaßen in seinem Sein, der wirkt alles eher als tolerant: der gleicht vielmehr dem richtenden Gotte, welcher alles richtig gegeneinander abwägt und dem Bösen wie dem Guten, dem Vollkommenen wie dem Unvollkommenen seinen Platz im großen Ganzen anweist. Aus der Ärmlichkeit partikulären Menschendaseins nähert der sich als verstehender Geist der Fülle der Göttlichkeit. Neulich las ich bei einem Esoteriker, nichts würde dem Menschen zum Schicksal, was er nicht auf einer anderen rein geistigen Daseinsebene persönlich gewollt und vorbereitet hätte. Wunderbar wäre es, wenn dem tatsächlich so ist, denn dann stellte sich der Satz vom zureichenden Grunde in seinen Abwandlungen der Fragen nach Schuld und Sühne, von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, von Warum und Wozu überhaupt in diesem Erdendasein als unbedingte Forderung oder als letztentscheidend nicht mehr, und alles Leidvolle gewänne einen positiven Endaspekt.

Über diese letzten Zusammenhänge will ich heute nicht mehr sagen. Nur noch an das Folgende erinnern. Die Haltung des Gottes, wie wir sie als möglich schilderten, findet ihre einzige typisch-menschliche Entsprechung in der des — Ritterlichen. Des Ritters und nicht des Denkers. Erklärt dieser eine Umstand nicht vollauf, warum so wenige Philosophen dem Weltall als Ganzen gerecht wurden und so viele Krieger, aus deren Stand denn auch die meisten bedeutenden Heiligen hervorgingen? Erklärt er nicht letztlich das Edle und Veredelnde des Kriegertums? Vom Innern des Seins her geurteilt, ist Haltung wichtiger als Weltanschauung. Kein Ritter war jemals allwissend und nur wenige wußten besonders viel; aber aus der Haltung jedes echten Ritters sprach mehr universelle Einsicht, als aus den Theorien des verstandesgewaltigsten Denkers, der als Sein und Gesinnung nicht zugleich ein Ritter war.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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