Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

2. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1921

Bücherschau · Theodor Lessings — Geschichte als Sinngebung…

Als ich Theodor Lessings Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen (München 1920, C. H. Beck) rühmend hervorheben hörte, hoffte ich endlich auf einen Autor zu stoßen, der die Historie als Ausdruck des schöpferischen Geistes klar erfaßt hätte. Allein leider bleibt Lessing auf einer analogen Vorstufe stehen, wie Vaihinger in seiner Philosophie des Als ob. Freilich arbeitet das Leben mit Fiktionen, nur bedeuten diese nirgends die letzte Instanz: hinter der Dichtung steht allemal Sinnes-Wirklichkeit. So erschöpft sich auch der Geschichtsprozeß nicht darin, Vergangenes den Bedürfnissen der Gegenwart entsprechend umzudeuten und zuletzt Ideale zu erschaffen, die unabhängig von aller empirischen Wirklichkeit die Zukunft formen: die Sinngebung hat ihrerseits einen tieferen Hintergrund. Ohne Zweifel hat die Welt genau nur soviel Sinn, wie wir in sie hineinlegen, weshalb es nicht weiter verwunderlich erscheint, daß sie bis heute viel zu wünschen übrigläßt. Aber dies bedeutet nicht, daß Sinn nur von der menschlichen Phantasie her bestände, sondern daß diese den Weg darstellt — in der Dimension des Von-innen-heraus, welche senkrecht zu der des Naturprozesses verläuft — auf welchem wahrer und an sich bestehender Sinn sich verwirklicht oder verwirklichen kann. Deshalb ist es nicht wahr, daß die Geschichte bloß Deutung wäre: sie ist zugleich Schöpfung; ihr Ziel ist nicht vollkommene Dichtung, sondern vollkommene Sinnes-Verwirklichung im Medium der Realität. — Näher ausgeführt habe ich diese Gedanken im ersten Vortrag unserer zweiten Tagung, betitelt Die Symbolik der Geschichte den ich vielleicht schon zu Weihnachten im Rahmen eines Sammelbandes einer breiteren Öffentlichkeit vorlegen werde. Heute wollte ich nur einige Gesichtspunkte dafür geben, wie Lessing mit größtmöglichem Gewinn zu lesen sei. Erkennt man nämlich die Grenzen seines Gesichtsfeldes, dann wird man dem Positiven unter seinen Ergebnissen erst recht gerecht. Lessing räumt gründlich auf mit den Wahnvorstellungen vom unvermeidlichen Fortschritt, dem gewissen Sieg des Vernünftigen und Guten und mit dem beruhigenden Glauben, bisher sei alles in der Geschichte zum besten geschehen. Im Gegenteil: bisher hat Unsinn häufiger als Sinn gesiegt, ist alles viel schlechter gekommen, als es zu kommen brauchte. Darüber sollten wir uns alle klar werden. Deshalb lasse keiner, dem es um Einsicht zu tun ist, diese Arbeit ungelesen. Sie wird ihm zur Klärung verhelfen, indem sie manche Illusion zerstört. Nur halte er sich, indem er liest, immerdar die tiefere Erkenntnis gegenwärtig: wenn Unsinn bisher meistens gesiegt hat, so war dieses unserer Blindheit Schuld. An uns ist es, dem Sinnvollen zur Vorherrschaft zu helfen.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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