Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

Neuentstehende Welt

Einführung · II. Etappe

Wie kann die Allbedingtheit des Menschen, als passiver Gesichtspunkt, sich in aktives Allerleben verwandeln? Diese Wandlung wurde ihm zur existentiellen Erfahrung: wie die Welle im Meer, so ist das Bewußtsein im Schwingen des Alls aufgehoben, in allen Bedeutungen dieses Begriffes. Hier war der echte Durchbruch, die peak experience, eines Sinnes mit dem cosmic consciousness von Bucke; wer einmal seine Wurzel im All gefunden hat, kann nie mehr ganz in die kleine Bedingtheit zurück. Es bedeutet im Sinne Ulrich von Huttens, sein Sach auf Nichts zu stellen, wobei dieses Nichts gleichzeitig höchste Gegenwart und Intensität bedeutet.

Mit diesem Einschwingen verlor Hermann Keyserling die Freundschaft all jener, die ihn als kritischen Philosophen geschätzt hatten, wie Chamberlain und Kassner; ein schmerzliches Erleben, das ihm aber den Weg zu seiner eigentlichen Bestimmung, der Weltfrömmigkeit, eröffnete. Aus der wissenschaftlichen und politischen Sicht der Mentalität vor dem ersten Weltkrieg konnte er keine Lebensgleichung — ein befriedigendes Verhältnis zu Wirkwelt und Umwelt im Sinne seines Freundes, des Biologen Jakob von Uexküll — mehr finden. Und so schiffte er sich ein zu jener Weltreise, deren Niederschlag im Reisetagebuch eines Philosophen ihn berühmt machen sollte.

Arnold Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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