Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

5. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1923

Zur Überwindung des Bösen durch Gutes · 3. Instinkt

Besonders in Amerika, aber vielfach auch schon in Europa besteht die Gefahr, daß die dem Bluterbe nach Wertvollsten aussterben. Deren Erkenntnis hat die neue Wissenschaft der Eugenik gezeitigt, und viele erwarten, daß sie unsere Zukunft in hohem Maße mitbestimmen wird. Auch ich hoffe dies. Jedoch was hilft alle Wissenschaft, wenn der Entschluß fehlt, dem als Richtigerkannten zur praktischen Verwirklichung zu verhelfen? Und zwar müßte der richtige Entschluß jetzt und hier gefaßt werden, denn bis die Wissenschaft den genauen und sicheren Weg der Rassenaufbesserung bestimmt haben wird, mag alle gute weiße Rasse ausgestorben sein. Ich behaupte hier, wohlgemerkt, keinerlei Vorzugsstellung der höheren Klassen, glaube sogar vielmehr, daß ein beträchtlicher Prozentsatz dieser rassial erledigt ist, und daß die neue Aristokratie, von deren Heranbildung Europas Zukunft abhängt, sich zu überwiegendem Teil aus bisher unbedeutenden Geschlechtern emporzüchten wird, wie solches wieder und wieder, von wegen der Endlichkeit spezialisierter Vererbungsmöglichkeit, in der Geschichte der Fall war.

Wohl aber unterliegt für mich keinem Zweifel, daß es bessere und schlechtere biologische Erbeinheiten gibt, und zwar innerhalb jeder Klasse, jeder Rasse, jedes Volks, weswegen schlechthin alles darauf ankommt, daß die Besseren über die Schlechteren biologisch den Sieg davon tragen. Was ist hierzu nun zu tun? Daß etwas bewußt dazu geschehen muß, ist klar, denn der blinde Naturprozeß führt nie zur Veredelung, im Gegenteil: er nivelliert, im Fall der Menschen, überall nach unten zu, weil das Geringste auch die geringsten Bedürfnisse hat, weshalb gerade die niederen Typen wie die niederen Triebe am leichtesten Nahrung finden, und, wo sie einmal die Oberhand gewannen, übermächtig fortwuchern. — Das Bestimmte, welches getan werden muß, ist nun in Form eines allgemeingültigen Satzes freilich nicht zu bestimmen (am wenigsten in dem vielfach vertretenen, daß die Besten möglichst viele Kinder haben sollen; auf einem nachweislich übervölkerten Erdteil ist solches Gebot unter allen Umständen verfehlt, ganz abgesehen davon, daß es erfahrungsgemäß nichts nützt); dazu ist das Problem des Lebens zu komplex, wissen wir auch noch zu wenig über die Vererbungsgesetze. Aber das folgende Gebot dürfte doch für jeden ohne Ausnahme gelten, und sein konsequentes Befolgen allein schon würde bewirken, daß die Qualität des Bluts sich unaufhaltsam bessert; dies aber ist die eine Voraussetzung dafür, daß überhaupt eine Besserung einträte — wo Qualität fehlt, ist der Quantität nichts entgegenzusetzen. Dies Gebot ist nun das folgende: Es heirate niemand unter seinem Niveau; es trachte vielmehr jeder, seine Nachkommenschaft, durch geeignete Gattenwahl, auf ein höheres, als er selbst es inne hat, hinaufzuheben. Innerhalb primitiver und gleichzeitig edler Zustände wird dieses Gebot selbstverständlich befolgt; da sucht jeder Mann die Schönste und Edelste zu gewinnen, dort zieht es das Weib selbstverständlich zum Stärksten und Mutigsten hin.

Dank dem haben sich edle Rassen nicht allein in der Urzeit überaus lange erhalten: eben dank dem bleibt die englische auf der Höhe; diese empfindet biologisch nach wie vor primitiv, weshalb das rassenmäßig Edlere sich leichter erhält als unter den übrigen Europäern und dementsprechend auch leichter die Vorherrschaft behält. In Deutschland nun wird leider schon seit langem hauptsächlich negative Zuchtwahl getrieben. Wohl sollte Ebenbürtigkeit die unterste Bedingung jeder Eheschließung sein — aber was ist unter solcher zu verstehen? Doch nur die Gleichheit des lebendigen Niveaus. Die Niveauhöhe spiegelt sich innerhalb der Oberschichten in Zeiten vollkommen organischer Gliederung des Volksganzen allerdings einigermaßen in der Stufe des Namens und der Stellung wieder, weshalb innerhalb von Grenzen durchgeführte Kasteninzucht dort keinen Fehler bedeutet, wo der Begriff der Kastenzugehörigkeit kein besonderes Können, sondern eben ein höheres menschliches Niveau verlangt. Aber Name und Stellung als solche tun es keinesfalls. In Deutschland wird nun beinahe ausschließlich auf diese als solche gesehen. Wenn es Fürsten- und Adelsgeschlechter noch nachgerade vertragen, rein nach dem Buchstaben des Gotha fortgezüchtet zu werden, weil diese Stände, wie gesagt, ihrem Begriff nach ein höheres Seinsniveau fordern, so wirkt das Heiraten von spezialisierten Könnern wie Offizieren, Professoren, Juristen, Industriellen und Pastoren untereinander, welches wie grundsätzlich ohne Hinblick auf das lebendige Niveau geschieht, notwendig desaströs: es potenziert vorhandene Einseitigkeit. Solcher Wahnsinn ist nur deshalb möglich, weil beim Heiraten dem natürlichen Instinkte Hohn gesprochen wird. Der Instinkt strebt, sich selbst überlassen, unbeirrbar darnach, vorhandene Einseitigkeiten auszugleichen; der Vollmensch ist sein eines Ideal, und um dieses, wo es einseitig verbogen wurde, in der Rasse wiederherzustellen, sucht er im Gatten nicht das ihm Gleiche, sondern das, was ihn ergänzt; nie könnten von Instinkts wegen auf Können und Berufen begründete Kasten aufkommen. Nun, durch jahrhundertelange Mißachtung der Instinkte sind nur zu viele Vertreter der alten Oberschichten dermaßen verbildet, weil vereinseitigt worden, daß es nicht leicht halten wird, aus ihnen vor mehreren Generationen Besseres neu emporzuzüchten. Desto schneller und energischer muß damit begonnen werden.

Die Instinkte dürfen nicht atrophiert, sie müssen verfeinert und durchgeistigt werden; sie müssen immer genauer Niveaunuancen perzipierend, vom Brutalvitalen immer mehr dem schlechthin Überlegenen zustreben. Denn Niveau ist das erste und letzte, die Voraussetzung jeder Wertbestimmung überhaupt; Rassenhöherbildung bedeutet, richtig verstanden, nichts anderes als Niveauerhöhung ihrer Vertreter; die jeweilige Führerschaft der Zukunft wird deshalb die Niveaufrage zweifelsohne strenger stellen als je ein Fürstengeschlecht in seiner Blütezeit, weil jene viel höhere Anforderungen an persönliche Bedeutung wird stellen müssen als die gesamte Vergangenheit. Diesem Erfordernis entgegen fehlt den heutigen jeder Sinn für Niveau überhaupt, welches Verhältnis sich im Falle höherer Begabung zumeist noch dahin zuspitzt, daß diese Niveau-Gleiches bei der Eheschließung in der Regel nicht allein nicht anstreben, sondern perhorreszieren. Ich persönlich sehe die Ursache der seltenen Vererbung höherer Begabung recht eigentlich darin, daß die meisten bedeutenden Männer nicht allein nicht ebenbürtig heiraten, sondern wie grundsätzlich, vom Niveaustandpunkt aus betrachtet, Mesalliancen schließen; wohl freien viele geistige Frauen — aber die Begabung tut es nicht, vom Standpunkt der Rasse, sondern die Persönlichkeitssynthese, welche sie trägt; sie erst gibt jener, wo vorhanden, ihren Sinn. Ebendeshalb, weil sie allein dieses wußten, haben Fürsten- und Adelsgeschlechter sich Jahrhunderte entlang, bis eben die Grenzen möglicher Vererbung erreicht waren, auf der alten Höhe erhalten können und dank dem allein auch höhere Begabung, wo solche einmal vorhanden, durch Generationen fortgepflanzt. Dazu haben sie in der Regel auch keineswegs, wie viele wähnen, ihr Herz zum Schweigen verurteilen müssen: primäre Rücksicht auf das Niveau entspringt vielmehr primärem biologischen Instinkt, der sich überall geltend macht, wo die Bewußtseinseinstellung ihm dies nur einigermaßen ermöglicht, so daß die Gattenwahl jener sich von der sonst meist üblichen nur dadurch unterschied, daß sie die richtigen und nicht die falschen Frauen liebgewannen. Was nun die obersten Stände allein bisher zu tun wußten, müssen heute alle lernen, und zwar auf höherer geistiger Stufe, als je bisher geschah, denn so allein wird der von der Erkenntnis geforderte Höherbau der Kultur von Blutswegen möglich werden. Das Bewußtsein aller muß sich fortan der Verpflichtung öffnen, bei der Gattenwahl an erster und letzter Stelle, im Sinne des Vorhergehenden, auf das Niveau zu achten. Nur so ist der arg gesunkenen weißen Rasse wieder aufzuhelfen nicht allein — so kann sie auf die Dauer höhere Blüten zeitigen als je vorher. Denn die bisherige Rassenzucht hat in der Höherorganisation des Hirns und Nervensystems, auf die immer mehr alles ankommen wird, überhaupt kein Ziel gesehen.

Verantwortung nicht allein für die Erhaltung, sondern vor allem die Steigerung des Rassenniveaus muß bei der Eheschließung fortan entscheiden. Es muß auf höherer Ebene wiederkehren, was in ursprünglichen Zuständen selbstverständlich bestimmte. Allerdings scheint es, theoretisch beurteilt, heute schwerer, als es ehemals war, die biologisch richtige Wahl zu treffen. Allein der Schein trügt: die Instinkte verfeinern sich ihrerseits proportional dem Persönlichkeitsniveau. Was bewußt gepflegt werden muß, ist eigentlich einzig die Verantwortung für die Rasse, bei richtigem Verständnis dessen, worauf es dabei eigentlich ankommt. (Dieses ist, wohlgemerkt, ein völlig anderes, als was Reinblutfanatiker und sonstige Dilettanten im Auge haben; Gott schütze unsere Zukunft vor blonden Bestien und reinen Toren. Es kommt nicht darauf an, was der Deutsche ursprünglich ist, sondern wie er besser werden kann, als er bis heute war…) Allen dauerhaften Kulturen galt das Heiraten als religiöse Pflicht — ebendeshalb dauerten sie. Uns ist es zum Felde verantwortungslosen Spiels geworden oder der bloßen Entspannung — dementsprechend entarten wir. So kommt, noch einmal, alles darauf an, daß das Verantwortungsbewußtsein für die Rasse, jetzt auf das Niveau als solches gerichtet, wieder erwache. Dann wird sich das des Volksganzen auf die Dauer unfehlbar heben, gleichviel ob nun die Eugenik bis dahin alles tatsächlich Bestehende erwiesen haben wird oder nicht.

Nun, ist die Qualität erst wieder in größerem Umfange da, dann, aber erst dann, ist die Grundlage geschaffen zu ihrem sozialen Siege. Wie sollen die Besseren heute die Schlechteren überwiegen, wo es erstere kaum mehr gibt? Solche müssen, aus verbildeten alten Rassen, soweit dies noch möglich ist, aus wohlgeratenen jungen und besonders durch Aufkreuzung der letzteren mit gutem altem Blut, erst wieder hochgezüchtet werden. (In diesem Zusammenhang erblicke ich im Hinabsinken so vieler vormals Privilegierter und deshalb Exklusiver, zumal unter den Frauen, in verhältnismäßige soziale Niederung ein rassiales Glück.) Dies ist nun die eigentliche Pflicht, die jedem Träger guter Erbmasse erwächst; hier liegt die eigentliche Pflicht gegenüber dem Blut. Nun mag man fragen: Woran erkennt man denn, ob einer guten Blutes ist? Ja, wer das bei sich und anderen, aber bei sich vor allem, nicht beurteilen kann, dem ist nicht zu helfen. Der ist so instinktlos geworden, daß man ihm persönlich nur dringend das Aussterben anraten kann. Tatsächlich weiß jeder Gesunde in seinem innersten Herzen, welchem Niveau er angehört, und ist entsprechend selbstbewußt; tatsächlich erkennt jeder Instinktsichere das Niveau eines anderen unmittelbar. Diese Erkenntnis, durch Verantwortungsgefühl verschärft, bestimmend geworden, wird freilich einerseits dazu führen, daß ein großer Teil solcher, welche früher frisch-fröhlich fortgezeugt hätten, nun freiwillig aussterben werden. Desto stärker werden die Träger guten Blutes die Verpflichtung fühlen, sich entsprechend fortzupflanzen. Geschieht dies nun konsequent, dann wird auch auf diesem Gebiet das Böse durch Gutes einmal überwunden sein.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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