Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

5. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1923

Bücherschau · Walther Rathenau

Die Ermordung Walther Rathenaus als explosiver Ausdruck der Stimmung extrem rechts gerichteter Kreise ist ein tragisch, großartiges Sinnbild dessen, daß das vornovemberliche Deutschland für immer erledigt ist: denn der von der Rechten so bitter bekämpfte Rathenausche Geist bedeutet den zunächst wahrscheinlich einzig möglichen Körper eben dessen, welchen die alten staatserhaltenden Parteien in überlebter Form vertreten. Staat und Sozialismus (im weitesten und zugleich eigentlichen Verstand) sind fortan eins (vgl. Suprematie des Staates überhaupt festhält, muß grundsätzlich staatssozialistische Wege gehen. Freilich ist die Voraussetzung, das Festhalten an der Übermacht des Staats, verfehlt. Genau wie der alte Etatismus ein nationales Unglück war, insofern er einem Abstraktum über dem Leben die absolute Herrschaft gab, weshalb er die höchste persönliche Initiative lähmen mußte, so könnte der neue das Volk, das er sich unterwarf, zu dauernder Subalternität verbilden. Beim Sozialismus, gerade insofern er notwendig und erstrebenswert ist, handelt es sich um kein letztes Ziel, sondern nur um eine neue Lebensbasis, sonach die bloße Unterlage des für die Zukunft zu Erstrebenden. In der sozialistischen Welt werden genau so große und wahrscheinlich größere Privatvermögen erstehen als in der früheren — schon heute sieht man dies — wird private Initiative mehr denn je vorher bedeuten; was sich ändern wird, ist einzig das Wie ihres Seins und Wirkens. Deshalb würde ein Volk, das beim Sozialismus stehenbliebe, sich eben damit zum bloßen Objekt der Geschichte verurteilen. Dies hat Rathenau nicht klar genug erkannt. Immerhin war er weitsichtiger als alle Vertreter des alten Staatsmachtgedankens zusammengenommen; sein erstrebter Staat barg andrerseits verhältnismäßig viel mehr schöpferische Möglichkeiten als derjenige der Sozialdemokraten, dieser zukunftslosesten Vertreter des Sozialismus. Sobald Rathenau dahin korrigiert ist, daß seine Ideen nur eine Seite, und zwar die minder bedeutsame der Welt von morgen betreffen — das äußerlich Bedeutsamste werden die Wirtschaftsgemeinschaften sein, während die neue innerliche Zusammenfassung der Völker auf die Dauer wahrscheinlich überall aus dem außer, staatlichen Geist des Fascismus1 heraus erfolgen wird — so erscheint er als echter Bahnbrecher.

Deshalb sollten Rathenaus Schriften gerade die studieren, welche das Heil vom Sieg des Geistes erwarten, welcher dem der Kommenden Dinge antipodisch entgegengesetzt ist. Was des Staates bleibt, wird fortan, daran ist kein Zweifel, sozialistischen Geist verkörpern, und die nächste Annäherung der Form, in welcher dieser die Wirklichkeit günstigenfalls beherrschen könnte, hat Rathenau in seinen Schriften wohl skizziert. Er war, als Theoretiker, kein eigentlich schöpferischer Geist (dem Praktiker, nämlich dem Erfinder und Kaufmann, nicht dem Staatsmann, spricht kein Geringerer als Hugo Stinnes unbedingte Genialität zu); aber er war in seltenem Maß dazu befähigt, die Einflüsse der Umwelt in sich aufzunehmen und diesen dann zu produktiver Fortwirkung ins Weite den Weg zu weisen. So sprach er das aus, was alle weitblickenden Großindustriellen anstreben, und unterschied sich von seinen Gegnern allein durch die besonderen geistigen Zielsetzungen, auf die er das technisch allgemein Erforderliche bezog; so ist er der vielleicht wichtigste Förderer eben der Stinnesierung gewesen, die er persönlich bekämpfte, denn niemand hat die allgemeinen Möglichkeiten der Industrialisierung und das neuentstehende Verhältnis zwischen Kapital und technischem Betriebe tiefer erfaßt und klarer formuliert als er. In Rathenau erst ist die Industrie ihrer selbst vollkommen bewußt geworden, und wieviel das heißen will, beweist die eine Erwägung, daß Buddhas Erlösungswerk in grundsätzlich nichts anderem bestand als darin, die niederen Seelenprozesse vollkommen bewußt zu machen. — Aufhellung als solche schafft nämlich ein neues Überlegenheitsniveau… Deshalb haben Rathenaus Schriften ohne Zweifel bleibenden Wert. An seiner Metaphysik finde ich persönlich wenig Geschmack, so hoch ich den Edelsinn schätze, den sie zum Ausdruck bringt, als Metaphysiker war Rathenau wesentlich ein Mensch der unbefriedigten Sehnsucht. Er war nicht allein ein einsamer, sondern vor allem auch ein unglücklicher, innerlich unsicherer Mensch, der in mir, so seltsam es klinge, jedesmal, wo ich ihn sah, mütterliche Gefühle wachrief. Dementsprechend bestimmt in seinen Schriften sentimentale Sehnsucht oft an solcher Stelle, wo selbstverständlicher Besitz allein das Recht zum Wort erteilte. Doch wie kein zweiter bisher verstand es Rathenau, metaphysischen Postulaten den Weg zur praktischen Verwirklichung zu weisen; er war insofern ein echter Sinnesverwirklicher. Deshalb war ich persönlich überzeugt, daß er im Verlauf der Weltrevolution noch einmal eine ganz große Rolle spielen würde, als Sozialreformer vom Geist her aufs rein Technische hin im grundsätzlich gleichen Verstand, in dem er 1914 die Rohstoffversorgung des Heeres sicherte… Ein blödes Bubenstück hat eine große Entwicklung abgeschnitten. Um so genauer sollten jüngere jetzt, wo Rathenau nicht mehr ist, seine Schriften studieren. Der Ingenieur, dem Industriellen, dem Weltwirtschaftler gehört unter allen Umständen die Zukunft. Nur wenn deren heranwachsende Generation sich, solange sie elastisch ist, und bevor sie ganz in der Tagesarbeit aufgehen muß, in die Gedankenwelt des ersten unter ihnen versenkt, der philosophischen Geists, von der Wirtschaft kommend, als Wirtschaftskönig gesinnt, sozialer Verpflichtung tief bewußt, ein Volksschicksal zu lenken unternahm, nur dann wird sie, gleichviel ob sie mit jener Gedankenwelt nun sympathisiert oder nicht, das große Werk des sozialen und wirtschaftlichen Neuaufbaus Europas fortführen können.

- Doch wer weiß? Vielleicht hat Rathenaus jäher Tod sein Werk überhaupt nicht abgeschnitten, sondern vielmehr gefördert? Über die letzten Zusammenhänge, welche persönliche Tragödie mit dem Weltenschicksal verknüpfen, sind wir zu reden nicht befugt. Immerhin steht fest, daß Rathenaus Tod seinen radikalen Gegnern von rechts die letzte Siegeshoffnung nimmt und durch seine aufstörende und straffende Wirkung auf die sozialistischen Massen deren schöpferische Gegenspieler zwingen wird, mehr als bisher den Forderungen des sozialen Gewissens Rechnung tragen. Vielleicht bedarf es solcher jäher Aufrüttelungen zumal, um die Routine des Denkens, die verderblichste aller Trägheiten, zu überwinden. Wie groß deren Macht ist, wird mir, je länger ich lebe, desto erschreckender klar!

Es scheint wirklich kaum jemand durch Erfahrung zu lernen; wen die Geschichte widerlegt, der sagt fast niemals pater peccavi, sondern als Besiegter hält er erst recht an seinem Irrtum fest, durch das, was ihn hätte belehren sollen, allenfalls unverantwortlich und rücksichtslos gemacht. Von den anderen aber, welche das Richtige tun, denken die meisten trotzdem gemäß falschen Kategorien weiter, und solche Diskrepanz kann nicht umhin (von der den Fortschritt verlangsamenden Wirkung völlig abgesehen), in jedem kritischen Augenblick, wo es überlegte Entscheidungen von grundsätzlicher Tragweite zu treffen gilt, Verhängnis zu zeugen. So weiß ich von vielen, deren Tätigkeit ich zu unwiderleglichem Beweis der Richtigkeit der Ideen von Wirtschaft und Weisheit anführen könnte, welche diese Schrift als Denkende überzeugt bekämpfen.

In der Regel gilt solches von reinen Praktikern. Aber neuerdings hat sich diesen auch ein Denker angeschlossen, und zwar kein Geringerer als Oswald Spengler selbst, obschon er nicht ausdrücklich auf mich Bezug nimmt. Spengler ist, seinem Menschlichen Typus nach, Professor, Doktrinär, Begriffsarchitekt und eben deshalb Überschätzer dessen, was er nicht ist: des Rasse- und Taktmenschen, des instinktiv das Richtige tuenden Praktikers. Eben, deshalb ist er gefühlsmäßig reaktionär gesinnt. Über sein völliges Unverständnis für die Bedeutung des Logos, die eigentliche Ursache dieser Gesinnung, ließ ich mich schon aus. Hier ziele ich auf anderes: Was Spengler in seinem zweiten Bande über die kommende Ära und ihren Geist tatsächlich sagt und lehrt, wohin ihn die Logik seiner Erkenntnisse unwillkürlich führt, entspricht meinen Anschauungen, die ich in Politik usw. und dem zweiten politisch-historischen Zyklus der Schöpferischen Erkenntnis niedergelegt habe, so genau, daß ich den zweiten Band des sogenannten Untergangs­buches gerade denen, welche mit mir gehen, besonders angelegentlichst empfehle. Auch Spengler ist also geistesträge im gleichen Sinn wie die vorhin gemeinten Wirtschaftsführer, nur äußert sich dies bei ihm, dem Denker, dahin, daß er zwar objektiv ganz richtig denkt, daß aber durch seine Gedanken hindurch eine Gesinnung spricht, die deren eigenem Geiste vielfach widerstreitet.

Nun bin ich gespannt, welche Seite seines Werks sich in der Wirkung als die stärkere erweisen wird: die persönliche oder die rein sachliche. Den Sieg der ersteren müßte ich ebenso bedauern wie das Mißverständnis des ersten Bands auf die Rechtfertigung der Pleitestimmung hin. Spengler ist durch und durch Gelehrter und zum Führer genau im gleichen Verstande ungeschickt, wie dies der Historiker Eduard Meyer, welchen mit Spengler eine gewisse Wahlverwandtschaft verbindet, von sich selbst durch sein Weltkriegsbuch erwies. Desto beachtens- und überlegenswerter ist, noch ein Mal, der sachliche Inhalt besagten zweiten Bands. Vielleicht noch niemand hat Besseres über das wechselseitige Verhältnis von Nation, Volk und Rasse zu sagen gewußt und folglich den heutigen verjährten Nationalismus und Rassefanatismus besser ad absurdum geführt; vielleicht noch niemand hat die jetzt entstehende rein wirtschaftsbestimmte Welt (nach Spengler das letzte Wort der faustischen Zivilisation) in ihren Grundzügen schärfer erfaßt und zumal das neue Recht, das sie erfordert, so klar als erforderlich erwiesen; und ganz gewiß hat noch niemand über das Problem des Staatsmanns, die Bedeutung des Taktes im praktischen Leben und die des Bluts (im Gegensatz zum Geist) in der Geschichte bedeutender geschrieben. Wer den zweiten, den politisch-historischen Zyklus meiner Schöpferischen Erkenntnis sowie Politik, Wirtschaft, Weisheit mit Gewinn las, muß, noch einmal, zur Ergänzung auch Spengler lesen. Spengler selbst wird aber diese Empfehlung nicht so leicht verstehen. Seine persönliche Gesinnung, gepaart mit dem Positivismus seiner Geistesart, die in vielen Hinsichten auffallend an diejenige Gustave Le Bons gemahnt, verhindern ihn, manchmal zu wissen, was er tut. Er hält sich selbst z. B. für intuitiv und gelangt tatsächlich nicht selten zu Erkenntnissen, die im allgemeinen nur wesenschauende Intuition erreicht. Aber es gelingt ihm gleichsam von hinten herum, vermittelst ganz anderer Fähigkeiten. Dergleichen kommt vor, und nicht bei den schlechtesten. Auf keinem andern Wege sind den von Hause aus rein kritischen Geistern Kant und Bergson metaphysische Einsichten zuteil geworden. Ebenso hat A. Wolkoff-Mouromtzoff, der extreme Positivist, tiefe Einblicke in die bildende Kunst getan.

1
Im vergangenen Sommer schrieb ich anläßlich des Romans G. A. Borgeses Rubé:
Es scheint mir kein Zufall, daß gerade ein Italiener zum Seelenzustand dieser Zeit zuerst Distanz gewann: von höherer Warte aus betrachtet, hat nämlich Italien von allen Volksgebilden weitaus am besten in der Weltkatastrophe abgeschnitten. Es hat nicht so weit gesiegt, daß es sich Unverständnis leisten könnte; es ist durch Niederlage nicht demoralisiert. Und vor allem hat die Beschleunigung in der sozialen Entwicklung, welche der Krieg wie überall so auch in Italien auslöste, hier nicht wie in Rußland und Deutschland das Ende von überlebtem überstürzt, sondern nur eine längst vollzogene Änderung in stürmischem Finale zum äußeren Abschluß gebracht. Was in Rußland 1917, in Deutschland 1918 geschah, ist in Italien grundsätzlich bereits zur Zeit des Risorgimento geschehen. Dort endete das Alte schon damals; dort mußten die historisch bevorrechteten Volksschichten schon damals beginnen, das Ererbte neu zu erwerben, um es weiter zu besitzen; dort hatte sich der soziale Ausgleich, den im übrigen Europa Katastrophen gewaltsam einleiteten, im stillen schon lange vollzogen. Der Weltkrieg schloß nur eine lange organische Wachstumsperiode ab. Deshalb ist das heutige Italien dem übrigen Europa sozial und völkisch um mehrere Jahrzehnte voraus: dort hat die Zusammenfassung des Volks zu neuer Gemeinschaft bereits begonnen, über welche in Deutschland aller erst theoretisiert wird.

Aus diesem einen kurzen Gedankengange geht hervor, wie völlig verfehlt es ist, aus dem Fascismus eine reaktionäre Bewegung machen oder sich ihrer zur Erreichung reaktionärer Ziele bedienen zu wollen. Der Fascismus nennt sich rechts gerichtet, insofern es in Italien längst keine Parteien mehr gibt, die unseren Rechten entsprächen; dort ist das Linke längst selbstverständlich und hat folglich aufgehört, ein mögliches Bewegungs­moment zu sein. Deshalb bekämpft der Fascismus den parteimäßigen Sozialismus. Mit diesem in vielen wesentlichen erreichbaren oder wünschenswerten Punkten eins, hält er ihn mit Recht für ungeeignet, seine eigenen Ziele zu verwirklichen. Er ist hauptsächlich deshalb dazu ungeeignet, weil er keine lebendige Volksgemeinschaft schaffen kann. — In Italien dürfte der Fascismus auf die Dauer nur Gutes bringen (gleichviel wie sein erstes großes Abenteuer letztendlich ausgehen mag), weil Italien die meisten Konflikte, die hier ausgekämpft werden, schon hinter sich hat; ebendeshalb war er dort stärker als die Sozialdemokratie. Hier dürfte noch auf lange hinaus jeder Putsch, auch wenn er für geraume Zeit glückte, eine Linksradikalisierung nach sich ziehen. Echter Fascismus wird in Deutschland dann erst möglich werden, wenn die Rechten alten Stils alle Bedeutung verloren haben werden.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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