Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

Neuentstehende Welt

Einführung · IV. Etappe

Die programmatische Schrift Was uns not tut, was ich will zeigt den Unterschied der Schule der Weisheit zu den gleichzeitigen Bewegungen der Anthroposophie oder Gurdjieffs. Die Schule entstand nicht in der Nachfolge einer esoterischen Überlieferung, sondern aus der klar erkannten Notwendigkeit des historischen Augenblicks: es gelte die Kriterien all dessen, was Geist und Seele Heil geboten hat, das aber durch vorläufige wissenschaftliche Kritik zersetzt wurde, auf bewußter Ebene wiederzuentdecken, um eine Neuverknüpfung von Geist und Seele zu erreichen; den Menschen im Rahmen des Alls zu verstehen, seiner gesamten Gegebenheiten; also eine Kritik der Religionen, der Mythen, der Ethik, in reformatorischer, nicht revolutionärer Intention.

Wenn nun jeder Mensch letztlich allbedingt ist und zu seinem Wesenskern durchstoßen muß, so wäre es falsch, wissenschaftliche oder philosophische Gesichtspunkte als letztgültig anzunehmen. Diese bilden nur einen bestimmten Denkstil, und die metaphysische Wahrheit ist oberhalb ihrer gelegen, im ungreifbaren Universalen. Daher ist es notwendig, ihn seinen Stil vertreten zu lassen; dies war der Ansatz der gesellschaftlichen Grundlage der Schule der Weisheit, der Gesellschaft für Freie Philosophie.

Hermann Keyserling wollte seine Schule nicht im Sinne eines Tummelplatzes verschiedener philosophischer Systeme verstanden wissen; solche müssen im Ansatz falsch sein, da sich der Mensch anstelle seines Wesenskerns mit einer sachlichen Voraussetzung identifiziert, wie die Begriffe Realismus, Nominalismus, logischer Positivismus, dialektischer Materialismus usw. zeigen; sondern im Sinne der Einstellung, die den Mitmenschen im Geiste des europäischen Grandseigneurs als Ganzheit bejaht und eine Kommunion, einen Dialog im Buberschen Sinne oder jenem des Gesprächs der Meister der Freimaurer erreicht.

Sinn war der Ausgangsbegriff, weil der Mensch seine Identität im Zusammenhang verwirklicht, und die Arbeit der Schule der Weisheit entwickelte sich als Antwort auf gegebene Lebenssituationen. Ihr erster öffentlicher Ausdruck waren die orchestrierten Tagungen, die unter Generalthemen verliefen. Hieraus entstammt das Mißverständnis, sie wären akademische Veranstaltungen. Tatsächlich bedeutete die Fähigkeit Hermann Keyserlings, die Redner zu orchestrieren, eine Herausstellung der einzigartigen Begabung eines C. G. Jung — der einmal erklärte, er lasse sich gern orchestrieren — eines Scheler, Frobenius, Groddeck, Hattingberg, Prinzhorn, Berdjajew, und wie sie alle hießen. Aber dennoch war die Wahl der Themen nicht zufällig; gerade weil sie dem Unbewußten entstammt, zeigt sie eine Folge von Bestimmungen, die aus der menschlichen Motivation überhaupt kommen.

Charlotte Bühler, mit Abraham Maslow und Rollo May Mitbegründerin der humanistischen Psychologie, erkannte, daß die behavioristische Verbesserung der äußeren Umstände oder die analytische Aufdeckung der Primärerlebnisse nicht ausreiche, um einen Menschen in die Kreativität und das Wachstum zu bringen; zusätzlich müsse er seine Motive, die Triebfedern verstehen, oberhalb derer eine geistige Existenz beginnt.

Der Ansatz ist das Vertrauen zu sich selbst, zum Inbild — zu jenem, das der Liebende im Anderen als dessen Wesen erkennt; wie es Sokrates im Symposion kündet, jener, der nach dem Höhenflug der ersten Zuwendung in der Liebe glaubt, er sei einer Illusion aufgesessen, verfällt erst in diesem Augenblick in sie. Der Mensch ist nur als Liebender wahrhaft er selbst; als jener, der das Gute für den anderen will, wird er Gott gleich, und steigt vom homo sapiens zum homo divinans auf.

Das zweite Motiv ist, die Nachahmung anderer aufzugeben und den eigenen Lebensstil zu entfalten; nur wenigen gelingt dies.

Als drittes gilt es, den Werdegang nicht auf berufliche Erfüllung, sondern auf das Wachstum und die Veränderungen des tatsächlichen Interesses abzustimmen.

Ist somit der persönliche Ansatz geschaffen, kommt als nächstes die Bewältigung der familiär-sozialen Verhältnisse. Als viertes gilt es die Sorge für sich selbst, die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse anzunehmen, auf daß diese nicht wie bei den meisten Menschen zu einer Gefühlserpressung entarten — daß man aus Zweifel daran, liebenswert zu sein, versucht, sich Liebe zu erkaufen.

Als fünftes ist die wirtschaftliche Gesundheit zu erreichen, die Vermögensbildung, um als sechstes in jene Gesellschaft einzumünden, in der eine Strebensgemeinschaft möglich wird.

Wird der soziale Rahmen vollendet, kommt es schließlich zum allgemeinmenschlichen und geistigen. Erst von gegebener gesellschaftlicher Stellung her kann dann der wahre Kampf beginnen, nämlich jene Werte zu verwirklichen, die als siebtes einem wichtiger sind als das bloße Überleben; existentiell erlebte Werte anstelle revolutionärer Ziele wie jene der Massenbewegungen. Diese Werte gilt es dann, als achtes, verantwortlich in der öffentlichen Ordnung zu inkarnieren, wo jeder Mensch sich historisch einordnen muß und jede Zerstörung einer solchen Gegebenheit eine Unterbrechung für Generationen bedeuten kann — Bäume brauchen Jahrzehnte um zu erwachsen — und das letzte, neunte Motiv ist die Sehnsucht danach, für die Menschheit etwas zu schaffen, kreativ zu werden, seine eigene Existenz anderen nutzbar zu machen. Wer keinen Namen sich erwarb, gehört den Elementen an, sagt Goethe.

Diese Motive wirken unabänderlich auf jeden Menschen, sind sein inneres Anliegen; sie entsprechen den inneren Instinkten der Tiere, die auch als solche hingenommen werden müssen. Die kritische Begründung dieser Stufen — Charlotte Bühler ist über Erfahrung auf sie gestoßen — habe ich an anderer Stelle dargestellt. Tatsächlich bilden diese Stufen die Reihung jener Themen der großen Tagungen der Schule der Weisheit, die sich in den Vortragszyklen Hermann Keyserlings von 1920 - 1927 verkörperten.

Die Schrift der Schule der Weisheit, als Mitteilung an alle jene, welche die Einstellung der freien Philosophie akzeptierten, hieß Der Weg zur Vollendung. Mit dem bestimmten Artikel wollte mein Vater ausdrücken, daß es sich nicht um eine rein persönliche Verwirklichung in Nachfolge eines Meisters handle — wie etwa die selfrealisation-fellowship von Yogananda — sondern um Erkundung einer neuen Bewußtseinsstufe. Diese Schriftenreihe blieb das Organ der Schule der Weisheit bis zum Tode des Philosophen, und schon im ersten Heft schälten sich die Grundbegriffe heraus: die Korrelation von Sinn und Ausdruck, Sinn als das ewig werdende Wesenszentrum des Menschen jenseits von Ich und Gesellschaft, als gleichsam göttliche Inspiration, als Tao, und Ausdruck als Leben als Kunst, Beziehung des gesamten Daseins auf den subjektiven Stil und Kern. Die Neuverknüpfung von Geist und Seele, Vorbereitung eines neuen planetarischen Bewußtseins, und schließlich den Schwerpunkt auf der schöpferischen Erkenntnis, Metaphysik als Leben in Form des Wissens; Einsatz des Denkens, das die Lebensganzheit des mythischen und bekenntnishaften Menschen zerstört hatte, zur Wiederherstellung der Ganzheit auf kritisch-bewußter Ebene.

  1. Die erste Tagung der Schule der Weisheit bestimmte das Urbild, Weisheit überhaupt. Der Unterschied zwischen Sein und Können wurde herausgearbeitet, wie er in der Gegenwart wieder durch Fromms Sein und Haben bewußt wurde. Die östliche Weisheit der Kontemplation wurde der westlichen Suche im Sinne des sokratischen Nichtwissens gegenübergestellt und schließlich ein neues Bild des Weisen umrissen, als jener, der im Werden immer neuen Eingebungen sich offen hält und sein Leben aus dem Unbekannten heraus verwirklicht, der sich also jeder Lage ganzheitlich stellt, auf daß sie ihn verwandle. Der Sinn ist nicht im Buchstaben enthalten — dies im Unterschied zur systematischen Philosophie — sondern drückt sich mittels seiner aus; und nur wer die substantielle Ebene des Sinnes erklimmt, hat das eigentlich menschliche Niveau erreicht. Hierzu kam die Woche mit Rabindranath Tagore, dem Repräsentanten des universalen, des ökumenischen Menschen, aber doch noch traditionell als Vollendung der indischen Anlage: an ihm wurde Hermann Keyserling klar, daß sein Ziel eine ungeborene Zukunft sei.
  2. Die zweite Tagung bestimmte die Situation, von welcher man ausgehen muß, um historisch wirken zu können: jede Lage hat ihre eigene Möglichkeit; wer nicht seine Stunde versteht, kann auch nicht in die Zukunft wirken. Der opportunistische Politiker scheitert letztlich, weil ohne Sinn keine echte Dauer und damit Geschichte zustande kommt. Es gibt nie Regeln, sondern nur Situationen. Es gibt auch keine wissenschaftliche Geschichte, sondern jeder wählt sich seinen eigenen zeitlichen Zusammenhang, der zum Stil seines Lebens wird. Der Sinn ist der Wesensgrund jedwedes Menschen, und nur wer zu ihm durchstößt, kann seine wahre Rolle auf der Erde, die Weltüberlegenheit erreichen. So ist Leben immer Deuten, und jede Deutung verkörpert sich gleich einem Naturphänomen wie ein bestimmtes Tier, welches auch keiner Erklärung bedarf, sondern einfach da ist; es gibt keinen Grund für den Rüssel des Elefanten oder den langen Hals der Giraffe. Das Was ist weniger wichtig als das Wie; das innere Sollen des Menschen ist eine Entelechie, seine unbestimmte Strebenskraft, und wer sich ihr anvertraut, kommt zu seinem Schicksal, seine ursprünglichen Fähigkeiten wirken sich wesensgemäß aus.
  3. Aus der Auseinandersetzung zwischen eins und zwei, zwischen Urbild und Erscheinung, entsteht das Wachstum, der Werdegang und damit die eigentliche Richtung der Schule, zusammengefaßt in drei Vorträgen: Was wir wollen, Der Weg und Das Ziel. Tatbestände haben keinen Sinn in sich, in der Vieldeutigkeit aller Tatsachen kommt es auf jeden an, der sich zu einer bestimmten Deutung bekennt und sie zu seiner Lebensmelodie erhebt. Daher ist das Wer wichtiger als das Was. Wer sich nun mit seinen Handlungen, Gedanken, oder seinem Besitz identifiziert, geht notwendig fehl; er lebt nur in den Anfängen, ist einmal eine Handlung jetzt begonnen, so wälzt diese sich radartig fort, hier ist der indische Karmabegriff sinnvoller als der europäische Satz vom zureichenden Grunde, weil der Mittelpunkt der unzähligen Kausalreihen der entscheidende Mensch ist, dessen Entscheidung sich nicht kausal begreifen, sonder nur deuten, beschreiben läßt, was natürlich alle sogenannt wissenschaftliche, objektive Philosophie ad absurdum führt.

    Daher gibt es kein Erziehungsziel der Schule der Weisheit, sondern nur jenes der Inspiration, welcher sich allerdings nur jener anvertrauen kann, der ganz in der Bewegung lebt und sich verantwortlich erkennt, nicht nur für das was er tut und was ihm zustößt, sondern einsehen muß, daß er seine Situation letztlich gewollt hat. Jeder muß seinen Weg finden; es gibt keinen allgemeingültigen, weshalb der geistige Mensch eher einem militärischen Strategen zu vergleichen ist als einem Begriffstüftler.

  4. Wie läßt sich diese Dynamik nun erreichen: indem der Mensch nicht nach Ausgeglichenheit strebt, sondern versucht, die höchstmögliche Spannung zu verkörpern, sie zu erfüllen.
    Schöpferisch fruchtbar ist nicht der Ausgleich der Gegensätze (der Tod), sondern die Steigerung der Spannung, oder die bewußte Erkenntnis aller Komponenten einer dynamischen Lage.
    Die menschliche Existenz muß werden wie eine Symphonie, wo Dur dem Glück, Moll dem Leiden entspricht, wo aber der Melos sich nur im Nacheinander und Zusammenklang von Konsonanz und Dissonanz erfüllt. Der Charakter eines Menschen ist gleich dem Instrument, sein Leiden gleich der Spannung der Saiten einer Geige; für jene vielleicht schmerzhaft bildet sie die Voraussetzung, daß der Künstler auf ihr spielen kann. Leben als Kunst ist nicht verwirklicht im sogenannten Lebenskünstler, der den Schwierigkeiten ausweicht, sondern in jenem, der sie durchsteht und dadurch, im Wechsel von Freude und Trauer, sich auch den Bedürfnissen des anderen öffnet.

    Seltsam war es nun, wie die tiefen Gedanken immer wieder durch die anderen Redner in die Tagesproblematik heruntergezogen wurden — sie wirkten nicht so sehr als Vorbild, sondern als Sinnbild. Daher war es auch den Zuhörern schwer, das zu bestimmen, was sie eigentlich erlebten; es gehört einer Sphäre oberhalb der Worte an, die dadurch erreicht wurde, das erstmalig jeder, der sich ganz zu sich bekannte, die Symphonie des Zusammenklang erahnen ließ. Denn nur dann, wenn alle Gegensätze der Erde einmal als musikalische Kontrapunkte ergriffen sind, werde tatsächlich die Geschichte der Menschheit beginnen — ein Gedanke, der erst aus heutiger Sicht verständlich geworden ist.

  5. Dieser Gedankengang führt zur Frage, wie man sich zu Krankheit und Entwicklung stellen müsse. Die gegenseitige Durchdringung von Wirtschaft und Weisheit würde bedeuten, daß der praktische Lebensstil der geistigen Melodie untergeordnet wird. Dies geschah in der Tagung über Psychoanalyse und Selbstvervollkommnung, worin der spätere Ansatz (1962) der humanistischen Psychologie vorweggenommen wurde: die Auseinandersetzung zwischen Wachstum und Anpassung. Die meisten Menschen betrachten ihren Organismus wie ein Automobil, das man bei mangelnder Funktion bei der Reparaturwerkstätte, dem Arzt abgibt und erbost ist, wenn es nicht sogleich wieder funktioniert. Dieser statische Begriff der Gesundheit ist eine Gefahr, weil er Charakter (Organismus) und Wesen (Sinn) verwechselt. Hans Much sprach damals von der Plus-Krankheit, jener, die in einen höheren labilen Gleichgewichtszustand führt: dieser hat sein Subjekt nicht im Ich, sondern im metaphysischen Selbst, welches sich immer in Fragen, der Leere, im Paradoxen ergibt. Wie Feldenkrais später sagen wird: Der Baum erhält kein Diplom dafür, daß er einen Ast treibt; es gibt eine Art des Wachstums, in der kein Scheitern möglich ist. Und erst — so Hermann Keyserling — wenn die Menschheit kollektiv jene Stufe erreicht haben wird, die in der Vergangenheit das höchste Ziel einzelner war, wie der indische Jivan Mukti, der befreite Mensch, dann werden sämtliche Probleme des Ichs nicht gelöst, sondern erledigt sein. Intime Probleme sind genauso Verwirklichungsmaterial wie politische. Es gilt mittels des notwendig unvollkommenen Ichs, also in Anerkennung der Schwäche als unausweichlichem Ansatz allen Mehrwerdens — der Adlersche Ansatz der Minderwertigkeit zurückgeführt auf die Goethesche Produktivität des Unzulänglichen — zum Einklang zu finden, den Religionen mythisch beschrieben, der aber in der Weltüberlegenheit konkret erreichbar wird.
  6. Das richtig gestellte Lebensproblem — die Gesellschaft der Typen und Weltanschauungen kann den Rahmen wahrer Menschlichkeit nicht liefern — führte zur Bestimmung des ökumenischen Menschen in der sechsten Tagung, wobei dieses Bild nicht in einem Paradigma zu erfassen war, sondern im Zusammenklang jener, die versuchten ihren Typus — des Juden, Christen, Aristokraten, Soldaten, Richters, Moslem, Buddhisten etc. — zu verwirklichen.

    Wer sich selbst erkennt, versteht auch die Welt: Mikrokosmos und Makrokosmos stehen in Entsprechung zueinander. Unterhalb des Erdrahmens kann der einzelne seine wahre Rolle nicht entdecken, bereits jedes Tier ist ja virtuell erdbezogen. Daher gilt es, Religionen, Weltanschauungen, Typen als Einstellungen zu begreifen, die wahre Menschlichkeit, jene der Zukunft, beginnt erst oberhalb dieser.

    In der fünften Tagung erkannte Hermann Keyserling drei Bedingtheiten: die körperliche des Erbes; die seelische und kosmische, wo die astrologische Bedingtheit des Horoskops im Sinne Olgas von Ungern-Sternbergs die familiäre Struktur spiegelt, und die geistige, die eine bestimmte Lebensmelodie schafft und als solche frei ist.

    Hier setzte das Verständnis der Zeitgenossen für die Schule der Weisheit bereits aus — sie betrachteten die Tagungen als Gespräch zwischen den Weltanschauungen und Typen, und hielten die Möglichkeit eines Standpunkts jenseits von jüdisch oder christlich, deutsch oder französisch, aristokratisch oder proletarisch, als vermessenen Größenwahn. Erst heute ist die Relativierung aller Ansätze offensichtlich geworden und die Voraussetzung dafür geschaffen, daß die Entsprechungen im Sinne des Paracelsus — Konstellierung und Polarisierung fruchtbarer Gegensätze — verstanden werden könnte.

    Viele Bekenntnisse, so das katholische, meinten das Ganze, und solange eine solche Religion, wie auch der indische Sanatana Dharma, unbezweifelte Autorität blieb, konnte sich der einzelne auf ihren Hintergrund hin verstehen. Doch heute ist der Akzent vom Mythisch-ideologischen auf das Rationell-übertragbare übergangen, so gilt es jene Grundlage der Zukunft erst zu erahnen, welche allerdings im Wechsel von Leben und Tod, Werden und Vergehen, also in bewußter Einstellung auf die transzendent zu verwirklichen wäre.

  7. Das ganze Leben hat sein Urbild in der Musik. Der Ton, einmal verklungen, ist dahin, ebenso die Einzelexistenz. In der Gleichzeitigkeit ist alles in Zusammenklang, wobei Dissonanz Voraussetzung der späteren Auflösung in der Konsonanz ist. Doch im Schall muß man Ton und Geräusch unterscheiden, nur ersterer kann über Resonanz Beziehungen eingehen. So findet auch jede Gemeinschaft eine Art der Harmonie, und der einzelne dann in ihr seine Melodie: So allein können wir bestimmen, was Kultur ist. Alle Harmonien und auch Melodien sind letztlich nur Tonmaterial: was einer damit ausdrückt, ist das wesentliche. Bei Bach werden Fingerübungen zu höchster Kunst, weil es die Musik der Grundtöne darstellt. Daher ist Leiden und Erfolg gleichwertig und Aufgabe des künftigen Menschen wäre es, sich auf die Grundtöne so zu beziehen, das die augenblicklich bestmögliche Musik der menschlichen Gesellschaft erklingt.

    Für sich selbst ist jeder Ganzheit, Melos, für andere hingegen ein bestimmtes Instrument; und nur wer seinen Grundton findet, der kann alle Überraschungen des Lebens sinnvoll erleben. Dies ist die Freude des spirituellen Menschen, der seinen Weltsinn im Göttlichen gefunden hat. So ist die Verwandlung der Zivilisation von Geräusch zu Musik, ganz im Sinne der musica instrumentalis der Renaissance — der Zusammenklang zwischen Trieben und Geist, der musica humana (Rhythmus, Ton) und musica mundana (Intervall, Melos) die Voraussetzung eines menschengerechten ökumenischen Lebens, welches sich darüber hinaus im Einklang mit dem organischen Werden (Hans Driesch) vollzieht.

  8. Zivilisation als Musik: die führt zur Frage, was nun als notwendig, was als Frei zu betrachten wäre: Freiheit und Norm, Gesetz und Freiheit. Weiters wird Spontaneität als Gegensatz zur Notwendigkeit betrachtet. Aber um sich ausdrücken zu können, muß man zuerst das Weltalphabet, die Weltgrammatik kennen lernen. Es gibt eine begrenzte Anzahl nützlicher Tätigkeiten, Berufe sind auf Mitmenschen geeicht, Lehrer und Kaufmann, Staatsmann und Krieger, Forscher und Künstler, sie sind bestimmte Rollen, durch welche der Sinn durchklingen kann im Sinne der lateinischen Persona; die sich von der Sache, der res unterscheidet, in dem sie das Leben durch Suche der echten Gründe — Causa entstammt dem römischen Rechtsprozeß, in welchem Verantwortung zu ermitteln war, damit die Menschen Subjekte ihres Handelns würden — in ein freies Miteinander verwandelt; kantisch gesprochen, wenn der Mensch nicht nur Mittel, sondern auch Ziel des Handelns wird.

    Der natürliche Wirkungskreis — den nur jener findet, der nach seinem eigenen Sinn strebt — ist vergleichbar der Merkwelt der Tiere; nur ist er beim Menschen kosmisch bezogen, und auf dauernde Entwicklung geeicht. Alles Geschaffene läßt sich systematisch erklären; jede bachsche Fuge ist auch als mathematische Gleichung zu verstehen. Aber daß sie geschaffen wurde, ist die freie Entscheidung des Einzelnen. So sind Notwendigkeit und Freiheit zwei einander ergänzende Betrachtungsweisen. Freiheit erreicht nur jener, der sich dem Unbekannten stellt, nachdem das Ich das Verwirklichungsorgan der inneren Ganzheit darstellt. Es bedeutet nicht Willensfreiheit zwischen Alternativen, sondern magische Freiheit: die Verkörperungen von Möglichkeiten, die bis dahin nicht wirklich waren, und nun im Weltzusammenhang kritisch bestimmt werden können. So ist der Durchbruch zur Freiheit allemal eine persönliche Entscheidung. Sie verlangt eine mehrdimensionale, eine polyphone Einstellung; denn der Sinn eines Satzes ist im Unbegreifbaren Zusammenhang, wie der Sinn einer Melodie im zusammenfügenden Nichts der Intervalle.

    Die Bindung an die Natur ist der körperliche Grund der Freiheit, die Überantwortung dem Geiste der transzendente Grund; das Drama spielt sich zwischen beiden im Seelischen ab, wo Dur und Moll alternieren. Wer dieses Drama akzeptiert, der erreicht das wahre Schöpferische, das echte Bewußtsein: er drückt mittels des Weltalphabets seinen eigenen, persönlichen Lebenssinn im Zusammenklang mit den anderen aus.

  9. Diese Zuwendung zum neuen Bewußtsein führt zum Abschluß der Reihe in der entscheidenden Tagung Mensch und Erde, 1927 mit Jung, Frobenius und Scheler. Der Mensch ist heute zum Leitfossil der Erde geworden, er muß seine Verantwortung als Mitarbeiter der Evolution ergreifen, sonst geht er zugrunde. Alle politischen Probleme, die Weltrevolution in all ihren Aspekten, ist ein Durchgang zu einem unbekannten geistigen Leben, wir stehen vor einer spirituellen Revolution.

    Hier nun schloß sich der bisherige Bogen, von der Geologie zur Philosophie. Es ist nicht mehr Saurierzeit, sondern Menschenzeit. Der technische Mensch ist als Tier der Erde eingegliedert; wie später Teilhard es ausdrücken wird; die menschliche Zivilisation bildet die Noosphäre des Planeten. Zwischen Geist und Natur, Sollen und Dasein, besteht ursprünglich ein Gegensatz, dessen Überbrückung Religion, Ethik, auch Logik, die ganze menschliche Zwischenwelt versucht haben, als erste Ansätze einer menschengemäßen Eingliederung in die Gesamtheit. Wenn man eine der Komponenten — die Erde oder den Geist — vergißt, dann erscheint das Dasein sinnlos. Nur als erdbeherrschender Geist kommt der Mensch zu sich selbst. Die Abhängigkeit des Einzelnen von Topos und Kairós, von Territorium im Sinne der Biologie und der Wahl des echten Zeitpunktes, wo eine neue Entscheidung einsetzen kann, schafft den Reichtum von Völkern und Kulturen, Sprachen und Traditionen, die allesamt Ausdrucksmittel für den kreativen Menschen werden, und keinen Wert in sich selbst haben. Allbedingtheit ist Freiheit: die Erde ist die natürliche Umwelt des Menschen, und das nur, wenn sie auf den Sinn als Ursprung aller Evolution des Bewußtseins und des Lebens bezogen wird.

So muß der Mensch seinen Körper — den er vorfindet als Seele, und in seiner Gesetzlichkeit erkennen muß — zum Organ eines Geistes machen, der wiederum von außen in Form der Bilderwelt einbricht. Alle bisherige Kultur ist daher notwendig eine Skizze echter Zivilisation, erst im Erdzusammenhang findet der Mensch seine Rückbindung, das Zeitalter des Menschen beginnt erst heute.

Arnold Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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