Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

6. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1923

Psychoanalyse und Selbstvervollkommnung · Drittens

Der zweite Punkt, der mir im heutigen Zusammenhang von besonderer Wichtigkeit erscheint, der übrigens mit dem zuerst behandelten so innig zusammenhängt, daß seine Betrachtung die vorhergehende unmittelbar weiterführt, betrifft die Unabhängigkeit der Welt der Werte von derjenigen der empirischen Tatbestände. Grundsätzlich versteht sich diese für jeden Kenner der Schöpferischen Erkenntnis von selbst,: da alle Tatsachen als solche, auch die psychischen, nur das Weltalphabet betreffen, so besteht selbstverständlich kein notwendiger Zusammenhang zwischen dessen Sosein und dem, was vermittelst seiner gesagt wird. Aber es bedarf hier doch einiger Sätze besonderer Erläuterung, weil die psychischen Tatbestände schon ihrerseits Sinnesausdrücke darstellen, weshalb nicht von vornherein einleuchtet, inwiefern das Werthafte eines Lebens von empirischen Mängeln unabhängig sein mag. Das Dilemma löst sich so, daß es in Anbetracht der wesentlichen Wandelbarkeit aller seelischen Gestaltung immer möglich ist, einen gegebenen Sinn von tieferem her zu verändern; so wird die kürzlich erst als letzte erscheinende Instanz zum plastischen Ausdrucksmittel. Indem der Teufel die Metamorphose zu Dionysos zurück erlebt, wird das kürzlich erst Böse buchstäblich gut. Insofern ist das empirische Sosein eines Menschen wirklich letztlich gleichgültig (daher die Grundforderung der Generosität gegen sich selbst, die wir an unsere Schüler stellen): einzig darauf kommt es an, was einer aus seiner noch so unvollkommenen Person zu gestalten weiß. Diese Grundeinsicht erfährt nun aber durch die Psychoanalyse eine Zuspitzung, deren Erfahrung mich, als ich sie machte, überraschte: in meinem Fall — und er dürfte für alle Werdenden, im Gegensatz zu den Vollendeten, typisch sein — sind alle geistigen und seelischen Errungenschaften nachweislich unmittelbare Funktionen meiner empirischen Fehler1.

Denkt man von hier aus an Freuds reduktives Verfahren zurück, so gelangt man einerseits zu einer vom Wertestandpunkt höchst unerwarteten Bestätigung seiner Ergebnisse, erhalten diese andererseits einen ebenso unerwarteten neuen Sinn. Es ist ganz richtig, daß das meiste Werthafte mit ursprünglich Krankhaftem zusammenhängt, doch dies genau nur im gleichen Verstand, wie auch das Entstehen neuen physischen Lebens durch Krankheit hindurch verläuft. Von einer Harmonie zu einer höheren führt nur die Dissonanz. Deshalb schreibe ich einige von Freuds und Adlers am meisten beanstandeten Sätzen ohne weitere Erläuterung in solcher Umdeutung hin, die sie durchaus richtig und gültig erscheinen läßt. Allerdings leiden alle Geistigen an Narzißmus — aber dieser bedeutet andererseits das offenbar unerläßliche Verwirklichungsmittel jeder Wertewelt; wer zunächst sich selbst nicht ernster nimmt, als alle Außenwelt, wird nie viel aus sich machen. Allerdings weisen alle genialen Naturen infantile Züge auf — aber der Infantilismus gewährleistet hier andererseits das Fortleben der kindlichen Schöpferkraft, womit das Christuswort: So ihr nicht werdet wie die Kinder wohl letztlich zusammenhängt. Allerdings läßt sich Geltungsbedürfnis als Haupttriebfeder alles Fortschreitens nachweisen — aber ohne solches schreitet keiner fort. Ein nie fehlendes Motiv bei der künstlerischen Dar-Stellung, welche in jedem Falle Selbstdarstellung bedeutet, ist Exhibitionismus. Und so fort2. Diese Tatsachen rücken nun die grundsätzlichen Erkenntnisse von Spannung und Rhythmus (im Leuchter 1923 abgedruckt) einerseits in ein neues, helleres Licht, gestatten diese andererseits konkreter zu fassen, als früher möglich war. Damals sagte ich, aller Fortschritt beruhe, psychologisch betrachtet, auf Überkompensation irgendeiner Seite des Geistes- und Seelenlebens, weil der Begriff eines Fortschritts anders als einsinnig und folglich einseitig gar nicht zu fassen sei; dank ihr allein entstehe auch die erforderliche Bewegtheit. Da ferner jeder einzelne in seiner Anlage notwendig einseitig ist und allseitige Vollendung nicht erreichen kann, andererseits aber integrierender Bestandteil eines allseitigen Zusammenhangs, in dem das Selbst, im Gegensatz zum Ich, sein verheißenes Zentrum hat, so komme alles darauf an, sich selbst so einzustellen, daß die Einseitigkeit zum Sinnbild der Allseitigkeit werde und der Mensch sich selbst folglich überlegen; darin liege der Weg über die Einseitigkeit hinaus. Nun, erhalten diese Wahrheiten durch die erwiesene Korrelation von empirischen Mängeln und möglicher höherer Sinnesverwirklichung nicht einen Evidenzcharakter, dessen sie vorher entbehrten? Bei der Vervollkommnung gilt es niemals, Ausgeglichenheit, durch bloße Reduktion der Fehler, zu erreichen, sondern vielmehr einen höheren, weitere Gebiete umfassenden Spannungsgrad; eine gegebene Überkompensation darf niemals rückgängig gemacht, sie muß durch entsprechende Ausbildung der unentwickelt verbliebenen Seelenteile in eine Harmoniehöherer Ordnung übergeleitet werden. Wenn also behauptet wurde, der Neurotiker sei nicht eigentlich zur Normalität zu reduzieren, sondern zur Darstellung einer höheren Norm hinüberzuleiten, so war damit gemeint, daß der unharmonische Spannungszustand von heute, der sich typischerweise in Neurose äußert, weil diese den normalen Ausdruck eines Gegensatzverhältnisses zwischen Bewußtsein und Unterbewußtsein und zugleich dessen vorläufige Heilung darstellt, die notwendige Vorstufe bedeutet des erstrebten höheren und zugleich harmonischeren Spannungszustandes. Aber freilich nur die Vorstufe.

Wer die obige Bestätigung der Freudschen Auffassung dahin deutete, daß das medizinisch Minderwertige zugleich das geistig Werthafte sei, der mißverstände mich ganz. Die Dinge liegen so (ich wiederhole lieber schon Gesagtes, als daß ich eine Zweideutigkeit bestehen lasse), daß die Urtriebe die Bausteine oder Elemente alles, auch des höchsten irdischen Lebens sind; deshalb kann und muß es jedesmal gelingen, die Spannungen, die sich im Reich des Wachbewußtseins in Sinnesverwirklichung und Werteschöpfung äußern, in den Tiefen der Seele als solche niederen Charakters nachzuweisen; insofern korrespondiert religiöse Spannung zweifellos sexueller, Vervollkommnungsstreben elementarem Machttriebe des Ich, und so fort. Aber das Wesentliche in diesem Zusammenhang ist nicht die Korrespondenz überhaupt, sondern daß sie die Triebkräfte in höhere Zusammenhänge zurückzubeziehen gestattet. Eben so ist das typische Zusammenbestehen von geistiger Höherentwicklung mit pathologischen Momenten im Triebleben zu deuten. Das Pathologische, im Gegensatz zum Normalen, ist der Ausdruck eines labilen Zustands; eben deshalb ist es Begleiterscheinung aller inneren Veränderung, eben deshalb muß es auch die empirische Basis möglichen Seelenfortschritts kennzeichnen. Aber das Ziel liegt allemal in einer neuen höheren Normalität. Und die jeweiligen Gebrechen und Fehler sind selbstverständlich ein zu Überwindendes. Sie werden dadurch ganz von selbst überwunden, daß sie sich mehr und mehr zu ihren höchsten geistigen Korrespondenzen sublimieren.

Von hier aus ergibt sich denn auch der Angelpunkt der Selbstvervollkommnung, soweit solche an der Psychoanalyse anknüpft. Es wird viel darüber gestritten, welche Theorie die absolut bessere sei, diejenige von Freud, Adler oder Jung. Solcher Streit geht, da es sich bei allen dreien offenbar nur um Teilansichten der noch ungefundenen Gesamtansicht handelt, von grundsätzlich verfehlter Fragestellung aus. Sintemalen es sich beim Gegenstand der Psychoanalyse um Sinneszusammenhänge handelt, so steht nichts dem im Weg, das Ganze jeweilig auf beliebige Bezugszentren zu beziehen und auf beliebige Flächen, soweit diese überhaupt vorhanden sind, zu projizieren; dementsprechend läßt sich die Richtigkeit aller drei Theorien an geeigneten Fällen unzweideutig erweisen. Was bei nicht allen Tatsachen auf einmal gerecht werdenden Theorien vernünftigerweise in Frage steht, ist deshalb nicht die absolute Richtigkeit, sondern die jeweilige Brauchbarkeit, und die ist verschieden je nach dem verfolgten Ziel. In der reinen Tatsachenerkenntnis im Sinne der Naturwissenschaft führt unstreitig die psychologische Theorie von Freud am weitesten; dem philosophischen Sinn wird ebenso unstreitig diejenige Jungs bisher am besten gerecht. Im Sinne möglicher Selbstvervollkommnung nun steht diejenige Alfred Adlers obenan. Nur vom Minderwertigkeitsgefühl und Geltungsbedürfnis her ist der psychische Zusammenhang praktisch in Bewegung zu setzen. Es gibt schlechterdings nur den einen Urtrieb des machthungrigen Ich, dessen eigener Sinn die Zielrichtung der Selbststeigerung setzte. Von hier aus nun leuchtet von vornherein ein, weshalb das Christentum an entwicklungsbeschleunigender Kraft alle anderen Weltreligionen so sehr übertrifft: keine andere knüpft so zielsicher am psychologischen Angelpunkt möglicher Selbstvervollkommnung an. Nur führt gerade dieser Gedankengang weiterhin über die Grenzen des bisher verwirklichten empirischen Christentums hinaus. Dessen Fehler bestand in der Angst vor der Sündigkeit, die sich in die Verdrängung dieser umsetzte. Die Psychoanalyse nun hat uns die Verfehltheit jener Angst erkennen gelehrt und eben damit den Weg zur einzig ersprießlichen Unbefangenheit zurück gewiesen. Seitdem wir wissen, welch höllenhafte Abgründe jede Seele birgt, wie jedes Triebleben zu einem sehr beträchtlichen Teil in ersehnter babylonischer Ausschweifung besteht, Vergewaltigungs- und Mordgelüsten, wilder Gier und feigem Neid3), welche Abgründe zum Leben ebenso notwendig sind, wie das Darmleben zur Erhaltung des Hirns, wird auf der höheren Subjektstufe (um in Jungs Sprache zu reden) eben das wieder möglich, was dem Dämonen,- und Göttergläubigen auf der Objektstufe zu so reich ausgeschlagenem und gleichzeitig tief verwurzeltem Dasein verhalf: ein positives Verhalten zu seinem ganzen Wesen. Und nicht bloß auf der Subjektstufe: vom metaphysischen Selbst, vom Sinne her. Wir wissen jetzt, daß das Böse dem Menschen nicht etwa überlegen ist, sondern seine eigene Unterwelt darstellt, die zum Guten allein zu benutzen in des bewußtgewordenen Selbstes Macht liegt. Dieses beherrscht grundsätzlich alles das, was den Ich-Verhafteten seinerseits beherrscht; dieses vermag durch freie Sinngebung sogar das Dämonen-Alphabet zum Ausdrucksmittel für Göttliches zu zwingen. Hat die Menschheit als Ganzes einmal das hier skizzierte Überlegenheitsniveau erreicht, dann werden sämtliche transzendente Probleme des Ich nicht zwar gelöst, sondern erledigt sein4. Indessen aber genügt der kleine Einstellungsunterschied gegenüber der herrschenden europäischen Lebensanschauung, den die Idee der Selbstvervollkommnung von der Psychoanalyse her bewirkt, um eine Ära fortan grundsätzlich unbeirrbaren Aufstiegs einzuleiten, mögen praktisch auch noch so lange und häufige Perioden kompensatorischen Niedergangs erfolgen. Dieser Aufstieg aber führt von sich aus über eine zweite Grenze der traditionell-europäischen Lebensanschauung hinaus: die Egozentrizität in der Bestimmung des Heils. Der bisherige Christ strebte als Ich vollkommen zu werden, um so gleichsam mit Haut und Haaren in den Himmel zu kommen. Heute wissen wir, daß eine Vollkommenheit des Ich schlechthin undenkbar ist; Vollkommenheit gibt es ausschließlich jenseits des Ich, im Selbst. Von dieser Erkenntnis her werden zwei tiefe, aber vielen desto dunklere christliche Lehren mit einem Schlag verständlich: daß das Ich geopfert werden muß, und daß Geben seliger als Nehmen ist.

In der Tat: falls Ich und Selbst nicht zusammenfallen, dann ist jenes keinesfalls letzte Instanz. Diese Lehren aber erfahren nunmehr eine Präzisierung, die sie zum Teil verwandelt. Sintemalen das Ich nie vollkommen sein kann und das wahre Wesen nicht in der Erscheinung, sondern im Sinne liegt, so ist die wahre Aufgabe, vermittelst des unvollkommenen Ichs, dessen metaphysische Problematik fortan zu sein aufhört, die Vollkommenheit zu realisieren; was nichts anderes bedeutet, als was ich in Spannung und Rhythmus sagte: daß die Einseitigkeit zum Sinnbild der Allseitigkeit zu vertiefen ist. Ein verwirklichter Typus schließt unter allen Umständen die anderen im gleichen Menschen aus und jeder ist durch Grenzen definiert, die vom Standpunkt der Vollkommenheit Fehler bedeuten. So haben alle Vorzüge ihre Kehrseite, ist es dem Menschen ganz unmöglich, wie ja die Kirche von jeher richtig gelehrt hat, auf Erden der Sünde zu entrinnen. Deshalb bedeutet es ein Mißverständnis, hienieden Sündlosigkeit überhaupt als Ziel zu setzen. Nun, wer nach der Vollkommenheit nicht des ich, sondern allein des Selbstes strebt, der strebt überhaupt nicht mehr nach seinem empirisch persönlichen Heil, indem er alle Fehler wenn nicht zu überwinden, so doch zu vertuschen sucht; der nimmt vielmehr alle Schuld mutig auf sich und erledigt sie dadurch, wie solches seinerzeit Jesus im Fall der Menschheitskarma tat, wie jeder Soldat es tut, der sein Leben einem größeren Ganzen opfert; der ist über alle Egozentrizität grundsätzlich hinaus. Der erledigt seine Fehler, indem er den Nachdruck von den Tatsachen auf den Sinn zurückverlegt. Von diesem her aber vermag er eben das, was ihm früher immer mißlang: die Tatsachen als solche umzuschaffen. Das Christuswort: Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird Euch das übrige von selbst zufallen, ist unter anderem dahin zu verstehen, daß der Sinn den Tatbestand schafft, und er allein. So führt die neue Einstellung nicht etwa zu einer Sanktionierung der Unvollkommenheit — gerade sie, und sie allein, führt zu deren Überwindung. Wie wiederum Christus lehrte: nur wer seine Seele verliert, wird sie gewinnen; nur wer nicht auf das Heil des Ich bedacht ist, wird dieses zuletzt zum Gefäß des Göttlichen umschaffen. Nun, wer seine Unvollkommenheit auf diese Weise überwand, der ist dem traditionellen Europäertypus allerdings absolut überlegen; den bindet nichts mehr von dem, was diesem die innere Freiheit nahm; der beherrscht Ober- und Unterwelt auf einmal. Der ist wahrhaft weltüberlegen. — Diesem Typus den Weg zu bereiten, ist der Schule der Weisheit historisches Ziel. Um dieses besonders deutlich zu machen, habe ich auf dieser Tagung den Zusammenhang ihres Wollens mit dem Wirken der Psychoanalyse, deren Bedeutung heute kaum mehr bestritten wird, hergestellt. Freilich auch um letzterer auf ihrem Wege weiter zu helfen. Erst nachdem sie sich ihrer eigentlichen Bedeutung ganz bewußt ward, die nur von einem außer-analytischen Standort klar erkennbar ist, wird sie alle die Früchte tragen, die sie zu tragen verspricht5.

1Vgl. zur Verdeutlichung dieses Satzes meine autobiographische Skizze in Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Band IV, Leipzig, Felix Meiner Verlag.
2Besonders interessantes Material zu diesen Sätzen enthält Otto Ranks Studie Der Künstler, 3. Aufl. Wien 1918, Internationaler Psychoanalytischer Verlag.
3Der bisher größte Darsteller des Triebwesens im Menschen ist Dostojewski, zugleich der bisher größte dichterische Wegweiser aus dem Chaos zu einem neuen Seelenkosmos. Deshalb lese jeder Dostojewski, der seine eigenen Abgründe ermessen lernen will, an erster Stelle die Bruder Karamasoff, die Dämonen und den Idioten. — Die beste deutsche Dostojewski-Ausgabe ist die im Verlag R. Piper & Co. in München erschienene, welche Moeller van den Bruck zusammen mit Mereschkowski besorgt hat. Diese sollte in keiner Privatbibliothek fehlen.
4Inwiefern die Lebensprobleme überhaupt nie zu lösen sondern nur zu erledigen sind, steht im Schlußvortrag zur Tagung der G.f.f.Ph. vom Herbst 1922, abgedruckt im Leuchter dieses Jahres, ausgeführt.
5Hier habe ich nur von der praktischen Bedeutung der Psychoanalyse gehandelt. Ihre metaphysische steht im Vortrag Was wir wollen der Schöpferischen Erkenntnis eingehend dargelegt.
Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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